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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.02.2018

Zwei hellwache Schwestern im besten Alter

Der Gärtner war's nicht!
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nämlich Ü60, sind die Heldinnen der neuen Reihe von Tatjana Kruse: die Journalistin Konny und Krimhild, Witwe des Kommodore (nach der Lektüre wissen Sie Genaueres über ihn). Und wer die Autorin kennt, ...

nämlich Ü60, sind die Heldinnen der neuen Reihe von Tatjana Kruse: die Journalistin Konny und Krimhild, Witwe des Kommodore (nach der Lektüre wissen Sie Genaueres über ihn). Und wer die Autorin kennt, der weiß, dass sie sogenannte Cosy-Krimis schreibt, Krimis der eher beschaulichen Art. Trotzdem sollte man beim Lesen aufpassen, nämlich vor allem darauf, dass man vor Lachen nicht vom Sofa rutscht, an Originalität und Humor ist die Autorin nämlich nicht zu übertreffen. Nach dem schwäbischen, auch schon in Rente befindlichen Kommissar Siggi Seifferheld und der zwar noch mit beiden Beinen im Berufsleben stehenden, aber nicht mehr superjungen Opernsängerin Pauline Miller nun also zweieiige Zwillingsschwestern, die in einem geerbten Haus eine Pension eingerichtet haben, die nun, nach gut einem Jahr, zum ersten Mal ausgebucht ist.

Vor allem mit Mitgliedern einer Rockband, aber dazu noch mit weiteren Herren ganz spezieller Couleur - und dann hält auch noch der Tod - und zwar in durchaus brutaler Weise - Einzug. Da sind Konny, Krimhild und nicht zuletzt ihr Faktotum Herr Hirsch, ein vom Leben gebeutelter ehemaliger Bankangestellter, gefordert! Oder war es am Ende einer von ihnen. Denn jeder Hausbewohner - aber wirklich jeder - hatte einen Grund bzw. eine Option (wenn auch längst nicht alle gleich stichhaltig waren), diesen Mord zu begehen.

Dazwischen passiert eine Menge Verwirrendes, vor allem jedoch Unterhaltsames und wie nicht anders von Tatjana Kruse gewöhnt, wird jeder, aber auch wirklich jeder Erzählstrang aufgedröselt und zwar ganz besonders genüsslich!

Wieder ein toller, unterhaltsamer Krimi mit jeder Menge Alleinstellungsmerkmalen, wie wir es von Tatjana nicht anders kennen. Konny, Krimhild und Herr Hirsch sind einfach nicht zu toppen! Ich bin wieder begeistert und freue mich auf ihr nächstes Abenteuer, wen auch immer es diesmal treffen wird. Obwohl schon im besten Alter, wünsche ich den Dreien noch ein mehr als langes Leben - in zahlreichen Bänden dieser neuen, wunderbaren Serie!

Veröffentlicht am 30.01.2018

Ein Vamp im Koma

Einatmen, Ausatmen
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So jedenfalls der erste Eindruck von der Jazzsängerin Giorgia. Denn warum sollten sich gleich drei Männer an ihrem Bett im New Yorker Krankenhaus versammeln. Drei sehr unterschiedliche Männer, die nichts ...

So jedenfalls der erste Eindruck von der Jazzsängerin Giorgia. Denn warum sollten sich gleich drei Männer an ihrem Bett im New Yorker Krankenhaus versammeln. Drei sehr unterschiedliche Männer, die nichts voneinander gewusst haben und dennoch alle eine große Rolle in Giorgias Leben gespielt haben. Langsam wird deutlich, dass Giorgia vielleicht auch ein Vamp ist - manchmal jedenfalls, sie ist aber auch vieles (andere) mehr.

Der Erzählstil von Autorin Nataša Dragnić ist sowohl meisterlich als auch ungewöhnlich: jeder der Protagonisten kommt im Wechsel zu Wort und das bezieht auch Giorgia, die Komapatientin ein. Eine originelle Idee, doch gleichzeitig eine ziemliche Herausforderung an den Leser, die unterschiedlichen Stile im Wechsel einzubringen.

Und wie, um Himmels Willen, meldet sich wohl eine Komapatientin zu Wort? In einer Art Traumdarstellung? Ja, das kommt dem Part, der ihr zugedacht ist, schon ziemlich nahe. Sie können sich nichts darunter vorstellen? Ein Grund mehr, dieses Buch zu lesen, das von Musik und Liebe lebt. Vor allem von der Liebe zu Giorgia, die bei allen drei Männern durchaus noch vorhanden ist, obwohl der Leser schnell begreift, dass Giorgia alles andere als eine unkomplizierte Person ist. Ebenso wie die drei Männer übrigens und ebenso sind alle drei Beziehungen, die uns vor allem aus der Sicht des jeweiligen Mannes transportiert werden, ausgesprochen komplex.

Und es entstehen neue Beziehungsgeflechte - unter den Männern, aber auch jeweils zu Giorgia, die nun in einem anderen Licht betrachtet werden muss. Geheimnisse treten zutage, schockierende Überraschungen, aber auch sehr Menschliches.

