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Veröffentlicht am 21.12.2017

Die Pariser Antwort auf Anita Berber

Die Tänzerin von Paris
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die Startänzerin der 1920er Jahre in Berlin? Nein, das war Lucia Joyce, Tochter des großen irischen Autors und mit ihren Eltern jahrelang im französischen Exil lebend, nicht ganz. Auch wenn es im englischsprachigen ...

die Startänzerin der 1920er Jahre in Berlin? Nein, das war Lucia Joyce, Tochter des großen irischen Autors und mit ihren Eltern jahrelang im französischen Exil lebend, nicht ganz. Auch wenn es im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu ihr ein ungeheuer avantgardistisches Foto von ihr als Tänzerin gibt.

Sie war eine junge Frau mit vielen Träumen, die in vielem scheiterte - und irgendwann zu alt dafür war. Doch das vorliegende Buch der Britin Annabel Abbs behandelt ihr Leben in Paris - und in Zürich, wo sie Patientin von C.G. Jung war.

Also kein glückliches Leben? Lesen Sie selbst über ihre Erfolge und ihr Scheitern, ihr Leben und Lieben - Samuel Beckett war der Mann ihrer Begierde - doch machen Sie sich gefasst auf ziemliche Längen.

Literaturfreunden würde ich eher zu einer Biografie über James Joyce, die auch seine Familie umfasst, raten, denn hier habe ich den verdacht, dass doch recht vieles der Phantasie der Autorin entspringt. Ist ja auch vollkommen legitim für einen Roman, aber der ein oder andere Leser dürfte andere Erwartungen haben - ich zugegebenermaßen auch, wenn auch nur in Form einer Zeittafel zur Familie Joyce, eines Personenregisters und eines ausführlichen Nachworts. Gibt es alles nicht - nun ja, das Nachwort schon, aber es ist wirklich nur kurz und gewährt keinen "ordentlichen" Einblick. Im Gegensatz zum langatmigen und oft ermüdenden Stil der Autorin.

Nein, leider keine Empfehlung von mir, auch wenn es stellenweise recht unterhaltsam war - aber wirklich nur punktuell!

Veröffentlicht am 21.12.2017

Ein kleiner Buchladen mitten in den Cotswolds

Liebe zwischen den Zeilen
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unweit von Oxford - das ist Emilias Erbe, das sie von ihrem viel zu früh verstorbenen Vater Julius erhält. Ein wunderbarer Mensch war er, der ihr eine herrliche Kindheit und Jugend ermöglicht hat. Dass ...

unweit von Oxford - das ist Emilias Erbe, das sie von ihrem viel zu früh verstorbenen Vater Julius erhält. Ein wunderbarer Mensch war er, der ihr eine herrliche Kindheit und Jugend ermöglicht hat. Dass Julius dennoch nicht perfekt war, erfährt sie nur allzu bald. Denn Finanzen waren im Gegensatz zu Menschen und Büchern seine Sache nicht. Aber Emilia merkt schnell, dass sie nicht allein ist - ihr charismatischer Vater hatte einen Kreis ganz besonderer Menschen um sich versammelt, der sich auch ihr zur Verfügung stellt. Und es kommen weitere hinzu.

Ja, die Menschen und ihre Schicksale - man merkt schnell, dass Autorin Veronica Henry ein ganz besonderes Händchen für sie hat. Nicht nur die Figuren sind liebevoll und warmherzig gezeichnet, nein, hinter jeder steht auch eine individuelle Geschichte, die dem jeweiligen Charakter in wenigen Sätzen einen so stabilen Hintergrund verleiht, wie ich es selten in einem Unterhaltungsroman wie diesem erlebt habe!

Auch die Umgebung - zwar nicht die Cotswolds, wohl aber der Buchladen und weitere Settings sind überaus atmosphärisch dargestellt.

Ganz klar ist dies ein Roman, der dazu einlädt, es sich mit ihm gemütlich zu machen, auf der Couch, auf einer schattigen Bank im Grünen, im Strandkorb oder aber auch am Kaminfeuer oder bei Kerzenschein. Ja, wenn ich es mir genauer überlege, passen die beiden letzten Settings doch mit Abstand am besten, denn wenn ich ihn auch im Sommer mit Genuss gelesen habe, ist dies doch eigentlich ein perfekter Winterroman und damit auch als Weihnachtsgeschenk von ganzem Herzen zu empfehlen. Schenken sie es denjenigen, denen sie ein wohliges, warmes Gefühl vermitteln wollen, denen, die ihnen besonders am Herzen liegen. Denn neben Gemütlichkeit vermittelt dieser Roman mit seinen Auf und Abs eine Menge Herzenswärme. Ich habe ihn in wenigen Stunden durchgehabt - und bin nun wirklich traurig, dass es schon vorbei ist!

