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Veröffentlicht am 11.05.2018

Wo ist Amina?

Das Meer löscht alle Spuren
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Das möchte nicht nur ihr Mann, der berühmte iranische Autor Manash Ishmail erfahren, sondern auch ich. Ishmail und seine Frau haben einander auf der Flucht aus der Heimat verloren. Nun befindet ...

Das möchte nicht nur ihr Mann, der berühmte iranische Autor Manash Ishmail erfahren, sondern auch ich. Ishmail und seine Frau haben einander auf der Flucht aus der Heimat verloren. Nun befindet sich Ishmail als Asylbewerber in Dänemark und hat keine Ahnung, wo seine Frau ist bzw. ob sie in london, ihrem gemeinsamen Zielort jemals angekommen ist.

Journalistin Nora soll ihm helfen, das rauszufinden. Ausgerechnet Nora, die sich mit ihrer gerade wiedergefundenen großen Jugendliebe Andreas auf einer Achterbahnfahrt der Gefühle befindet und eigentlich erstmal ihr Privatleben klären sollte.

Ich habe schon den ersten Band dieser Reihe "Die Mädchen von der Englandfähre" mit Genuss gelesen. Protagonistin Nora, Londonkorrespondentin einer dänischen Zeitung, wie auch ihr ganzes Umfeld waren mir sogleich sympathisch bzw. auf eigenartige Weise vertraut und ich habe gerne Noras Privatleben, das eine recht große Rolle einnimmt, verfolgt. Diesmal läuft alles ein wenig holprig bzw. unstet - teilweise ist es ein wenig unbefriedigend, anderseits läuft in es der Realität ja oft nicht anders, weswegen ich es gerne verfolge. Manchmal allerdings würde ich Nora ein wenig mehr Entscheidungskraft und Nachdruck wünschen.

Eigenschaften, die sie im Berufsleben durchaus aufweisen kann, weswegen sie sich wieder und wieder in die Nesseln setzt. Auch hier geht es heftig zu und der Leser wird mit Menschenhandel bzw. ähnlichen Aktionen in einem eher ungewöhnlichen, aber beängstigend realistischen Kontext konfrontiert ebenso wie mit unerlaubten Machenschaften im medizinischen Bereich. Wirklich sehr aufregend, das alles, aber teilweise ein bisschen fahrig. Dennoch: ein ungewöhnlicher Krimi, den ich gerne gelesen habe. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn diese Reihe weiterläuft!

Veröffentlicht am 11.05.2018

Ein holpriger Start in eine neue Zukunft

Die geliehene Schuld
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beginnt für die langjährigen Freunde Vera und Jonathan nach dem zweiten Weltkrieg in Berlin. Wie fast alle, müssen sie ganz von vorne anfangen, doch fällt es ihnen, die keine Freunde der Nationalsozialisten ...

beginnt für die langjährigen Freunde Vera und Jonathan nach dem zweiten Weltkrieg in Berlin. Wie fast alle, müssen sie ganz von vorne anfangen, doch fällt es ihnen, die keine Freunde der Nationalsozialisten waren, dennoch leichter als manch anderem, zunächst auf Wohlstand, ja sogar auf Grundlegendes zu verzichten. Zudem sind sie seit neuestem auch Kollegen bei einer eher fortschrittlichen Zeitung - beide als Journalisten.

Umso schockierter ist Vera, als sie vom plötzlichen Tod ihres Freundes während einer Dienstreise in Köln erfährt - rasch wird ihr klar, dass es sich hier nicht um einen regulären Unfall handeln kann. Dazu war Jonathan trotz seiner jungen Jahre viel zu vorsichtig und bedacht. Bei ersten Nachforschung wird deutlich, dass er einer großen Sache auf der Spur war und dass sein Ableben damit in direktem Zusammenhang stehen könnte.

Wie auch mit einer recht frischen Bekanntschaft im Rheinland. Berlinerin Vera steckt trotz anfänglichen Schwierigkeit bald mitten in der Rechereche und kann sogar auf Kosten des Arbeitgebers Jonathans Spur seiner letzten Dienstfahrt aufnehmen, die ihn beileibe nicht nur nach Köln, sondern viel weiter in den Süden, beispielsweise nach Tirol verschlagen hat.

Sehr, sehr geheimnisvoll ist all das - und wie Vera bald merkt, auch sehr gefährlich! Denn sie stößt auf politische Verstrickungen, wie sie sie nicht mehr für möglich gehalten hat.

Ein unglaublich spannendes und gut recherchiertes Buch, in dem dem Schicksal der Altnazis, die das Ruder in der Hand hatten und ihren Verfolgern entwischen konnten, in den ersten Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges - der Roman spielt in den Jahren 1948 und 1949 - nachgespürt wird. Autorin Claire Winter hat, wie man es von ihr nicht anders kennt, ausgiebig und fundiert recherchiert und ihre Ergebnisse in eine ebenso emotionale wie spannende Geschichte eingearbeitet.

