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ToniLudwig

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Veröffentlicht am 05.10.2024

Liebe ohne Leiden ?

Okaye Tage
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Die in London lebende schwedische Autorin Jenny Mustard hat ihren Bekanntheitsgrad bisher überwiegend auf Social Media durch ihre YouTube-Videos erlangt.
Nun erscheint ihr erster Roman >>Okaye Tage>normalen ...

Die in London lebende schwedische Autorin Jenny Mustard hat ihren Bekanntheitsgrad bisher überwiegend auf Social Media durch ihre YouTube-Videos erlangt.
Nun erscheint ihr erster Roman >>Okaye Tage<< bei Eichborn in der Übersetzung von Lisa Kögeböhn.
Die Sprache dieses Buches folgt der Leichtigkeit des Seins und lässt die Unbeschwertheit einer aufflammenden Beziehung vermuten. Und wie immer, wenn Menschen sich begegnen, haben diese auch ihre Vorgeschichte, ihre Eigenheiten und Befindlichkeiten, gespeist aus den jeweiligen Lebenserfahrungen und den Bindungen an die Eltern.

Gleichwohl versuchen Sam und Luc, beide noch keine 30 Jahre jung, sich dem Anderen gegenüber im bestmöglichen Licht darzustellen. Dies mag bei heissem Sex noch gut funktionieren, im Alltag hingegen werden die Unterschiede schon offensichtlicher, nicht nur an verkaterten Tagen.
In einer >>normalen Beziehung<< sollte es möglich sein, sich einander behutsamer kennen und lieben zu lernen, doch Sams Praktikum im flirrenden Londoner Sommer dauert lediglich drei Monate.
Zeit genug für ausgiebige Trinkgelage und einen superheissen Flirt, der unverbindlich bleiben könnte - oder brennt die Verbindung sich doch tiefer ein ?

Jenny Mustard ist intelligent genug, den Roman nicht auf die begrenzte Zeit des Sommers zu beschränken, allein dieses Zusammensein würde den Roman nicht tragen, obschon Klappen- und Umschlagtext dies suggerieren.

Die beiden Protagonisten beschliessen doch, in London zusammen zu ziehen, obschon Sam ihre schwedische Heimatstadt Stockholm vermisst und nur ihr Freund Luc einen festen Freundeskreis in London hat.

Im Verlaufe ihres abflauenden obsessiven Zusammenseins müssen die beiden schmerzhaft erkennen, dass ein gemeinsames Leben auf anderen Werten beruht, als dem Partner etwas beweisen zu wollen, wofür einem selbst die Substanz fehlt und dass Kompromisse zwingend erforderlich sind, um eine Existenz nicht nur auf Schulden aufzubauen.
Und sie müssen feststellen, dass eine mögliche gemeinsame Zukunft auch die Klarheit der eigenen Wünsche und Perspektiven umfasst und gegenüber dem Partner auch artikuliert werden müssen, Trennungen, Davonlaufen oder Versöhnungssex sind halt nur unzureichende Bewältigungsmechanismen.

Die Geschichte, abwechselnd aus der Perspektive von Sam und Luc erzählt, nimmt mit den zunehmenden Konflikten Fahrt auf und die anfänglich belanglos wirkenden Charaktere werden tiefgründiger und nachdenklicher in ihrer Erkenntnis, dass Drogen, Alkohol und Sex nur eine kurzfristige Befriedigung bieten können und der damit oftmals einhergehende Kontrollverlust jegliche Zukunftsvisionen im Wortsinne vernebelt.

Damit wird das Buch zu einem unterhaltsamen Roman, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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Veröffentlicht am 05.10.2024

Bleibt wachsam - gegen das Vergessen !

Suche liebevollen Menschen
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Vorweggenommen : Das Buch ist erschütternd, emotional, auf Tatsachen beruhend und absolut lesenswert.
Denn diese Geschichten müssen erzählt werden, gerade jetzt, wo es nur noch wenige Zeitzeugen gibt, ...

