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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.01.2021

Das Schlimmste und das Beste

Erinnerungen aus Glas
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Hier begegnen sich Kindheitsfreunde in den Niederlanden unter schwierigsten Bedingungen wieder. Sie haben sich sehr von einander entfernt, Eliese hat ihre Freunde Josie und vor allem Samuel enttäuscht, ...

Hier begegnen sich Kindheitsfreunde in den Niederlanden unter schwierigsten Bedingungen wieder. Sie haben sich sehr von einander entfernt, Eliese hat ihre Freunde Josie und vor allem Samuel enttäuscht, indem sie ein Versprechen gebrochen und sich einem anderen Mann zugewandt hat. Und doch finden Eliese und Josie wieder zueinander, als es darum geht, Kinder - Juden wie sie selbst - vor dem Konzentrationslager und damit vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Auf einer zweiten Erzählebene begegnet uns die junge Ava in der Gegenwart, eine Außenseiterin in der eigenen Familie. Auch, wenn hier eine große Liebe entsteht und Ava auch in anderer Hinsicht über sich selbst hinauswächst, empfinde ich ihn im Vergleich zur Vergangenheit als deutlich weniger eindringlich. Es herrscht ein gewisses Chaos und die Auflösung erfolgt aus meiner Sicht zu glatt.

Ja, in diesem Roman, der erstaunlicherweise auf wahren Begebenheiten basiert - erstaunlich, weil vieles so widersprüchlich und/oder unglaublich ist, dass man es kaum fassen kann, kommt das Schlimmste, aber auch das Beste im Menschen zum Vorschein. Ich hätte nicht geglaubt, dass Menschen so kaltblütig, so zynisch sein können. Auf der anderen Seite ist es aber noch viel erstaunlicher, wieviel Gutes ein Mensch - und noch mehr viele Menschen zusammen - unter allerschwierigsten Bedingungen und größten Opfern zustande bringen können.

Schade nur, dass das alles in einem recht chaotischen Stil erzählt wird, es hätte noch weitaus eindringlicher präsentiert werden können, als es ohnehin schon der Fall ist!

Veröffentlicht am 31.12.2020

Ein Traumtänzer der besonderen Art

Hannah und Ludwig
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Obwohl er von seinen körperlichen und geistigen Voraussetzungen her nicht gerade der lebenstüchtigste Zeitgenosse ist, schafft es Ludwig Seligmann, in den 1930er Jahren, noch bevor es richtig losgeht mit ...

Obwohl er von seinen körperlichen und geistigen Voraussetzungen her nicht gerade der lebenstüchtigste Zeitgenosse ist, schafft es Ludwig Seligmann, in den 1930er Jahren, noch bevor es richtig losgeht mit Bücherverbrennungen und dann auch denen von Menschen, seine gesamte Familie nach Palästina zu holen und ihnen ein Zuhause zu schaffen.

Eines, das ihm von seiner wesentlich anpackerenden Schwester dann auch bald wieder abgeschwatzt wird.. Doch Ludwig lebt weiter, er hat seine Begabung als Kaufmann entdeckt und heiratet nach etlichen Frauenbekanntschaften die schöne Hannah, die ihm von einem Bekannten vorgestellt bzw. vermittelt wird.

Hannah hat im Gegensatz zu Ludwig ihrem Bruder geraten, in Polen zu bleiben und macht sich nun ständig Vorwürfe. Sie ist eine kluge und besonnene Frau, aber kein glücklicher Mensch, warum, das wird bald deutlich und ist für den Leser mehr als nachvollziehbar.

Doch als sie nicht mehr zu hoffen wagen, wird Söhnchen Rafael - richtig, der Autor dieser Geschichte - geboren. Auf ihn richtet Hannah nun ihre gesamte Aufmerksamkeit und Liebe, das größte Glück wird zur großen Prüfung für das Paar. Zu der inzwischen - in der Nachkriegszeit und im jungen Staate Israel - noch so einige hinzukommen.

Ludwig lernt, dass eigentlich auf niemanden Verlass ist, auch nicht auf sich selbst - eine mitreißende, zeitweilig verstörende Familiengeschichte. Der Autor schreibt offen und ehrlich über seine Verwandtschaft und beschönigt nichts. Wobei diese Geschichte natürlich eines nicht ist, nicht sein kann: objektiv. Und so macht der Autor passenderweise nicht mal einen Versuch dazu.

Lesenswert für Menschen, die sich für die Geschichte des 20. Jahrhunderts interessieren und starken Tobak nicht scheuen!

Veröffentlicht am 23.12.2020

Auf der Jagd nach DEM Käfer

Miss Bensons Reise
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Eine Frau, nämlich Miss Benson, ihres Zeichens Lehrerin mit ein klein wenig Dreck am Stecken, macht sich auf zur anderen Seite der Welt um einen sehr, sehr seltenen Käfer, nämlich einen güldenen, den noch ...

Eine Frau, nämlich Miss Benson, ihres Zeichens Lehrerin mit ein klein wenig Dreck am Stecken, macht sich auf zur anderen Seite der Welt um einen sehr, sehr seltenen Käfer, nämlich einen güldenen, den noch nie jemand in Natura gesehen hat, zu finden, begleitet von einer zweifelhaften Assistentin und verfolgt von einem selbsternannten Exkursionsleiter, von dem sie gar nichts weiß. Eine Art Road Movie der schrägen Art also.

