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Veröffentlicht am 27.03.2026

Sichtbar unsichtbar

Mit anderen Augen
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Erstmals erscheint ein Roman der bislang im deutschsprachigen Raum unbekannten Australierin Jane Tara, den diese im Jahr 2025 veröffentlicht hat (Original: >> Tilda is visible Gesehen werden >Man soll ...

Erstmals erscheint ein Roman der bislang im deutschsprachigen Raum unbekannten Australierin Jane Tara, den diese im Jahr 2025 veröffentlicht hat (Original: >> Tilda is visible <<) und das Verdienst gebührt dem Schweizer Diogenes - Verlag in der flüssigen Übersetzung aus dem australischen Englisch von Tanja Handels.

Morbus Invisibilis lautet die Diagnose bei Tilda Finch, die eines Morgens verstört bemerkt, dass ihr verschiedene Gliedmassen fehlen. Unerklärlich all dies, doch die Ärztin beseitigt schließlich die Ungewissheit : tatsächlich Unsichtbarkeit. Die befallenen Teile sind zwar vorhanden, doch werden von der betroffenen Person und ihren Gegenübern nicht mehr erkannt.

Das langsame Verschwinden einer Frau, längst auf Google thematisiert als ein Problem (nur !) von Frauen im Alter um die 50 Jahre, mangels fehlender Mittel jedoch kaum erforscht und in vier Phasen auftretend.

Dabei ist Tilda in ihrer Eigenwahrnehmung eine durchaus normale Frau, eingebettet in ein soziales Umfeld in Middle Bay mit Freundinnen, einem mittlerweile erfolgreichen Unternehmen, mit interessanten und eigenwilligen Zwillingstöchtern, die aus dem Hause sind und ihrerseits dabei sind, eine eigene Existenz aufzubauen.

Freilich, die Scheidung von Tom vor fünf Jahren hat sie nicht glücklicher gemacht, von einem erfüllten Sexleben ganz zu schweigen.
Aber gleich eine solche Krankheit und die verstörende Ungewissheit einer Heilung...

Ist ein >> Gesehen werden << vielleicht der Schlüssel hierfür ? Doch wie lässt sich ein Leben ändern, wie verhindern, dass weitere Teile von ihr unsichtbar werden ?
Durch Analyse emotionaler Hintergründe oder gar durch eine Sichtbarkeits-Neurotherapeutin ?

Die Autorin Jane Tara, bei der einst selbst fälschlicherweise eine eine degenerative Augenerkrankung diagnostiziert wurde, hat einen überaus unterhaltsamen Roman geschrieben, der sich in 66 Kapitel aufteilt, die jeweils mit interessanten Zitaten übertitelt sind, von Marie Curie über Jane Fonda bis zu Anaïs Nin.

Es entwickelt sich im Laufe des Romans ein Art Sog, denn Tilda lernt andere Leidengenossinen kennen, besucht eine eher fragwürdige und wohl viel zu ernste Selbsthilfegruppe und begibt sich zwangsläufig auf einen steinigen Weg der Selbsterkenntnis.
Schulmedizin ist offenkundig nicht der Ausweg, die umstrittene Alternativheilerin Selma vielleicht schon.
Denn diese stellt ihr eine neue unbequeme Freundin an die Seite, PAULA - Programm Aller Unhinterfragten Langzeit-Automatismen.
Dies befähigt die Protagonistin, sich auf eine Reise in ihr Innerstes zu begeben, die ebenso beschwerlich wie amüsant beschrieben wird.

Es gibt einige Passagen, in denen die Autorin wohl zu viel an Wissen vermitteln möchte, insbesondere dann, wenn es um Meditation geht. Doch dies wird alsbald übermalt von den wahrlich wirklichkeitsnahen Beschreibungen über Versuche, in das eigene Innere vorzudringen - Gedanken des Alltags lassen sich eben nicht so leicht verdrängen.
Und ich habe die schöne Zen-Weisheit gelernt :
>>Man soll jeden Tag zwanzig Minuten meditieren, es sei denn, man hat keine Zeit, dann soll man eine Stunde meditieren.<<

