Platzhalter für Profilbild

Venatrix

Lesejury Star
offline

Venatrix ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Venatrix über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.09.2022

Fesselnd bis zur letzten Seite

Wenn der Nebel schweigt
0

Jana, die seit der Ermordung ihrer Mutter keinen Kontakt zu ihrem Vater hat, reist nach einem Anruf über seinen Gesundheitszustand doch in ihr ehemaliges Heimatdorf. Sie findet den Vater, der seinerzeit ...

Jana, die seit der Ermordung ihrer Mutter keinen Kontakt zu ihrem Vater hat, reist nach einem Anruf über seinen Gesundheitszustand doch in ihr ehemaliges Heimatdorf. Sie findet den Vater, der seinerzeit unter Mordverdacht stand, und das Elternhaus in einem unerträglichen vermüllten Zustand vor.

Bei dem Versuch ein wenig Ordnung zu schaffen, entdeckt sie vergilbte Briefe, die eine andere Perspektive auf den Tod der Mutter eröffnen. Unschlüssig, wem sie vertrauen kann, bringt sie etwas ins Rollen, ohne zu wissen, dass sie in allerhöchste Gefahr geraten wird.

Meine Meinung:

Wie alle anderen fünf Thriller von Roman Klementovic besticht auch dieser hier durch seinen hohen Spannungsbogen. Der wird unter anderem durch die bedrohliche Kulisse eines nebelverhangenen Tales hervorgerufen.

Die Charaktere sind wie immer lebendig beschrieben. Man kann sie schnell sympathisch oder eben unerträglich finden. Der Schreibstil ist wie immer flüssig und fesselnd.

Geschickt lockt der Autor seine Leser auf falsche Fährten. Die Auflösung ist gelungen.

Zum Abschluss muss ich wieder einmal Heimito von Doderer zitieren: „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um.“

Fazit:

Ein gelungener Thriller, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 28.09.2022

Am Rande der Gesellschaft

Donaunebel
0

Dem charmanten Theo Brunner fliegen die Herzen der Frauen nur so zu. Doch er lässt sich auf keine nähere Beziehung ein. Ein bisserl schmusen ja, aber mehr nicht. Denn Theo hat ein Geheimnis, denn Theo ...

Dem charmanten Theo Brunner fliegen die Herzen der Frauen nur so zu. Doch er lässt sich auf keine nähere Beziehung ein. Ein bisserl schmusen ja, aber mehr nicht. Denn Theo hat ein Geheimnis, denn Theo ist eine Theodora.

Das Buch beginnt schon mit einer fast komisch anmutenden Szene: Theo Brunner 1914 bei der Musterung. Er weigert sich vorerst seine Hosen hinunter zu lassen. Als sich Theos wahres Geschlecht enthüllt, hat das weitreichende Folgen. Es ist nämlich zu dieser Zeit Frauen verboten, Männerkleidung zu tragen und sich als Mann auszugeben. Theo verliert seine Arbeit im Bestattungsunternehmen und arbeitet fortan in der Leichenkammer des Krankenhauses.

Dann rettet Theo die, mittellos in Wien gestrandete russische Adelige Aglaja Struzhanova, die in den Revolutionswirren ihre Zwillingsbrüder, ihren Ehemann und ihre Geliebte verloren hat. Theo quartiert Aglaja in der Wohnung, die sie mit dem Vater bewohnt ein. Zunächst scheint das Leben seinen geordneten Gang zu gehen bis Alexej, einer der beiden verschollenen Zwillingsbrüder in Wien auftaucht und Ansprüche an Theo, den alten Herrn Brunner und seine Schwester stellt. Die Situation eskaliert vollends, als auch noch Sergej Aglajas kriegsversehrter Mann auftaucht.

Und dann steht plötzlich die Gendarmerie vor der Tür und verhaftet Theo. Weil Homosexualität zu dieser Zeit strafbar ist, wird Theo zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist angenehm zu lesen und eröffnet den Lesern ein vermutlich unbekanntes Detail der Donaumonarchie.