Und ja, zweifelsohne gab es Aspekte an dem Buch, die es mir angetan haben: es ist originell und beinhaltet einige ausgesprochen skurrile Stellen, die mich gut unterhalten haben. Leider jedoch habe ich mehr noch unter den vielen Längen und gelegentlichen Redundanzen gelitten. Die Längen nahmen zum Ende hin ab, die Redundanzen wurden jedoch immer mehr, insbesondere waren das Anspielungen auf bestimmte Entwicklungen zum Ende hin, die man dadurch mehr und mehr voraussehen konnte.

Ich kannte bislang nur einen Roman der Autorin und zwar "Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie", der mir ausgesprochen gut gefiel. Von daher habe ich mich mit recht hohen Erwartungen an das vorliegende Werk gemacht - gut möglich, dass mir das Buch andernfalls mehr zugesagt hätte und ich einfach übertrieben streng geurteilt habe.

Veröffentlicht am 20.12.2020

Spannend, aber einseitig

Der Stoff, aus dem die Schlösser sind
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Ich war wirklich sehr gespannt auf dieses Buch - ja, das Berliner Stadtschloss war und ist eine spannende Angelegenheit, da gibt es keinen Zweifel. Und die Spendensammlung des Wilhelm von Boddien fraglos ...

Ich war wirklich sehr gespannt auf dieses Buch - ja, das Berliner Stadtschloss war und ist eine spannende Angelegenheit, da gibt es keinen Zweifel. Und die Spendensammlung des Wilhelm von Boddien fraglos eine bemerkenswerte Angelegenheit.

Doch ist dies nur ein Puzzle- oder Mosaikstein in dem großen thematischen Gefüge um das Stadtschloss, das ja als Heim des Humboldtforums durchaus umstritten war und nach seiner Eröffnung immer noch ist. Klar, einiges wird hier angesprochen, teilweise auch nur gestreift, aber längst nicht alles und deswegen fühle ich mich in Bezug auf mein Wissen zur Vergangenheit und Gegenwart des Stadtschlosses nur sehr unzulänglich informiert.

Ohne Frage, die Autorin Veronika Zickendraht erhebt nicht den Anspruch, eine allumfassende Chronik verfasst zu haben, weist aber aus meiner Sicht viel zu selten auf weitere wichtige Tatsachen hin. Ihr Buch war eine spannende Lektüre zum Stadtschloss, wird aber für mich ein kleines Mosaiksteinchen im Rahmen meiner Rechercheaktivitäten, die gerade erst beginnen, bleiben.

Veröffentlicht am 18.12.2020

Ein Gerichtskrimi

Eine bittere Wahrheit
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Tabitha Hardy wollte eigentlich in ihrer früheren Heimat neu anfangen - wenige Monate später landet sie im Knast. Sie soll ihren Nachbarn ermordet haben - seine Leiche wurde nämlich in ihrem Geräteschuppen ...

Tabitha Hardy wollte eigentlich in ihrer früheren Heimat neu anfangen - wenige Monate später landet sie im Knast. Sie soll ihren Nachbarn ermordet haben - seine Leiche wurde nämlich in ihrem Geräteschuppen aufgefunden. Und weitere Einblicke ergeben, dass sie durchaus einen Grund gehabt hätte, ihn zu ermorden.

Das Autorenehepaar Nicci French hat diesen Krimi - Thriller ist aus meiner Sicht eine eher unpassende Bezeichnung- einerseits als klassischen Whodunnit, andererseits als Gerichtskrimi, wie man ihn eher aus Filmen kennt, aufgebaut.

Wir begegnen Tabitha in Untersuchungshaft und es bleibt bei dem einen Todesfall - soviel zum Verlauf. Der Leser verfolgt die Entwicklung aus Tabithas Sicht, hat aber keinen Einblick in ihre Gedankengänge. Tabitha beteuert von Beginn an ihre Unschuld und als herauskommt, dass sie als Minderjährige ein sexuelles Verhältnis zu dem Opfer hatte, scheint der Fall klar zu sein. Ihre eigene Anwältin rät ihr, auf Totschlag im Affekt zu plädieren, worauf Tabitha sie entlässt und ihre Verteidigung selbst übernimmt, wozu sie nicht nur Einblick in alle Akten erhält, sondern auch das Video einer Überwachungskamera, das für sie durchaus hilfreich ist.

Hier wird die Gefühlwelt der Angeklagten deutlich, auch ihre Verlassenheit. Es stellt sich wieder und wieder die Frage - nicht nur ihr, sondern auch dem Leser, ob sie sich überhaupt noch auf jemanden verlassen kann. Immer wieder wird sie von vermeintlich Vertrauten brüskiert, vor den Kopf gestoßen.

Und es stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt Erfolgsaussichten gibt für eine derartige Selbstverteidigung. Ich liebe solche Fälle, in denen das Innenleben, die Gedanken, die Überlegungen im Mittelpunkt stehen und so konnte ich auch mit diesem Fall einiges anfangen. Wenn er auch in einiger Hinsicht - vor allem zum Ende hin - recht konstruiert erscheint. Und ganz zum Schluss tut Tabitha etwas sehr Gefährliches. Warum sie das genau so tut - das hat sich mir nun wirklich nicht erschlossen.

Insgesamt jedoch ein spannender Krimi mit vielen überraschenden Momenten, den ich gern gelesen habe.