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Veröffentlicht am 13.06.2018

Ein Deutscher im australischen Busch

Die Schlingen der Schuld
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Und dazu noch tot! Dieter Schäfer, der seine besten Jahre bereits überschritten hat und als ehemaliger Polizist inzwischen in Australien seinen Ruhestand genießt, ist auf brutalste Weise ermordet worden. ...

Und dazu noch tot! Dieter Schäfer, der seine besten Jahre bereits überschritten hat und als ehemaliger Polizist inzwischen in Australien seinen Ruhestand genießt, ist auf brutalste Weise ermordet worden. Aber warum? Der Hamburger und bekennender HSV-Fan, der in der - zugegebenermaßen nicht gerade überbevölkerten - weiteren Umgebung bekannt war wie ein bunter Hund, war eigentlich recht beliebt und selbst denen, bei denen er nicht ganz so hoch im Kurs stand, kann Ermittler Clement beim besten Willen kein deutliches Mordmotiv sehen. Oder erkennt er da einige ganz wesentliche Zusammenhänge nicht?

Denn der Cop - seinerseits ganz klar im besten Mannesalter und nicht gerade unattraktiv - ist nicht immer ganz bei der Sache. Grund dafür ist die Trennung von seiner Frau Marilyn, an der er noch immer hängt - und vor allem das dadurch nicht mehr ganz unkomplizierte Verhältnis zu seiner Tochter Phoebe, an der er sehr hängt. Dass er ihre Entwicklung nun nicht mehr auf Schritt und Tritt begleiten kann - damit kommt er nur sehr schwer zurecht.

Zudem hat sein Vorgesetzter auch noch ein Auge auf ihn - die Sache ist also nicht ganz einfach. Es gibt eine Menge Zeugen und damit mögliche Tatverdächtige, so dass der Leser munter mit spekulieren kann.

Aber: so eindringlich, wie die Beschreibungen der australischen Landschaft und ihrer Bewohner sind, so behäbig gestaltet sich die Entwicklung des Kriminalfalls. Zumindest meiner Ansicht nach. Ich musste mich von Zeit zu Zeit sogar zum Weiterlesen zwingen, denn so richtig neugierig war ich trotz des durchaus sympathischen und attraktiven Protagonisten nicht immer.

Teile der Auflösung waren aus meiner Sicht dann auch durchaus vorhersehbar und diejenigen, die wirklich überraschend kamen, waren alles andere als spektakulär. Weit davon entfernt jedenfalls, mich für meine Geduld zu belohnen.

Aus meiner Sicht ein mittelmäßiger Krimi, der Australienfans aber sicher Spaß bringen wird!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Atmosphäre
  • Spannung
  • Charaktere
  • Geschichte
Veröffentlicht am 11.06.2018

Pendlerschicksale

Das Mädchen, das in der Metro las
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stehen in diesem kleinen Büchlein im Vordergrund, vor allen Dingen dasjenige von Juliette, die tagein, tagaus mit der Metro zu ihrem Arbeitsplatz in einem tristen Maklerbüro fährt. Doch unterwegs taucht ...

stehen in diesem kleinen Büchlein im Vordergrund, vor allen Dingen dasjenige von Juliette, die tagein, tagaus mit der Metro zu ihrem Arbeitsplatz in einem tristen Maklerbüro fährt. Doch unterwegs taucht sie in eine andere Welt bzw. in viele unterschiedliche Welten - je nachdem, was sie so gerade liest.

Doch eines Tages steigt sie früher aus und der Zufall - ist es wirklich einer? - führt sie zum eigenbrötlerischen Soliman, der aus seiner Leidenschaft - den Büchern - nicht einen Beruf, sondern eine Passion gemacht hat. Inspiriert von Bookcrossing verteilt er Bücher - und davon hat er Tausende - unter die Menschen, aber nicht wahllos. Nein, im Gegenteil: jedem soll das Buch zukommen, das er gerade braucht.

Natürlich kann Soliman diese selbst gesetzte Aufgabe nicht allein bewältigen - nicht zuletzt aus dem Grund, dass er selbst nie das Haus verlässt, sondern setzt Kuriere für die Verbreitung der gedruckten Werke ein. Und bald schon ist Juliette eine von ihnen...

Sie geht bei Soliman und seinem Töchterchen Zaide ein und aus - und eines Tages kündigt Soliman sein baldiges Verschwinden an und bittet Juliette um Hilfe.