Vorweggenommen : Das Buch ist erschütternd, emotional, auf Tatsachen beruhend und absolut lesenswert.
Denn diese Geschichten müssen erzählt werden, gerade jetzt, wo es nur noch wenige Zeitzeugen gibt, die die Verbrechen der Nazidiktatur überlebt haben.
Der Wiener Molden Verlag hat in der feinfühligen Übersetzung aus dem Englischen von Hainer Kober die umfangreichen und mitreissend erzählten Recherchen des 1961 in London geborenen Journalisten Julian Borger herausgebracht.
Erzählt wird in zwölf Kapiteln die Geschichte seines Vaters und weiterer sieben Kinder auf der Flucht vor dem Holocaust.
Diese verbürgten Einzelschicksale stehen exemplarisch für das unermessliche Leid jüdischer Kinder und ihrer Eltern auf der Flucht vor den Nazis in eine ungewisse Zukunft, sie haben im hochwertig gestalteten Buch auch durch Abbildungen ein Gesicht.
Es ist eine Mischung aus Verzweiflung und Weitsichtigkeit, wenn jüdische Eltern aus Wien im Sommer 1938 Kleinanzeigen im >>Manchester Guardian<< schalten, um ihre Kinder vor den Nazis zu retten.
Mögen sich alle Eltern gegenwärtig einmal vorstellen, ihr heranwachsendes, sich mitten in der Entwicklung befindliches und verletzliches 11-jähriges Kind in ein fremdes Land zu fremden Menschen zu verschicken, der Sprache nicht mächtig, die Kommunikation abgeschnitten.
Welche Qualen für beide Seiten - und natürlich ging es auch nicht immer gut, manche Kinder wurden aufgenommen und als zusätzliche Haushaltshilfen vereinnahmt.
Aber sie lebten - zumeist im Gegensatz zu ihren Eltern, denen eine solche Flucht oftmals verwehrt blieb, spätestens nach dem 1. September 1939, als Hitler die Wehrmacht in Polen einmarschieren ließ und Großbritannien Nazideutschland den Krieg erklärte.
Und musste eine Rettung der Kinder ins Ausland überhaupt sein ? Waren die Gräuel der Naziherrschaft voraussehbar oder war die Hoffnung grösser, es sei nur ein vorübergehendes Phänomen, eine Hoffnung, wie es an einer Stelle des Buches heisst, die aus dem tief verwurzelten Glauben an Recht und Unrecht und an Normalität erwuchs ?
Der Ursprungsinstinkt aller Eltern ist es ja, in Zeiten der Gefahr ihre Söhne und Töchter in ihrer Nähe zu behalten.
Es musste sich die bittere Erkenntnis durchsetzen, dass die Eltern nicht mehr in der Lage sein würden, ihre Familien zu beschützen.
Fassungslos wissen wir heute, was damals geschah - und ebenso fassungslos blicken wir in die Gegenwart, wo sich Rechtsextremismus in Deutschland, Österreich, Italien oder Frankreich wieder einnistet.
Die Kinder, wenn denn die achtzig im Manchester Guardian geschalteten Annoncen erfolgreich waren, trafen aber auch auf liebevolle englische >>Ersatzeltern<<, die den Wunsch hatten, den Kindern und Jugendlichen in ihrer Not zu helfen, zuweilen aber eben auch unfähig schienen, wahres Mitgefühl oder Verständnis für ihre Leiden aufzubringen, und sei es deshalb, weil sie anderen Glaubens waren oder unten der Last der Trennung nicht fröhlich genug auftraten.
Denn auch dies gehörte dazu - kaum waren die Kinder in Sicherheit, suchten sie nach einer Möglichkeit, ihre eigenen Eltern zu retten - was für eine belastende Aufgabe.
Durch die Vielzahl der im Buch aufgeführten Schicksale gelingt es Borger, ein breites Spektrum des tödlich praktizierten Antisemitismus aufzuzeigen und zugleich aufzudecken, wie unbehelligt die Täter oftmals blieben, so zum Beispiel SS-Obersturmführer Albert Gemecker, der von 1942 bis 1945 den Transport von achtzigtausend Juden in Konzentrationslager organisierte und später behauptete, er habe keine Ahnung gehabt, was an ihren Bestimmungsorten mit ihnen geschah.
Nach einer sechsjährigen Freiheitsstrafe in den Niederlanden lebte er bis zu seinem Tode 1982 unbehelligt in Deutschland.
Und es wird über Auschwitz berichtet, wo anlässlich einer Inspektion des Roten Kreuzes 1944 eine oberflächliche Normalität inszeniert wurde, nachdem man 7.500 Häftlinge in Todeslager deportiert worden waren, um die Eindruck einer Überbelegung zu vermeiden. Doch all jene, die verzweifelt als Mitwirkende in einem Propagandafilm der Nazis glaubten, so dem Tode angehen zu können, wurden dennoch in Auschwitz ermordet. Fünfzehntausend Kinder wurden durch Theresienstadt geschleust, nur eines von zehn überlebte.
Die Mehrzahl der inserierten Kinder des Guardian hingegen überlebten, ihre Eltern jedoch wurden häufig deportiert und ermordet.
Mit dieser Last mussten die Kinder fertigwerden : das Gewicht des Verlustes und die Schuld des Überlebens.
Die Vergangenheit drohte sie zu vereinnahmen, wenn sie sich zu intensiv mit ihr beschäftigten. Doch auch die Verdrängung der erlittenen Traumen birgt eine Gefahr, die im Falle des Vaters des Autors zum Suizid 1983 führte.
Borger schildert auch die Täter-Opfer-Umkehr in Österreich, ehemalige Wehrmachtssoldaten wurden als vorrangige Opfer betrachtet, deren Interessen durch Kriegsteilnehmerverbände aggressiv vertreten wurden, mehr als ein Hohn für die Opfer und Überlebenden des Holocaust und des NS-Terrors.
Geschichte wiederholt sich - Progrome von Odessa 1906, Novemberpogrome in Deutschland 1938, die Angriffe auf Israel ...
So bleibt dem Buch eine Vielzahl von Lesern zu wünschen, hoffentlich auch als Bestandteil des Geschichtsunterrichts für junge Menschen, unter denen sich schon viel zu sehr rechtsradikale Ideologien manifestierten, die das Einfallstor für weitere Verbrechen längst bereitet haben.

