Sommerlektüre
Die Schneiderei in der Fliedergasse - Große TräumeDieser Auftakt zu einer zumindest zweiteiligen Familien-Saga nimmt uns in die späten 1970er-Jahre nach Tübingen mit. Nach dem letzten Willen ihres verstorbenen Vaters soll Leonard Jura studieren und seine ...
Dieser Auftakt zu einer zumindest zweiteiligen Familien-Saga nimmt uns in die späten 1970er-Jahre nach Tübingen mit. Nach dem letzten Willen ihres verstorbenen Vaters soll Leonard Jura studieren und seine Zwillingsschwester Susanne eine kaufmännische Lehre absolvieren, um die kleine Schneiderei übernehmen zu können. Susanne fügt sich erst einmal, obwohl sie über juristisches Verständnis verfügt und liebend gerne studiert hätte. Ein typisches Frauenschicksal? Zumal Leonard weder Lust noch Begabung hat, sich den trockenen Gesetzestexten zu widmen. Lieber würde er Kleider entwerfen.
Dann schlägt das Schicksal abermals zu: Diesmal in Form eines Schreibens der Stadtverwaltung, dass das Wohnhaus der Familie im historisch wertvollen Stadtkern liegt und den Vorschriften des Denkmalsschutzes entsprechend, saniert werden muss. Die Crux daran - es fehlt der Witwe schlichtweg das Geld.
Da hilft nicht, Leonard und Susanne müssen kreativ werden. Was sie aushecken, wer ihnen hilft oder ihnen Prügel zwischen die Beine wirft, müsst ihr schon selbst lesen.
Meine Meinung:
Hinter dem Pseudonym Katharina Oswald stecken die Autorinnen Andrea Bottlinger und Claudia Hornung, die mit diesem Reihenauftakt eine gelungene Kombination aus Familien- und Zeitgeschichte geschrieben haben. So werden Feminismus, Hausbesetzungen, Straßenfeste, Improvisionstheater, Studentendemos gegen rechtsgerichtete Professoren, Burschenschafter oder Homosexualität aufgeworfen. Schmunzeln musste ich über die Bemerkungen zum Film „The Rocky Horror Picture Show“ oder zu Batikkleider.
Und ja, Frauen werden sowohl in der eigenen Familie als auch im öffentlichen Leben benachteiligt. Wenn das Geld nur für einen Studienplatz reicht, ist es fast ausschließlich der Sohn, der studieren darf. Egal ober geeignet ist oder nicht. Den Mädchen gönnt man weder Studium noch eine andere weiterführende Ausbildung. Verschenktes Geld, weil sie doch eh bald heiraten würden und zum Dazuverdienen reicht es, eine Stelle als ungelernte Kraft in Supermarkt oder Fabrik anzutreten.
Was mich nur irritiert: Braucht man in Deutschland, um eine Schneiderei zu betreiben, keine entsprechende Ausbildung? Um zu wissen, wie man Ärmel einsetzt, Abnäher richtig platziert oder die beliebte Konfektionsware anpassen soll, braucht man Schneiderhandwerk. Da hilft eine rein kaufmännische Ausbildung nicht viel.
Das Buch liest sich leicht und lässt mich an meine eigene Jugend zurückdenken. Batikkleider habe ich mir, unter der fachkundigen Anleitung meiner Großmutter, einer Schneidermeisterin, selbst genäht.
Ich bin schon neugierig wie es weitergeht, nachdem die Mutter ihren Kindern das Familiengeheimnis enthüllt hat.
Fazit:
Das Buch eignet sich sehr gut als sommerliche Lektüre. Gerne gebe ich hier 4 Sterne und freu mich auf die Fortsetzung.