Ein Romänchen über die Leidenschaft von Büchern ist dies, könnte man sagen, wenn "Romänchen" nicht einen so abfälligen Beigeschmack hätte. Doch ich muss gestehen, ein wenig neige ich doch zum Gebrauch dieses Wortes, fehlt mir doch ganz eindeutig das Futter, bzw. die Würze, die diese Geschichte zu einer ganz besonderen macht. Die Figuren sind nicht sehr eindringlich beschrieben, auch den ganzen Botschaften, die durch die Inhalte der Bücher gesendet werden (sollen), fehlt es oftmals an Saft und Kraft. Die Geschichte eines geheimnisvollen Mannes aus dem Orient und einer Französin, die ihre Berufung findet, ist zwar nicht richtig daneben gegangen, auf der anderen Seite ist sie aber auch nicht so richtig gelungen. Ich jedenfalls hätte mir einiges mehr an Wendungen, auch an Irrungen gewünscht, ein paar Wege mehr, die mit den Büchern beschritten werden, ein paar richtig "saftige" Figuren, die man ähnlich Momo oder auch der Bücherdiebin Liesel nie wieder vergisst.

Märchenhafter Realismus ist es, der den Leser während seiner Lektüre umfängt, aber eben nicht vollständig - man wird davon stellenweise berührt, nicht jedoch umhüllt. Deswegen leider ein paar Abstriche in der Bewertung dieses so vielversprechenden Romans!

Veröffentlicht am 10.06.2018

Einen sowohl erschütternden als auch grausigen Fund

Der letzte Gast
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macht Dogwalkerin Mia Kaminski an einem Nachmittag, als sie eigentlich nur den ihr anvertrauten Hund zur täglichen Nachmittagsrunde abholen will: sie findet dessen Frauchen, die schwerkranke Berna Kiening, ...

macht Dogwalkerin Mia Kaminski an einem Nachmittag, als sie eigentlich nur den ihr anvertrauten Hund zur täglichen Nachmittagsrunde abholen will: sie findet dessen Frauchen, die schwerkranke Berna Kiening, die ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen wollte, tot vor. Relativ schnell steht fest, dass es sich um einen Mordfall handelt - für Mia ist diese Information nur schwer zu ertragen, da sie diese ältere Dame schon seit ihrer Kindheit kannte und schätzte.

Und mehr noch: Mia kannte auch Bernas Verwandte, mit deren Neffen Nikolai Nawrath verband sie sogar eine noch nicht allzulang zurückliegende Liasion, die für sie allerdings desaströs endete. Sowohl er als auch seine Geschwister und die Mutter finden sich rasch im Kreise der Verdächtigen wieder, denn Berna hinterlässt ein nicht gerade geringes Vermögen, das auch Aktien am familieneigenen Unternehmen beinhaltet.

Sie alle haben ihre eigenen Interessen und so findet sich Mia bald in einem aussichtslos scheinenden Kampf gegen den Nawrath-Clan wieder. Doch auch sie ist nicht allein, sondern ist als WG-Bewohnerin eingebunden in ein enges Verhältnis mit ihren Mitbewohnern und weiteren Nachbarn.

Somit wird nicht nur Mia, sondern ihr gesamtes Umfeldin das Geschehen einbezogen und die Handlung gestaltet sich entsprechend lebhaft, wenn auch nur streckenweise spannungsreich. Dann aber geht es richtig zur Sache.

Kraftvoll und einprägsam beschreibt die Autorin Sabine Kornbichler Kristina und ihre Umgebung: es entsteht ein ausgesprochen atmosphärisch gezeichnetes Bild aller Schauplätze, der Leser kann sich bildhaft vorstellen mittendrin zu sein. Das einzige Manko ist aus meiner Sicht, dass einige der Abläufe ein wenig zu gedehnt (langatmig wäre aus meiner Sicht übertrieben) dargestellt werden, einige der Figuren zu wenig eindringlich gezeichnet sind, um wirklich zu überzeugen.

Insgesamt aber ein ungewöhnlicher, wortstarker Krimi, der aus der Masse hervorsticht und im Gedächtnis bleibt: Sabine Kornbichler kann es wahrhaft mit den großen skandinavischen, englischen und amerikanischen Kolleginnen, bspw. mit Viveca Sten, Camilla Läckberg, aber auch mit Elizabeth George aufnehmen. Ihre Protagonistin, die Dogwalkerin Mia Kaminski ist ein interessanter Charakter, der nachhaltig in Erinnerung bleibt. Ich hoffe sehr, dass dieser Krimi den Start einer Reihe markiert - ich mag den gekonnten Stil und das ungewöhnliche Setting so gern, dass ich jeden einzelnen Band gleich nach der Veröffentlichung lesen würde.