Es ist ein Roman der Ermutigung, der Selbstfürsorge, der Möglichkeit, sein Leben selbstreflektierter anzunehmen.
Und ja - es trägt zuweilen den Charakter eines Märchens, zumal die Symbolik durch die Begegnung der Hautperson Tilda (Fotografin !!) mit einem gut aussehenden und vor allem verständnisvollen Mann doch ziemlich überspannt wirkt.
Denn dieser ist - blind.
Aber ach - die Charaktere sind so liebevoll beschrieben, dass der Hang zum Kitsch zwar gestreift, aber nie wirklich erreicht wird.
Und in Zeiten von Kriegen, Zerstörung und Verlusten nicht nur der Sehkraft ist es wohltuend, einen Roman wie diesen in der Hand zu halten, der uns bei allen inneren Konflikten der Protagonisten warmherzig auffängt und am Leben von Tilda und ihrem ereignisreichen Umfeld äußerst interessiert teilhaben lässt.

Vielleicht ein Roman besonders für Frauen, die sich nicht selbst sehen können oder wollen, die in Ehen ausharren, denen sie sich in Grunde schon innerlich entsagt haben, aber aus Vernunftsgründen dennoch nicht ausbrechen, obzwar ihr Selbstwertgefühl längst schon untergraben wurde.
Dies jedoch sollte auch den Männern zu denken geben, die ihre Aufmerksamkeit ihrer Partnerin gegenüber immer wieder hinterfragen sollten, was nicht an Äußerlichkeiten oder gelegentlichem Sex festzumachen ist.

Denn erst dann kommen sie wohl zur Erkenntnis von Robert Brault, welches einem Kapitel vorsteht :
>> Freu dich an den kleinen Dingen des Lebens, denn irgendwann blickst du zurück und stellt fest, dass es die großen waren. <<

Denn die Sichtbarkeit fängt immer in uns selbst an und die damit verbundenen Fragen und Probleme stellen sich von Kindheitsbeinen an und müssen nicht bis zur Perimeno- oder Andropause verdrängt werden.

>> Wie die Welt uns sieht, wie andere Menschen uns sehen, ist ohne jede Bedeutung. Entscheidend ist, wie wir uns selbst sehen. Wir müssen für uns selbst sichtbar sein. <<
Dies mag ein Schlüsselsatz des Roman sein, dem ich im Lichte (sic!) seiner Wärme, seinem Humor und seinem Anspruch eine Vielzahl glücklicher Leser wünsche.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Freundschaft oder Obsession ?

Dius
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Im Jahre 2024 lag der Länderschwerpunkt der Leipziger Buchmesse auf den Niederlanden und der 1951 geborene Stefan Hertmans gehört zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Szene der Niederlande und ...

Im Jahre 2024 lag der Länderschwerpunkt der Leipziger Buchmesse auf den Niederlanden und der 1951 geborene Stefan Hertmans gehört zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Szene der Niederlande und Flanderns.
Die regelmäßige Veröffentlichung niederländischer Literatur ist eines der Verdienste des Diogenes-Verlages; die zuletzt von Hertmans erschienenen Romane wurden alle von Ira Wilhelm grossartig ins Deutsche übertragen.
Bei diesem 2024 im Original erschienenen Roman bedurfte sein Titel >>Dius<< freilich nicht der Übersetzung, in der lateinischen Sprache besteht ein Bezug zu >>göttlich<< oder >>heilig<<.

Heilig mutet es freilich nicht an, was der titelgebende Romanheld eingangs der Handlung so treibt, es ist eher ein Grenzüberschreitung, die Kunstvorlesung seines Dozenten zu stören und ihn gar daheim mit einem aberwitzig anmutendem Vorschlag aufzusuchen.
Der Beginn einer tiefen Freundschaft ? Oder doch einer Obsession ?

Dies freilich muss der Leser selbst entscheiden, der hineingezogen wird in eine entstehende Freundschaft, welche zunächst das Lehrer-Schüler-Verhältnis sprengt und die schliesslich ein ganzes Menschenleben an - und aushält.
Erzählt wird all dies aus der Perspektive von Anton, dem grüblerischen Dozenten und Analytiker, zehn Jahre älter als Dius und viel mehr der Theorie zugewandt als dem praktischen Leben.
Seine sensible Unentschlossenheit zeigt sich auch im Auf und Ab mit seiner Geliebten Lys, zunächst eine Affäre, später eine schier unerfüllbare Sehnsucht.

