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Veröffentlicht am 21.02.2018

Zwei, die nicht von der Musik lassen können

Ein letztes Lied für dich
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und voneinander auch nicht.

Das sind Edie, zu Kriegszeiten schon eine bekannte Sängerin und der junge Fox, Benjamin unter drei Brüdern, dessen Herz sowohl an der Klassik als auch an folkloristischer Musik ...

und voneinander auch nicht.

Das sind Edie, zu Kriegszeiten schon eine bekannte Sängerin und der junge Fox, Benjamin unter drei Brüdern, dessen Herz sowohl an der Klassik als auch an folkloristischer Musik hängt, die er sammelt. Edies Schlager sind eher nicht seine Welt - ihre Stimme jedoch nimmt ihn ebenso wie ihr gesamtes Wesen rasch gefangen. Das Problem ist nur
- Edie ist die Verlobte seines ältesten Bruders Jack: und der ist ein absoluter Gewinnertyp, der bislang immer alles bekommen hat, was er wollte. Hier ist es nicht anders und so gehen die beiden zunächst getrennte Wege, zumal sie einige Jahre trennen: Edie ist bereits eine reife Frau, Fox dagegen noch ein grüner Junge.

Da die Romanhandlung jedoch auf zwei Zeitebenen spielt und man rasch mitbekommt, dass Fox und Edie gemeinsame Töchter und auch Enkel haben, muss da wohl irgendwas gewesen sein. Oder ist es doch mehr Schein als Sein?

Eine überaus anrührende Geschichte, bei der die Musik, die Menschen verbinden, an vorderster Front steht, wird den Leser, der bereit ist, sich ein wenig Zeit zu nehmen, bald aufklären. Bald, weil die Handlung so anrührend und ergreifend ist, dass zumindest ich nur schwer das Buch aus der Hand legen konnte - und das trotz einiger "Unebenheiten" in beiden Handlungssträngen, sowohl demjenigen, der in der Vergangenheit spielt als auch in dem, der die Gegenwart behandelt.

Fern von Kitsch und Sentimentalität baut die Autorin ihre Story auf, mit einer Leichtigkeit, die den Leser das Buch kaum aus der Hand legen lässt. Hinter dem gefälligen und flüssigen, zuweilen gar humorvollen Erzählstil stecken eine große Tiefe, eine breit gefächerte Symbolik, ein beeindruckendes Hintergrundwissen und die vielen Gedanken, die sich die Autorin bei der Entstehung ihres Buches gemacht hat.

Eigentlich strotzt dieses Buch nur so vor Tragik: Hartgrove Hall ist ein tragischer Ort, die Familiengeschichten sowohl von Fox als auch von Edie sind mit einer ganzen Reihe von Tragödien verbunden. Aber die Leichtigkeit, mit der Natasha Solomons durch die Geschichte wandelt und - auf durchaus tröstliche Weise - in die Gegenwart vorgreift, gibt dem Leser Zuversicht.

Die Welt braucht solche Bücher - Bücher, die Hoffnung und Wärme transportieren und so werde ich dieses Buch mit Sicherheit häufiger als Mutmacher oder einfach zum darin Schwelgen verschenken. Trotzdem bin ich nicht uneingeschränkt begeistert - das große Talent der Autorin für die Darstellung des Atmosphärischen geht einher mit einer gewissen Schwäche bei thematischen Übergängen. Zäsuren - in diesem Buch meist tragische, manchmal jedoch auch erfreuliche Ereignisse, sind aus meiner Sicht nicht scharf genug gezeichnet und so bleiben manche Entwicklungen ein wenig schwammig. Dennoch ein lesenswertes Buch, das sowohl die Liebe als auch die Tradition der englischen Folkmusik hochhält!

Veröffentlicht am 21.02.2018

Einsam

Sweetgirl
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ist die junge Percy und das längst nicht zum ersten Mal, denn ihre drogensüchtige Mutter hat sich mal wieder auf einen Trip begeben und zwar sowohl, was den Drogenkonsum anbelangt, als auch psychisch. ...

ist die junge Percy und das längst nicht zum ersten Mal, denn ihre drogensüchtige Mutter hat sich mal wieder auf einen Trip begeben und zwar sowohl, was den Drogenkonsum anbelangt, als auch psychisch. Wie so oft ist sie einfach nicht auffindbar und Percy macht sich mal wieder auf die Suche. Und sie weiß, wo sie schauen muss, nämlich bei Shelton, DEM Drogenhändler im Ort (und es gibt tatsächlich nicht nur einen, obwohl es ein winzigkleines Kaff ist, in dem die Sucht jedoch eine große Rolle spielt).

Nur findet Percy bei Shelton nicht ihre Mutter, sondern ein Baby, das bereits ziemlich verwahrlost ist und sucht Hilfe bei Portis, der - obwohl ebenfalls süchtig - ihr seit Jahren eine Stütze und so etwas wie ein väterlicher Freund ist. Und sich bald mit ihr und Jenna - so heißt das Baby - auf der Flucht vor Sheltonn befindet, der wie ein Wahnsinniger hinter ihnen her ist. Und nicht nur er, er hat eine ganze Menge seiner Leute - und das sind wahrhaft keine Kuschelbären - auf sie angesetzt. Und bald schon wird die Sache ziemlich blutig.