Veröffentlicht am 07.06.2018

"Kann man deutsch reden in der Hölle?" (S.161)

Hochdeutschland
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Victor ist ein IT-Boy bzw. IT-Mann mit einem IT-Beruf, nämlich Investmentbanker. Er kennt alle Schlupflöcher und weiß, wie man sich durchschlägt. Und er hat einen kritischen Blick auf die deutsche Gesellschaft, ...

Victor ist ein IT-Boy bzw. IT-Mann mit einem IT-Beruf, nämlich Investmentbanker. Er kennt alle Schlupflöcher und weiß, wie man sich durchschlägt. Und er hat einen kritischen Blick auf die deutsche Gesellschaft, einen, in dessen Ansichten man sich durchaus auch mal wiederfinden kann - ich zumindest. Aber allzu zielorientiert ist er - trotz beruflichen Erfolgs und des damit verbundenen großen materiellen Reichtums - nicht. Er ist ein Typ, der sich nimmt, was er braucht, der andere auf Abstand hält. Von der Mutter seiner Tochter ist er seit langem getrennt, denn "eine Konstante in seinem Leben war schon immer das Gefühl gewesen, sich gerade in einer Übergangsphase zu befinden." (S. 15)

Inzwischen Mitinhaber einer kleinen, aber erfolgreichen Privatbank, erfährt er Überdruss, ja Langeweile, die sich durch Zynismus wie auch einen abschätzigen Blick auf seine Umgebung und nicht zuletzt auf sich selbst äußert. Und durch eine gewisse Kreativität: Er schreibt so ein bisschen vor sich hin und zwar einerseits an einem verwegenen Roman, der streckenweise auch aus der Werkstatt eines Konsalik oder auch von Hanni Münzer stammen könnte, so rund geht es da.

Seine Gedanken zu dem Leben in Deutschland jedoch bündelt er in einem Manifest, in dem er unter anderem - und das trotz seiner eigenen, stark untertrieben gesagt, ausgesprochen rosigen finanziellen Lage - eine Obergrenze für Vermögen fordert. Die Regulierung nicht nur dieser Maßnahme soll auf eine sehr eigene Art und Weise, nämlich durch die Gründung der weltgroßen staatlichen Fondsgesellschaft GINA (German Investment Authority), erfolgen.

Eigentlich einfach mal so verfasst, beinhaltet es jede Menge Gedanken zum Leben in Deutschland, zur Gesellschaft und Wirtschaft und zum Umgang damit. Diese macht sich Victors Studienfreund Ali Osman, seit Jahren erfolgreich als Grünen-Politiker tätig, für die Neugründung einer Partei zu eigen. Einer Partei mit einer populistischen Ausrichtung, wie sie gerade quasi aus dem Boden sprießen. Und schon findet sich ein neuer Weg für Victor - in Richtung der politischen Bühne.

Wird er dort reüssieren? Und wird er den Werte, die für ihn dann doch immer wieder mal eine Rolle spielen, allem voran die Verbindung zu seiner von ihm getrennt lebenden, ihm jedoch sehr nahestehenden Tochter Victoria, treu bleiben können. Einer Tochter, der er Gott und die Welt erklärt, die er darüber informiert, dass die Deutschen früher einmal richtig böse waren - was Grund ist für die titelgebende Fragestellung (siehe oben).

Wie sie jetzt oder in Zukunft sind oder sein könnten - davon können Sie sich mithilfe dieses Romans ein teilweise durchaus erschreckendes Bild machen. Mich hat vor allem die Erkenntnis bewegt, dass viele extreme Gedanken aus Langeweile oder Teilnahmslosigkeit entstehen. Keine leichte Kost, auch keine, die für mich durchgehend gut zu verdauen war - doch gelohnt hat es sich alle Male. Für alle, die erfahren möchten, was sich möglicherweise in ihrer Umgebung so tut.