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Veröffentlicht am 28.08.2024

Baruch Haschem - Guten Morgen Israel

Juli, August, September
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Die kapp 40jährige mehrfach ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin Olga Grjasnowa veröffentlicht zum Ende des Sommers 2024 (im September !) nun schon ihren fünften Roman mit dem Titel >>Juli, August, ...


Die kapp 40jährige mehrfach ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin Olga Grjasnowa veröffentlicht zum Ende des Sommers 2024 (im September !) nun schon ihren fünften Roman mit dem Titel >>Juli, August, September<<, der wie die ersten beiden Bücher wieder bei Hanser erscheint.

Es verwundert nicht, dass die in Aserbaidschan geborene Autorin eigene Familienschicksale aufgreift und verarbeitet, wurde sie doch selbst in eine russisch-jüdische Familie geboren, studierte unter anderem auch in Israel und ist mit einem Künstler verheiratet, der freilich kein Pianist ist.

Aber natürlich ist dies keine Autobiografie, denn meisterlich verwebt Grjasnowa ihre intimen Kenntnisse jüdischen Familienlebens in eine fiktive Geschichte, die so leichtfüssig daherkommt, wie nur selten in der Gegenwartsliteratur.

Doch Vorsicht : Leichtigkeit bedeutet nicht Oberflächlichkeit, zu tief sind die Familien in ihrer unheilvollen Vergangenheit behaftet und schwere Kränkungen schwelen nur dürftig unter der Oberfläche und können jederzeit flammend hervorbrechen.

Lou, die Hauptprotagonisten ist in zweiter Ehe mit Sergej verheiratet, einem international erfolgreichen Pianisten, dessen Ruhm und Selbstsicherheit jedoch zu bröckeln scheinen.
Sie beschäftigen - mit hinreichend schlechtem Gewissen - eine Putzfrau, die auch aus dem >>heruntergekommenen russischen Reich<< stammt, versuchen ihrer fünfjährigen Tochter Rosa musikalische Früherziehung beibringen zu lassen und halten - wenn auch überwiegend nur noch mittels Sex - die Ehe zumindest nach aussen intakt.

