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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.10.2018

Mit Herz und unkonventioneller Lebenseinstellung

Ein ganzes halbes Jahr
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geht hier Lou ans Eingemachte und versucht, den Tetraleptiker Will von seiner Entscheidung, aufgrund seiner ausweglosen Situation Selbstmord zu begehen, abzubringen.
Lou und Will: ein ungleiches Paar. ...

geht hier Lou ans Eingemachte und versucht, den Tetraleptiker Will von seiner Entscheidung, aufgrund seiner ausweglosen Situation Selbstmord zu begehen, abzubringen.
Lou und Will: ein ungleiches Paar. Hat Lou ihr Leben lang in der kleinen englischen Touristenstadt und im Schoße ihrer liebenswerten und auf ganz besondere Art und Weise einnehmenden Familie verbracht, so war Will bis zu seinem Unfall ein reicher, begehrenswerter, nicht unbedingt aber liebenswerter Typ, der viel gearbeitet hat, durch die Welt gereist ist und sich das vom Leben genommen hat, was er wollte. Um ihre ständig abgebrannte Familie ernähren zu können, nimmt Lou den gutbezahlten Job als seine Gesellschafterin an ... und findet sich in vielerlei Hinsicht in einer vollkommen neuen und anderen Welt wieder.

So anrührend und originell das Buch ist, hier jagt ein Klischee das andere: die beiden müssen sich erstmal zusammenraufen, Lou begeht in der "reichen" Welt ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Besonders unglaubwürdig war für mich Lous Umfeld: wer kann von einer 27jährigen - die Handlung spielt fast in der Jetzt-Zeit, im Jahre 2009 - erwarten, dass sie als Hauptverdienerin einer ganzen Familie bestehend aus Eltern, Großvater und nicht zuletzt jüngerer, schlauerer, studierwilliger Schwester mit unehelichem Sohn agiert. Genau das tut aber Lous Familie und scheint es als ganz selbstverständlich aufzufassen.

Trotz dieser kleinen, von mir so empfundenen Störungen habe ich das Buch mit großem Genuss gelesen und habe mit Lou mitgelitten und gelacht. Ein wenig ist die Handlung wie ein modernes Märchen aufgebaut - ein Aschenputtel der Arbeiterklasse betritt ein neues Umfeld, verändert dieses komplett, wobei aber auch sie selbst sich in diesem ändert. Das kann man mögen oder auch nicht, fest steht, dass die britische Autorin Jojo Moyes nicht nur in ihrem Heimatland Großbritannien, sondern europaweit einen Nerv berührt hat. Zu empfehlen für Leser, die Emotionen lieben, aber ernste und auch kontroverse Themen nicht scheuen und bereit sind, sich auf solche einzulassen.

Veröffentlicht am 16.10.2018

Volle Breitseite

Kreuz und Chrom
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Wer sich auf diesen Krimi einlässt, musst damit rechnen, die volle Breitseite abzubekommen. Zunächst einmal in Bezug auf den Ermittler: Jan Schröder, ehemals verdeckter Ermittler (was seine neuen Kollegen ...

Wer sich auf diesen Krimi einlässt, musst damit rechnen, die volle Breitseite abzubekommen. Zunächst einmal in Bezug auf den Ermittler: Jan Schröder, ehemals verdeckter Ermittler (was seine neuen Kollegen im bayerischen Ermittlungsteam aber nicht wissen dürfen - da hat der Leser ihnen einiges voraus), relativ frisch verwitwet mit sechsjährigerTochter.

Diese ist sein ein und alles - seine Sonne und sein Mond, seine Freude und seine Last, vor allem aber die Sozia auf seiner Harley - Harli sagt Lea.

Und dann der Fall: ein toter Priester, der alsbald mit Mißbrauch in Verbindung gebracht wird. Kann das wirklich sein - ein ehrenwerter Mann, noch ziemlich jung? Jedenfalls relativ gesehen. Und dann noch ermordet im Beichtstuhl aufgefunden. Kaum zu fassen - vor allem , weil es offenbar gewisse Kräfte gibt, die am wesentlich längeren Schalter sitzen als Jan Schröder es tut und die es vermögen, ihn zu stoppen.

Denken sie. Aber so leicht ist das nicht bei ihm, zumal er sowohl mit der zuständigen Staatsanwältin als auch mit seinem direkten Kollegen - der nicht gerade als Energiebündel bekannt ist - ganz gut kann.

Starker Tobak ist es, den man hier zu lesen bekommen, aber wenn man genauer hinschaut, ist es ein einfühlsamer und ausgesprochen zeitgemäßer Krimi. Einer, der weh tut. Wie auch das Leben manchmal weh tut.

Die Einarbeitung in die Materie - also die Einführung der Figuren und des Settings empfand ich insgesamt als zu komplex, muss aber im nachhinein zugeben, dass es sich unbedingt gelohnt hat. So in etwa nach dem ersten Drittel wurde es sogar so spannend, dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Mein Fazit also: Es brauchte ein wenig Zeit, aber dann kam es mit voller Kraft: ein wirklich ungewöhnlicher & überraschender Krimi, ausgesprochen lesenswert. Ich hoffe sehr auf baldigen Nachschub in Form von Band 2 der Reihe!