Und mittendrin Dius, ein unberechenbarer, kraftvoller junger Mann, bar jeglicher Konventionen, ein Meister des Praktischen im Herstellen von menschlichen Körpern nachempfundenen Möbelstücken, gleichsam aber auch ein feingeistiger Maler blutender Wunden, oft genug seiner eigenen.
Dius ist auf seine Art tatsächlich göttlich und verkörpert überwiegend die Mischung von Wahnsinn und Genie, dabei gänzlich aus seiner Zeit gefallen.
Anton verfällt ihm auf seine Art, mit Folgen, die ihn ungemein bereichern und erfüllen sollen, gleichwohl aber ein Leben lang eine Last bleiben werden.

Der beginnend in den 1980er Jahren zwischen Belgien und Bergamo angesiedelte Roman ist wie geschaffen für lange Abende am Kachelofen oder neuzeitlich halt in der Nähe vom Kamin, am besten mit einer Tasse Tee und der Möglichkeit, Musik zu hören und Kunstwerke zu betrachten.
Denn das Werk strotzt nur so von musikalischen Anspielungen und Beschreibungen,
von Gesualdos Madrigalen, einer verzauberten Welt voller Arien, Fugen, Passacaglien, Sarabanden oder Chorälen, Mahlers Urlicht, den letzten Sonaten von Schubert in der Interpretation von Alfred Brendel oder dem eindrucksvollen Klagelied von Dieterich Buxtehude.
Und damit nicht genug - es werden Gemälde beschrieben wie die Allegorie der Liebe von Bronzino, die den Leser immer wieder vor die Frage stellen - weiterlesen oder innehalten, um das Gemälde selbst zu betrachten.
Doch dies ist keineswegs ein störendes Moment, es fügt sich in die drängende Handlung ebenso ein, wie die vielen nachdenklichen Impulse, die uns Stefan Hertmans mit auf den Weg gibt:
über das Leben, welches etwas ist, was dir geschieht, nicht etwas, was du dir wünschst, über das Glück, den Widerschein unserer Vorurteile, den Verlust der Mitte (mit einem Bild von Asger Jorns), über den Kunstbetrieb und die Selbstgefälligkeit des Bürgertums wie über Sitz und möglichem Gewicht unserer Seele, über Jugend oder den Schatten der eigenen Selbstgefälligkeit.

Die Melancholie des Textes etwa wird deutlich in einem meinem Lieblingssätze :
>> ...viel zu wissen fällt uns leicht, etwas zu erkennen hingegen schwer ...<< .

Ob Anton je die verborgene Botschaft unter der Schreibtischplatte wird lesen können, die ihm sein Freund Dius in den Zeiten grösster Vertrautheit hineingetischlert hat ?

Und schließlich noch ganz am Rande : in einer kurzen Sequenz wird eine der drastischsten Trennungen in Form einer Haushaltshalbierung beschrieben - köstlich.

Wer noch immer nicht von diesem Buch überzeugt ist, der begebe sich zu seinem Buchladen des Vertrauens, bestaune das Cover und lese dort den ersten Satz des Romans - ihm werden nach dem sicheren Erwerb des Romans (dem lediglich ein Lesebändchen fehlt) etliche Stunden Freude und Erkenntnisgewinn sicher sein.

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Veröffentlicht am 09.07.2025

Das Leben im Hoffnungslauf

Ja, nein, vielleicht
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Die österreichische Journalistin und Schriftstellerin Dort Knecht ist aus der Literaturwelt nicht mehr wegzudenken und wie in ihrer vorherigen Romanen schreibt sie über eine Frau in der späten ...

Die österreichische Journalistin und Schriftstellerin Dort Knecht ist aus der Literaturwelt nicht mehr wegzudenken und wie in ihrer vorherigen Romanen schreibt sie über eine Frau in der späten Mitte ihres Lebens.
In >>Ja, nein, vielleicht<<, welches erneut bei Hanser Berlin erscheint, ist es eine namenlose Schriftstellerin, nicht sonderlich erfolgreich, aber gefestigt in ihren Ansichten und immerhin mit zwei Wohnungen.
Ein wohl nicht mehr zu rettender Zahn bringt ihr Gleichgewicht ein wenig durcheinander, hat sie doch sonst alles im Griff und für jedes mögliche gesundheitliche Problem einen ärztlichen Spezialisten an der Hand.
Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann inzwischen auch, der Traum einer Karriere als E-Gitarristin wird ein Traum bleiben.
Auch eine ihrer Schwester, die vorübergehend ihre Einraum-Wohnung in der Stadt benötigt, scheint ein unausgesprochenes Eheproblem umzutreiben, doch geredet wird in der Familie eher weniger, der Frieden nach aussen möge erhalten bleiben.