Auch wenn ich bereits bekannt war mit Werken der Autorin und diese sehr gerne gelesen habe, hat sie mich diesmal erneut komplett überrascht. Nie hätte ich geglaubt, dass ich einmal das Glück haben würde, einen so spannenden, mitreißenden und auch einfühlsamen Roman über ein derart brisantes und längst nicht "ausgeforschtes" Thema zu lesen. Ich lege ihn allen ans Herz, die gerne mal einen historischen Roman zur neuesten Geschichte Deutschlands lesen, sich dabei aber nicht mit dem Mittelmaß zufrieden geben wollen. Ein wunderbares Buch, das ich mit Sicherheit mehrfach lesen und auch des öfteren verschenken werde!

Veröffentlicht am 10.05.2018

Ein Haus - ein Mord

Krokodilwächter
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In Kopenhagen wird die Leiche einer jungen Frau gefunden und zwar in ihrer eigenen Wohnung. Wobei: das ist eine Wohnung, die Julie - so heißt das Opfer - mit ihrer Freundin teilt und zwar im Haus ihrer ...


In Kopenhagen wird die Leiche einer jungen Frau gefunden und zwar in ihrer eigenen Wohnung. Wobei: das ist eine Wohnung, die Julie - so heißt das Opfer - mit ihrer Freundin teilt und zwar im Haus ihrer Vermieterin Esther, einer emeritierten Musikprofessorin, die sich auf unterschiedliche Weite die Zeit vertreibt. Beispielsweise mit dem Verfassen eines Manuskripts, das auf frappierende Weise dem Tathergang des Mordes im eigenen Haus ähnelt. Außerdem verkehrt sie mit einem jungen Mann, der nahezu besessen von Julie ist.

Dies nur zwei der Fährten, die Autorin Katrine Engberg in diesem Krimi - ihrem Erstling - auslegt. Gut sind die Figuren beschrieben, dicht ist die Handlung, bisweilen gar so dicht, dass man als Leser droht, darin unterzugehen. So bezieht sich hierauf auch mein einziger Kritikpunkt: und zwar ist mir das Ganze ein wenig zu ausführlich erzählt.

Wobei mir die ausführliche Einführung der Autorin in das gesamte Setting durchaus willkommen ist - dieses bietet nämlich die Grundlage für die vielen Verwicklungen und Erzählstränge, die sie uns präsentiert und die förmlich einladen zum Miträtseln um die Auflösung des Falles.

Dafür sind die Ermittelnden Jeppe Kørner und Anette Werner zuständig, die der erfahrene Leser sofort als typisch skandinavisches Krimipersonal identifiziert - einerseits ein wenig melancholisch und mit privaten Problemen behaftet, andererseits konzentriert und dabei nicht unoriginell in ihrer polizeilichen Arbeit. Sie sind nicht zu dominant, verfügen aber durchaus über ausreichend Alleinstellungsmerkmale, um im Gedächtnis des Lesers zu bleiben und sich darin zu verankern - mit Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, jedenfalls in meinem Fall! Wobei diesmal ganz klar Jeppe das Zepter in der Hand hält, was die Anteile an der Handlung angeht. Vielleicht ändert sich das ja im nächsten Teil!

Ein wenig umständlich und langatmig ist die ganze Geschichte, aber nicht so sehr, dass sie Handlung insgesamt darunter leiden würde. Zum Ende hin gibt es noch die ein oder andere Überraschung und das nicht nur in Bezug auf die Auflösung des Falles. Insgesamt ist es ein gelungener Krimi ohne zu viel nordische Schwermut, dem ich viele Leser empfehle!

Veröffentlicht am 09.05.2018

Britische Exzentrik unter afrikanischer Sonne

Kenia Valley
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Wir befinden uns in den "Roaring Twenties" als der 14jährige Theo und seine Schwester Maud gemeinsam mit ihren Eltern aus dem heimatlichen Schottland kommend in Kenia "aufschlagen": nicht für kurze Zeit, ...

Wir befinden uns in den "Roaring Twenties" als der 14jährige Theo und seine Schwester Maud gemeinsam mit ihren Eltern aus dem heimatlichen Schottland kommend in Kenia "aufschlagen": nicht für kurze Zeit, nein zum Leben sind sie gekommen. Der Vater arbeitet in verantwortungsvoller Position für die - in großen Teilen noch auszubauende - Eisenbahn.

Doch das interessiert Theo herzlich wenig, der fasziniert ist von der britischen Kolonialgesellschaft vor Ort: zunächst lernt er Freddie, einen jungen, reich verheirateten Kerl und die wesentlich ältere, faszinierende Amerikanerin Sylvie kennen und erliegt ihnen beiden: von Beginn an hofft er auf ihre Gesellschaft und tatsächlich wird sie ihm quasi auf dem Tablett angeboten. Schnell ist er selbst ein Teil dieses dekadenten Trüppchens, das nicht viel mehr zu tun hat, als das Leben zu genießen.