Seien Sie froh, es noch vor sich zu haben und wählen Sie für Ihre Lektüre einen ganz besonderen Zeitraum aus, in dem sich selbst etwas Gutes tun möchten! Machen Sie es sich bequem in jeder Hinsicht - und ich bin sicher, dass Sie sich zu einem Erlebnis verhelfen, an das sie noch lange gern zurückdenken.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Saddam Hussein mit rot lackierten Fingernägeln

Das Ministerium des äußersten Glücks
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"Wo, um Himmels Willen, kann man auf den lackierten Saddam treffen?" wird sich manch einer fragen. Nach der Lektüre von Arundhati Roys Buch "Das Ministerium des äußersten Glücks" kann ich Ihnen verraten, ...

"Wo, um Himmels Willen, kann man auf den lackierten Saddam treffen?" wird sich manch einer fragen. Nach der Lektüre von Arundhati Roys Buch "Das Ministerium des äußersten Glücks" kann ich Ihnen verraten, dass Sie die Antwort genau hier finden werden. Allerdings erst, nachdem Sie schon ziemlich weit gekommen sind, quasi als Belohnung - im wahrsten Sinne des Wortes, finde ich, denn die Lektüre ist überaus lohnenswert.

Anjum ist eine Hijra, ein Mitglied des dritten Geschlechts also, die sich nach einem wechselvollen (Er)Leben in noch nicht allzu hohem Alter auf einen Friedhof zurückzieht und dort ihr eigenes Regime begründet. Und zwar in ganz eigener Manier - über die Jahre hinweg entwickelt sich dadurch eine Art Imperium, das man als Hotel, aber auch als "Ministerium des äußersten Glücks" betrachten kann.

Wie das mit Musa und Tilo, die sich seit ihrer Jugend zueinander hingezogen fühlen, - zwischen ihnen jedoch steht nichts Geringeres als Indien selbst mit all seinen Kräften, Mächten und Wirkungen - zusammenpasst und wie diese zwei Geschichten zu einer einzigen werden, die den Leser mit aller Intensität erfasst, das erfahren Sie erst peu à peu. Ebenso, wie Sie schrittchenweise zu den Figuren geführt werden, Saddam Hussein kennenlernen (glauben Sie mir, er hat wenig mit seinem "Paten" aus dem Irak gemein und die Bekanntschaft mit dem indischen Namensvetter ist weitaus erfreulicher) und alle anderen, die eine Rolle spielen.

Arundhati Roy ermöglicht es ihren Lesern, Indien im vollen Umfang zu spüren: es zu sehen, zu riechen, zu schmecken, zu umarmen, sich davor zu grausen, zu ängstigen, zurückzuweichen, dann wieder mit offenen Armen darauf zuzugehen.

Natürlich muss man sich darauf einlassen können und wollen und ich kann sehr gut verstehen, wenn nicht ein jeder bereit dazu ist. Denn es ist ein Buch, das den Leser fordert: ihn anzieht, dann wieder abstößt, stellenweise verständnislos dastehen lässt, um ihn dann zum Ende hin wieder in ganz zu sich zu holen. Denn man muss wirklich bis zum Schluss, also über fünfhundert Seiten lang, durchhalten, bis alle Enden zusammengefügt werden und neben brutalen und auch widerwärtigen Szenen (ehrlicherweise sei gesagt, dass sie neben mindestens ebenso vielen bewegenden und anrührenden Darstellungen stehen) auch noch - vor allem zum Ende hin - einige Tipp- und Flüchtigkeitsfehler ertragen, die aber in der nächsten Auflage sicher korrigiert sein werden.