Veröffentlicht am 15.10.2018

Noch lange nicht am Ende

Schnee in Amsterdam
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sind Stella und Gerry, ein in Glasgow lebendes irisches Ehepaar, auch wenn beide längst das Rentenalter erreicht haben. Doch haben beide noch Wünsche und Vorstellungen, die ihr noch bevorstehendes Leben ...

sind Stella und Gerry, ein in Glasgow lebendes irisches Ehepaar, auch wenn beide längst das Rentenalter erreicht haben. Doch haben beide noch Wünsche und Vorstellungen, die ihr noch bevorstehendes Leben betreffen.

Und wie es sich auf einer Kurzreise nach Amsterdam herausstellt, driften diese ganz schön weit auseinander, was vor allem mit einem Gelübde zusammenhängt, das die gläubige Stella vor vielen Jahren geleistet hat und von dem ihr Mann bisher nichts ahnte.

Es ist ein verlängertes Wochenende, das beide - jeden auf seine Art - an ihre Grenzen führt und damit endet, dass auch Gerry ein Gelübde ablegt, allerdings ein ganz anders geartetes.

Ein Roman über den Herbst, nicht jedoch über das Ende des Lebens. Neuorientierung und andere Perspektiven - das kann es tatsächlich in jedem Alter geben, wie der Autor Bernard MacLaverty in seinem ruhigen, doch weder stillen noch ereignislosen Roman aufzeigt. Nein, im Gegenteil, hier wird deutlich, dass gerade das Innenleben der Menschen voller Aufruhr sein kann und dass sich Ehepaare auch nach langen Jahren noch überraschen können. Beziehungsweise einander dann erst richtig kennenlernen.

Oder auch dann erst bereit sind, ihre eigenen Wünsche zu kommunizieren und in Verbindung damit die des anderen anzuhören.

Ein Roman, der polarisieren kann, wenn man sich wie ich besonders gut in einen der beiden Partner hineinversetzen kann. Was aus meiner Sicht aber nicht schadet, denn es ist dennoch eine vollkommen andere Welt, in der Stella und Gerry leben. Gottseidank, muss man sagen, denn das, was hinter ihnen liegt, möchte ich nicht erlebt haben.

Ein Roman, in einer schönen, einfühlsamen Sprache geschrieben, versehen mit zahlreichen - ja, beinahe zahllosen - Literaturverweisen, die sich wunderbar in den Text hineinfügen. Wäre der Inhalt nicht so schmerzhaft - und stellenweise auch ein bisschen langatmig - könnte man durchaus von einem Lesegenuss sprechen.

Veröffentlicht am 15.10.2018

In den Fängen des Vogelgottes

Der Vogelgott
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Ein eigenartiger Roman, über den ich lange nachdenken musste. Die Mitglieder der Familie Weyde - ein Vater und seine drei Kinder - begegnen auf unterschiedlichste Art und auch zu verschiedenen Zeiten dem ...

Ein eigenartiger Roman, über den ich lange nachdenken musste. Die Mitglieder der Familie Weyde - ein Vater und seine drei Kinder - begegnen auf unterschiedlichste Art und auch zu verschiedenen Zeiten dem Vogelgott beziehungsweise dessen Wirkung. Man könnte diese auch als eine Art düsteren Kult bezeichnen.

Der Vater, als Vogelsammler bekannt, hat eine Begegnung mit diesem riesigen Greifen auf einer merkwürdigen Reise, die ihn in eine einerseits märchenhafte, andererseits bedrohliche Umgebung führt und die in seinen Tagebüchern dokumentiert ist - über dieses Format wird sie auch dem Leser in einem Prolog vermittelt.

Es folgen die "Vogel-Geschichten" seiner drei Kinder: die des ziel-, vielleicht auch haltlosen Thedor, der während seiner Tätigkeit in der Entwicklungshilfe in Afrika auf eine extreme, eskalierende Weise in Berührung gerät. Die feinsinnige Dora stößt während ihrer Doktorarbeit auf ein übermaltes Bild zu dem Sujet und der Journalist Lorenz bekommt es mit Träumen der besonderen Art zu tun, denen er auf den Grund gehen will, nein, muss.

Denn den Fängen des Vogelgottes kann keiner entrinnen - es ist wie ein Fluch, der sich nach und nach über Familie Weyde - eine Familie von Einzelgängern, die nur wenig miteinander kommuniziert - ausbreitet. Eine Art fataler Zwang, auf der anderen Seite spielt jedoch stets auch eine gewisse Faszination eine Rolle.