Den seelischen Traumen der Vergangenheit, die unweigerlich auf allen jüdischen Familien lasten, versuchen sie zu entgehen, indem sie einem Alltag ohne jüdischen Ritualen nachgehen, Kerzen an Chanukka entzünden, aber Besuche der Synagoge an den Feiertagen für entbehrlich halten.

Die Aussicht auf eine Feier zum 90. Geburtstag von Lou's Tante Maya auf Gran Canaria verheisst daher kein unbeschwertes Vergnügen.

Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer aufgeweckten Tochter Rosa, jedoch ohne ihren Mann, machen sich die drei dennoch auf den Weg, um mit Mutters dominanter Schwester Elena und deren gesamter Familie den Geburtstag von Maya zu begehen, es könnte ja mit ihr die letzte Zusammenkunft sein.

Und natürlich brechen gnadenlos alsbald alte Verwundungen auf, erweist sich der erhoffte Zusammenhalt als trügerische Idylle, zeigen sich die unterschiedlichen Familien in ihrem brüchigen Glanz, obschon unter der Oberfläche nicht mal mehr wie einst die Karriere im Vordergrund steht, sondern bereits eine Nicht-Scheidung als grosser Erfolg gilt.

Die gemeinsamen Schreckenserlebnisse der Familie, insbesondere von Maya und ihrer verstorbenen Schwester, die auch den Namen Rosa trug, werden zu Anekdoten verwoben, die rückblickend die eigene Persönlichkeit durch tiefgreifende Einschnitte in die Realität ungerechtfertigt und unverhältnismässig glorifiziert.
Gesichert bleibt nur die traurige Gewissheit, dass die gesamte Verwandtschaft von Rosa und Maya, alle ihre Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen im Holocaust umgebracht wurden, als die beiden noch selbst Kinder waren und zu den elf Prozent jener jüdischen Kinder gehörten, die in Europa überlebt hatten.
Wie immer in dieser Familie wird über vieles gesprochen, jedoch nicht über Liebe, Geld, Krankheiten und Angst; Gefühle sind tief im Inneren einzementiert.
Brüllen gehört ebenso zu einer normalen Familienkonstellation wie die gegenseitigen Vorwürfe zum Lebensstil, zur Ehe und zur Identität :
>>Wann bist du bloß so deutsch geworden?<<.

Warum Lou's Mutter vorzeitig die Kanarische Insel verlässt und Lou kurzentschlossen versucht, sich in Tel Aviv ihrer eigenen immerwährenden Unsicherheit zu stellen, wie und wodurch ihr Vertrauen in die eigene Ehe immer heftiger bröckelt, ob sie in Yad Vashem oder auf dem Friedhof in Haifa Antworten auf das Schweigen der noch Lebenden findet - auf all diese Ereignisse kann der Leser im dritten Teil des Buches gespannt sein, welches nach den ersten beiden Kapiteln >>Juli, August<< überraschenderweise nicht mit September übertitelt ist.

Ein unterhaltsamer Roman, welcher konzeptionell ein wenig an die kürzlich gesendete überaus erfolgreiche Fernsehserie >>Die Zweiflers << erinnert, hier jedoch literarisch aufbereitet, komisch, liebenswert, anstrengend, nachdenklich und lesenswert.

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Veröffentlicht am 28.08.2024

Masel tov, Ben Oppenheimer

Sobald wir angekommen sind
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Der Schweizer Drehbuchautor und Regisseur Micha Lewinsky veröffentlicht zwei Jahre nach seinem Kinderbucherfolg bei Diogenes Zürich seinen ersten Roman mit dem Titel >>Sobald wir angekommen sindman kriegt ...

Der Schweizer Drehbuchautor und Regisseur Micha Lewinsky veröffentlicht zwei Jahre nach seinem Kinderbucherfolg bei Diogenes Zürich seinen ersten Roman mit dem Titel >>Sobald wir angekommen sind<<.