Aber eines wird ganz klar: einen so abgerundeten Roman, in dem sich alle, aber wirklich alle Enden zusammenfügen, habe ich selten gelesen und ich wundere mich nicht, dass die Autorin, die sich hier als Perfektionistin in allerbester Hinsicht präsentiert, für diesen Roman nach ihrem Erfolg von "Der Gott der kleinen Dinge" so lange Jahre brauchte: eine so gewaltige Geschichte braucht Zeit: zum Entstehen, zum Verstehen (ja, auch für den Schreibenden selbst), zum Ausfeilen, zum Vermitteln, zum Abrunden und möglicherweise noch für einiges mehr, auf das ich nicht komme, da ich Großes nicht in solch kraftvolle Worte fassen kann wie diese begnadete Göttin der großen Dinge (Schriftstellerin, Autorin - diese Wörter kamen mir angesichts des Werkes unpassend vor). Denn dies ist ein Werk für die Literaturgeschichte, für kommende Jahrhunderte. Natürlich nicht für jeden, da Arundhati Roy eine Menge Mißstände auf eine Weise anprangert, die sicher nicht jedem zupass kommt, die polarisiert und es sich beileibe nicht einfach macht damit.

Ich kann mir vorstellen, dass es für sie ein hartes Stück Arbeit war, diese Geschichte zum Leben zu erwecken in dem Sinne wie es für Eltern ein schweres Stück Arbeit ist, ihr Kind großzuziehen und im besten Sinne eigenverantwortlich und selbständig in die Welt zu lassen. Denn genau das hat sie jetzt getan: das Buch auf uns, auf ihre Leser losgelassen und nun muss sie zusehen, was daraus wird. Und wie ein intelligenter, anspruchsvoller Mensch mit starkem Willen und eigenem Stil wird auch dieses Buch nicht jedermanns Sache sein.

Nun, ich für meinen Teil habe es lieben gelernt und nehme es sehr gerne in meine (Bücher)Familie auf, ich werde es hegen und pflegen, immer wieder darin blättern und mich von Anjum, Saddam, Musa, Tilo, Miss Jebeen, Zainab und den anderen auf meinem weiteren Lebensweg begleiten lassen.

Ähnlich wie in "Hotel New Hamphire" von John Irving, meinem Lieblingsroman, geben sich hier die schrägen, teilweise warmherzigen, teilweise anderweitig unvergesslichen Figuren ein Stelldichein.

Sie werden gemeinsam mit dem Buch einen festen Platz in meinem Regal - und meinem Herzen - erhalten!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Eine Roadstory der ganz besonderen Art

Underground Railroad
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Und zwar einer besonders bedrückenden, steht die "Underground Railroad" doch in Verbindung mit der jahrhundertelangen Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Amerika, ...

Und zwar einer besonders bedrückenden, steht die "Underground Railroad" doch in Verbindung mit der jahrhundertelangen Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Amerika, für das Sklaventum also. Und doch steht sie auch für etwas sehr Modernes, nämlich für ein Netzwerk der ganz besonderen Art, das bereits vor fast zweihundert Jahren existierte und von dem manch einer noch heute, im Zeitalter der Digitalisierung, lernen kann und das nicht zu knapp: Es wurde just von denen aufgebaut, die am bedürftigsten waren, die der Unterstützung am meisten bedurften, nämlich von der afroamerikanischen Bevölkerung und ihren nicht gerade zahlreichen Freunden. Es ging darum, geflohene Sklaven möglichst sicher, aber natürlich vor allem unauffällig, in den freien Norden zu schaffen. Der Begriff steht für die nahtlose Verbindung, die dafür geschaffen wurde.

In Colson Whiteheads preisgekröntem Roman "Underground Railroad" verwandelt sich dieses Netzwerk in eine echte Eisenbahnstrecke, eine geheim verlaufende, über die die Flüchtenden abtransportiert werden.

Genau wie in der Realität sind diese wie auch ihre Helfer ständig großen Gefahren ausgesetzt.

Ich bewundere die Tatsache, dass in diesem von einem Mann verfassten Roman eine Frau die Protagonistin ist - Cora, eine Sklavin aus Georgia ist die Hauptfigur dieses grandiosen, aufrüttelnden Werks, das nicht allzu vieler Seiten bedarf: knapp 350 genügen dem Autor, um sowohl ihr Martyrium auf der heimischen Farm, die man nicht als Heimat bezeichnen kann ob des Grauens, das sowohl ihr als auch ihren Leidensgenossen widerfährt, als auch die Stationen ihrer jahrelang währenden Flucht darzustellen. Und zwar so eindringlich, anschaulich und bewegend, wie nur irgend möglich! Und ausgesprochen rund, auch wenn ich gut und gerne noch weitergelesen hätte, um die besondere Atmosphäre, die der Autor geschaffen hat, vollends auszukosten.

