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Veröffentlicht am 19.04.2022

Krass, krasser, am krassesten

Welten auseinander
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Julia Franck hatte eine heftige Kindheit, die nur noch von ihrer Jugend überboten wurde.

Die sie irgendwann nicht mehr in der Obhut ihrer Mutter, einer Frau mit vier Töchtern von ebenso vielen Männern ...

Julia Franck hatte eine heftige Kindheit, die nur noch von ihrer Jugend überboten wurde.

Die sie irgendwann nicht mehr in der Obhut ihrer Mutter, einer Frau mit vier Töchtern von ebenso vielen Männern - nein, doch nicht ganz, denn Julia hat eine Zwillingsschwester - verbringen wollte. Das Leben bei ihr war ihr in jederlei Hinsicht zu ungeregelt, ja: zu verlottert.

Dann besser eigene Wege gehen, so gut es möglich ist. Und zwar welche zwischen Ost und West. Julia Francks Leben klingt wie ein Märchen und möglicherweise - ich würde es ihr wünschen, wenn das an den richtigen Stellen so wäre - ist es das auch. Denn auf dem Umschlag steht "Roman" und in diesem literarischen Format ist bekanntlich Fiktives enthalten.

Aber so viel habe ich verstanden: eine sehr begabte Frau, die viel Schmerz mit sich herumträgt, hat diesen Roman verfasst und ich habe ihn mit Faszination gelesen. Teilweise hat sich der Schmerz, das Leid von Generation auf mich übertragen und mich sowohl niedergedrückt als auch inspiriert. Ein kraftvolles Buch, dessen Leser ebenfalls viel Kraft benötigen. Aber es lohnt sich. Unbedingt!

Veröffentlicht am 18.04.2022

Direkt danach

Der Sommer danach
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Nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Deutschland noch völlig ungeordnet war und jeder sich die dicksten Brocken schnappen wollte. Naja, eigentlich wollte das nur Stalin - nämlich von dem, was gar nicht ...

Nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Deutschland noch völlig ungeordnet war und jeder sich die dicksten Brocken schnappen wollte. Naja, eigentlich wollte das nur Stalin - nämlich von dem, was gar nicht mehr da war. Denn in der Sowjetunion war noch weniger vorhanden und er gab den Nazis die Schuld. Die sie zweifelsohne auch trugen, keine Frage. Aber eben nicht nur - denn schon vorher war die Sowjetunion alles andere als ein wohlhabender Staat.

Die anderen Siegermächte hatten einen völlig anderen Zugang zum Neuanfang in Deutschland: ihnen war klar, dass Deutschlands nichts zu geben hatte. Außer Land und davon wollten zumindest Großbritannien und die USA nichts abhaben.

Das sind nur die gröbsten der Rahmenbedingungen, unter denen die Potsdamer Konferenz startete - die Westmächte hatten wegen der Regierungswechsel und der Schwäche Frankreichs, das gerade erst dabei war, sich von der jahrelangen deutschen Besatzung zu erholen, nicht gerade den Joker in der Hand.

In dieses Szenario bettet Elisabeth Büchle den vorliegenden Roman, in dem es um die Liebesgeschichte einer Deutschen, die alles verloren hat und eines Engländers geht.

Ein sehr gelungener Roman - ich kann mir gar nicht vorstellen, wie akribisch die Autorin recherchiert haben muss, um das vorliegende Werk zu erschaffen.

Ein absolut lesenswertes Meisterwerk, das jeder lesen sollte, der neue Deutsche Geschichte in Romanform mag!

Veröffentlicht am 17.04.2022

Verschwunden - aber wie und warum?

Der Tote aus Zimmer 12
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Eine junge Frau verschwindet, weil sie meint, dass ein vor Jahren verurteilter Mörder unschuldig ist. Davon sind jedenfalls ihre Eltern, das Ehepaar Treherne, Hotelbesitzer eines erstklassigen ...