Zumindest auf dem Lande, wo die Schriftstellerin mit ihrem Hund hauptsächlich wohnt, gibt es hilfsbereite Nachbarn, denn auch dort zeigen sich Risse im Haus, bedroht ein ausgehöhlter Baum das Dach und auch ein Mader treibt im im Dachgeschoss sein Unwesen.

Dies ist der Ausgangspunkt der Geschichte, doch die Gleichförmigkeit des Daseins wird durchbrochen durch die Begegnung mit Friedrich, der nie gänzlich aus ihren Gedanken verschwunden ist, Friedrich, mit dem sie die Millenniumsnächte in New York liebend verbrachte.
Sie trafen sich später auch in Paris, die Schriftstellerin war noch als Journalistin tätig, Friedrich wohl als Fotograf.
Die Wege gingen auseinander, es gab keinen Streit, im Leben verliert man zuweilen auch jene aus den Augen, die man mag.
Der Protagonistin geht es in den vierundzwanzig Jahren danach nicht schlecht, sie bekommt Kinder, die Zwillinge Mila und Max, die im Roman jedoch kaum eine Rolle spielen.
Umso mehr baut sich ein unspezifisches Misstrauen gegenüber Männern auf, die immer nur Schwierigkeiten machen, in denen so viel Scheiße steckt und die das Leben von Frauen oftmals nur zerstören.
Woher dieses pessimistische Männerbild kommt, wird leider nicht näher beschrieben, >>das kommt vom Leben als Frau<< wird hierzu lapidar erklärt und vom Faible für Verrückte, Narzissten, Borderliner, Depressive, Sexsüchtige, Junkies, besser und sicherer sei es ohne Mann.

Umso merkwürdiger nun, dass die Erscheinung von Friedrich nahezu zur Obsession wird.

Und Frau wird aufgeregt , erinnert sich an ihre Impulskontrollstörung, putzt nicht nur emsig ihre Wohnung, sondern räumt sie gar um, für jenen innerlich erhofften Fall, dass Friedrich, mit dem sie nach ihrer unverhofften Begegnung die Adressen tauscht, sie besuchen könnte, möchte sie auch hier gefallen.

Parallel dazu treten die Eheprobleme ihrer Schwester immer offenkundiger zutage und ihre beste Freundin Therese plant tatsächlich parallel ihre Hochzeit mit Eddie.
Dies wirkt etwas konstruiert, ermöglicht aber der Erzählerin, viele ihrer Gedanken, ihrer Unsicherheit, ihrer Zweifel darzulegen, dies ist die grosse Stärke dieses kleinen Romans.
Tatsächlich kommt es zu Begegnungen mit Friedrich und zu der Frage, ob das erneute sich Einlassen mit einem Mann eine Gefährdung des inneren Friedens erwarten lässt, mit einer Abkehr von Freiheit und Unabhängigkeit einhergeht oder ob sich nicht doch eine Chance eröffnet, mit dem Anderen gemeinsam und unaufgeregt ein Stück durch das endliche Leben zu gehen, es muss ja nicht gleich in eine Hochzeit münden.

All dies erzähl Doris Knecht in gewohnt eindrucksvoll-lakonischer Sprache, ein gutes Buch für den Sommer, unterhaltsam mit einem überschaubaren Personenkreis.

Das latenten Unbehagen, was dem männlichen Rezensenten bleibt, ist eben jene bereits geschilderte doch recht eindimensionale Sicht auf alle Männer, die Danksagung am Ende des Buches umfasst tatsächlich namentlich ausschliesslich Frauen.

Dem Roman jedoch wünsche ich eine paritätische Leserschaft, denn letztlich wird auch die Frage verhandelt, worauf es wirklich ankommt im Leben.

