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Veröffentlicht am 13.04.2019

Englische Beziehungen

Das Leuchten jenes Sommers
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Und zwar nicht nur solche zwischen Paaren: Geschwister spielen eine große und wichtige Rolle in diesem auf zwei Ebenen verlaufenden Roman. Die Protagonistinnen der jeweiligen Erzählstränge, die sechzehnjährige ...

Und zwar nicht nur solche zwischen Paaren: Geschwister spielen eine große und wichtige Rolle in diesem auf zwei Ebenen verlaufenden Roman. Die Protagonistinnen der jeweiligen Erzählstränge, die sechzehnjährige Madeleine, genannt Maddy im Jahre 1939, Fotografin Chloe in der Gegenwart, haben jeweils eine sehr enge Bindung zu den ihrigen: Maddy zu ihrer älteren Schwester Georgina, die nach dem Tode der Mutter quasi deren Stelle eingenommen hat, Chloe zu ihrem jüngeren Bruder Danny, der vollkommen abhängig von ihr ist. Wie gut, dass sie seit einiger Zeit mit der Liebe ihres Lebens, dem fürsorglichen Adrian, verheiratet ist. Oder etwa nicht?

Chloe gerät in Maddys Geschichte hinein, als sie eines Tages den Auftrag für ein Fotoshooting in Summerhill, dem Anwesen von Maddys Familie erhält. Ihr Besuch dort bringt ihr so manche Erkenntnis.

Ich bin eher zufällig an diesen Roman geraten, aber ausgesprochen glücklich über diese Fügung: sagte mir die Autorin Nikola Scott bisher nichts, bin ich jetzt drauf und dran, jedes von ihr bisher verfasste Fitzelchen zu erlesen, so spannend und mitreißend schreibt sie! Falls man mich für allzu ambitioniert hält, sei gesagt, dass "Das Leuchten jenes Sommers" nach "Zeit der Schwalben" erst der zweite Roman der Autorin ist. Hoffentlich aber nicht der letzte, denn für alle Freunde historischer Romane wird dies hier eine ganz besondere Nahrung, eine Delikatesse sozusagen. Nikola Scott ist eine Königin der Eloquenz und des eindringlichen Stils, der auch in der Übersetzung sehr gut rüberkommt, was möglicherweise daran liegt, dass die Autorin ihre Romane zwar in englischer Sprache verfasst, allerdings in Deutschland aufgewachsen ist. Schwer, sich vorzustellen, dass diese ausgezeichnete Übersetzung von Nicole Seifert nicht von ihr abgesegnet wurde!

Wer also ganz, ganz tief abtauchen will in eine unglaublich spannende, gut geschriebene, vielschichtige und berührende Geschichte, ist hier genau richtig! Man sollte sich aber unbedingt den richtigen Moment aussuchen, in dem man sich so richtig einlassen kann auf die atmosphärisch und stellenweise überraschend verlaufende Handlung, auf eindringliche Charaktere und nicht zuletzt auf den Überschwang der Empfindungen, der den Leser während oder nach der Lektüre durchaus auch mal für längere Zeit überkommen kann. Etwas für Freunde des Gefesselt-Werdens, wenn auch nur im literarischen Sinne!

Veröffentlicht am 13.04.2019

Mutig, nicht schamlos!

Schamlos
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So ist dieses Buch, so ist die Welt der Autorinnen, junger muslimischer Blogerinnen aus Norwegen, die versuchen, im Hier und Jetzt zu leben, ohne ihre Herkunft zu vernachlässigen.

Ein Buch wie ein Blog ...

So ist dieses Buch, so ist die Welt der Autorinnen, junger muslimischer Blogerinnen aus Norwegen, die versuchen, im Hier und Jetzt zu leben, ohne ihre Herkunft zu vernachlässigen.