Veröffentlicht am 04.06.2018

Drei Generationen von Frauen unter einem Dach

Der Mut zur Freiheit
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Eine dramatische und bewegende Familiengeschichte schildert die Autorin Katja Maybach in ihrem Roman "Der Mut zur Freiht" und taucht dabei tief ein in die Geschichte Spaniens unter General Franco. Konkret ...

Eine dramatische und bewegende Familiengeschichte schildert die Autorin Katja Maybach in ihrem Roman "Der Mut zur Freiht" und taucht dabei tief ein in die Geschichte Spaniens unter General Franco. Konkret geht es um das Jahr 1947.

Thematisiert wird - wie eigentlich immer in Katja Maybachs Romanen - vor allem das Leben der Frauen in dieser schweren Zeit der Diktatur, die mit dem zweiten Weltkrieg nicht endete, sondern im Gegenteil noch gestärkt wurde. Im Mittelpunkt stehen diesmal drei Generationen einer Familie: Wäschereibesitzerin Margarita, die gezwungenermaßen in Madrid einen Neuanfang starten musste und sich zu einer wohlhabenden Frau hochgearbeitet hat, ihre Tochter Valentina, ausgebildete Fotografin, jetzt jedoch für die Regierung tätig und deren Tochter Olivia, die bereits in jungen Jahren der neue Star am Flamenco-Himmel von Madrid, nein, von ganz Spanien ist. Sie teilen sich ein Haus, quasi eine Festung der Frauen, denn keine von ihnen lebt mit einem Mann zusammen. Doch das bedeutet nicht, dass es in dem Leben dieser drei Frauen keine Männer gibt.

Ein Konzept, das nicht neu ist bei Katja Maybach, doch der historische und auch dramatische Kontext ist wie jedesmal vollkommen unterschiedlich zu den Gegebenheiten der vorherigen Romane und wird wie immer eindringlich geschildert.Wie immer bei Katja Maybach - und das mag ich ganz besonders gern - sind es die Frauen, denen eine ganz besondere Rolle und Relevanz zukommt.

Katja Maybach ist eine Autorin, auf die man sich verlassen kann, sowohl hinsichtlich der historischen Einbettung als auch der Erzählkunst, die so gekonnt ist, dass es schwer ist, die Lektüre vor dem eigentlichen Ende zu unterbrechen. Was ich noch an den Romanen von Katja Maybach schätze: ihre Protagonisten sind keineswegs durchgehend Sympathieträger. Im vorliegenden Buch fiel es mir bis zum Schluss schwer, Verständnis für einige Handlungen ganz besonders der Tochter bzw. Enkelin Olivia zu entwickeln, was aber meiner Lesebegeisterung keinen Abbruch tat.

Hier weicht die Autorin ein wenig von ihren Gepflogenheitenab. Auch diesmal steht sie wie so oft nicht unbedingt für ein überraschendes Ende. Doch anders als sonst hält sie auf dem Weg dorthin eine ganze Menge von überraschenden Wendungen und Einschüben für den Leser parat.


Alles in allem macht dieses Buch große Lust auf weitere Roman von Katja Maybach, soweit man diese noch nicht alle verschlungen hat. Ich habe das Gefühl, ich treffe eine langjährige (beste) Freundin im neuen Kleid oder mit einer neuen Frisur! All das Vertraute, was ich an der Autorin Maybach so gerne mag, ist komplett vorhanden, doch es fehlt auch nicht an Neuem, Besonderem, womit ich mich bei einem neuen Buch gerne überraschen lasse.

Das vorliegende ist wärmstens zu empfehlen für jeden, der gerne mal einen hochwertigen, ausgezeichnet recherchierten historischen Roman liest und beim sich beim Lesen nicht nur in vergangene Zeiten, sondern auch in fremde Länder entführen lässt. Ein sehr dichtes, kluges, anschauliches und spannungsreiches Buch, das eher die weibliche Leserschaft adressiert, doch aufgrund der atmosphärischen Schilderung und der vorzüglichen Rechercheleistung auch dem ein oder anderen historisch interessierten Herren - sofern er einer süffigen Erzählweise mit romantischen Elementen nicht abgeneigt ist - eine interessante Lektüre bescheren könnte. Ich jedenfalls habe das Buch über die mutigen und kraftvollen Frauen im Madrid der 1940er Jahre erst nach der letzten Seite aus der Hand legen können. Ich fühle mich sowohl bewegt als auch in vielerlei Hinsicht bereichert und fiebere schon dem nächsten Maybach-Roman entgegen!