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Venatrix

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Veröffentlicht am 11.09.2022

Hat mich nicht ganz gepackt

1939 – Exil der Frauen
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Im dritten Teil ihrer Reihe um bedeutende Frauen begeben wir uns mit Autorin Unda Hörner ins Jahr 1939.

Die Frauen, denen wir begegnen sind u.a.:

Hannah Arendt
Simone de Beauvoir
Marlene Dietrich
Anna ...

Im dritten Teil ihrer Reihe um bedeutende Frauen begeben wir uns mit Autorin Unda Hörner ins Jahr 1939.

Die Frauen, denen wir begegnen sind u.a.:

Hannah Arendt
Simone de Beauvoir
Marlene Dietrich
Anna Freud
Gisèle Freund
Peggy Guggenheim
Lotte Jacobi
Milena Jesenská
Frida Kahlo
Else Lasker-Schüler
Erika Mann
Luise Mendelsohn
Annemarie Schwarzenbach
Dorothy Thompson
Helene Weigel
Virginia Woolf

Das Jahr 1939 beginnt wie das alte Jahr geendet hat: mit Aufmärschen, Aufrüstung, NS-Propaganda sowie der Verfolgung der Juden in Deutschland bis am 1. September mit dem Überfall auf Polen durch die Wehrmacht der Zweite Weltkrieg tatsächlich beginnt.

Zahlreiche Intellektuelle (Frauen wie Männer) befinden sich bereits im Exil. Das Entkommen aus Hitler-Deutschland wird immer schwieriger. Wenige Länder erklären sich bereit Verfolgte, sei es Juden, Sozialisten oder Kommunisten aufzunehmen.

Doch auch jene, die in Deutschland ausharren, gehen ins Exil - in innere Emigration, immer darauf bedacht, nicht aufzufallen. Die Frauen werden aus ihren Beruf gedrängt und haben Hausfrau und Mutter zu sein.

Meine Meinung:

Die Idee, ein Buch über ein geschichtsträchtiges Jahr in zwölf Kapiteln, die den zwölf Monaten entsprechen, zu schreiben, hat mir schon bei „1919“ sehr gut gefallen, die Umsetzung weniger. Dieses Manko setzt sich hier fort. Manches wird nur gestreift, manchmal wird, obwohl diese Reihe Frauen gewidmet ist, doch der Partner, Liebhaber oder Ehemann - für meinen Geschmack - ein bisschen zu sehr in den Vordergrund gerückt (Sartre, Brecht oder Mann).

Einige Andeutungen muss man, wenn man es genauer oder im Kontext wissen will, doch separat recherchieren. Diesmal sind wenigstens Quellenangaben vorhanden.

Der Schreibstil ist gut und flüssig zu lesen.

Fazit:

Der Versuch, ein Jahr der Gewalt, der Flucht und des Exils anhand von Frauenbiografien darzustellen. Gerne gebe ich hier 3 Sterne.

Veröffentlicht am 11.09.2022

Vom Scheijtl bis zur Luxussohle - das extreme Leben der Julia Haart

UN-VERHÜLLT
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Julia Haart, 1971 in Moskau als Julia Leitow geboren, ist die älteste Tochter ihrer jüdischen Eltern. Die Familie wandert 1977 über Rom in die USA aus. Dort wendet sich vor allem die Mutter dem Haredi-Judentum, ...

Julia Haart, 1971 in Moskau als Julia Leitow geboren, ist die älteste Tochter ihrer jüdischen Eltern. Die Familie wandert 1977 über Rom in die USA aus. Dort wendet sich vor allem die Mutter dem Haredi-Judentum, besser bekannt als ultraorthodoxes Judentum zu, und verdonnert die ganze Familie dazu, richtig frum zu sein. Dieses Leben, in dem Frauen nur dazu da sind, viele Kinder zu gebären und dem Mann untertan zu sein, unterliegt äußerst strengen Regeln. Dabei spielt das Einkommen der Familien keine Rolle. Wohlhabende Familien können sich das Einhalten der komplexen Speiseregeln mit mehreren Kühlschränken und Geschirr leichter leisten als Familien mit geringem Einkommen.

