Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2019

Es war einmal in der Gegenwart

Der Wal und das Ende der Welt
0

Drei volle Mahlzeiten von der Anarchie entfernt bewegt man - der Mensch, die Gesellschaft sich stets. Denn: der dauerhafte Verzicht auf die Möglichkeit von drei Mahlzeiten am Tag führt zur Rebellion. Die ...

Drei volle Mahlzeiten von der Anarchie entfernt bewegt man - der Mensch, die Gesellschaft sich stets. Denn: der dauerhafte Verzicht auf die Möglichkeit von drei Mahlzeiten am Tag führt zur Rebellion. Die dann um sich greift und nicht mehr so leicht einzudämmen ist. Dies eine der Quintessenzen dieses heiter-melancholischen Buches.

Diese werden im Umfeld des Wirtschaftswissenschaftlers Joe Haak getätigt. Er nämlich und nicht etwa der titelgebende Wal ist die Hauptfigur dieses Romans. Der allerdings nackig und zudem ohnmächtig am Strand gefunden wurde, unmittelbar nachdem man den Wal sichtete, am Strand des kleinen kornischen Ortes St. Pitrans, der so gar nichts mit den bekannten Urlaubsorten der Region gemein hat - im Gegenteil, er scheint von Gott und der Welt vergessen zu sein.

Joe Haak hat das Computerprogramm Cassie entwickelt, das ökomische Entwicklungen simulieren bzw. bestechend genau voraussagen kann. Jetzt soll die totale Katastrophe nahen. Und genau deswegen bleibt der London Haak in St. Pitrans, dem kleinen Ort, in dem er gerettet wurde - mit dem Ziel, die Menschen, die ihn gerettet haben, nun seinerseits zu bewahren - vor einer furchterregenden, allumfassenden Krankheit!

Autor John Ironmonger führt den Leser auf eine gewisse altbekannte Weise durch die Seiten: Ein Märchen, ein Gleichnis - etwas in diese Richtung, in einer absolut betörenden (und auch so übersetzten) Sprache, aber doch mit einigen erheblichen Längen, die mich beim Lesen ein bisschen trödeln ließen - und zwar wieder und wieder. Da wird auch das Heiter-Melancholische mal - wenn auch nur kurz - zur Qual!

Zudem gibt es mannigfaltige Wiederholungen in Form von Feststellungen, die nacheinander von unterschiedlichen Leuten zum Ausdruck gebracht werden Beispielsweise: "Er ist gar kein richtiger Arzt" und dann wenig später"ich muss Ihnen sagen, ich bin gar kein richtiger Arzt"). Aus meiner Sicht manchmal ein bisschen zu viel.

Originell und streckenweise liebenswert fand ich dieses Buch, dann jedoch auch wieder sehr behäbig. Man muss als Leser schon einen Sinn haben für gemächliche skurrile Entwicklungen, damit man hier am Ball bleibt und sein Leseerlebnis ausgiebig genießen kann.

Veröffentlicht am 03.04.2019

Leben mit (nicht nur) einem Lied

Madame Piaf und das Lied der Liebe
0

Je ne regrette rien! Nach diesem Motto, das der Titel ihres mit Abstand berühmtesten Liedes werden sollte, lebte Edith Piaf offenbar schon in ihren jüngeren Jahren: bevor sie berühmt wurde. Ein tristes ...

Je ne regrette rien! Nach diesem Motto, das der Titel ihres mit Abstand berühmtesten Liedes werden sollte, lebte Edith Piaf offenbar schon in ihren jüngeren Jahren: bevor sie berühmt wurde. Ein tristes Leben garniert mit Begegnungen mit den richtigen Menschen - so hat sie es etwas gebracht.

Dieses Buch behandelt die letzten Kriegsmonate und die unmittelbare Nachkriegszeit, in der die Piaf wie so viele ihrer Landsleute in den Verdacht geriet, gemeinsame Sache mit den Boches, den Deutschen also, gemacht zu haben. Dabei hatte sie - so ihre Darstellung - doch nur die kriegsgefangenen französischen Soldaten unterhalten. Sie kam gerade noch so davon.

Es sind Männer, die ihr weiterhelfen, mit vielen verbindet sie mehr als das berufliche Interesse, doch dann stößt sie auf einen, mit dem es läuft wie mit keinem. Ganz anders nämlich.

Es handelt sich um Ivo Livi, groß und hübsch und etliche Jahre jünger als sie. Er wird zu ihrem Protegé und bald auch Liebhaber. Der Name sagt Ihnen nichts? Nun, dann aber vielleicht sein Künstlername, Yves Montand nämlich. Wird es einen gemeinsamen Weg für sie beide geben?