Eines wird deutlich: Es gibt immer Neid und Missgunst. Ganz egal, wo man ist und auch dann, wenn man selbst überhaupt nicht drauf kommen würde. Dieses Buch und seine traurige, realistische Geschichte, die jedoch nicht hoffnungslos ist, lehrt seine Leser, die Achtsamkeit wiederzufinden und in Ehren zu halten, ihrer Gewahr zu sein.

Cora lebt dank ihrer Erlebnisse in ewigem Misstrauen und sie tut Recht daran, wie uns immer wieder vor Augen geführt wird. Doch nie verliert sie die Hoffnung und sie wächst an ihren Erfahrungen, sowohl den vielen leid- als auch den eher spärlich gesäten freudvollen. Denn Hoffnung gibt Kraft und diese braucht man, um etwas zu erreichen.

Eine überaus lohnende, wenn auch schmerzvolle Lektüre, wie ich finde, aber definitiv ein Roman, den man gestärkt aus der Hand legt. Ein ganz besonderes Buch, das ich jedem empfehle, der immer bereit ist, zu erfahren, wie die Welt zu dem wurde, was sie ist.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Ein ganz besonderer Zeitzeugenbericht

Geisterkinder
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st dies und zwar aus mehreren Gründen - ersten ist es ein junges Mädchen, aus deren Warte geschrieben wird und zweitens ist sie im Nachgang zu den Vorfällen des 20. Juli 1944 inhaftiert worden - als Sippenhäftling. ...

st dies und zwar aus mehreren Gründen - ersten ist es ein junges Mädchen, aus deren Warte geschrieben wird und zweitens ist sie im Nachgang zu den Vorfällen des 20. Juli 1944 inhaftiert worden - als Sippenhäftling. Ihr Vater Cäsar von Hofacker war maßgeblich daran beteiligt und musste seine mutige Tat mit dem Leben bezahlen - seine Familie mit vielen langen Monaten der Haft, der teilweisen Trennung und einer unglaublichen, ja unwirklich erscheinenden Odyssee durch Deutschland, das damals noch sehr, sehr groß war. Und drittens ist nicht sie selbst die Autorin dieses ergreifenden und erschütternden Buches, sondern ihre Tochter Valerie Riedesel, die freilich Zugang zu diversen Dokumenten der Mutter hatte und auch vieles über Gespräche - auch mit weiteren Verwandten erfuhr.

Hofackers wurden getrennt: die Mutter mit den beiden älteren Kindern wurde in Gefängnissen wie auch KZs inhaftiert und kam in Gefangenschaft ganz schön herum - ihre letzte Station war in Südtirol am Pragser Wildsee, wo sie quasi schon als halb Befreite festsaßen - immer noch. Und nicht selten genug waren sie nahe genug am Tod, während die jüngeren Geschwister in einem Kinderheim untergebracht - richtiger gesagt: isoliert wurden.

Unvorstellbares erlebten Luise Hofacker und ihre Kinder, von denen zu dem Zeitpunkt noch keines erwachsen, die jüngste Tochter sogar erst sechs Jahre alt war. Auf ihrer Odyssee trafen sie auf zahlreiche Leidensgenossen: vor allem Verwandte, aber auch andere Sonderhäftlinge des Dritten Reiches, darunter abtrünnige Politiker und Offiziere, ausländische Staatsherren und Kirchenmänner.

Ein sehr persönlicher Bericht gespickt mit Tagebucheinträgen ist es, den Valerie Riedesel und hier präsentiert - und er ist aus meiner Sicht sehr gelungen, ist doch auch stets der größe Rahmen bzw. das Umfeld mit im Fokus. Nur ganz selten - wie bei der unfreiwilligen Übergabe der Häftlinge von der SS an die Wehrmacht - wirkt der Stil ein wenig wirr bzw. verwirrend - aber wirklich überschlagen sich hier die Ereignisse ganz schön.

Außerdem hilft im Anhang ein detailliertes Personenverzeichnis mit ebenso detaillierten Erläuterungen dabei, den Überblick zu behalten. Mir hat dieses Buch wirklich sehr gefallen und ich empfehle es jedem, der den deutschen Widerstand in den letzten Kriegsmonaten aus einer ungewöhnlichen Perspektive erleben will.