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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.05.2025

Ein gelungener Reihen-Auftakt

Nur die Wühlmaus war Zeuge
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Valentina hat sich ihren Lebenstraum (fast) erfüllt: Sie erhält einen Schrebergartenparzelle zugeteilt. Nur der Teich fehlt noch zu ihrem Glück. Sie beginnt mit dem Ausgraben und stößt auf die Leiche ihres ...

Valentina hat sich ihren Lebenstraum (fast) erfüllt: Sie erhält einen Schrebergartenparzelle zugeteilt. Nur der Teich fehlt noch zu ihrem Glück. Sie beginnt mit dem Ausgraben und stößt auf die Leiche ihres Vorgängers Wiggerl Wetzstein. Wer hat ihn erschlagen und eingebuddelt?

Die Tätersuche erweist sich als mühsam, denn der Tote war nicht unbedingt beliebt, weshalb so ziemlich jede und jeder verdächtig ist. Die Polizei lässt die eingeschworene Gemeinschaft der Schrebergartler auch lieber außen vor, hat doch jeder Bewohner sein kleines oder größeres Geheimnis, wie Althippie Jo, der Gras nicht nur als Rasen anbaut. Federführend bei den Ermittlungen ist die betagte Friedl, die mit einem Rollator, in dem sich allerlei Lebenswichtiges wie Gin etc. befindet, Verdächtige befragt und den Überblick zu bewahren scheint. Sie ähnelt der berühmten Miss Marple. Dass es letztendlich noch einen zweiten Toten gibt, ist unerwartet.

Meine Meinung:

Das Sub-Genre Cosy-Crime, das in einer Schrebergarten-Kolinie spielt, ist in den letzten Jahren mehrfach aufgegriffen worden und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass skurrile Laien völlig unbedarft Verdächtige befragen. Wenn dann manchmal der oder die Eine in Gefahr gerät, ist unter Kollateralschaden zu verbuchen.

Ich kenne eine Schrebergarten-Krimi-Reihe, die in Berlin spielt und ähnlich skurrile Charaktere aufweist. Allerdings ermitteln dort ein ehemaliger Kriminalkommissar und eine Laubenbesitzerin.

Hier in diesem, kommt die Polizei nur in kleinen, fast homöpathischen Dosen vor. Doch einer der Ermittler gewinnt das Herz von Barbara.

Schrebergärten sind ein Mikrokosmos, dem sich viel Freude aber auch einige Abgründe verbergen.

Natürlich liegt der Fokus eher auf der vermeintlichen Schrebergartenidylle, die zahlreiche schräge Typen und einige Rätsel für uns Leser bereit hält, als auf authentischer polizeilicher Ermittlungsarbeit. Wer solche lieber hat, muss zu einem anderen Krimi greifen.

Der Schreibstil ist flüssig und wird durch das in schwäbischem Dialekt sprechende Ehepaar aufgelockert.

Für das Cover hat sich der Emons-Verlag etwas ganz besonderes einfallen lassen: Das abgebildete Gras fühlt sich wie ein Grasteppich an. Ein haptisches Highlight!

Fazit:

Auftakt einer neuen Cosy-Krimi-Reihe, der mir durch seine skurrilen Protagonisten ein vergnügliches Leseerlebnis beschert hat. Ich vergebe hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 23.05.2025

Eine gelungene Fortsetzung

Wer die Kohlmeise stört
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Es herbstelt in der Schrebergartensiedlung in München. Das merkt man nicht nur an den Horden von Touristen. die zum Oktoberfest auf die Theresienwiese strömen, sondern auch daran dass sich Bienen und Wespen, ...

Es herbstelt in der Schrebergartensiedlung in München. Das merkt man nicht nur an den Horden von Touristen. die zum Oktoberfest auf die Theresienwiese strömen, sondern auch daran dass sich Bienen und Wespen, die um die letzten Blüten herum schwirren und sich ohne Erlaubnis auf den Zwetschkendatschis niederlassen.