Insgesamt ist dies aus meiner Sicht ein mäßig unterhaltsamer Roman, in dem die politische und gesellschaftliche Situation in jener Zeit eine vollkommen minimale Rolle spielt. Es geht wirklich fast ausschließlich um Edith Piafs Karriere und die damit verbundenen Entwicklungen, es kommen reihenweise Charaktere vor, die meiner Ansicht nach im Anhang hätten einzeln aufgeführt werden müssen. So erfuhr ich die Lektüre als ziemlich verwirrend.

Ja, der Leser macht einen Sprung in das Leben des Spatzen von Paris, doch ist dies aus meiner Sicht ein ziemlich verwirrender Sprung!

Veröffentlicht am 01.04.2019

Bitte bring mich zum Beben" (S.153)

Kaschmirgefühl
0

Dieser Satz fällt während eines Gesprächs bei einer Sexhotline. Es ist kein gewöhnliches Gespräch,denn beide Teilnehmer haben Namen: Yvonne und Joe nämlich. Ach nein, heißen sie doch Marie und Gottlieb?

Was ...

Dieser Satz fällt während eines Gesprächs bei einer Sexhotline. Es ist kein gewöhnliches Gespräch,denn beide Teilnehmer haben Namen: Yvonne und Joe nämlich. Ach nein, heißen sie doch Marie und Gottlieb?

Was stimmt, was ist wahr, was erfunden? Diese Frage stellt sich der Leser nicht nur an diesem Punkt, nein, eigentlich ist jede Aussage der beiden Telefonpartner fragwürdig.

Es ist zunächst ein unverbindliches Geplänkel, aus dem irgendwann mehr wird. Ein "Mehr", das man als alles Mögliche bezeichnen kann, nur nicht als Telefonsex. Oder wenn, dann nur am Rande.

Worauf die beiden bzw. der Anrufer; nennen wir ihn nun Gottlieb, hinauswollen? Verrate ich Ihnen nicht, nur so viel, es kommt noch eine zweite Marie im Gespräch vor, ein Kind, eine Lehrerin und ein Hausmeister. Hilft Ihnen nicht viel weiter?

Soll es ja auch nicht, denn so ein kurzer Text ist schnell gelesen, sofern Sie sich dazu entschließen. Keine Frage, es ist eine kurzweilige Lektüre, denn Bernhard Aichner schreibt gewohnt leichtfüßig und eloquent. Weswegen ich ihn ja auch sehr schätze.

Allerdings macht es für mich einen Unterschied, ob er diese Fertigkeiten in das eher schwere, düstere Setting seiner Krimis steckt oder in eine von Beginn an federleichte Geschichte, in eine Geschichte mit Kaschmirgefühl. Das stelle ich mir vor als das ultimative Wohlfühlgefühl, eines, in das man während des Lesens einsinkt, um sich nie wieder davon lösen zu wollen.

Dafür war mir die Geschichte zu dünn: anfangs zu belanglos, später dann zu wenig überraschend. Auch wenn ein Roman von Bernhard Aichner natürlich immer lohnenswert ist in dem Sinne, dass er keine verschwende Lebens- und Lesezeit darstellt. Wenn Sie bspw. unbedingt erfahren wollen, wer wen zum Beben bringen soll und warum. Oder auch aus einem anderen Grund. Aichner geht immer - aber sein bester ist das hier nicht. Finde ich zumindest.

Veröffentlicht am 01.04.2019

Heilige unter sich

Unter Heiligen
0

leben in Junction, einer kleinen Siedlung am Straßenkreuz. Heilige: so bezeichnen sich die Mormonen selbst. Die hier Ansässigen haben sich zum großen Teil von der Hauptkirche gelöst und praktizieren einen ...

leben in Junction, einer kleinen Siedlung am Straßenkreuz. Heilige: so bezeichnen sich die Mormonen selbst. Die hier Ansässigen haben sich zum großen Teil von der Hauptkirche gelöst und praktizieren einen aus ihrer Sicht freieren, klareren Glauben. Für die meisten von ihnen gehört dazu, entgegen den Maßgaben der Hauptkirche monogam zu leben.

Winter 1888: Allein zu Haus zu sein ist Deborah gewohnt - ihr Mann Samuel ist wie in jedem Jahr als wandernder Handwerker unterwegs. Nur: diesmal ist er nicht wie versprochen und bisher immer gehalten am 1. Dezember zurückgekommen - nun ist es fast Mitte Januar und Deborah wartet noch immer auf ihn. Ohne auch nur daran zu denken, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte.