Die in diesem Buch gezeichneten Charaktere sind allesamt überaus komplex, ja provokant und wie dazu gemacht, den Leser an seine Grenzen zu bringen, ebenso wie die Handlung.

Ein mutiger Roman und damit einer, der auf jeden Fall polarisiert. Ich finde, die Lektüre hat sich gelohnt!

Veröffentlicht am 29.01.2018

Langatmig und blutig

Wolfswut
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Was für ein Schock - nach dem überraschenden Tod des geliebten Vaters wird die junge Lotte Soltau mit einem weiteren, absolut grausamen Umstand konfrontiert: in einer von ihrem Vater genutzten ...

Was für ein Schock - nach dem überraschenden Tod des geliebten Vaters wird die junge Lotte Soltau mit einem weiteren, absolut grausamen Umstand konfrontiert: in einer von ihrem Vater genutzten Halle werden Fässer mit Leichenteilen gefunden, wohlgemerkt von menschlichen Körpern, die brutal zerstückelt wurden.

Bald steht fest, dass keiner dieser Frauen - es handelt sich um Prostituierte - ein friedlicher Tod vergönnt war - im Gegenteil, es geht hier ganz klar um Mord. Die Frauen wurden alle brutal gefoltert und haben vor ihrem Tod sehr gelitten. Kann es sein, dass Axel Soltau, über den einer jeder nur Gutes zu sagen weiß, in Wirklichkeit ein brutaler Serienkiller war?

Lotte jedenfalls, die ihren Vater über alles geliebt hat, will das einfach nicht glauben. Dennoch deutet im Laufe der Ermittlungen alles darauf hin. Das charismatische Berliner Ermittlerteam bestehend aus den Komissaren Kira Hallstein und dem erst kürzlich aus Bayern dazugekommenen Max Lohmeyer ermittelt - und zwar durchaus nicht, ohne im eigenen Haus auf Hürden zu stoßen. Und dann geschieht etwas, das nicht ins Schema passt.

Soweit, so gut: das Thema erschien mir spannend, wenn auch die Darstellung meiner Ansicht nach etwas zu sehr ins Brutale driftete - alle blutigen Details werden - so kommt es mir vor - genüsslich aufbereitet. Und dazu sehr komplex - Umständlichkeit und Grausamkeit gehen hier Hand hin Hand.

Die eigentlich spannende Handlung erlahmt aus meiner Sicht durch den ausgesprochen kleinteiligen Erzählstil - nicht nur werden ständig neue Figuren eingeführt, die der Leser - ich zumindest - unmöglich alle im Kopf behalten kann, auch die Handlung entwickelt sich über viele Umwege.

Natürlich ist es schön und auch nützlich, wenn im ersten Band einer geplanten Reihe die Protagonisten - bei Krimis also die Ermittler - ausführlich eingeführt werden, hier war es aber des Guten zu viel, zumal sich Kira Hallsteins persönliche Geschichte mit dem Fall vermischte.

Obwohl eigentlich sehr viel geschah, habe ich mich beim Lesen sehr gelangweilt und musste häufig unterbrechen. Trotz des spannenden Themas und eines Ermittlerteams mit viel Potential war die Lektüre für mich eine ziemliche Tortur.

Veröffentlicht am 26.01.2018

Allzeit bereit!

Die Herzen der Männer
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So die Losung der Pfadfinder, deren Grundsatz - in unterschiedlichen Formulierungen dargelegt - Gutes zu tun lautet. In die "Herzen der Männer" werden gleich drei Gerationen von Pfadfindern vorgestellt. ...


So die Losung der Pfadfinder, deren Grundsatz - in unterschiedlichen Formulierungen dargelegt - Gutes zu tun lautet. In die "Herzen der Männer" werden gleich drei Gerationen von Pfadfindern vorgestellt. Die Handlung des Romans findet auf drei zeitlichen Ebenen - in den Jahren 1962, 1996 und 2019 - statt, wobei die Geschicke der Protagonisten Nelson Doughty und Jonathan Quick in allen drei Teilen eine Rolle spielen - wir begleiten diese beiden Männer von ihrer Jugend an durchs Leben, doch stehen sie nicht immer im Mittelpunkt, geben sozusagen die Staffel an die nächste und übernächste Generation weiter.

Und durch all die Generationen hindurch finden sich Verbindungen zur Pfadfinderbewegung, die in jedem Teil einer Rolle spielt, auch wenn diese mit der obengenannten Losung und den Grundsätzen meistenteils recht wenig zu tun hat. Es ist keine harmonische Gesellschaft und es sind auch keine glücklichen Familien, die hier dargestellt werden, nein, schon als junge Pfadfinder haben Nelson und Jonathan wie auch die ihnen folgenden Generationen zu kämpfen und das zieht sich weiter durchs ganze Leben hindurch. Alles andere als eine Idylle also, die der Autor Nickolas Butler hier zeichnet - übrigens stilistisch absolut gekonnt, eindringlich und auch mitreißend.