Eine junge Frau verschwindet, weil sie meint, dass ein vor Jahren verurteilter Mörder unschuldig ist. Davon sind jedenfalls ihre Eltern, das Ehepaar Treherne, Hotelbesitzer eines erstklassigen Hauses in Suffolk, überzeugt. Sie versuchen sie auf sehr unkonventionelle Art und Weise wiederzufinden, nämlich, indem sie Susan Ryeland, eine ehemalige Lektorin, damit beauftragen. Denn Cecily - so der Name der Vermissten - behauptet in ihrem letzten Telefonat, dass sie in einem Buch auf die Lösung gestoßen ist und zwar im letzten, das von der ehemaligen Lektorin bearbeitet wurde. Was auch der Grund dafür war, dass sie ihren Beruf aufgab und inzwischen ebenfalls Hotelbesitzerin ist, allerdings in Griechenland. Und ihr Haus ist deutlich kleiner als das ihrer Auftraggeber und längst nicht so fein. Außerdem brauchen sie und ihr Lebensgefährte dringend Geld. Und die Trehernes stellen ihr 10.000 Pfund für ihre Erkenntnisse in Aussicht.

Ich glaube, Anthony Horowitz kann gar nicht schlechte Bücher verfassen. So ist auch dieser Krimi, der eine Menge ungewöhnlicher Elemente - allen voran die ermittelnde Ex-Lektorin mit ungewisser Zukunft - beinhaltet, ein gelungener.

Aber aus meiner Sicht ist hier eine Menge voraussehbar, vor allem die schuldige Person. Doch der Autor schreibt so mitreißend und lässt auf der anderen Seite eine solche Menge von Originalitäten und Alleinstellungsmerkmalen einfließen, dass ich gar nicht anders kann, als diesen Krimi gut zu finden.

Veröffentlicht am 16.04.2022

Westernromanze im Schnee

Verratenes Vertrauen
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Als Linda-Castillo-Fan der ersten Stunde habe ich mich riesig auf diesen Roman gefreut, der in den Staaten bereits 2002 vorliegt, doch erst jetzt übersetzt wurde.

Nicht ohne Grund, wie sich herausstellte: ...

Als Linda-Castillo-Fan der ersten Stunde habe ich mich riesig auf diesen Roman gefreut, der in den Staaten bereits 2002 vorliegt, doch erst jetzt übersetzt wurde.

Nicht ohne Grund, wie sich herausstellte: Von der Kate-Burkholder-Reihe bin ich daran gewöhnt, dass es nicht gerade zimperlich zur Sache geht, nein, in der Regel sind es recht brutale Morde, die die Ermittlerin aufzuklären hat und in der Regel haben sie mit den Amish zu tun, die in Burkholders Bezirk die Mehrheit der Einwohner stellen. Man erfährt also auch Interessantes aus deren Umfeld und es ist trotz aller Brutalität immer ein sehr atmosphärisches Setting.

Nicht so in diesem Frühwerk, das außerhalb der Reihe steht und in der Sheriff Jake Madigan die aus dem Gefängnis entflohene, wegen Mordes einsitzende Abigail Nichols stellen und zurückbringen muss. Dies alles geschieht in einer einzigen Nacht (und dem darauffolgenden Tag) in der winterlichen Bergwelt von Colorado und erinnert ganz klar an einen Western - wohlgemerkt an einen Film.

Die überschaubare Handlung beinhaltet eine gemeinsame Nacht, in der Abigail, aus ihrer Sicht unschuldig verurteilt, dem Sheriff ihre Geschichte erzählt: sie wurde - das beinhaltet bereits der Buchtitel - verraten, ihr Vertrauen mißbraucht und nun hat sie die Schuld eines anderen abzutragen.

Die gemeinsam verbrachte Zeit beinhaltet auch mehrere Fluchtversuche Abigails. Ich für meinen Teil konnte während der Lektüre nicht fassen, in welchen Situationen beide Protagonisten, vor allem jedoch Jake, von erotischen Gefühlen, ja von Wollust übermannt wurden. Hier geht es um Leben und Tod und dennoch steht ständig eine erotische Anspannung zwischen den beiden Protagonisten, die über weite Strecken auch die einzigen Akteure überhaupt sind, im Raum. Aus meiner Sicht nimmt dies viel zu viel Raum ein und raubt der Geschichte eine Menge ihrer Spannung. Der eigentlich spannungsreiche Stoff verkommt zu einem Lore-Roman. Das hat Linda Castillo definitiv nicht verdient und ich hoffe sehr, dass weitere Frühwerke in ähnlicher Qualität nicht übersetzt werden - falls dies nicht bereits geschehen ist. Diese zeigen die Autorin nämlich leider nicht von ihrer besten Seite und werfen ein schiefes Licht auf sie!