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Veröffentlicht am 29.09.2018

Spannend wie ein Krimi

Queen Victoria
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ist Julia Bairds Biographie der Königin Victoria von England, nein, natürlich der Königin des British Empire, war sie doch Herrscherin über ein ganzes Imperium. Immerhin fällt ihr Regiment in ...

ist Julia Bairds Biographie der Königin Victoria von England, nein, natürlich der Königin des British Empire, war sie doch Herrscherin über ein ganzes Imperium. Immerhin fällt ihr Regiment in die Zeit des Imperialismus und Kolonialismus.

Victoria war Königin in einer Zeit, in der eigentlich nur Männer das Zepter in der Hand hielten - sowohl im eigentlichen als auch im übertragenen Sinne. Und auch, wenn ihr Vater bereits bei ihrer Geburt Visionen von ihr als Königin hatte, war sie für die britische Thronfolge doch keineswegs gesetzt. Bei ihrer Geburt die Nummer fünf, wuchs sie ohne ihren ehrgeizigen Vater, den sie - um vieles älter als ihre Mutter Victoire von Sachsen-Anhalt - bereits im Alter von einem Jahr verlor. Die eingeheiratete Deutsche war nicht unbedingt beliebt und hatte bei Hofe vor allem keine Lobby.

Wie es doch dazu kam, dass das Mädchen Victoria zur Herrscherin über ein Riesenreich, das aus vielen verschiedenen Staaten bestand, schildert die australische Historikerin Julia Baird in ihrer ausführlichen Biographie aufs Eindrucksvollste. Ihr unterhaltsamer, eindringlicher Stil, was die Angelsachsen für ein unglaubliches Talent haben, Spannung und Pep in Sachbücher hineinzubringen. Natürlich, auch ohne einen Hauch der Wissenschaftlichkeit einzubüßen!

Was für eine unglaublich spannende, vielschichtige Person Königin Victoria war, das erfährt man bereits in der sehr anschaulichen Einführung, die mir große Lust gemacht hat, weiterzulesen. Die Darstellungen sind garniert mit zahlreichen eindrucksvollen Bildern, zunächst sind es Zeichnungen und Gemälde, dann mehr und mehr Fotos - ja, es war auch die Zeit der Industrialisierung, die während des langen Regiments der Herrscherin - über 63 Jahre war sie im Amt - in voller Blüte stand und viele, viele ganz neuartige Probleme sozialer Art mit sich brachte, die man so nicht erwartet hatte.

Victoria erfüllt in vielerlei Hinsicht die Klischees, die man mit ihr in Verbindung bringt - doch in weitaus mehr Fällen tut sie es eben nicht! Es gibt viel, viel Überraschendes, was man erfährt, sowohl über ihre Ehe mit Albert von Sachsen Coburg und über anderweitige familiäre Zusammenhänge als auch über das politisch-gesellschaftliche Gefüge jener Zeit.

Der Leser muss sich einmal vor Augen halten, was die 1819 geborene Victoria alles miterlebt hat und was sie geprägt hat. Das betrifft nicht nur mannigfaltige historische Ereignisse, sondern auch ihre zu ganz überwiegenden Teilen deutsche Herkunft und Prägung, die durch die Heirat noch gefestigt wurde. Warum sie trotzdem für England steht wie kaum ein(e) andere(r) - nun, lesen Sie selbst, sie werden es nicht bereuen.

Denn Julia Baird verfügt über eine große erzählerische Kraft, durch die sie aus ihren akribischen Recherchen gepaart mit klugen Analysen und Überlegungen die Biographie einer zentralen Herrscherfigur des 19. Jahrhunderts geschaffen hat, die zu einem der wegweisenden Werke zur Europäischen Geschichte insgesamt werden könnte. Auf jeden Fall ein Meilenstein, aber kein belastender, sondern ein stilistisch so leichtfüßig tänzelnd daherkommender, dass man gar nicht merkt, wie flüssig sie sich lesen lässt - bis man feststellen muss, dass man bereits durch ist. Und auf einen ausführlichen Anhang mit zahlreichen Belegen stößt, bei dem ich nur eine Zeitleiste mit Überblicksdaten zu Victorias Leben vermisst habe.