Kraftvoll und wortgewaltig geht es zu in diesem Roman, der durchaus auch Spannung beinhaltet, sich aber in keine Kategorie drängen lässt. Krimi- und Thrillerfreunde werden hier ebenso auf ihre Kosten kommen wie Liebhaber gefühlvoller Familienromane und anspruchsvoller Gegenwartsliteratur und das auf höchstem Niveau.Travis Mulhauser reiht wunderschöne Sätze wie Perlen aneinander. Entfernt hat mich das Buch an "Winters Knochen" von Daniel Woodrell erinnert, das mich ebenfalls sehr beeindruckt hat, auch eine gewisse Nähe zu Stewart O'Nan habe ich gespürt. Doch Mulhauser ahmt in keinster Weise nach, dazu beinhaltet das Buch zu viel Eigenes. Ein ganz besonderer Roman, den ich sehr genossen habe und jedem Freund guter Literatur empfehle. Sie werden ihn nach der Lektüre - viel zu früh, so habe zumindest ich es empfunden - ganz erfüllt aus der Hand legen, mit dem Gefühl, etwas ganz besonderes, Unvergessliches genossen zu haben.

Mein Fazit also: eine wunderschöne Geschichte mit einer ganz besonderen Heldin, Beim Lesen zerriß es mir wieder und wieder das Herz, doch ich stand (bzw. saß) auch staunend, ehrfürchtig und voller Achtung da vor dem Autor Travis Mulhauser, der ein eigentlich kleines Buch geschrieben hat, das aber wahre menschliche Größe in sich trägt ebenso wie faszinierende Charaktere und einen Stil, der süchtig macht. An Travis Mulhauser sollte man also dran bleiben - ich wünsche ihm (und der Leserschaft) noch viel, viel Fantasie und Erzählkraft, damit er uns noch mit zahlreichen Romanen beglücken kann.

Veröffentlicht am 21.02.2018

"Wenn die Musik schweigt, hört man das Lachen des Tyrannen" (S.169)

Tadunos Lied
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Genau deswegen hätte selbiger, nämlich der nigerianische Diktator, es gern, dass die Musik bei ihm spielen und ihm sozusagen nach dem Mund reden würde.

Taduno, ein Sänger, der immer nur das sang was ihn ...

Genau deswegen hätte selbiger, nämlich der nigerianische Diktator, es gern, dass die Musik bei ihm spielen und ihm sozusagen nach dem Mund reden würde.

Taduno, ein Sänger, der immer nur das sang was ihn - und mit ihm das ganze Volk - bewegte, musste deswegen das Land verlassen und ins Exil gehen. Seine Strafe war merkwürdigerweise nicht die Verfolgung, sondern das Vergessen, denn als er zurückkehrte, konnte sich niemand mehr an ihn erinnern.

Die Rückkehr, der er für sehr gefährlich gehalten hatte, war es also zunächst gar nicht, denn obwohl er in seiner alten Wohnung lebte, wusste niemand mehr, wer er war. Und er musste zurück, denn man hielt Lela, seine Liebste gefangen - befreit werden konnte sie nur durch ein Loblied auf den Diktator.

Wie wird Taduno sich entscheiden? Wird er für Lela singen und damit sein Volk verraten? Oder wird er Lela ihrem Schicksal preisgeben.

Ein Dilemma von beklemmender Aktualität beschrieben in einer teilweise etwas gewöhnungsbedürftigen Sprache. Dennoch ein lesenswertes und wichtiges Buch mit einer Botschaft, die erhört werden sollte! Dass die Diktatoren dieser Welt hinhören, ist eher nicht zu erwarten - aber vielleicht andere - die gemeinsam, vereint gegen Unterdrückung angehen können.

Veröffentlicht am 21.02.2018

Ungewöhnliches aus dem hohen Norden

Dinge, die vom Himmel fallen
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In der Familie der kleinen Saara geschehen Dinge, die so ungewöhnlich sind, dass andere Menschen sie nur vom Hörensagen kennen: die Tante knackt zweimal im Abstand von wenigen Jahren einen Lottojackpot ...

In der Familie der kleinen Saara geschehen Dinge, die so ungewöhnlich sind, dass andere Menschen sie nur vom Hörensagen kennen: die Tante knackt zweimal im Abstand von wenigen Jahren einen Lottojackpot in astronomischer Höhe und Saaras noch junge, lebensfrohe Mutter Hannele wird von einem herabfallenden Eiszapfen auf überaus brutale Weise getötet - gespaltet gewissermaßen. Saaras Vater Pekka vermag es nicht, seiner kleinen Tochter eine Stütze zu sein und so ziehen die beiden zur Tante - Annu, die von ihrem ersten Lottogewinn einen riesigen Gutshof gekauft hat - dort kann sich im Prinzip jeder entfalten und Annu ist auf ihre eigene, ungewöhnliche Art durchaus für Saara da.