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Veröffentlicht am 07.05.2025

Die Geschichte von den armen Reichen

Wut und Liebe
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Gefühlt erscheint vom bereits 77 Jahre alten Schweizer Schriftsteller Martin Suter jedes Jahr ein neues Buch. Das Erscheinen seines jüngsten Romans >>Wut und Liebe>Allmen-Reihe> schön wie die ...


Gefühlt erscheint vom bereits 77 Jahre alten Schweizer Schriftsteller Martin Suter jedes Jahr ein neues Buch. Das Erscheinen seines jüngsten Romans >>Wut und Liebe<< bei Diogenes, dem Hausverlag des Autors, ist bereits das 32. Werk von Suter, was umso erstaunlicher ist, da dieser erst 1997 seinen Durchbruch als Schriftsteller feiern durfte.
Seither ist viel darüber diskutiert worden, ob ein Vielschreiber wie Suter den grundlegenden literarischen Ansprüchen der Gegenwart genügen würde.
Seinen Kritikern ist mindestens entgegenzuhalten, dass er noch immer eine ungemein grosse Leserschaft anzieht, von den vielen Verfilmungen besonders seiner >>Allmen-Reihe<< ganz abgesehen.
Und so werden wir auch im neuen Roman von Suter in eine Welt entführt, in der sich der Autor offenbar auskennt und in die sich der geneigte Leser nur allzu gerne begibt : in die Welt der Reichen und Schönen, welche sich nicht zwingend durch edle Charaktereigenschaften auszeichnen müssen (wenn sie überhaupt Charakter zeigen).
Der Plot des neuen Romans ist angesiedelt in der Kunstwelt und im Grunde schnell skizziert :
Junger, erfolgloser bildender Künstler wird von seiner Freundin verlassen, die ihn nicht mehr länger finanziell unterhalten mag. Der junge Mann lernt eine ältere Frau kennen, die ihn unter bestimmten Bedingungen auch finanziell kräftig unterstützen würde, worin der Schmachtende eine Chance wittert, seine attraktive Freundin (>> schön wie die Venus von Botticelli<<) zurückzugewinnen und mit ihr ein unbeschwertes Leben zu führen.

Doch Suter wäre nicht Suter, wenn er nicht die Beziehungen und Verhältnisse gehörig durcheinander wirbeln würde. Es entstehen Verflechtungen und Verirrungen, es gibt Verzweiflung und Tote, Sex und postkoitale Tristesse mit Verkaterung, kriminelle Energie, aber immer gänzlich anders, als der Leser es erahnen mag.
Das ist mindestens unterhaltsam und schon aus diesem Grunde lohnenswert, es entwickelt sich durchaus ein Lesesog.
Dabei werden im Laufe der Handlung unzählige Getränke konsumiert (bevorzugt Champagner und Cocktails) und natürlich auch gepflegt gegessen, selbst bei überraschenden Enthüllungen denkt der gerade kochende Künstler eher an das Umrühren seines mit Weisswein abgelöschten Risottos.

Und so kann man für die Lesezeit das gesamte Elend dieser Welt ausblenden und für sich selbst entscheiden, ob man sich einer Welt zugehörig fühlen möchte, in der zumindest für eine überschaubare Zeit das vermeintlich schöne und unbeschwerte Leben mit nur wenigen Intrigen möglich sein könnte, >>ein Leben, in dem ich nicht immer überlege, worauf ich verzichten muss, um mir das oder das zu leisten ..., das ich mir nicht verdienen muss mit einer Arbeit, die ich hasse ...<<.

Die Handlung wird rasch vorangetrieben, ohne dass deren Protagonisten tiefgründiger die unterschiedlichen Situationen reflektieren, philosophische Abhandlungen sind bei Suter ohnehin nicht zu erwarten, allenfalls fällt nebenher eine Äusserung wie >>Gegen Wut hilft Liebe<<, der Titel bekommt seine Bedeutung.

Aber das ist freilich auch nicht Suters Anspruch und ex cathedra wollte ich nicht reden.
Was bleibt : eine spannender Blick in die Abgründe der menschlichen Seele und ansprechende Unterhaltung - nicht mehr und nicht weniger.

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Veröffentlicht am 27.01.2025

Mit der Kraft der Musik gegen die Einsamkeit

Für Polina
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Nur wenige Monate vor seinem 40. Geburtstag erscheint bei Diogenes der bereits fünfte Roman des Autors und Journalisten Takis Würger.
Und wieder wird der Leser sofort hineingenommen in eine ...