Auch Jahre später, nach seinem Studium in Schottland zieht es ihn wieder unter die Sonne Afrikas bzw. Kenias - vor allem aus Sehnsucht nach Sylvie, aber auch nach Freddie und den anderen Genießern dort.

Ganz anders jedoch hat sich in den Jahren seiner Abwesenheit die jüngere Schwester Maud entwickelt, die den gesamten Haushalt der Familie managt und sich auch an der Landwirtschaft erprobt - immer in enger Kooperation mit der schwarzafrikanischen Bevölkerung hat sie sich zu einer Kennerin und Fürsprecherin ihrer Belange entwickelt, von denen sie viele zu ihren eigenen gemacht hat - damit ist sie ihrer Zeit weit voraus.

Wird Maud tatsächlich etwas bewirken können. Wird Theo bis in alle Ewigkeit der dekadente Junge bleiben?

Ein ungewöhnlicher Roman über eine längst vergangene Zeit. Die Autorin Kat Gordon lässt diese farbig und schillernd vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen, auf gewisse Art ist man in Gefahr, selbst der Faszination dieses "Lotterlebens" zu erliegen. Davon wird man jedoch durch die sehr deutliche Darstellung der einzelnen Charaktere abgehalten, von denen viele als wirklich verkommen bezeichnet werden können bzw. zumindest etliche Eigenschaften, die in diese Richtung führen, aufweisen können.

Ein Buch mit einer gewissen Sogwirkung, wobei ich, als ich es aus der Hand legte, froh war, es "nur" gelesen und nicht erlebt zu haben: dieses intensive Leben, in dem einem die dicksten Trauben einfach so in den Rachen zu purzeln scheinen - natürlich nur, wenn man zur weißen Oberschicht gehört, hat etwas Erschreckendes an sich. Wer gerne - zumindest literarisch - in ferne Länder reist und keine Angst vor Extremen hat, der liegt hier richtig!

Veröffentlicht am 07.05.2018

Eine Art Nachruf

Eine Liebe, in Gedanken
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Aber ein ganz besonderer ist es, den hier eine Tochter auf ihre gerade erst verstorbene Mutter Antonia, genannt Toni, hält: sie spürt einer längst vergangenen Beziehung Tonis nach, die sich lange vor ihrer ...

Aber ein ganz besonderer ist es, den hier eine Tochter auf ihre gerade erst verstorbene Mutter Antonia, genannt Toni, hält: sie spürt einer längst vergangenen Beziehung Tonis nach, die sich lange vor ihrer eigenen Geburt zutrug.

Edgar und Toni, Toni und Edgar: das lief mehrere Jahre, aber dann... Die - namenlose - Tochter macht sich ihre eigenen Gedanken, ihr Abschied von der plötzlich verstorbenen Mutter, der in der Gegenwart spielt, bildet sozusagen den Rahmen um längst Vergangenes. In einer Art Tagebuch, das sie mosaikartig aus im Nachlass Gefundenem und eigenen Gedanken zusammengesetzt hat, setzt sie ihrer Mutter, bzw. dieser einen Beziehung ihrer Mutter ein Denkmal, versucht sie, die in gewisser Weise Rastlose zu verstehen. Daraus geht hervor, dass Toni bereits in den 1960ern auf eine bestimmte Art und Weise ihrer Zeit voraus war. Kein Heimchen am Herd war sie, nein, eine berufstätige Frau, die Edgar ein schönes Leben zeigte. So sieht Edgar selbst es nach fünfzig Jahren. Und ging aus beruflichen Gründen nach Hong Kong - auch er gewissermaßen ein Rastloser. Warum es dann kein Miteinander, keine gemeinsame Lebensplanung gab, das bleibt in weiten Teilen im Dunkeln.

Eigentlich ein geschickter Schachzug, den ich sehr zu würdigen gewusst hätte, wenn die weiteren Bestandteile gestimmt bzw. gepasst hätten. Einige Elemente, zum Beispiel die Wahrnehmungen der Tochter beim Räumen der mütterlichen Wohnung, sind sehr eindringlich dargestellt, aber sehr vieles bleibt zu statisch, es gibt zu wenig Handlung gerade auch in Bezug auf Emotionen - und das, obwohl der Stil keineswegs Kühle transportiert. Da wiederholt sich vieles.

Toni und Edgar - zwei rastlose Gestalten, die aneinander vorbeigeeilt sind? Irgendwie schon, so wie die Handlung teilweise auch an mir vorbeigeglitten ist. Mir hat dieser Roman um einiges besser gefallen als der Erstling der Autorin Kristine Bilkau, aber trotzdem, so ganz warm werde ich mit ihr nicht.