Platzhalter für Profilbild

Venatrix

Lesejury Star
offline

Venatrix ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Venatrix über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.11.2021

Hat mich zwiegespalten zurückgelassen

Kaiserdämmerung
0

Zunächst fällt einmal auf, dass im Titel eine wichtige Hauptstadt fehlt: Wien, immerhin die Hauptstadt der Donaumonarchie Österreich-Ungarn. Das missfällt mir als Österreicherin sehr.

1871 also vor 150 ...

Zunächst fällt einmal auf, dass im Titel eine wichtige Hauptstadt fehlt: Wien, immerhin die Hauptstadt der Donaumonarchie Österreich-Ungarn. Das missfällt mir als Österreicherin sehr.

1871 also vor 150 Jahren wurde das deutsche Kaiserreich gegründet. Zu diesem Jubiläum sind etliche Sachbücher erschienen wie auch zum Erbe dieser Zeit. Der Historiker Rainer F. Schmidt beschreibt das Wilhelminische Reich vom Abgang Bismarcks als Reichskanzler bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.

In acht Kapiteln, die jeweils noch in Unterabschnitte gegliedert sind, versucht Rainer F. Schmidt die Geschichte vom Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs im großen europäischen Kontext darzustellen.

Die „Urkatastrophe“ und die Frage nach der Verantwortung
Zur Signatur der Epoche um die Jahrhundertwende
Zur Anatomie des Wilhelminischen Reiches - Strukturen und Kräfte zwischen 1890 und 1914
Die Innenpolitik der Wilhelminischen Ära (1890-1914)
Die Außenpolitik der Wilhelminischen Ära (1890-1914)
Der Kriegsausbruch
Der Weltkrieg (1914-1918)
Epilog

Meine Meinung:

Sehr detailliert geht Rainer F. Schmidt auf die Regierungszeit von Wilhelm II. und seine Persönlichkeit ein. Eine Persönlichkeit, die mit seiner erzkonservativen Auffassung eines Herrschers einer konstitutionellen Monarchie mit Argwohn begegnet. Auch wenn ein Parlament den Anschein erwecken soll, dass der Kaiser nicht autokratisch regiert, tut er das indirekt. Kein Regierungsamt, sei es auch noch so klein und unbedeutend, das nicht das Placet des Kaisers benötigt. Nach dem Hinauswurf von Bismarck, (dessen erklärter Fan Schmidt ist) üben einige mehr oder weniger fähige Kanzler dieses Amt aus.

Während seiner dreißigjährigen Regierungszeit versucht er Deutschland zu einem Global Player aufzurüsten und scheitert 1918 grandios. Seine auf Expansion gerichtete Außenpolitik und seine auf Bewahrung der herrschenden Eliten im Inneren, konnten nur scheitern. Hier wurde der Kaiser (absichtlich?) schlecht beraten und hat die wenigen Mahner aus seinem Umkreis entfernt. Diese katastrophale Negierung der Verhältnisse führen u.a. in den Ersten Weltkrieg.

In weiterer Folge verliert sich der Autor stellenweise in zahlreichen Details, die den Leser manchmal ermüden. So erfahren wir auf rund 100 Seiten über die Erotomanie von Gortschakow, die jetzt meiner Meinung nach mit den ursächlichen Thema wenig zu haben, aber vermutlich den trockenen Stoff ebenso auflockern sollen wie andere Anekdoten.

Fazit:


Das Buch lässt mich in wenig zwiegespalten zurück. Vor allem deswegen, weil Österreich-Ungarn genauso wie das Zarenreich gefühlsmäßig nur als Randnotiz vorkommt und so ein Ungleichgewicht zugunsten Deutschlands entsteht. Ich habe eine etwas andere Erwartung an das Buch gehabt. Deshalb vergebe ich nur 3 Sterne.

Veröffentlicht am 21.11.2021

25 Kurzkrimis zum Jubiläum

Tour de Mord
0

Die Vereinigung der „Mörderischen Schwestern“ feiert ihren 25 Geburtstag, natürlich standesgemäß mit der Herausgabe eines Krimis. Nein, nicht ein Krimi, sondern 25 Krimis von 25 Autorinnen.