Diese Regeln und die strengen Bekleidungsvorschriften beschreibt die Autorin im ersten Teil des Buches sehr genau. Die Blusen oder Pullover haben lange Ärmel zu haben, dafür müssen die Schlüsselbeine bedeckt sein, die Röcke müssen auch im Sitzen die Knie bedecken, (kratzige) Strumpfhosen, darüber Kniestrümpfe - so müssen Mädchen und Frauen bekleidet sein. Alles andere ist laut den Vorschriften, die von den Rabbinern vorgegeben sind, nicht erlaubt. Schulbildung? Fehlanzeige - ein bisschen Lesen, Schreiben und Rechnen muss für die zukünftige brave jüdische Mutter und Hausfrau genügen. Man wähnt sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Nein, stimmt nicht ganz! Im säkularen Judentum erhielten Mädchen und Frauen ordentliche Ausbildungen.

Im zweiten Teil ihrer Biografie, erzählt sie, wie sie mit 42 Jahren von ihrer Familie getrennt hat und in eine, für sie völlig neue Welt, eintritt. Wobei diese Welt keine „normale“ ist, sondern die überzeichnete der Mode und des Luxus. Natürlich diverse Betrüger ihre Ahnungslosigkeit aus und betrügen sie von vorne bis hinten. Allerdings fällt sie mehrmals durch glückliche Zufälle (?) auf ihre kleinen Füße (Schuhgröße 34).

Meine Meinung:

Den ersten Teil des Buches, der einen Einblick in den unwahrscheinlich strengen Regeln der Haredi-Juden gibt, hat mir sehr gut gefallen. Als Nichtjude sind einem diese Vorschriften ja nicht wirklich bekannt.
Interessant, dass an der jüdischen Mädchen-Schule Designerklamotten getragen werden, die den strengen Regeln angepasst sind. Wer die nicht trägt, wird, ähnlich wie in jeder anderen Bildungseinrichtung, scheel angesehen und ausgegrenzt. Ungewöhnlich, weil (für mein Verständnis) nicht in den Haredi-Alltag passend, dass die Schülerin Julia mit 12cm Highheels in die Schule gehen darf. Diese Schuhe sind zniut-konform? Das wird nicht die einzige widersprüchliche Information bleiben.
„In der ultraorthodoxen Welt hat Kleidung nur einen Zweck: den Körper zu bedecken, von Kopf bis Fuß, Punkt. Darüber hinaus irgendeinen Gedanken an sein Äußeres zu verschwenden, ist eine Sünde und eine Beleidigung Gottes.“

Das Erwachen kommt erst als ihre älteste Tochter Batsheva genauso mit 19 Jahren verheiratet wird, mit dem kleinen Unterschied, dass sie sich ihren Mann aussuchen darf. Und die jüngste Tochter Miriam unter dem unorthodoxen Verhalten der Mutter zu leiden hat. Julia Haart hat Depressionen, hungert sich auf 32 kg Kilo hinunter und steht knapp vor dem Suizid.

Der zweite Teil, ihr Werdegang zur umjubelten Schuhdesignerin und Geschäftsfrau hat mich nicht so wirklich beeindruckt. Da wirkt sie völlig abgehoben und versnobt. Es scheint, als wolle sie alles, was ihr die Jahrzehnte zuvor verwehrt geblieben ist, innerhalb kürzester Zeit nachholen - Sex, Drugs & Rock`n`Roll inklusive - ein Leben auf der Überholspur quasi.

Lange Zeit führt sie noch ein Doppelleben indem sie regelmäßig zum Schabbat zur Familie fährt (fliegt). Wie sie sich den Lebensunterhalt vor ihrem Erfolg als Schuhdesignerin verdienst hat, wird dezent verschwiegen. Das Buch endet damit, dass sie als Chefdesignerin für La Perla engagiert wird.

Stellenweise ist der Schreibstil oder die Übersetzung reißerisch. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der erste Teil von einer anderen Person geschrieben (übersetzt) wurde als der zweite.

Der Werdegang von der ultraorthodoxen Jüdin zur modernen, jüdischen Modedesignerin klingt wie das amerikanische Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär, bei dem nicht alles immer so genau genommen wird. Dazu passt, dass diese Biografie für Netflix verfilmt worden ist.

Ich lehne Extremismus jeglicher Form ab, sei es Frauen in Burkas zu stecken oder sie wie hier, in der ultraorthodoxen Gemeinschaft, als Gebärmaschinen zu Ehren ha-Schems zu betrachten.

Fazit:

Dieser reißerisch aufgemachten Lebensgeschichte einer ultraorthodoxen zur Modedesignerin, die mit 42 Jahren das erste Mal ihre Arme und Schultern unverhüllt zeigt, gebe ich 3 Sterne.