Veröffentlicht am 28.09.2018

Weihnachtsleckereien aus Schweden

Julgodis - Weihnachtsbäckerei aus Schweden
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Das Schweden ein oder sogar DAS Weihnachtsland ist, das ist bekannt. Nicht umsonst haben sie viele eigene, damit verbundene Rituale, die anders sind als überall sonst. So zum Beispiel das Lucia-Fest, das ...

Das Schweden ein oder sogar DAS Weihnachtsland ist, das ist bekannt. Nicht umsonst haben sie viele eigene, damit verbundene Rituale, die anders sind als überall sonst. So zum Beispiel das Lucia-Fest, das Lichterfest am 13. Dezember: dann wird in der dunklen Jahreszeit dem Licht gehuldigt. Mit speziellen Liedern und mit ganz viel Licht vor allem in Form von Kerzen, die die zur Lucia ernannte Maid - blond muss sie sein - sogar auf ihrem Haupte trägt.

Meine Eltern hatten schwedische Freunde und wir wurden jedes Jahr in der Weihnachtszeit zu ihnen eingeladen. Uns erwartete ein üppig gedeckter Tisch, auf dem klassischerweise sieben Sorten Plätzchen nicht fehlen durften. Natürlich neben Unmengen von herzhaften Gerichten - hungrig musste niemand nach Hause gehen.

In diesem prallen und bunten Buch liegt der Akzent definitiv auf den süßen Weihnachtsleckereien und ich kann gar nicht sagen, ob nun die Rezepte oder die Ausstattung im Vordergrund stehen. Verlockend Süßes und verlockend Buntes in verführerischen Fotografien gibt es jedenfalls zuhauf! Ich glaube, ich habe schon vom Anschauen allein mindestens fünf Kilo zugenommen, aber da es ja um Weihnachten geht, ist das unwichtig.

Gottseidank - denn Kalorienzähler sollten dieses Buch gleich wegpacken. Zu groß die Auswahl an süßen Pralinen, Kuchen und Kleingebäck. Die von mir erwarteten Rezepte für klassische schwedische Weihnachtsbäckerei nehmen allerdings nur einen kleinen Teil ein - zu meiner Enttäuschung, muss ich sagen! Nach langem Suchen habe ich Finnische Weihnachtssterne und Safrankuchen gefunden - das passte so in etwa in mein Beuteschema. Aber mehr auch nicht, nicht einmal klassische Pfefferkuchen werden angeboten, sondern nur aus fertigen Pfefferkuchen zubereitete Leckereien.

Diese sind allerdings ungewöhnlich und innovativ und mit solch besonderen Zutaten wie Dulce de Leche und Himbeerpulver - für die es auch Anleitungen gibt - zubereitet. Der Fokus liegt auf Pralinen und opulenten Nachtischen wie Eisbomben - das alles ist zwar wirklich schick, gehört für mich aber nicht unbedingt zu Weihnachten.

Dennoch ein tolles Buch - vor allem für Leute, die ein Faible für Optik haben und gerne Neues ausprobieren. Davon ist für die nächsten Jahre auf jeden Fall genug vorhanden!

Veröffentlicht am 27.09.2018

Warum ist es am Rhein so schön?

Die vergessene Burg
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Dieser Frage gingen viele Engländer schon im 19. Jahrhundert nach und bereisten das Rheinland. Vielen davon gefiel es dort so gut, dass sie sich dort, vorzugsweise in Bonn, niederließen. Das war damals ...

Dieser Frage gingen viele Engländer schon im 19. Jahrhundert nach und bereisten das Rheinland. Vielen davon gefiel es dort so gut, dass sie sich dort, vorzugsweise in Bonn, niederließen. Das war damals eine gemütliche Stadt mit viel Lokalkolorit und herrlichen Ausblicken auf Rhein und den Drachenfels (an denen sich im Übrigen bis zum heutigen Tage nicht allzuviel geändert hat). Doch auch Kultur und Bildung spielten bereits eine Rolle: just im Jahre 1818 hatte der preußische König Friedrich III. dort eine Universität im Humboldtschen Geiste begründet - also in der Tat ein anregendes und für viele verlockendes Pflaster.

