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Veröffentlicht am 18.04.2018

Aussiedeln mit Kinderaugen

Sitzen vier Polen im Auto
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Aussiedeln mit Kinderaugen

Polen, vor allem Oberschlesien, Ende der 1980er Jahre, also nach Tschernobyl ist trist und grau - im Wunderland BRD gibt es Süßigkeiten, Farben ... und vor allem Quelle-Kataloge! ...

Aussiedeln mit Kinderaugen

Polen, vor allem Oberschlesien, Ende der 1980er Jahre, also nach Tschernobyl ist trist und grau - im Wunderland BRD gibt es Süßigkeiten, Farben ... und vor allem Quelle-Kataloge! Das ist zumindest der Eindruck der achtjährigen Ola, der sich nur allzu deutlich beim ersten Heimatbesuch des bereits ausgesiedelten Onkels Marek bestätigt, der nicht nur massenweise Weihnachtsgeschenke, sondern auch Südfrüchte der köstlichsten Art mit sich führt. Da kann das triste, graue Polen nicht mehr mithalten, finden auch Olas Eltern und wandeln einen Besuch im Westen kurzenhand in einen dauerhaften Aufenthalt um.

Ein Weg voller Dornen, der jedoch aus der Sicht von Ola mit so viel Humor beschrieben wird, dass dem Leser auf mindestens jeder zweiten Seite Lachtränen in den Augen stehen. Es gibt massenweise schräge Charaktere, allen voran Olas Oma, eine Lebenskünstlerin, die Wert auf ihr Äußeres legt und in jeder Situation ihre Interessen zu wahren weiß. Doch auch Leidensgefährten wie die ebenfalls ausgesiedelte Familie Ogórek tragen zur Heiterkeit bei, wenn auch nur aus Sicht des Lesers - Ola und ihrer Familie machen sie das Leben häufig eher schwer.

Überhaupt legt die 1981 geborene Autorin ihr Hauptaugenmerk auf soziale Mißstände - nicht jedoch anklagend oder gar mit erhobenem Zeigefinger. Nein, eher beiläufig und aus Olas subjektiver Sicht wird das beileibe nicht einfache Leben der polnischen Aussiedler in Deutschland dargestellt, die oft ablehnende Haltung der Deutschen und vor allem auch der bereits länger hier lebenden Polen aufgezeigt. Von Zeit zu Zeit treibt die gelungene Darstellung der Gegebenheiten - natürlich ebenfalls aus kindlicher Perspektive - dem Leser Tränen der Betroffenheit in die Augen.

Doch das allergrößte Plus: Alexandra Tobor kann über sich selbst lachen - sowohl im kleinen als auch im großen, also das gesamte polnische Volk umfassend. Sätze wie "Eine Polin ließ sich nicht einmal von wurmdicken Krampfadern davon abhalten, in der Öffentlichkeit Bein zu zeigen." (S. 77) zeigen uns die Nachbarn im Osten von einer neuen Seite. Ein absolutes Lesevergnügen und ein Kleinod der Gesellschaftskritik, das quasi beiläufig zur Völkerverständigung beitragen kann. Ich lege dieses im allerbesten Sinne emotionale Buch jedem ans Herz, der Ausländer und fremd ist irgendwo auf der Welt - also eigentlich ausnahmslos allen!

Veröffentlicht am 18.04.2018

Hefeträume

Lust auf Hefe
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Ich sage es gleich zu Beginn: ich backe gern. Richtig gern. Salziges und Süßes. Ich komme nicht sehr oft dazu, aber ab und zu nehme ich mir die Zeit. Doch auch dann gilt: es muss schnell gehen und unkompliziert ...

Ich sage es gleich zu Beginn: ich backe gern. Richtig gern. Salziges und Süßes. Ich komme nicht sehr oft dazu, aber ab und zu nehme ich mir die Zeit. Doch auch dann gilt: es muss schnell gehen und unkompliziert sein. Deswegen (und natürlich auch des leckeren Geschmacks wegen) schwöre ich auf Hefe. Stimmt nicht? Hefe geht (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht schnell? Doch, was die reine Zubereitungszeit betrifft, schon. Und auf jeden Fall ist es unkompliziert. Denn wenn man bestimmt Faktoren (ein bisschen Wärme zum Beispiel, gut vermischen bzw. verkneten) berücksichtigt, ist das wirklich kein Zauberwerk.