Jede Autorin ...

Die Vereinigung der „Mörderischen Schwestern“ feiert ihren 25 Geburtstag, natürlich standesgemäß mit der Herausgabe eines Krimis. Nein, nicht ein Krimi, sondern 25 Krimis von 25 Autorinnen.

Jede Autorin hat so ihren eigenen Schreibstil und deshalb gibt es 25 höchst unterschiedliche Morde. Allen ist gemeinsam, dass Frauen im Mittelpunkt stehen und das Morden in ihre eigenen Hände nehmen. Dabei wird, wir sind ja mit einer Busfahrerin in den Alpen unterwegs, gerne auch einmal die schöne Landschaft zur Komplizin. Denn, schroffe Berge und einsame Wanderwege eignen sich trefflich dafür, den inzwischen ungeliebten (untreuen) Ehemann zu entsorgen. In vielen Fällen ist das Leiden der betrogenen, drangsalierten und schlecht behandelten Ehefrauen ein veritables Mordmotiv. Wir Leserinnen können das durchaus verstehen.

Meine Meinung:

Die 25 ausgesuchten Mörderischen Schwestern (es gibt mehr als 600), die den Jubliäumsband bestückt haben, sind in alphabetischer Reihenfolge:
Yvonne Asmussen, Sybille Baecker, Ulrike Bliefert, Susanne Brügmann, Carola Christiansen, Katharina Eigner, Deborah Emrath, Mareike Fröhlich, Laura Gambrinus, Petra K. Gungl, Cornelia Härtl, Andrea Hessler, Thea Lehmann, Heidi Möhker, Christine Neumeyer, Regina Ramstetter, Andrea Z. Rhein, Regina Schleheck, Ilona Schmidt, Anette Schwohl, Barbara Steuten, Heidi Troi, Fenna Williams, Jennifer B. Wind und Ashley Wood.

Der Großteil der Krimiautorinnen ist mir schon länger bekannt, einzelne Namen sind mir neu.

In allen Krimis ist eine Busreise durch die Alpen das verbindende Element, natürlich mit einer Busfahrerin. Neben dem Verbrechen spielt auch die schöne Landschaft eine bedeutende Rolle. So dürfen wir in Sterzing, Davos oder in Ischgl morden. Die Täterin hat fast immer einen guten Grund, den Widersacher oder die Widersacherin loszuwerden. Jahrelange Demütigungen, aber auch Habgier sind die Motive.

Fazit:

Ich selbst bin ja nicht so der unbedingte Fan von Kurzkrimis, dann kaum bin ich in die Geschichte „hineingefallen“, ist sie schon wieder zu Ende. Als Geschenk oder für Fahrten mit den Öffis sind diese Kurzkrimis sehr gut geeignet. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 21.11.2021

Penibel recherchiert

Die Maskenbildnerin von Paris
0

Dieser historische Roman von Tabea Koenig spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich.

Valérie, Tochter eines Künstlerehepaares ist für damalige Zeiten recht fortschrittlich erzogen, entscheidet ...

Dieser historische Roman von Tabea Koenig spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich.

Valérie, Tochter eines Künstlerehepaares ist für damalige Zeiten recht fortschrittlich erzogen, entscheidet sich gegen ihre Liebe zu Gabriel und für das Studium an der Kunstakademie in Paris. So beginnt für sie ein aufregendes Leben in Paris. Valérie lernt zahlreiche Künstler wie Modigliani oder Picasso kennen. Noch ist keiner reich, sondern man hilft sich mit Kontakten, Wohnmöglichkeiten und Absinth aus. Einer dieser Kontakte ist Apollinaire, der sie unter seine Fittiche nimmt und sie u.a. Olympe de Montesquieu und später Gertrude Stein vorstellt.