Auch wenn mir vieles, was ich las - ja, lesen musste - konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen, so hatte mich die Handlung gepackt. Und immer wieder gab es auch Szenen der Wärme, des Zusammenhalts, die aber wieder und wieder von derart schockierenden Ereignissen und Entwicklungen abgelöst wurden, dass es mich beim Lesen förmlich rüttelte. Ja, es ist starker Tobak, der hier serviert wird - doch bleibt zum Ende hin die Hoffnung.

Ein Buch, in dem es auch brutal zugeht und in dem nur selten leise, sensible Töne angeschlagen werden, das aber dennoch in die Tiefe geht. Wer nicht nur Romane lesen will, in denen eine friedliche Stimmung transportiert wird, wer bereit ist, zusammen mit dem großartigen Autor ans Eingemachte zu gehen - für den ist dieses Buch. Für mich war es manchmal ein bisschen "too much", doch das liegt im Auge des Betrachters.

Veröffentlicht am 23.01.2018

1944 war ein schlimmes Jahr

Unter der Drachenwand
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Für den jungen Soldaten Veit Kolbe ergibt sich im letzten Kriegsjahr eine Zwangspause: nach einer Verletzung wird er auf unbestimmte Zeit in den Krankenstand versetzt und auf Erholungsurlaub nach Wien ...

Für den jungen Soldaten Veit Kolbe ergibt sich im letzten Kriegsjahr eine Zwangspause: nach einer Verletzung wird er auf unbestimmte Zeit in den Krankenstand versetzt und auf Erholungsurlaub nach Wien zu seinen Eltern geschickt, wo er es bald jedoch nicht mehr aushält. Er verzieht sich ins Salzburger Land, an den idyllischen Mondsee, wo er auf andere Gestrandete wie die junge Mutter Margot aus Darmstadt oder auch eine aus Wien verschickte Schulklasse mit 13jährigen Schülerinnen trifft. Dazu kommen die Ansässigen, teilweise durchaus stramme Nazis, dem Regime noch treu ergeben.

Frei nach John Fante: 1944 war (auch) ein schlimmes Jahr. Ein absolut grauenvolles sogar, eines mit wenig Hoffnung. Überall. Auch in Mondsee. Doch Arno Geiger zeigt vor allem durch seinen Protagonisten Veit Kolbe, dass es weitergeht Für ihn persönlich vor allem dadurch, dass ihm völlig unerwartet und zunächst zögerlich in Gestalt von Margot die Liebe begegnet.

Obwohl es eine ausweglose Situation zu sein scheint, schmieden Veit und Margot - und nicht nur sie - Pläne für die Zukunft. Konkrete, so wie die Absprache möglicher Treffpunkte für die Zeit "danach", aber auch solche genereller Art, nämlich für ein gemeinsames Familienleben. Ein Familienleben in friedlicher Zeit, auch wenn der Begriff "Frieden" hier gar nicht genutzt wird. Dazu ist der Krieg auch in Mondsee zu präsent - ständig überfliegen Kriegsflieger, also Luftwaffen auf dem Weg an die letzten Schauplätze des Krieges, den Ort, die ersten Vertriebenen kommen an, junge Mädchen befinden sich in der Verschickung aus ihrer Heimatstadt Wien.

Veit beginnt nicht erst jetzt, an seinem "Dienstherrn"- so bezeichnet er nicht ohne Sarkasmus das nationalsozialistische Regime - zu zweifeln und bringt sich nicht nur durch entsprechende Aussagen mehrfach in Schwierigkeiten. Veit ist unser Auge, er ist derjenige, durch den der Leser die Welt - die im Roman dargestellte - betrachtet.

Mondsee wird zum Mikrokosmos, in dem unterschiedliche Gesinnungen, ja verschiedene Welten, aufeinanderprallen. Der eigentlich idyllische Ort wird von den Schrecken des Krieges und allem, was dieser mit sich bringt, eingeholt - so finden auch Schicksale von Menschen andernorts in Briefform Eingang in die Geschichte, beispielsweise das eines Juden, der mit seiner Familie auf der Suche nach einem Fluchtweg aus Wien ausgerechnet nach Budapest reist, wo er erkennen muss, dass die Nazis ihm einen Schritt voraus sind.

Arno Geiger stellt mit diesem Roman seine Leser vor eine Herausforderung: sein Erzählstil ist sehr speziell, doch wenn man einmal hineingefunden hat, dann erscheint er als der einzig Richtige, um die Situation darzustellen. Ein besonderer Roman auf jeden Fall, auch ein schmerzhafter, dieses Werk, das das (Über)Leben, das Alltägliche im letzten vollständigen Kriegsjahr beschreibt. Und dem Rezipienten deutlich macht, was für ein Glück es ist, im "Danach" geboren zu sein und zu leben. Ein Glück, mit dem man achtsam umgehen sollte.

Ich kann nur empfehlen, diese Herausforderung anzunehmen: dieses Buch ist ein besonderes Geschenk an die Leser - eines, das tatsächlich neue Welten - in diesem Fall neue Sichtweisen, Perspektiven, auch Einsichten - aufzeigt und dazu beiträgt, das Bewusstsein zu erweitern. Man muss es nur zu nehmen - vielmehr zu lesen - wissen. Dann könnte es ein Roman fürs Leben werden.