Nur wenige Monate vor seinem 40. Geburtstag erscheint bei Diogenes der bereits fünfte Roman des Autors und Journalisten Takis Würger.
Und wieder wird der Leser sofort hineingenommen in eine Geschichte mit ihrem unvergleichlichen Sprachfluss, aus der es kein Entkommen gibt.
Und man will dies auch gar nicht, zu fesselnd ist bereits die Begegnung der beiden Frauen Fritzi und Güneş, die sich im Krankenhaus Siloah nach der Geburt ihrer Kinder kennenlernen und anfreunden.
Als es der wunderbaren Fritzi auf unnachahmliche Art und und Weise gelingt, den vordergründig wunderlichen Heinrich Hildebrand zu überreden, mit ihrem Kind in seine Villa in der Moorlandschaft einziehen zu dürfen, kommen auch Güneş und ihre Tochter Polina immer öfter zu Besuch.
Und dies berührt auch das introvertierte Kind von Fritzi, den schweigsamen Hannes Prager, der eher beobachtet und kaum spricht.
Die so unterschiedlichen Kinder spielen zusammen in der schwefeldurchtränkten Moorlandschaft, sie lachen und weinen miteinander.
Während Polina, das aufgeweckte Mädchen, Fragen zu Leben und Tod stellt, lauscht Hannes dem Klang der Stimmen nach und schläft nur zu Chopins 1. Klavierkonzert ein.

Und so wird der Zufluchtsort von Hannes allmählich das verstimmte Klavier in der Moorvilla, während Polina unfreiwillig für längere Zeit in Instanbul heranwächst.
Nach der Rückkehr von Güneş und Polina brechen die letzten Tage der Unschuld an und Hannes spürt langsam aber zuverlässig eine tief in seinem Inneren verwurzelte Verbundenheit zu seiner Freundin seit Kindestagen.

Doch das Leben hält andere Prüfungen für die beiden bereit, zwar treffen sich beide Heranwachsende wieder, lachen und schlafen miteinander und doch kappt die räumliche Trennung und eine aus der Not geborene Lüge letztlich ihr inniges Verhältnis.

Nun begleiten wir Hannes durch die Jugendlichkeit seines Lebens, das Arbeitsleben hinterlässt körperliche Spuren, doch es gibt neben einem wunderlichen Chef auch einen Freund an seiner Seite, dessen Unerschütterlichkeit in besten Sinne des Wortes zum Überleben von Hannes beiträgt.
Es ist ein abenteuerlicher Weg, den der junge Mann einschlägt, obschon aus dessen Sicht gar nicht so viel passiert, er hat das Glück, mit einer Frau zusammen zu wohnen, die seine Eigenheiten nebst seiner ausgefallene Tätigkeit akzeptiert, auch seine Verbindung zum alten Hildebrandt reisst nicht ab, doch auch dieser hat die Spur zu Polina verloren.

Mag auch die eine oder andere Person im Roman - wie etwa der Vater von Hannes - etwas holzschnittartig wirken, stört dies den Fluss der Erzählung in keiner Weise.
Denn der Autor bleibt immer bei seiner Figur und zieht den Leser in einen Sog, dem sich keiner entziehen kann.
Klar, dass die Schönheit und Kraft der Musik eine herausragende Rolle spielt (auch Igor Levit kommt an einer Stelle vor und eine zum Schaudern strenge lettische Klavierlehrerin) und zum Innehalten (damit das Buch nicht so schnell zu Ende geht) empfiehlt es sich nachdrücklich, wieder einmal Chopin zu hören.
Ob die Geschichte vielleicht doch gut ausgeht, oder das Leben in seiner ganzen Vielfalt dem geläuterten Protagonisten erneut einen Streich spielt, wird der Leser selbst herausfinden.

Es erwarten ihn dabei Staunen, Lachen und Weinen, Freundschaft und Einsamkeit, Mitgefühl, sehnsüchtige und unerwiderte Liebe, Verlust und Trauer, schlichtweg alles, was das Leben bereithält und dies ist in Zeiten des aktuellen Lärms der Welt eine überbordernde Menge an gelungener Unterhaltung.
Ganz deutliche Leseempfehlung !!

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