Die Autorin Susanne Röckel hat einen komplett außergewöhnlichen Roman geschaffen, der auf eine subtile Art und Weise von einer bedrohlichen Atmosphäre durchdrungen ist. Dabei wird der Leser mithilfe sprachlicher Mittel - die über enorme Kraft verfügen - auf merkwürdige Weise auf Distanz gehalten. Ich konnte mich der Bedrohung, die vom Vogelgott ausging, nicht entziehen, habe jedoch andererseits die Sogwirkung, die eine Beschäftigung mit diesem Sujet trotz möglicher davon ausgehender Gefahren zwingend machte, nicht nachvollziehen können.

Ein irritierender, dennoch kraftvoller Roman - so empfinde ich es. Was mich besonders merkwürdig stimmte, war ein gewisser sachlicher Stil, der mich trotz aufwühlender innerer Entwicklungen der Charaktere stets auf Distanz hielt. Was auf gewisse Weise aber auch beruhigend war, konnte ich mir doch sicher sein, dass der Vogelgott und seine Sogwirkung zwar ihren Einfluss auf Familie Weyde ausüben, diesen jedoch nicht auf mich ausweiten können - als Leserin fühlte ich mich in einen sicheren Kokon eingewoben, was mir allerdings auch zeitweilig ein wenig die Spannung raubte.

Ich kann mir aber gut vorstellen, dass dieser Roman für jeden Leser eine ganz eigene, individuelle Botschaft beinhaltet, die ebenso facettenreich und vielschichtig sein kann wie die Begegnungen der Familie Weyde mit dem Vogelgott!

Veröffentlicht am 13.10.2018

Ein niederländisches Mädel

Das Kind aus dem versteckten Dorf
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Das ist Mentje die mit ihrem Vater auf einem Bauerhof in den Niederlanden lebt und ihm - obwohl erst neun Jahre alt - tatkräftig bei der täglichen Arbeit hilft. Wir schreiben das Jahr 1943 und eines Tages ...

Das ist Mentje die mit ihrem Vater auf einem Bauerhof in den Niederlanden lebt und ihm - obwohl erst neun Jahre alt - tatkräftig bei der täglichen Arbeit hilft. Wir schreiben das Jahr 1943 und eines Tages bringt der Vater eine jüdische Familie mit, die er auf dem Dachboden versteckt.

Mentje weiß, dass das unglaublich gefährlich ist, doch der Vater erklärt ihr, dass sie als Christen gar nicht anders handeln können. Doch das Risiko erweist sich als zu groß und eines Tages steht Mentje ganz alleine da - die Familie und der Vater wurden verhaften. Nach ihr wird auch noch gesucht, doch kann sie sich verstecken. Und retten - zu Menschen, die im Untergrund agieren, wie von ihrem Vater weiß.

Diese bringen sie an einen ganz besonderen Ort und zwar in das versteckte Dorf mitten im Wald. Dieses geheime Lager, in dem vor allem Juden, aber auch andere, bspw. verwundete alliierte Soldaten versteckt wurden, hat tatsächlich existiert und in der Tat sind alle beschriebenen Personen absehen von Mentje tatsächliche Lagerbewohner gewesen. Es ist sowohl berührend, als auch erschütternd, vor allem jedoch unglaublich spannend, dieses Lagerleben zu verfolgen.

Nach einem Jahr ist diese Unterkunft für Mentje nicht mehr sicher und sie wird nach Arnheim zu ihr bislang unbekannten Verwandten ihrer Mutter gebracht. Dort trifft sie auch auf den zweiten Protagonisten, den Südafrikaner Tinus, der in der britischen Armee kämpft. Vielmehr rettet sie ihm das Leben. Und ihre Schicksale sind nun auf ganz besondere Weise miteinander verknüpft, wie sich noch zeigen wird!

Mit Verlust muss sich Hildegard schon früh auseinandersetzen und leider bleibt ihr dies auch weiterhin nicht erspart, der zweite Weltkrieg erschüttert ihr bislang ruhiges Leben grundlegend.

Ein tragisches Schicksal in den Niederlandenin der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie ich es so bislang noch nicht gelesen habe. Beziehungsweise gleich zwei davon - das eines Kindes und das eines jungen Soldaten.

Ich habe bereits einige Bücher der südafrikanischen Autorin Irma Joubert gelesen und bin mittlerweile zum Fan geworden. Denn sie eröffnet neue Perspektiven, Blickwinkel und Aspekte und zwar nicht nur durch akribische Recherchen. Nein, auch der Glaube und sein Einfluss auf die Menschen spielt stets eine Rolle, wobei er in diesem Roman ganz besondere Bedeutung erlangt - hier geht es sowohl um den christlichen Glauben als auch um das Judentum. Ich habe viel gelernt durch dieses Buch, bin Irma Joubert mit Begeisterung in die Niederlande und auch nach Südafrika gefolgt. Auch wenn die Geschichte in großen Teilen eine traurige ist, entbehrt sie doch nie der Hoffnung. Mitreißend, aufwühlend, ab und an auch überraschend: ein eindringlicher Roman über zwei Lebenswege, die sich in schweren Zeiten kreuzen und der ausgesprochen lesenswert ist!