Ein Buch wie ein Blog - und wie eine Offenbarung! Jedenfalls sollte es so sein und zwar vor allem für Frauen - Musliminnen und auch westliche Frauen, die neugierig sind auf die Belange und das Leben ihrer Mitbürgerinnen, es verstehen und teilen wollen.

Ja, das Buch liest sich nicht einfach so runter, es lebt, finde ich. Es beinhaltet Berichte, Diskussionen, Stellungnahmen und vor allem Ratschläge. Besonders für jüngere Schwestern im Glauben, die dasselbe durchleben, was die Autorinnen in ihrer Kindheit und Jugend durchgemacht haben.

Am Ende Versprechungen und Forderungen. Diese Frauen bekennen Farbe bzw. Farben, denn sie wollen die Welt bunt und offen sehen, egal , welchen Glauben sie leben und in welche Familie sie geboren sind.

Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz sind Musliminnen mit unterschiedlichen nationalen Wurzeln, die es mit ihren Familien auf unterschiedliche Weise nach Norwegen verschlagen hat, wo sie auch Wurzeln geschlagen haben, ohne jedoch die ihrer ursprünglichen Heimat zu verlieren.

Das Buch ist in Kapitel geteilt, die heißen: Schwimmunterricht, Hidschab, die Psyche, Doppelmoral etc. Außer dem letzten verraten diese Titel längst nicht, welch Zündstoff sich hinter diesen Punkten verbirgt, welchem Hickhack, um es mal salopp auszudrücken, die Mädchen, inzwischen junge Frauen, von Geburt an ausgesetzt waren.

Doch es gibt auch andere Eltern, bzw. Mütter, die ihren Töchtern viel Kraft mit auf den Weg geben: "Mama sagte, ich soll stolz auf mich sein und ihnen sagen, sie sollen die Klappe halten: Du bist von überall, dein Pass ist der Regenbogen und wer dich eindimensional sieht, hat den falschen Vogel gewählt." (S.77) Ein Ratschlag, der zu jeder Herkunft, jeder Religion passt und den ich auch gern mit auf den Weg bekommen hätte.

Ein mutiges Buch von mutigen Frauen für eine freie und offene Welt! Absolut lesenswert!

Veröffentlicht am 10.04.2019

Fräulein Nette ist ein ganzer Kerl

Fräulein Nettes kurzer Sommer
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zumindest, was ihre Interessen anbelangt - Annette von Droste-Hülshoff oder Nette, wie das adlige Fräulein in Familienkreisen genannt wird, hat es nicht so mit Weiberkram: weder mit Handarbeiten noch mit ...

zumindest, was ihre Interessen anbelangt - Annette von Droste-Hülshoff oder Nette, wie das adlige Fräulein in Familienkreisen genannt wird, hat es nicht so mit Weiberkram: weder mit Handarbeiten noch mit Pflanzen und schon gar nicht mit Küchenkram! Nein, die junge Frau findet Männergespräche wesentlich interessanter - in denen geht es um Politik, Finanzen oder sogar - und das ist ihr das Liebste- um Literatur.

Vor allem im Freundeskreis ihres Onkels August von Haxthausen, der in Göttingen studiert und sie alle kennt - die Grimms - noch sind sie nicht als die Brüder Grimm bekannt -, den Hoffmann (von Fallersleben) und vor allem den Straube. Er, der so gar nicht von blauem Blut ist und von August aufgrund seiner dichterischen Begabung durchgefüttert wird, hat nämlich ein Auge auf Fräulein Nette geworfen. Und sie auf ihn. Soweit es ihr möglich ist - sie ist nämlich stockblind, zumindest jedoch extremst kurzsichtig. Auch ansonsten ist sie gesundheitlich nicht ganz auf dem Damm.