Es stellt sich ein Reisender ein - einer von denen, die Deborah bereits erwartet, wenn auch nicht in dieser Jahreszeit. Gemeinsam mit ihrem Mann Samuel und dessen Stiefbruder Nels ist sie nämlich Teil einer Kette von Verschworenen, die Brüder auf der Flucht vor dem Gesetz unterstützen. Und zwar Andersdenkende: sie werden wegen Polygamie verfolgt und trotz ihrer anderen Haltung unterstützen die Drei die Glaubensbrüder. Doch mit dem neuen Besucher ist etwas anders, das zeigt sich auch darin, dass er von einem Marshall verfolgt wird, nicht von einfachen Ordnungs- und Gesetzeshütern.

Die Autorin schreibt in einem schlichten, sehr klaren Stil. Einerseits ziehen in diesem Roman mehrere Schicksale am Leser vorbei, andererseits jedoch passiert nicht wirklich viel. Doch es wird deutlich, welche Kraft Deborah braucht, um sich ihrem Leben zu stellen, dieses zu meistern in der kargen Einöde Utahs. Mir ist deutlich geworden, dass sie diese Kraft tatsächlich hat. Es ist ein Roman, der viel Trauer, aber ebenso viel Hoffnung beinhaltet. Sehr zu empfehlen für Freunde anspruchsvoller historischer Romane, die gerne auch mal etwas weitab des Mainstream lesen!

Veröffentlicht am 01.04.2019

Liv und die Wikinger

Finsteres Kliff
1

Oder wie man sonst die wilden nordischen Gesellen so bezeichnet, die den alten Göttern huldigen. In diesem Krimi zeigt sich Sylt überhaupt nicht als Insel der Reichen und Schönen, sondern vor allem als ...

Oder wie man sonst die wilden nordischen Gesellen so bezeichnet, die den alten Göttern huldigen. In diesem Krimi zeigt sich Sylt überhaupt nicht als Insel der Reichen und Schönen, sondern vor allem als ein ursprüngliches Stück Land inmitten der Nordsee mit ebenso ursprünglichen, traditionsbewussten (Ur)Einwohnern, die eine eigene Sprache sprechen.. Von ihnen stammt Liv Landers, die junge Kommissarin ab, doch hat es sie aufgrund komplizierter Verwandtschaftsverhältnisse nach Flensburg verschlagen, wo sie - gerade mal um die 30 - mit Großmutter Elise und Sanna, ihrer pubertierender Tochter lebt. Und arbeitet. Außer, es verschlägt für einen Fall mal wieder nach Sylt.

Der aktuelle hängt eng mit den regionalen Traditionen zusammen, hat sich doch am Rande des traditionsreichen Biike-Feuers ein Mord ereignet - an Gerhard, einem jungen Mann, der seinerseits eine starke Bindung zu den alten Riten hatte. Und seine Verlobte ist verschwunden. Auch als sie wieder auftaucht, völlig durcheinander, können zunächst einmal keine Zusammenhänge hergestellt werden. Ist der gesamte Freundeskreis verdächtig? Noch ratloser werden die Ermittler, als auf einmal deutlich wird, dass ein Apothekerpaar mit Sohn immer wieder im Rahmen der Ermittlungen auftaucht. Und diese Familie huldigt ganz klar nicht den Göttern, sondern dem schnöden Mammon!

Ein Krimi, in dem das Privatleben der Ermittlerin Liv Landers stark im Vordergrund steht. Ich finde, es passt gut zu dem Setting und dadurch intensiviert sich auch ein anderer Eindruck von Sylt: nämlich das Bild als Nicht-Nur-Touristen-Insel.

Insgesamt ein runder Fall, am Ende fehlte mir ein kleines bisschen die Spannung: nachdem alles fest stand, wurde es nochmal aufgerollt und wieder und wieder beleuchtet, das war aus meiner Sicht viel zu langatmig. Dennoch war dies nur ein geringer Störfaktor, denn dies ist definitiv eine Reihe, bei der ich am Ball bleibe, bei der sich die Protagonistin von der Masse absetzt dank verschiedener Alleinstellungsmerkmale. Ich mag Liv sehr gern, sie ist so authentisch und einfach ein Typ. Kein unkomplizierter, aber ganz klar ein liebenswerter. Ich mag besonders gern an ihr, dass sie kein bisschen zickig ist und dass sie ein ebenso guter Kumpel für Männer wie für Frauen ist - wenn man sie lässt. Auf ihren nächsten Fall freue ich mich schon jetzt!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Spannung
  • Geschichte
  • Figuren
  • Erzählstil