Bis zum zweiten Lottogewinn, nach dem Annu sich verliert, Pekka eine neue Lebensgefährtin findet und für Saara eine neue Zeit mit Stiefmutter beginnt.

Ein Buch, das an Skurrilität kaum zu überbieten ist, auch nicht an ungewöhnlichen Stilmitteln. Es wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, teilweise wird das Buch sogar zum Briefroman. Klare, rationale Ereignisse vermengen sich mit dem Unerklärlichen, Unfassbaren - ein Phänomen, das sich durch den ganzen Roman zieht.

Und neben den Figuren sind es auch zwei Häuser: Das Sägemehlhaus, wie Saaras Elternhaus genannt wird und Annus Gutshof, die mit ihrer Atmosphäre und Präsenz eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen und die ohnehin schon ungeheure Dichte des kurzen Romans noch vertiefen.

Ich habe mich stellenweise irritiert und verwirrt gefühlt, doch bin ich der Ansicht, dass die Autorin dadurch die Empfindungen der Protagonisten, nicht nur von Saara, auf den Leser übertragen und ihm dadurch ihre Lage umso näher bringen will. In meinem Fall ist ihr das gelungen: auch wenn dies kein Roman ist, der mich begeistert, hat er doch definitiv etwas in mir berührt.

Definitiv keine leichte Kost, kein Roman, den man zur Zerstreuung oder Entspannung liest, doch wer Ungewöhnliches und Skurriles, ja Morbides mag, der wird möglicherweise Gefallen daran finden.

Veröffentlicht am 21.02.2018

Äpfel satt und Bäume noch und nöcher

Der Ruf der Bäume
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und was für welche: nämlich die riesigen Redwoods und Sequoien im Westen der Vereinigten Staaten dominieren das Leben von Robert Goodenough, wobei Erstere im Osten des Landes wachsen und seine Familie ...

und was für welche: nämlich die riesigen Redwoods und Sequoien im Westen der Vereinigten Staaten dominieren das Leben von Robert Goodenough, wobei Erstere im Osten des Landes wachsen und seine Familie ernähren. Sie prägen also seine Jugendzeit, die ansonsten von durchaus harten Erfahrungen dominiert werden: seine Eltern gehen lieblos, ja brutal, miteinander und auch mit den Kindern um. Einen familiären Umgang voller Liebe und Achtung lernen sie nicht kennen und verhalten sich entsprechend - nur Robert und seine sanfte Schwester Martha sind anders, werden jedoch früh getrennt, als die Familie auf die denkbar gewaltsamste Weise auseinanderbricht.

Daher war ich nicht wenig überrascht von meinem Fazit nach Beenden des Romans: Manchmal muß man mit der Nase auf sein Glück gestoßen werden, das war es, was ich - und Robert Goodenough - aus den Ereignissen mitnahm. Doch manchmal ist es ein langer und steiniger Weg dahin, wie seine Geschichte und damit diejenige der gesamten Familie Goodenough und ihres Umfeldes zeigt! Und sie geht längst nicht für alle Beteiligten glücklich aus, denn es ist ein Haufen dunkler Charaktere, der sich da zusammengefunden hat, bzw. sich zu den vereinzelten Lichtgestalten gesellen. Dazu kommen wohl die schwersten Lebensumstände, die man sich vorstellen kann.

"Mein Freund, der Baum": das wäre ein Satz, den Robert Goodenough wohl niemals sagen würde, doch wenn man ihn fragen würde, ich bin sicher, er würde Bäume als seine Freunde bezeichnen - mehr als die meisten Menschen.

Obwohl das Thema kein einfaches ist und nicht nur eine tragische Seite ofenbart - nein, es sind viele Facetten, weist der Roman keineswegs eine düstere Grundnote auf. Wie erwähnt, tauchen im Handlungsverlauf zahlreiche Charaktere mit unliebsamen Eigenschaften auf, doch den meisten davon bringt man als Leser zumindest in einer Situation Verständnis entgegen oder kann ihr Handeln in der jeweiligen Lage, in der sie sich befinden, zumindest nachvollziehen.

Doch eines wird ganz deutlich: es ist nicht unsere Welt, diejenige der Siedler und Pioniere in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts, aber wie spannend und bereichernd ist es, der Autorin Tracy Chevalier in diese zu folgen!

Die Wendungen vor allem in Roberts Leben werden mit so viel Charme geschildert, dass ihnen trotz der Härte, der er und auch die anderen Figuren ausgesetzt sind, eine gewisse Leichtigkeit innewohnt. Und der so oft bemühte Zauber sowieso, denn die Autorin schreibt sowohl (lebens) klug und eloquent, als auch fesselnd und eindringlich. Zudem hat sie hervorragend recherchiert. Ich jedenfalls habe das Buch erst aus der Hand gelegt, als ich die letzte Seite umgeblättert hatte!