Veröffentlicht am 11.09.2022

Erschütternd - Genozid an den Inuit

Maikan
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Dieser erschütternde Roman beschäftigt sich mit dem Genozid der Weißen an den Inuit Kanadas. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden rund 150.000 autochthone Kinder ihren Familien entrissen und in 139 ...

Dieser erschütternde Roman beschäftigt sich mit dem Genozid der Weißen an den Inuit Kanadas. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden rund 150.000 autochthone Kinder ihren Familien entrissen und in 139 Internatsschulen verbracht, um „den Indianer in ihnen zu töten“ und sie damit zu „zivilisieren“.

Dieser Roman erzählt die brutale Geschichte von drei jungen Innu, Marie, Virginie und Charles, die im August 1936 zwangsweise in das Internat Fort George gebracht wurden, rund 1.000 km von ihren Familien entfernt.

Die junge Anwältin Audrey Duval, die für zahlreiche betroffene Innu pro bono Entschädigungen des Staates erstritten hat, entdeckt dass die Namen der drei Kinder spurlos in der Geschichte Kanadas verschwunden sind. Vom Ehrgeiz gepackt, beginnt sie zu recherchieren und entdeckt in einer alkoholkranken Frau eines des beiden verschwundenen Mädchen. In zahlreichen Rückblenden erfährt Audrey das ganze Ausmaß der Tragödie...

“...es ist meine Aufgabe als Anwältin, denen Gerechtigkeit zu verschaffen, die ein Anrecht darauf haben. Und diese Männer werden wir verhaften und verurteilen lassen, unabhängig von ihrem Alter. Aber dafür muss ich noch eine Sache wissen. Was ist mit Virginie passiert?“ (S. 186)

Meine Meinung:

Obwohl ich schon zahlreiche Bücher zu Völkermorden (Shoa, Armenien, Ukraine etc.) gelesen habe, hat mich dieser Roman von Autor Michel Jean tief erschüttert.

Dieser Roman ist bereits 2013 unter dem Titel „Le vent en parle encore“ (auf deutsch „Der Wind spricht noch davon“) erschienen. Als 2021 und Anfang 2022 die Überreste von rund 1.000 indigenen Kindern in Massengräbern nahe der Umerziehungsanstalten gefunden worden sind, hat sich der Wieser Verlag zu einer aktualisierten Neuauflage entschlossen.

Der Titel „Maikan“ bedeutet Wölfe in der Sprache der Inuit, was sehr gut zum Inhalt des Buches passt. Denn die quasi als Gefangene gehaltenen Kinder im Alter zwischen 6 und 16 Jahren sehen ihre „Erzieher“, hauptsächlich katholische Geistliche und Nonnen als Wölfe, die sie belauern und beim kleinsten Anzeichen von Schwäche erbarmungslos zuschlagen. Die Kinder dürfen ihre eigene Sprache nicht mehr verwenden, müssen hungern, werden geschlagen und sind sexuellem Missbrauch ausgesetzt.

Von den 150.000 verschleppten Kindern sind mehr als 4.000 an Unterernährung, Seuchen und den erlittenen Misshandlungen während ihres Aufenthaltes in einer dieser Anstalten gestorben. Rund 80.000 der ehemaligen Zöglinge leben noch. Ihnen ist dieses Buch gewidmet, einige Familienmitglieder des Autors haben das Internat Fort George er- und überlebt. Eine sehr junge Cousine seiner Mutter ist dort unter ungeklärten Umständen gestorben.

Fazit:

Diesem erschütternden Dokument über die fanatische und systematische Ausrottung der First People in Kanada gebe ich 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung, auch wenn das Buch sehr schwere Kost ist.

Veröffentlicht am 11.09.2022

Eine Hommage an eine starke Frau

Fräulein Stinnes und die Reise um die Welt
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Dieser historische Roman ist einer emanzipierten Frau gewidmet, die von ihrer Mutter auf Grund ihres Geschlechts stets herabgewürdigt worden ist: Clärenore Stinnes (1901-1990)

Clärenore hat bis zum Tod ...