Als 1914 der Große Krieg ausbricht, rücken sowohl Valéries Zwillingsbruder Jules als auch Gabriel ein. Jules fällt und Valérie kehrt für die Trauerfeierlichkeiten in das Elternhaus in Cherbourg zurück. Dort trifft sie Gabriel, der inzwischen mit Claudine verheiratet ist. Die alte Liebe flammt wieder auf und Valérie wird schwanger. Quel scandale! Unverheiratet und von einem verheirateten Mann? Soweit geht die Aufgeschlossenheit der Eltern nicht und Valérie muss ihre Tochter Julie in einem Waisenhaus abgegeben. Gabriel gilt als vermisst. Apollinaire meldet sich freiwillig und kommt mit einer schweren Kopfverletzung nach Paris zurück. Erst mit seiner Rückkehr begreift Valérie was der Krieg für die Überlebenden bedeutet. Sie lernt durch Gertrude Stein die Amerikanerin Anna Coleman Ladd kennen, die ein Atelier für die Herstellung von Gesichtsprothesen führt.
Hier in dieser Werkstätte findet sie ihre Erfüllung und verliebt sich in einen Patienten – den Soldaten Louis. Doch als es ernster zwischen den beiden wird, weiß sie nicht, wie sie mit ihrem Geheimnis um Julie umgehen soll …

Meine Meinung:

Autorin Tabea Koenig hat sich in ihrem historischen Roman gleich mehrerer Themen angenommen. Zum einem handelt es sich um die Kunstszene von Paris in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts und den Veränderungen, die auch die Frauen betrifft. Sie wollen ihre Rechte und Unabhängigkeit.

Zum anderen zeigt sie ihren Lesern die Auswirkungen des Großen Krieges auf die Menschen und das Land. Dabei legt sie den Fokus auf die Kriegsversehrten, vor allem auf jene, deren Gesicht durch Granatsplitter oder Gewehrkugeln verunstaltet worden ist. Diese Gruppe der Kriegsteilnehmer traut sich nicht mehr unter die Menschen, weil ihre Verstümmelungen die meisten verschreckt und abstößt. Dafür hat sie penibel recherchiert und zahlreiche historische Personen in ihren Roman eingeflochten wie Gertrude Stein, Anna Coleman Ladd, die Initiatorin des Gesichtsprothesen-Atelier oder Albert Jugon, der mit vier anderen Versehrten bei der Unterzeichnung des Friedensvertrags 1919 in Versailles, die deutsche Delegation an ihre Verantwortung erinnert. „Gueules Cassées, zerhauene Visagen", werden diese Männer genannt. Diesen fünf historisch verbürgten Veteranen stellt die Autorin Louis zur Seite. Wir erfahren von der Arbeit der Künstler, die zahlreichen Männern einen kleinen Teil ihrer Würde zurückgeben könnten. Denn, „löscht man die Gesichtszüge aus, verliert der Mensch seine Identität. Ein Mann ohne Arm erzeugt Mitleid - ein Mann ohne Gesicht ruft Ekel hervor.“ (Zitat aus dem Spiegel-Bericht von 09.11.2018).
Ich selbst habe bei einem Besuch der Berliner Charité solche Gesichtsprothesen und feinmechanische Hände gesehen.

Der Titel hat mich zu Beginn ein wenig irritiert, weil ich an „Maskenbildnerin“ in Revue und Theater gedacht habe. Die Schlüsselszene für Valéries Werdegang als Maskenbildnerin ist jene, in der sie von Gabriels Gesicht einen Gipsabdruck macht, um ihn quasi ständig bei sich zu haben.

Fazit:

Ein penibel recherchierte historischer Roman, der uns die Zeit der Pariser Bohéme sowie die schrecklichen Folgen des Ersten Weltkriegs für die Versehrten näher bringt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 19.11.2021

Nordsee = MOrdsee

Die Frau aus der Nordsee
0

Dieser Krimi rund um die LKA-Kommissarin Lena Lorenzen ist der achte dieser Reihe.

Der aktuelle Fall stellt Lena Lorenzen vor einige Herausforderungen. Eine junge Frau wird tot aus der Nordsee gefischt. ...