So habe ich mich sehr gefreut über dieses Buch mit Heferezepten. Es ist voll mit interessanten Vorschlägen und diversen Variationen - hier wird gezeigt, was man mit Hefe alles machen kann. Natürlich auch Aufwändiges und (ein bisschen) Kompliziertes. Aber das dürfen dann die machen, die die Zeit und vor allem die Geduld dazu haben. Es gibt Rezepte für große Hefestücke wie bspw. Zöpfe, für Plundergebäck, Fettgebackenes, Regionales und mehr. Also jede Menge Abwechslung. Aber: keine Brote. Mich stört das jetzt nicht so, aber insgesamt - so finde ich - sollte dieser Prototyp des Hefegebäcks in einem so umfassenden Buch dann doch zumindest auftauchen.

Und: fast alles wird mit Weizenmehl gebacken (als einzige andere Möglichkeit gibt es ein paar Rezepte mit Dinkelmehl), es gibt dazu und auch zu anderen Abwandlungsmöglichkeiten wenig Variationsvorschläge. Was ich gut finde, sind die Tipps, die gelegentlich auftauchen, wenn sie auch recht spärlich gesät sind. Weitere Infos gibt es wenig, was ich schade finde bei solch unikalen Vorschlägen wie dem Siegerländer Reibekuchen (das ist ein Brot in Kastenform). Ein paar Worte zu der Tradition und dazu, wie man es ißt (mit Butter? Warm? Abgekühlt? Mit süßem Belag? Oder ganz ohne?) wären hilfreich gewesen.

Aber insgesamt sind es gut erläuterte, lecker fotografierte Rezepte, die sich in diesem Buch finden. Ich denke, ich werde oft darauf zurückgreifen!

Veröffentlicht am 17.04.2018

Ein bunter Hund

Eiskalter Hund
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Das ist Lebensmittelkontrolleur Berti Fellinger aus dem Bayerischen Wald, der sich eigentlich zu Höherem berufen fühlt. Er wollte nämlich eigentlich Polizist werden, hat aber nicht so recht hingehauen. ...

Das ist Lebensmittelkontrolleur Berti Fellinger aus dem Bayerischen Wald, der sich eigentlich zu Höherem berufen fühlt. Er wollte nämlich eigentlich Polizist werden, hat aber nicht so recht hingehauen. Und so stürmt er halt die lokalen Imbisse und Gaststätten - dort hat er inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt - und versucht, sich dort auszutoben. Bis er eines Tages beim Chinesen auf einen weiteren Hund trifft, einen gehäuteten nämlich - dort für den Eigenverzehr gelagert. Aus Versehen überfahren und dann eingesack. Aber was ist mit dem Frauchen? Dem sieht es nämlich gar nicht ähnlich, dem verschwundenen Liebling nicht nachzuspüren. Dazu gäbe es nur einen Grund: sie kann nicht.

Da niemand den Fellinger ernst nimmt, muss er selbst recherchieren.Und das tut er, auch wenn ihn zunächst keiner ernst nimmt. Sogar auf internationaler Ebene. Denn wenn es nicht beim Hund bleibt, dann - nicht auszudenken!

Sosehr ich bayerische Krimis - Franz Eberhofer ist mein Gott - und den Autor Oliver Kern auch schätze, diesmal konnte er mich leider nicht vom Hocker reißen. In der Tat nimmt sich Berti Fellinger wie ein etwas farbloser Cousin vom Eberhofer Franz aus. Irgendwie nahm die Geschichte aus meiner Sicht nur langsam Fahrt auf und so richtig warm wurde ich auch mit dem Berti nicht. Vielleicht ja im nächsten Fall - hoffentlich!

Veröffentlicht am 16.04.2018

Portugal gegen Japan

Portugiesische Tränen
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Klingt wie ein Fußballspiel bei dem - wenn man nach der Überschrift geht - der Europameister Portugal ganz klar im Vorteil ist. Nicht nur aufgrund des Heimvorteils. Ob solch ein Vorteil in dieser Angelegenheit ...