Weswegen ihr keine Brille und weitere Hilfmittel, sondern eine Trinkkur in Bad Driburg gemeinsam mit der Großmutter verordnet wird - eines der absoluten Highlights im Roman! Autorin Karen Duve, von der ich bereits einiges gelesen - und genossen - habe, hat hier aus meiner Sicht ihr absolutes Paradestück abgeliefert. In einer wunderbaren, gleichzeitig dem Zeitalter des Biedermeier und der Romantik wie auch der Gegenwart gerecht werdenden Sprache öffnet sie uns die Augen für die Welt des Fräulein Nette.

Stets schwing ein sanfter, warmherziger Humor mit, mehr als nur ein Hauch davon und richtig grob wird er nur dann, wenn es dem Fräulein Nette mal wieder an den Kragen geht. Was - im übertragenen Sinne - fast ununterbrochen der Fall ist, denn sie ist nicht von ihrer Welt. Also von der damaligen Welt. In diejenige unserer Zeit hingegen würde sie um einiges besser passen, denn hier müsste sie nicht in allem und jedem den Männern den Vorrang lassen, ja sogar hinnehmen, dass diese sie hinsichtlich ihrer literarischen Ambitionen so gar nicht ernst nehmen. Obwohl sie ihnen nicht nur ein Mal den Wind aus den Segeln nimmt.

Die Autorin rächt sich ein bisschen, rächt vielmehr sie, unser reizendes Fräulein Nette also, indem sie das starke Geschlecht in der Auseinandersetzung mit ihr das ein oder andere Mal ganz schön dumm dastehen lässt. In engen Grenzen, versteht sich, denn die wurden damals ja leider gezogen, was auch in diesem Roman wieder und wieder deutlich wird.

Aber gerade deswegen ist dieser Roman so wichtig: Karen Duve räumt auf mit dem bieder(meier)en Bild der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff und setzt ihr Denkmal um. Oder neu!

Veröffentlicht am 10.04.2019

Beste Freundinnen

Aller Anfang
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werden Celia, Bree, Sally und April, die sich auf dem College kennenlernen und deren Freundschaft die Studienjahre definitiv überdauert. Eine Freundschaft fürs Leben soll es sein, da sind sie die vier ...

werden Celia, Bree, Sally und April, die sich auf dem College kennenlernen und deren Freundschaft die Studienjahre definitiv überdauert. Eine Freundschaft fürs Leben soll es sein, da sind sie die vier ziemlich unterschiedlichen jungen Frauen vollkommen sicher.

Doch ach, so leicht ist es nicht, einander vertrauensvoll verbunden zu bleiben und auch noch permanent Kontakt zu halten - die Erfahrung machen die vier Absolventinnen in den folgenden Jahren.

Celia wird zu derjenigen, die alles zusammenhält, Sally, die ihre Mutter bereits vor dem Studium verloren hat, heiratet früh, die schöne und unwiderstehliche Bree, Traum schlafloser Nächte für zahllose Männer, geht eine schwierige, gleichwohl langjährige lesbische Beziehung und lediglich April, die immer schon als recht extreme Frauenrechtlerin durchs Leben ging, bleibt sich treu bzw. überrascht die anderen nicht.

Nicht direkt jedenfalls, denn irgendwann verschwindet sie spurlos und die anderen klammern sich verängstigt aneinander - längst nicht nur im übertragenen Sinne.

Ein warmherziger Roman, der manchmal zu absehbar ist, im Endeffekt aber meine Erwartungen in einen stimmungsvollen Frauenroman nicht ohne Anspruch beinahe vollkommen erfüllt. Eine entspannte Urlaubs- oder Wochenendlektüre, die gleichwohl zum Nachdenken anregt!

Veröffentlicht am 08.04.2019

An Grenzen stoßen

Der Gott am Ende der Straße
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In Louise Erdrichs neuem Roman machen die Einwohner der ehemaligen Vereinigten Staaten - wie der aktuelle Name ist, erfährt man nicht - eine neue Erfahrung: sie stoßen permanent in Grenzen. Und zwar nicht ...