Das Buch ist - grob gesagt - drei Teile gegliedert, wobei wir es im ersten Teil mit zwei scheinbar unzusammenhängenden Handlungssträngen zu haben: Theo in Wien und Aglaja in Russland. Die Protagonisten werden hier sehr ausführlich beschrieben, wobei mir der russische Part einen Hauch zu detailliert ist.

Im zweiten Teil scheint das Leben seinen Lauf zu nehmen, bis es im dritten Teil eben eskaliert.

Interessant ist der Ausflug in die Psychoanalyse von Dr. Adler. Vor allem auch deswegen, weil einige heute noch, Homosexualität als therapierbare Krankheit halten.

Ein bisschen hat mich das Ungleichgewicht zwischen den drei Teilen gestört. Der dritte Teil fällt in seinem Detailreichtum dem ersten gegenüber sehr stark ab. Plötzlich ist die Polizei da und verhaftet Theo und Alexej lacht sich ins Fäustchen. Der Prozess ist für mich persönlich viel zu kurz gekommen. Man erfährt hier sehr wenig und dann auch nur in einem halben Nebensatz, dass Veronika sich hasserfüllt als Theos Gegnerin herausstellt. Vermutlich hat Alexej seine Finger hier im Spiel, aber eine Information wäre schon nett gewesen. Es mag vielleicht auch sein, dass es an ihrem Ego gekratzt hat, dass der charmante Theo eine Theodora ist und sie quasi einem Hochstapler auf den Leim gegangen ist.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Ausflug das Wien von 1920 vier Sterne.

Veröffentlicht am 28.09.2022

Ein penibel recherchierter hist. Krimi

Die Totenärztin: Donaunebel
0

"..jenen Toten eine Stimme geben, um die sich niemand kümmert ..."


Wien, 1909. Dass der jungen Gerichtsmedizinerin Fanny Goldmann bei einer Obduktion auch die kleinsten Details auffallen, ist Fluch und ...

"..jenen Toten eine Stimme geben, um die sich niemand kümmert ..."


Wien, 1909. Dass der jungen Gerichtsmedizinerin Fanny Goldmann bei einer Obduktion auch die kleinsten Details auffallen, ist Fluch und Segen zugleich. Es bedeutet einerseits, dass sie ausgesprochen gut ist in dem, was sie tut, andererseits entdeckt sie immer wieder Geheimnisse, die besser unentdeckt geblieben wären. Ihre Neugier und ihr Wissensdurst hat Fanny schon mehr als einmal in Lebensgefahr gebracht.

In diesem dritten Fall für Fanny gibt es ein Novum: Sie wird gemeinsam mit ihrem Kollegen Franz Wilder an einen Tatort am Donauufer nächst Albern gerufen. Sechs Menschen liegen tot in ihren ärmlichen Lehmhütten und eine Todesursache ist zunächst nicht sichtbar. Es wird von einer Bestie gesprochen, die die Menschen überfällt und tötet. Bei den Obduktionen fällt Fanny dann ein zerstörtes Lungengewebe auf. Ähnliches hat sie schon bei der Leiche eines Hausmeisters gesehen, der zusätzlich noch Brandblasen an den Händen hatte.

Neugierig geworden, beginnt sie gemeinsam mit Cousin Schlomo und Freundin Tilde zu recherchieren, um das zu tun, was seit dem ersten Fall „Wiener Blut“ ihr Credo ist: "..jenen Toten eine Stimme geben, um die sich niemand kümmert ..."

Dass sie zu Recherchezwecken im Altarm der Donau, dem Gänsehäufel muss, hätte sie nicht gedacht. Blöderweise herrscht dort strikte Geschlechtertrennung, außer man ist ein Ehepaar. Schlomo und Tilde sowie Fanny und Franz tun als ob. Dabei erfahren sie unter anderem, dass das Grundstück auf dem die Behausungen der Toten stehen, für den Ausbau des Alberner Hafens gedacht ist.

Meine Meinung:

Es scheint, als hätte Autor René Anour einige Anmerkungen seiner Leser genau gelesen und diese im dritten Band berücksichtigt.