Dieser Krimi rund um die LKA-Kommissarin Lena Lorenzen ist der achte dieser Reihe.

Der aktuelle Fall stellt Lena Lorenzen vor einige Herausforderungen. Eine junge Frau wird tot aus der Nordsee gefischt. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass sie ermordet wurde und, dass sie vor Kurzem ein Kind geboren hat. Lorenzen soll den Täter finden und muss Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen des Lebens der Toten herausklauben und zusammensetzen. Die Ermittlungen führen sie nach Pellworm, Kiel und Husum. Dabei kommen einige schockiernde Wahreheiten ans Tageslicht.

Meine Meinung:

Ich kenne einige Krimis dieser Reihe und daher bin ich nicht allzu überrascht, dass Lena Lorenzen ihre Aufgabe bravourös meistert.
Wie immer, ist eine große Anzahl von Personen in den Fall verwickelt, was manche Krimileser sicherlich stören kann. Mir hat das gut gefallen. Einzig die vielen ähnlichen Frauennamen Lena, Luna oder Lisa sind ein wenig anstrengend. Es gibt doch sicherlich noch andere Namen oder?

Fazit:

Ein gelungener 8. Fall, der mit einer privaten Neuerung in Lena Lorenzens Leben endet. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 16.11.2021

Eine gelungene Fortsetzung

Rue de Paradis
0

Luc Verlain und seine Lebensgefährtin sind nervös: Jeden Tag kann das gemeinsame Baby zu Welt kommen.
Lucs neuem Chef, Luc Aubry, ist das hochgradig egal und deshalb holt er Luc aus dem Urlaub zurück, ...

Luc Verlain und seine Lebensgefährtin sind nervös: Jeden Tag kann das gemeinsame Baby zu Welt kommen.
Lucs neuem Chef, Luc Aubry, ist das hochgradig egal und deshalb holt er Luc aus dem Urlaub zurück, damit er in einem kleinen Ort auf der Halbinsel Cap Ferret, eine aufgebrachte Menge beruhigt. Denn ausgerechnet in der „Rue de Paradis“ ist vor einigen Monaten die Hölle ausgebrochen, als bei einer Sturmflut Olive Morel getötet worden ist, weil ihr Haus so wie die anderen in der roten Zone stehen und niemals dort hingebaut hätten werden dürfen. Nun stehen die Bagger bereit, die alle Häuser abreißen sollen. Alle Häuser? Nein, ausgerechnet jenes protzige des seit Jahren amtierenden Bürgermeisters darf stehen bleiben. Ein Schelm, der sich dabei seine Gedanken macht.

Es kommt wie es kommen muss, das Wetter verschlechtert sich zusehends und die Katastrophe wiederholt sich. Nur, dass diesmal der Bürgermeister der Tote ist.
Recht bald ist klar, dass er ermordet worden ist.


Meine Meinung:

Der Autor hat diesmal einen klassischen „Closed Room-Krimi“ in der bewährten Art von Agatha Christie geschrieben. Die Grande Dame des „Whodunit-Krimi“ wird sogar nebenbei erwähnt.

Die Menschen der Rue de Paradis sind wegen des Unwetters von der Außenwelt abgeschnitten und Luc mittendrin.

In mühevoller Kleinarbeit gelingt es Luc, den Bewohnern ihre kleinen und größeren Geheimnisse zu entlocken und den Fall aufzulösen.

Mir hat der Krimi gefallen, obwohl wieder einmal das Klischee vom schnöseligen Neo-Chef gebraucht worden ist, der mit jugendlichem Ehrgeiz auf schnellen Erfolg aus ist, zu dem er - nebenbei gesagt - genau gar nichts beiträgt, außer entbehrlicher Wortspenden. Aber, ich kann ihn mir sehr gut vorstellen, den Laurent Aubry, mit handgemachten Schuhen und feinem Zwirn. Dass er dabei so manchen Gesichtszug eines österreichischen Politikers aufweist, ist nicht beabsichtigt.

Fazit:

Eine wahre Begebenheit hat den Autor zu diesem Krimi bewegt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.