Klingt wie ein Fußballspiel bei dem - wenn man nach der Überschrift geht - der Europameister Portugal ganz klar im Vorteil ist. Nicht nur aufgrund des Heimvorteils. Ob solch ein Vorteil in dieser Angelegenheit überhaupt nützlich ist?

Denn Hendrik Falkner - er ist sozusagen der deutsche Faktor in diesem "Länderspiel" stößt in seinem nunmehr dritten Lissabon-Fall erstaunlicherweise auf japanische Spuren. Wir erinnern uns: er war von seinem verstorbenen, ihm gänzlich unbekannten Onkel Martin zum Erben eines Hauses mit ein paar Zugaben, bspw. nicht gerade zahlungskräftigen Mietern, auserkoren worden, was sich immer mehr als vielschichtiges wie auch fragwürdiges Unterfangen herausstellte - auf den ehemaligen Polizisten Henrik kommt auch in diesem dritten Fall, in dem es neben der zentralen Frage um den Mörder von Onkel Martin auch noch um andere Tote geht, einiges an Recherchearbeit und Spurensuche zu und die ist wahrlich nichts für zarte Gemüter.

Trotzdem: Wie ein perfekter Urlaubstag wirkt dieser Krimi auf mich: Entspannend und belebend zugleich, dazu unterhaltsam auf höchstem Niveau! Das hat mit dem unglaublich atmosphärischen Stil des Autors Luis Sellano zu tun - Lissabon quillt dem Leser aus jedem Wort entgegen.

Und das, obwohl es an manchen Stellen ziemlich starker Tobak ist, den man hier zu lesen bekommt, aber ich wusste ja, auf was ich mich einlasse: Nämlich auf einen Krimi, und in denen gibt es bekanntlich mindestens eine Leiche!

Natürlich tauchen auch wieder diverse Figuren aus dem engeren und weiteren Umkreis seines Onkels auf, wovon einige durchaus bemerkenswert, andere wieder sehr nett, manche dagegen eher gewöhnungsbedürftig sind. Und den ein oder anderen, bzw. die eine hat Hendrik gar bereits lieben gelernt. Aber mehr verrate ich nicht!

Wieder hat der Leser die Gelegenheit, zusammen mit Henrik Lissabon zu durchstreifen, es peu á peu zu erobern. Und es geht mehr und mehr in verborgenere Ecken, nicht mehr sind es nur die größten Tourismusfallen, in die der Autor uns lockt - gemeinsam mit Hendrik, der sich mehr und mehr einlebt, lernen wir immer mehr von der Stadt kennen. Und dafür gibt es im Innenumschlag sogar eine Karte, auf der sich die zentralen Handlungsorte des Krimis geographisch festmachen lassen. Eine charmante Komponente in einem sehr lebendigen Krimi, der einmal mehr mit einem Cliffhanger endet, diesmal einem, den ich so gar nicht einordnen kann. Tröstlich dabei ist, das ich mir nicht vorstellen kann, dass der Autor uns darben lässt - nein, bestimmt bereitet er schon den viertenTeil vor, bei dem es weiter geht mit Henrik und seinem portugiesischen Erbe - und natürlich mit Abenteuern am laufenden Band! Für den Urlaubskoffer sehr zu empfehlen!

Veröffentlicht am 16.04.2018

Stavanger und Schlesien

Das Lied des Nordwinds
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also Norwegen und das deutsche Reich: das sind die beiden Ausgangspunkte des vorliegenden Romans. Was diese wohl verbinden mag? Wir schreiben das Jahr 1905, in dem sich im fernen Norwegen die junge Magd ...

also Norwegen und das deutsche Reich: das sind die beiden Ausgangspunkte des vorliegenden Romans. Was diese wohl verbinden mag? Wir schreiben das Jahr 1905, in dem sich im fernen Norwegen die junge Magd Liv aufmacht von Sandnes, dem heimatlichen Dorf aus in die Stadt Stavanger, um dort eine Stellung bei einer Lehrersfamilie anzunehmen. Das bedeutet eine große Verantwortung, denn durch diese Position wird sie ihre ganze Familie, die seit einem Arbeitsunfall des Vaters in bitterer Armut lebt, ernähren müssen. Nach ihren eigenen Vorstellungen fragt niemand. Doch trotz des strengen Regimes des Hausherrn Oddvar Treske und des recht passiven Verhaltens seiner Frau findet Liv bald Gefallen an der neuen Stellung. Zu dem Umstand, dass sie sich nun Tag für Tag satt essen kann, kommen eine angenehme Zusammenarbeit mit der Köchin und nicht zuletzt der Kontakt mit Elias, dem Sohn des Hauses, der nicht gerade einen leichten Stand hat.