In Louise Erdrichs neuem Roman machen die Einwohner der ehemaligen Vereinigten Staaten - wie der aktuelle Name ist, erfährt man nicht - eine neue Erfahrung: sie stoßen permanent in Grenzen. Und zwar nicht nur an diejenigen des Landes - Kanada und Mexiko haben schon dicht gemacht, man kommt nur illegal rüber. Nein, fast alles ist verboten, vieles nicht mehr möglich. Normale Müsliriegel gab es bis vor ein paar Monaten an jeder Tankstelle, nun sind sie Luxus. Im Klartext: es ist eine mehr als bedrohliche Entwicklung, von der keiner weiß, wohin sie führen wird. Denunziationen, Verrat, Brutalität: das alles ist an der Tagesordnung, Verhaftungen finden ununterbrochen statt, oft ohne gleich ersichtlichen Grund.

Cedar, bis vor kurzem eine ganz normale junge Frau, wird quasi von jetzt auf gleich zur Geächteten. Sie ist nämlich schwanger und Kinder auszutragen und dann auch noch zu behalten, ist eines der kriminellsten Dinge überhaupt. Sie muss also um Leib und Leben bangen und hat keine Ahnung, wer noch Freund, wer schon Feind ist. In dieser Situation macht Cedar, die als Säugling adoptiert wurde, die Bekanntschaft ihrer leiblichen Mutter, einer im Reservat lebenden indigenen Ureinwohnerin.

Wenn sich Louise Erdrich auf eine Dystopie einlässt, dann kann man sich darauf verlassen, dass nichts abgekupfert bzw. in irgendeiner Form schon mal da gewesen ist, dafür ist die Autorin viel zu authentisch und zu sehr in ihrer eigenen Welt verankert, in der sich stets Vertreter der indigenen Einwohnerschaft der Vereinigten Staaten und Deutsche finden. Beide Nationen kommen auch in der bedrohten Welt der Zukunft vor, wobei die Deutschen diesmal zugegebenermaßen allenfalls eine Statistenrolle spielen.

Die Autorin greift, so scheint es, aktuelle Bedrohungen unterschiedlicher Art, die derzeit quasi als Damoklesschwert über den Amerikanern schweben, auf, und bringt sie in eine neue Form, bzw. konfrontiert den Leser mit möglichen Folgen der Mißachtung von Rechten der Bevölkerung wie auch der Natur. ne.

Sie versteht sich auf die Sprache zwischen den Zeilen - in ihrem ganz besonderen, klaren Stil vermag sie
auf relativ wenig Seiten eine eigene Welt zu erschaffen, Botschaften zu senden und das Bedürfnis nach MEHR zu wecken:
mehr brillianter, kraftvoller Literatur, mehr spannenden und gut erzählten Themen, mehr wichtigen Botschaften, mehr eindringlichen
Zitaten - eben einfach nach mehr Erdrich!

Wobei ich mir fast anmaßend dabei vorkomme, dergestalt über diese großartige Autorin zu urteilen, sie zu bewerten! Wer sie lesen sollte? Mütter, Väter, Schwestern, Brüder, Töchter und Söhne - solche, die an der Gegenwart verzweifeln, aber auch solche, die Hoffnung in sich tragen und lernen wollen. In diesem Fall von den Ureinwohnern Nordamerikas, die trotz aller Widrigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, immer noch das alte Wissen in sich tragen und es weitergeben - durch die Lektüre von Erdrich-Romanen auch an uns, wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen.

Louise Erdrich ist eine Autorin, die uns Wichtiges aufzeigt, die Werte für sich sprechen lässt. Auch wenn mich dieser Roman aufgrund seiner in die Zukunft gerichteten Thematik nicht ganz so angesprochen hat wie bspw. "Der Club der singenden Metzger" oder "Das Haus der Winde".

Doch dies ist Kritik auf allerhöchster Ebene, auch dieser Roman ist ausgesprochen lesenswert und beeindruckt durch Originalität und Menschlichkeit.