Dieser historische Roman ist einer emanzipierten Frau gewidmet, die von ihrer Mutter auf Grund ihres Geschlechts stets herabgewürdigt worden ist: Clärenore Stinnes (1901-1990)

Clärenore hat bis zum Tod ihres Vaters 1924 als seine Vertraute im Betrieb mitgearbeitet. Danach wird sie von Mutter und Witwe zu Gunsten ihrer wenig geschäftstüchtigen Brüder aus der Firma verbannt. Nach einigen Jahren als Rennfahrerin, in denen sie ausschließlich gegen Männer antritt und 17 Siege einfährt, beschließt sie 1927, um ihrer Familie zu beweisen, dass auch Frauen mehr können als hübsch zu sein und Kinder zu bekommen, die Welt mit dem Auto zu umrunden.

Gemeinsam mit zwei Mechanikern und dem Fotograf/Filmemacher Carl-Axel Söderström begibt sie sich auf die abenteuerliche Reise. Sie fährt den Adler Standard 6 während die Mechaniker den großen Adler, einen LKW, fahren. Mit dabei ist auch Setter Lord.

Recht bald beginnen die Mechaniker ob des forschen Tempos und der Anordnungen von Clärenore zu maulen. Auch die vom deutschen Außenminister ausgestellten Dokumente helfen auf dem Balkan nicht immer, Bakschisch durchaus. In Moskau ist für den ersten Mechaniker wegen eines Blindarmdurchbruchs Endstation, wenig später steigt auch der zweite aus. Doch aufgeben ist für Fräulein Stinnes keine Option. Zeitweise engagiert sie Begleiter vor Ort, die längste Zeit sind Clärenore und Carl-Axel auf sich alleine gestellt. In den Anden ist beinahe Schluss, denn Carl-Axel erkrankt schwer und sein Überleben ist fraglich.

Mit Verspätung erreichen sie erreichen sie nach mehr als 46.000 km im Juni 1929 Deutschland. Ein Deutschland, das sich während der beiden Jahre verändert hat.

Obwohl sie aller Welt bewiesen hat, was eine Frau zu leisten vermag, ist ihre Mutter nach wie ablehnend Clärenore gegenüber. Die Brüder haben die Firma inzwischen soweit abgewirtschaftet, dass einige Immobilien verkauft werden müssen. Als der Gutshof in Schweden, Clärenores LIeblingsort, verkauft werden soll, verzichtet sie schweren Herzens auf ihr Erbe aus der Firma. Gemeinsam mit ihrem späteren Mann Carl-Axel, der sich von seiner Frau scheiden lässt, bewirtschaftet sie das Gut.

Meine Meinung:


Lina Jansen, hinter dem Namen versteckt sich eine österreichische Autorin, setzt mit dieser Romanbiografie der Clärenore Sinnes ein Denkmal.

Obwohl die Reise durch Söderström filmisch und fotografisch gut dokumentiert ist („Im Auto durch zwei Welten“ (Söderström/Stinnes, 1931)) findet man wenig Literatur über Clärenore Stinnes. Lina Jansen hat sich eng an Stinnes‘ Reisebericht gehalten und sich dennoch ein wenig dichterische Freiheiten genommen. Diese Abweichung sind am Ende des Buches dargestellt.

Aufgefallen ist mir, dass zu Beginn der Reise sehr in Detail gegangen wird, was aber mit Fortdauer etwas nachlässt. Man könnte es mathematisch so ausdrücken: Der Detailreichtum des Reiseberichtes nimmt mit dem Quadrat der Entfernung von Deutschland ab. Ich werde mir das Originalreisejournal besorgen, da ich vermute, dass es dort ähnlich zu lesen sein wird. Die Beschreibung von Land und Leuten wird zu Gunsten des Überlebenskampfes zurückstehen müssen.

Geschickt hat Clärenore Stinnes ihre Reise um die Welt vermarktet. Bei fast jeder Ankunft gibt es Fototermine und Einladungen zu schicken Abendessen. Dabei werden Produkte „Made in Germany“ gut präsentiert.

Das Buch ist als Hardcover erschienen und ist hochwertig verarbeitet. Auf den Vorsatzseiten ist die Reiseroute abgebildet. Hier sieht man, dass Fräulein Stinnes nicht die ganze Welt bereist hat, denn Afrika und Australien hat sie ausgelassen. Australien wegen der Entfernung und (Nord)Afrika wegen der geopolitischen Lage.

Der Schreibstil ist locker und flüssig. Man kann förmlich Motoröl riechen und den Sand unter den Rädern knirschen und die Mechaniker maulen hören.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser gelungenen Hommage an eine wagemutige Frau 5 Sterne.

Veröffentlicht am 11.09.2022

Fesselnd bis zur letzten Seite

Jenseits der Mur
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Dieser historische Krimi nimmt uns in ein Mädchenpensionat von 1892 in der Nähe der steirischen Stadt Graz mit.