So hat Cousin Schlomo mehr Platz erhalten und der Autor gönnt Erzherzog Ludwig Viktor, genannt „Luziwuzi“, dem homosexuellen und nach Salzburg verbannten Bruder des Kaisers, einen kurzen Auftritt.

Einen etwas längeren Auftritt haben die beiden deutschen Chemiker Wilhelm Lommel und Wilhelm Steinkopf, wenn auch „nur“ durch ihr chemisches Produkt „LOST“, später als Senfgas bezeichnet, das hier eine entscheidende Rolle spielt.

Dafür kommt dem undurchsichtigen Graf Waidring diesmal keine Rolle zu, sorgt aber dafür auf der letzten Seite für einen Cliffhanger.

Fannys Rolle als Gerichtsmedizinerin hat diesmal wieder mehr Raum erhalten. Sie hat auch einiges dazugelernt, was vor allem ihrem Kollegen Dr. Franz Wilder zu verdanken ist. Denn nach wie vor wird sie von Prof. Dr. Kuderna und Dr. Clemens Valdery nicht ernst genommen. Allerdings hat unser werter Herr Autor möglicherweise schon ein Ausstiegsszenario im Kopf: Immerhin hat sie ja gemeinsam mit Franz einen Artikel über Fuchsbandwürmer verfasst, der in der Zeitschrift für Pathologie veröffentlicht worden ist. Und dann gibt es noch die Histologie, die vielleicht eine neugierige Forscherin benötigt. Lassen wir uns überraschen.

„Meinen Sie, ich brauche noch einen Speichellecker an meinem Institut? Zuerst die Sache mit der gemeinsamen Obduktion. Es hat Sie doch niemals interessiert, ob Sie noch etwas lernen können, nur dass ich Sie lobe, darum ging‘s!“
Da hat der alte Kuderna ja nicht ganz unrecht.

Allerdings, ein Lob zur rechten Zeit, ist ein gewaltiger Ansporn, immer nur gemaßregelt zu werden, regt den Widerspruchsgeist an, wie wir bei Fanny ja sehen.

Daher darf ich dem Herrn Autor ein großes Lob für seine medizin-historischen Kenntnisse und deren Vermittlung aussprechen. Ich habe diesen dritten Teil mehr oder weniger in einem Tag ausgelesen. Dazu hat der fesselnde, bildhafte Schreibstil sehr viel beigetragen. Ich gebe zu, dass ich recht bald auf das LOST gekommen bin. Das hängt allerdings damit zusammen, dass ich mehrere Bücher über den Ersten Weltkrieg (Stichwort Ypern) gelesen habe.

Fazit:

Schade, dass hier nicht mehr als 5 Sterne vergeben werden können. Die gibt es auf jeden Fall sowie eine unbedingte Leseempfehlung. Ich freue mich auf den vierten Fall „Schattenwalzer“.

Veröffentlicht am 28.09.2022

Hat mir nicht so gefallen

Falschgeld
0

Gleich vorweg, ich bin als Österreicherin vermutlich eine der wenigen, die den Schauspieler Matthias Matschke nicht kennen.

„Falschgeld“ - sein Erstlingswerk als Autor hat mich ein wenig ratlos zurück ...

Gleich vorweg, ich bin als Österreicherin vermutlich eine der wenigen, die den Schauspieler Matthias Matschke nicht kennen.

„Falschgeld“ - sein Erstlingswerk als Autor hat mich ein wenig ratlos zurück gelassen. Ich habe keine Ahnung, was er mir mit diesem Roman mitteilen möchte.

Dass seine Kindheit auch so etwas wie Falschgeld war? Das war zu jener Zeit (ich bin Jahrgang 1960) nicht Ungewöhnliches. Auch bei uns daheim wurde stets die Fassade gewahrt. Interessant habe ich gefunden, dass vor allem seine Mutter das Leben in ein „Innen“ und ein „Außen“ geteilt hat. Allerdings, die Erinnerungen an die eigene Kindheit kann trügerisch sein - Falschgeld möglicherweise.