Wir lernen den seit Jahren mittlerweile ziemlich erfolglosen Schriftsteller Benjamin Oppenheimer in seiner unglücklichen Familiensituation kennen, getrennt von seiner Frau Marina, doch ohne die Wohnung richtig verlassen zu haben, auch wegen ihrer gemeinsamen Kinder Rosa und Moritz :
Rosa, die in der Schule als Jüdin beschimpft wird und tief in der Pubertät steckt,
Moritz, der in Nächten schreiend von Monstern verfolgt wird.

Ben indes wird geplagt von der ewig jüdischen Angst, die sich über seiner Familie nach der Shoa wie ein unsichtbarer Schleier gelegt hat, die Angst vor Krieg, Verfolgung und Vertreibung, symbolisch eingepackt in einen Rucksack.
Diesen abzuwerfen oder zu verlieren, würde eine große Befreiung beinhalten, wäre aber aus der Sicht von Ben auch eine unfassbare Geschichtslosigkeit, ein schier auswegloses Dilemma.

Eine unvermutete Leichtigkeit stellt sich nur dann ein, wenn er bei seiner Freundin Julia Unterschlupf findet, obschon auch diese Beziehung zwar sexuelle Befriedigung, aber auch das konkurrierende Unverständnis des kleinen Sohnes Prince mit sich bringt.

Keine praktische Lebenshilfe jedenfalls ist sein bester Freund Joachim, welcher depressiv und von Panikattacken begleitet im Krankenhaus liegt, zu viel schon hat dieser als Auslandskorrespondent des Schweizer Fernsehens von der Welt gesehen, >>man kriegt den Körper zwar aus dem Krieg, aber den Krieg kriegt man nicht so schnell wieder aus dem Körper<<.

Um endlich finanziell wieder auf die Beine zu kommen, arbeitet Ben an einem Drehbuch über sein Vorbild Stefan Zweig, doch die Begegnung mit einer potentiellen Produzentin wird abermals ein Fiasko.

Ben, der zwar nicht streng jüdisch lebt, aber dem Antisemitismus selbst durchaus widerfahren ist, verzweifelt über der Frage : fliehen oder kämpfen?
Zumindest in der Vergangenheit hatten doch diejenigen, welche rasch flohen, immer die besseren Karten gehabt.

Und plötzlich wird die Angst vor einem atomaren dritten Weltkrieg real, in zumindest in der Vorstellungskraft von Marina Oppenheimer.

Und so findet sich Ben mit seiner brüchigen Familie fast folgerichtig in einem Flieger nach Brasilien wieder, um sich erneut mit der Frage auseinandersetzen zu müssen, was er wirklich noch vorhat in diesem Leben und mit wem er es künftig tatsächlich verbringen möchte.

Seine Leidenschaft für Stefan Zweig jedenfalls, der 1936 keine Stellung gegen den Nationalsozialismus bezog, wird ihm bei der Lösung >> kämpfen oder fliehen<< eher keinen Ausweg aufzeigen.

All dies versieht Micha Lewinsky zugleich mit mit einigen Seitenhieben auf Zürich und die Schweiz selbst in einem flüssigen und gut lesbaren Roman, der die Schwierigkeit der Thematik scheinbar mühelos durch die Sprachwahl meistert.

Dabei lernen wir auch unerträgliche deutsche Zeitgenossen in Brasilien kennen, einem Land, wir ahnen es, dass nur in der Vorstellungskraft des verunsicherten Ben einen Ausweg bietet.

Und die Sympathie, die der Autor in den 27 Kapiteln des Romans gegenüber seinem Protagonisten entgegenbringt, überträgt sich bei aller Skurrilität des Benjamin Oppenheimer, der über Empathie und Egoismus zu gleichen Teilen verfügt, auf den Leser und führt uns auf einem hohen Niveau durch die abenteuerliche Handlung.

Und wer weiss - vielleicht ist der Roman auch der Grundstock eines weiteren Films von Micha Lewinsky, für die weibliche Hauptrolle jedenfalls sollte sich die Ehefrau des Autors, die deutsch-brasilianisch-schweizerische (!) Schauspielerin Oriana Schrage, schon einmal bei einem geeigneten Drehbuchautor bewerben.