Auf der anderen Seite steht Karoline, die zur gleichen Zeit in Schlesien ein trostloses Leben führt: ihr mangelt es zwar nicht an Speis und Trank, doch erkennt sie kurz nach der Hochzeit, dass ihr attraktiver Gatte sie nur aus materiellen Gründen geheiratet hat: er vernachlässigt sie bald schmählich und treibt sich in der Weltgeschichte herum. Sie sieht ihn nur alle Jubeljahre und bekommt von ihrer Schwiegermutter Alwine dafür noch ständig Schuldzuweisungen zu hören. Vor allem dafür, dass sie nicht für die lang ersehnten Enkel sorgt.

Als ob das so einfach wäre: doch irgendwann reicht es ihr und sie hat eine Idee: offenbar hat ihr Mann nämlich in Norwegen bereits vor ihrer Ehe für unehelichen Nachwuchs gesorgt, den sie doch herbeischaffen könnte! Gedacht, getan: mithilfe ihrer alten Schulfreundin Ida, die in Görlitz haust, macht sie sich auf den Weg nach Norwegen. Da wir uns jedoch noch im Kaiserreich befinden, ist das nicht so einfach: Letztendlich findet sich ein Weg: Karoline schlüpft unter falscher - oder sagen wir - modifizierter Fahne in die Rolle einer Gesellschafterin und begibt sich an der Seite von Frau Bethge, einer älteren Witwe, die vor Lebenslust nur so sprüht, über das Meer in Richtung Norden.

Der Leser wird durchgehend mit Sprüngen zwischen Livs und Karolines Schicksal konfrontiert - die Kapitel beleuchten abwechselnd die Geschicke der beiden Frauen. Ein Wechsel, der durchaus gelungen ist. Vor allem über die Umstände, aber auch über den Zeitgeist, der vor dem 1. Weltkrieg herrschte, erfährt man so einiges. Auch die Darstellung der damaligen Strukturen und Einschränkungen für Frauen in Deutschland und Norwegen auf der einen, über dennoch vorhandene Möglichkeiten und Auswege auf der anderen Seite ist sehr spannend.

Der Roman hätte aus meiner Sicht gut ein paar Figuren und damit einige Nebenschauplätze weniger haben können, um sich mehr auf die wirklich Wichtigen und deren Geschichten zu konzentrieren. Für mich war der Teil um Karoline der wesentlich interessantere, auf den ich mich aufgrund der wunderbar recherchierten, atmosphärisch geschilderten Details aus früheren Zeiten immer sehr gefreut habe. Dabei hatte auch Livs Geschichte viel Potential, das aber leider nicht ganz ausgeschöpft wurde.

Zudem hätte mich das Schicksal und die Entwicklung einiger Figuren - Karolines Reisegefährtin Frau Bethge und ihre Freundin Ida auf der einen, waren hier sehr vielversprechend - interessiert. Deren Schicksale, die auch für sich sehr interessant waren, wurden ein wenig unter den Tisch gekehrt. Bei Liv hingegen waren es eher einige Erzählstränge an sich, die ein bisschen intensiver hätten verfolgt werden können: ihre Geschichte blieb neben der von Karoline ein wenig kraftlos, obwohl sie für den Erzählverlauf nicht weniger relevant war.

Aber das ist Kritik auf hohem, sogar auf sehr hohem Niveau: Insgesamt habe ich einen packenden und mitreißenden, dazu gut geschriebenern Roman mit viel Herz genießen dürfen, der Freunden und vor allem Freundinnen langer Schmökerabende herzlich zu empfehlen ist!

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