Ein Mädchenpensionat ist schon an sich kein Ort der hellen Freude. Dieses hier wird als ...

Dieser historische Krimi nimmt uns in ein Mädchenpensionat von 1892 in der Nähe der steirischen Stadt Graz mit.

Ein Mädchenpensionat ist schon an sich kein Ort der hellen Freude. Dieses hier wird als Mittelding zwischen einer Kaserne und einem Nonnenkloster von einer besonders strengen Oberlehrerin geführt. Weder Schülerinnen noch Lehrerinnen habe hier etwas zu lachen, wenn der Oberlehrerin die Hand ausrutscht.
Dann wird eine Schülerin ermordet. Man schickt den Gendarmen Wilhelm Koweindl, der etwas schüchtern und mit der gestrengen Oberlehrerin überfordert scheint, die jede Befragung ihrer Schülerinnen konsequent ablehnt. Dabei müsste sie doch Interesse daran haben, den Mörder so schnell wie möglich zu fassen, oder?

Ida Fichte, ein Lehrkraft, die mit ihrer Freundlichkeit und einigen modernen Ansichten zwar bei den Mädchen, aber nicht bei der Oberlehrerin gut ankommen, versucht so gut wie möglich zu helfen. Dann wird ein zweites Mädchen ermordet. Gleich wie beim ersten Mord erdrosselt und mit rosa Bändern post mortem geschmückt.

Die Angst geht um und als die Mädchen von unheimlichen Schritten im Dachgeschoß des Gebäudes berichten, versuchen Wilhelm und Ida diesen auf den Grund zu gehen. Wer versteckt sich da? Und warum verweigert die Oberlehrerin so vehement den Zutritt?

Als dann der Hausmeister beim Umstechen das Tagebuch eines der Opfer und einen Gürtel findet, den Ida als Menstruationsgürtel identifiziert, braucht Wilhelm ihre Unterstützung...

Meine Meinung:

Gudrun Wieser hat hier einen tollen historischen Krimi geschrieben, der sich in einem nicht häufig beschriebenen Umfeld bewegt. Mädchenpensionate sind seit dem „Trotzkopf“ eher etwas für rührselige Backfischgeschichten als Hintergrund für Krimis.

Wilhelm ist ein gewissenhafter Gendarm, hat allerdings Angst um seinen Job, denn er ist farbenblind. So braucht er Idas Unterstützung bei der Jagd nach der Herkunft der rosaroten Satinbänder. Herrlich wie er über das Wort „Menstruationsgürtel“ stolpert. Auch in der heutigen Zeit bekommen manche Männer einen roten Kopf, wenn die Worte „Tampon“ oder „Monatsblutung“ fallen.

Ich habe relativ schnell herausgefunden wer für die Morde verantwortlich ist, doch hat es Spaß gemacht, die Ermittlungen zu beobachten.

Die Einblicke in das Mädchenpensionat sind gut gelungen. (Fast)Am besten haben mir die Quellen am Ende des Buches gefallen. Besonders "Das österr. Gendarmerigesetz von 1850 vor den damals geltenden militärischen Vorschriften" hat mein Interesse geweckt.

Der Schreibstil ist wunderbar! Besonders gut gefällt mir (als Österreicherin), dass österreichische Ausdrücke ihren Eingang in diesen historischen Krimi gefunden haben und nicht gegen deutsche ausgetauscht worden sind. Mit ihrer eleganten Ausdrucksweise hat die Autorin in mir einen großen Fan gewonnen.

Die Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet, sowohl die Guten wie die Bösen. Wilhelm hat einen feinen Humor und das Herz am rechten Fleck. Toll finde ich, wie er sich Gedanken um seine Position macht, wenn er vielleicht, eventuell das Fräulein Lehrerin Ida Fichte heiraten könnte. Für Ida wäre das natürlich eine große Veränderung, denn Lehrerinnen mussten damals ja zölibatär leben.

Der Autorin gelingt sehr gut, das Flair des 19. Jahrhundert einzufangen und die Stimmung in der Mädchenschule darzustellen. Ganz unterschwellig wird auch ein bisschen Geschichte vermittelt, wenn Mary Vetersa ganz kurz genannt wird.

Gerne würde ich eine Fortsetzung lesen.

Fazit:

Diesem historischen Krimi, bei dem wenig so ist wie es scheint, gebe ich gerne 5 Sterne.