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Veröffentlicht am 17.07.2024

Psychogramm einer Familie

Kleine Monster
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Der Roman beginnt mit einer sicher gar nicht so seltenen Begebenheit : Ein Anruf aus der Schule : der siebenjährige Luca habe eine Verfehlung begangen.
Die Eltern Pia und Jakob sind leicht genervt, die ...

Der Roman beginnt mit einer sicher gar nicht so seltenen Begebenheit : Ein Anruf aus der Schule : der siebenjährige Luca habe eine Verfehlung begangen.
Die Eltern Pia und Jakob sind leicht genervt, die Lehrerin einigermassen besonnen und der Junge schweigt.

Und noch bevor Ursachen und Hintergründe der >>kindlichen Sandkastenspiele<< aufgeklärt sind, wenden sich die ach so empörten Eltern der anderen Kinder aus der Klasse von Pia und Jakob ab und entfernen diese mal eben aus der Chatgruppe.

Zu den sich hieraus ergebenden Problemen aber kristallisiert sich ein weiteres heraus : das schwelende Misstrauen der Mutter Pia gegenüber ihrem Sohn Luca :
Was hat dieser wirklich getan und wozu könnte er noch fähig sein ?
Gehört er gar zu den >>Kleinen Monstern<< ?

Diesen und anderen Fragen geht die österreichische Drehbuchautorin und Schriftstellerin Jessica Lind (nicht verwand mit Hera Lind) in ihrem zweiten Roman eindringlich nach.

Schicht um Schicht wird hierbei offengelegt, dass das eigentliche Problem bei Pia selber liegt. In ihrer Kindheit gab es ein tragisches Ereignis : den Tod ihrer kleinen Schwester Linda. Wer trägt die Schuld daran ? Vielleicht ihre Schwester Romi, welche ihre Eltern im Alter von 14 Monaten aus einem Heim buchstäblich gerettet und hernach adoptiert haben ?

Die später abgebrochene Beziehung zu Romi wird immer ambivalent bleiben, dazu trägt auch das Verhalten ihrer Eltern bei, die Pia mit Sätzen wie jenen ihrer Mutter
>>Dich habe ich geboren, aber Romi habe ich mir ausgesucht. Sie ist unser Wunschkind.<< lebenslang mit Zweifeln zurücklassen und die sich ohnehin in einen Kokon eingewoben haben, den die Aura des Ungesagten umspannt.

Und so erleben wir eine zunehmend aufgewühlte Pia, die selbst vor der Intimität ihrer Mannes zurückschreckt und die besonders ihrer Sohn nicht mehr aus den Augen lässt. Argwöhnisch und gepeinigt von unterschwelligen bedrohlichen Empfindungen beobachtet sie ihn beim Spielen mit seiner kleinen Cousine : wieso wirkt er so zärtlich und beruhigend auf sie ein, wird er ihr gar etwas antun wollen ?

Dies ist, eingewoben in die Rückblenden zur Kindheit, meisterlich und psychologisch dicht erzählt, immer auch an der Grenze zum schwarzen österreichischen Humor und mit einer zunehmenden Dramatik.
Unheimlich stark wird hierbei das Verhältnis Mutter - Sohn im auf und ab der Unsicherheit und Zerrissenheit der Gefühle zwischen Liebe, Wut und Hass beschrieben, so dass dem Leser einmal mehr der Atem stockt.

Der Roman mit dem eindringlichen Cover erscheint im Juli 2024 bei Hanser und belegt nachdrücklich, dass wir die Muster und Verhaltensweisen unserer eigenen Kindheit nicht so einfach abschütteln können. Doch ohne die Auseinandersetzung mit unseren unbewusst auf die eigenen Kinder projizierten Schwächen werden wir deren Vertrauen nicht erlangen und mithin selbst Teil der Probleme bleiben und unsere Kinder darunter erneut verunsichert zurücklassen.

Ein Familienroman der etwas anderen Art und eine klare Leseempfehlung für Freunde psychologisch hochwertiger Literatur.

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