Im Jahre 1868 zieht es auch Paula Cooper, die ein zurückgezogenes Leben als Gesellschafterin einer kränklichen Verwandten führt, dorthin. Doch ihre Gründe sind ganz andere: Sie erhält einen Brief von ihrem dort lebenden Onkel Rudy, dem Bruder ihres längst verstorbenen Vaters, von dessen Existenz sie bislang gar nichts wusste. Rudy ist leider schwer erkrankt und möchte sie vor seinem Tode kennenlernen. Warum will Paulas Mutter, die kühle Margaret, diesen Besuch verhindern?

Paula jedoch lässt sich nicht aufhalten und in Bonn angekommen, offenbart sich ihr eine vollkommen neue Welt, die nicht nur das Kennen- und Schätzenlernen ihres bezaubernden Onkels, sondern auch die Begegnung mit einem für sie ganz neuen Lebensstil, einer fremden, aber auch sehr offenen Kultur und vielen faszinierenden Menschen umfasst. Und sie stellt fest, dass sie bisher fast nichts über ihre Herkunft und die Familiengeschichte wusste und dass es noch so einige Geheimnisse zu ergründen gibt, deren Auflösung sie merkwürdigerweise in Deutschland, genauer gesagt: am Rheinufer näher zu kommen scheint.

Susanne Goga hat schon durch ihre historischen Krimis um Kommissar Leo Wechsler im Berlin der 1920er Jahre ihr großartiges Talent in Sachen historische Romane unter Beweis gestellt: auf der einen Seite recherchiert sie akribisch und integriert fundierte, oft wenig bekannte Fakten in ihre Handlung, auf der anderen Seite bietet sie eine fiktive Geschichte mit jeder Menge Spannung und Emotionen - aber ohne jeglichen Kitschfaktor.

Auch hier ist ihr dies wieder aufs Trefflichste gelungen: "Die vergessene Burg" ist ein ebenso packender wie dramatischer und kluger Roman um das Schicksal einer nicht mehr ganz jungen Engländerin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur gelingt es ihr, das Porträt einer ebenso typischen wie untypischen Frau des 19. Jahrhunderts zu zeichnen, nein, sie bettet diese auch elegant und gekonnt in die historischen Gegebenheiten ein und zeichnet so ein faszinierendes Bild vom Leben vor allem der gehobenen Mittelschicht in England und Deutschland in dieser Zeit.

Ein ganz großartiges Leseerlebnis ist es, das Ihnen mit diesem wunderbaren Buch geboten wird. Susanne Goga bleibt ihrem gewohnt eloquenten und eindringlichen Stil, der stets von Humor begleitet wird, treu. Für mich als Rheinländerin ein ganz besonderer literarischer Genuss, der lange nachhallen wird und dazu einlädt, sich auch weiterhin mit der Geschichte Deutschlands, Englands, Frankreichs und weiterer Länder, vor allem aber: mit der Geschichte der Frauen zu beschäftigen. Definitiv eines meiner literarischen Highlights in den letzten Monaten!

Veröffentlicht am 22.09.2018

Carol Jordan und Tony Hill - die Zehnte!

Rachgier
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Alleinstehende Frauen sind hier die Opfer und in recht kurzer Zeit kann das Muster eines offensichtlichen Serientäters ermittelt werden: Er findet seine Opfer stets auf Hochzeiten, zu denen er keineswegs ...

Alleinstehende Frauen sind hier die Opfer und in recht kurzer Zeit kann das Muster eines offensichtlichen Serientäters ermittelt werden: Er findet seine Opfer stets auf Hochzeiten, zu denen er keineswegs eingeladen ist. Warum dies dennoch möglich ist und wie er diese Frauen dazu bringt, ihm zu vertrauen - das ist die Frage, die sich ein neu konstruiertes Team um Carol Jordan zu stellen hat. Ein Haufen unterschiedlichster Experten ist es, die sie um sich gesammelt hat und es ist fesselnd zu lesen, wie sie - jeder auf seine Art - an den Fall herangehend.