Dass er ein Aufschneider war, weil ihn niemand wirklich beachtet hat? Ein falscher Fuffziger also?

Dass sowohl Vater als auch Mutter Geheimnisse vor ihm hatten? - Völlig normal.
Dass der Onkel in etwas Kriminelles verwickelt war?

Erst auf den letzten Seiten enthüllt sich vielleicht ein Konnex zum Titel.

Der Schreibstil hat mir nicht wirklich zugesagt. Besonders das x-malige „Ich bin Matthias Matschke“ ist mir tierisch auf die Nerven gegangen.

Die einzig nette, fast gefühlvolle Szene war, als er mit seinem Vater Winterreifen auf das Auto montiert hat. Das ist ja auf dem Cover zu sehen. Das ist mir aber zu wenig.

Daher kann ich das Buch leider nur mit 2 Sternen bewerten.

Veröffentlicht am 26.09.2022

Fesselnd bis zur letzten Seite

Fluch der Venus – Wiener Abgründe
0

Peter Lorath entführt uns in das Wien von 1880.

Der Tod der Nobelprostituierten Fanni Matzner lässt einen ihrer betuchten Freier nicht unberührt. Er besteht auf einer Obduktion. Das Ergebnis ist leider ...

Peter Lorath entführt uns in das Wien von 1880.

Der Tod der Nobelprostituierten Fanni Matzner lässt einen ihrer betuchten Freier nicht unberührt. Er besteht auf einer Obduktion. Das Ergebnis ist leider nicht ganz zufriedenstellend, weil einerseits kommt heraus, dass Fanni an Syphilis erkrankt war und zweitens durch einen gezielten, kaum wahrnehmbaren Stich in den Nabel getötet worden ist. Polizeipräsident Marx, ebenfalls Kunde der Toten, setzt Leopold Kern als Sonderermittler ein. Leopold, im Milieu als „Huren-Poldl“ bekannt, ist nicht ganz unumstritten. Er ist weder bei der Polizei noch bei den Verbrechern gerne gesehen, weil er unkonventionelle Maßnahmen ergreift.

Ohne Rückendeckung durch den Polizeiapparat beginnt er Fannis letzte Wochen zu rekonstruieren und entdeckt gemeinsam mit dem Pathologen, dass es noch weitere Opfer gibt, die auf dieselbe Art getötet worden sind. Läuft hier ein Serienmörder herum? Was haben die Toten außer der Todesart gemeinsam?

Je weiter Leopold Fannis Geheimnisse eindringt, desto tiefer verstrickt er sich in die Machenschaften alter Bekannter aus dem Milieu. Und dann hat er noch den militärischen Geheimdienst am Hals ....

Meine Meinung:

Dieser historische Krimi zeigt das Wien des 19. Jahrhunderts von seiner schäbigen Seite. Die Hauptstadt der Donaumonarchie ist Sammelpunkt von Adeligen, Beamten, Glücksrittern und zahlreichen Armen, die glauben, in der Großstadt ihr Glück zu finden. Doch in diesem Moloch ist sich jeder selbst der nächste. So ist auch die Untersuchung von Fannis Tod dem Eigennutz des Polizeipräsidenten geschuldet und nicht dem Interesse für die Tote.

Leopold Kern ist „ein wegen Insubordination und Brutalität entlassener Beamter, der Albtraum jedes Vorgesetzten“ und wird nun als persönlicher Konfident vom Polizeipräsidenten eingesetzt.

Leopold Kern ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Er wirkt wie eine Bulldogge, die sich in ihre Aufgabe verbissen hat.

Der Schreibstil ist gelungen und fesselt bis zur letzten Seite. So erfährt der Leser einiges über die neue Entdeckung und Erfindungen sowie über Struktur der Beamtenschaft, wobei hier manchmal der Verdacht aufkommt, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, weil die Geheimnisse der einzelnen Ressorts wichtiger als Menschenleben sind.

Fazit:

Diesem fesselnden Krimi im Rotlichtmilieu des Wien von 1880 gebe ich gerne 5 Sterne und hoffe auf eine Fortsetzung.