Ein toll geschriebenes, eindringliches Buch mit intensiv und wirkungsvoll dargestellten Charakteren. Vor allem das Ermittlerteam um Carol Jordan wird so plastisch dargestellt, dass ich mich als Leserin streckenweise wie ein Teil dieses Teams fühlte. Keine
Frage, dass die seit Jahren erfolgreiche Autorin Val McDermid schreiben kann wie sonst kaum eine und nicht nur im Vergleich zu Kollegen aus dem Krimi-Genre die Nase ganz weit vorne hat. Und gerade Personenbeschreibungen sind ihre Stärke, das wird hier noch einmal sehr deutlich.

Dennoch erlebte ich diesmal eine kleine Enttäuschung, obwohl ich das Buch bis zum Ende mit Genuss gelesen habe. Sagen wir mal: fast bis zum Ende. Denn gerade das Ende war es, das aufgrund von Tonys und CarolsDer Hauptgrund - die Auflösung mit all ihren Facetten war zu absehbar und deutete sich für mich im großen und ganzen ab dem letzten Drittel des Buches an.

Ein bisschen erinnert mich dieser Krimi an die letzten Werke ihrer Landsmännin Barbara Vine, wo das aufgebaute Konstrukt von "Suspense" - um einmal den berühmten, von Hitchcock geprägten Begriff zu bemühen - und Spannung nicht ganz bis zum Schluss. aufrecht erhalten werden kann. Aber das ist Meckern auf hohem, wenn nicht höchsten Niveau und dieser Band fügt sich durchaus würdig in die Jordan-Hill-Reihe ein. Wobei es am Ende durchaus Überraschungen gibt - halt in einem anderen Sinne als dem klassischen Showdown. Seien Sie also gespannt, denn Val McDermid ist eine Zitrone, in der noch sehr viel Saft ist. Was sich in diesem Krimi in einer etwas unerwarteten, doch durchaus stimmigen Form offenbart. Typisch Val McDermid eben!

Veröffentlicht am 21.09.2018

Love is in the Air

Gschlamperte Verhältnisse
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und zwar nicht nur bei Sophie, die ihren beiden Galanen - und erbitterten Konkurrenten - Charlie und Joe Obdach gewährt und zwar gleichzeitig. Nein, es finden auch Morde statt, bei denen es Frauen mit ...

und zwar nicht nur bei Sophie, die ihren beiden Galanen - und erbitterten Konkurrenten - Charlie und Joe Obdach gewährt und zwar gleichzeitig. Nein, es finden auch Morde statt, bei denen es Frauen mit Hund trifft. Dass das schon seit einigen Jahren so geht, sodass einige "Cold Cases" (ich kenne den bayerischen Begriff nicht) dabei sind, kommt - wie so vieles in Garching - durch Zufall heraus. Kann es sein, dass auch bei diesen bemitleidenswerten Damen Love in the air war bzw. ihnen vorgegaukelt wurde?

Da ein bestimmter Monat offenbar besonders im Fokus des Mörders und zudem noch vor der Tür steht, muss Sofie mal wieder scharf nachdenken - und sezieren. Natürlich mit den gewohnten Hindernissen im Weg, allen voran ihrer Chefin Dr. Iglu, die gerade ganz besonders strange drauf ist.

Klar, dass sie nicht allein dasteht, wohnt sie doch sogar derzeit bei ihrer großen Stütze Tante Vroni, wodurch sowohl sie wie auch Murmelchen in den Genuss der besten Küche Garchings kommen. Und die beiden Konkurrenten um Sofies Gunst Jo Lederer sowie der Reporter Charlie sowie weitere Akteure scharwenzeln sowieso ständig um sie herum, von Mops Murmelchen ganz zu schweigen. Aber ob das der Lösung der Fälle dienlich ist - man wird sehen.

Die Autorin Felicitas Gruber, hinter der sich ein Team aus zwei erfolgreichen Frauen mit viel Erfahrung, vor allem jedoch Begabung und Erfolg im schreibenden Metier verbirgt, schreibt durchgehend dynamisch, witzig und spritzig. Längen sucht man hier genau wie logische Fehler vergeblich, der ein oder andere eher bayernfernere Leser wie ich müsste jedoch evtl. den ein oder anderen Begriff, die ein oder andere Wendung nachschlagen. Aber das lohnt sich hundertprozentig, man wird mit einem Feuerwerk aus Spannung, Spaß und Stil belohnt.

Ich jedenfalls bleibe am Ball und freue mich schon auf den nächsten Band mit Sofie und den ihrigen!