Valentina und ihre Gartenfreundinnen haben Zuzug durch Jüngere erhalten. So ist eine Jungfamilie eingezogen und statt Xaver Walter werkeln nun seine Tochter Marie und ihr Verlobter Sebastian im Garten. Sebastian ist ein Beau und Gesundheitsfanatiker, der, was niemand weiß, auf allerlei Getier allergisch reagiert. Ein lebensrettender EpiPen ist immer am Mann, oder doch nicht?

Daher ist die Gartengemeinschaft ziemlich überrascht als er tot im Garten liegt. Valentina und Friedl beginnen zu schnüffeln und entdecken, dass der EpiPen durch ein Übungsgerät ausgetauscht worden ist, was aber der eitle, aber stark kurzsichtige Sebastian nicht erkennen konnte. Wer hat hier nachgeholfen?

Statt die Münchener Polizei mit ihrem Verdacht zu belästigen, beginnen Valentina und jene, die man aus dem ersten Teil der Reihe kennt, zu spekulieren und nachzuforschen. Recht schnell findet man ein mögliches Motiv: Der schöne Bas, wie Sebastian auch genannt worden ist, war ein Egomane, den nur Geld, Sex und Bewunderung seiner jeweiligen Freundin interessiert hat. Dass eine seiner abgelegten Freundinnen im Kleingartenidyll gesehen worden ist, lässt Leni sofort in den Fokus von Friedl, der garteneigenen Miss Marple rücken. Und was hat Willow, die Influencerin und Tochter von im ersten Fall ermordeten Wiggerl Wetzstein, mit seinem Tod zu tun?

Meine Meinung:

Uns Leser erwartet auch diesmal wieder ein humorvoller und turbulenter Kriminalroman, der die Eigenheiten der Schrebergartenbewohner ziemlich gut beschreibt. Man ist eine eingeschworene Gemeinschaft, in der Fremde nichts verloren haben.

Die Figuren sind allesamt mit recht eigenwilligen Charakterzügen ausgestattet. Da ist zum eine Friedl, eine betagte Dame, die auf einen Rollator angewiesen ist, aber deren schräger Humor und kriminelle Energie ungebrochen ist. Oder das schwäbische Ehepaar, das mit seinem Dialekt für den einen oder anderen Grinser sorgt. Oder Valentina, die Ich-Erzählerin, die an Prokrastination, also Aufschieberitis, leidet und ihre Illustrationen zu spät an den Verlag weiterleitet. Valentinas Freundin Barbara, die man nur die Lerche nennt, spielt diesmal eine eher untergeordnete Rolle. Auch Barbaras Freund, der Kommissar, tritt erst ganz zum Schluss auf, als Friedl das Endergebnis und den Täter präsentiert.

Man (also eigentlich frau) schwelgt in Erinnerungen, was einen Mann zum echten Mann macht. Ein Zopferl zählt nicht dazu.

„Die Vorstellung davon, was ein echter Mann ist, muss unsere Generation revidieren. Wir wurden von Syvester Stallone, Han Solo und Michael Douglas geprägt. Nicht unbedingt die gesündesten Vorbilder für die Männlichkeit. Frisur hin oder her.“ (S. 39)

Zudem herrscht auch darüber Einigkeit, dass Basti ein ziemlicher Blender war. (Warum kommt mir dieser Satz als Österreicherin so bekannt vor?)

Eine stringente Handlung, mit polizeilichen Ermittlungen, die zur Überführung des Täters führen, darf man sich hier nicht erwarten. Es wird Kaffee, Tee und manchmal ein Likörchen oder Härteres getrunken und dabei allerlei Spekulationen gewälzt bis letzten Endes die Puzzleteile an die richtige Stelle fallen.

Fazit:

Wer in seinem eigenen (Schreber)Garten einen vergnüglichen Krimi mit einer mehr oder weniger begabten Laientruppe lesen will, ist hier richtig. Alle jene, die lieber authentische Polizeiarbeit mögen, müssen zu einem anderen Krimi aus dem Emons-Verlag greifen. Von mir gibt’s 4 Sterne.

Veröffentlicht am 20.05.2025

Vom gesellschaftlichen Zwang, Mutter zu werden ...

Hello Baby
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Kim Eui-kyung erzählt in diesem Buch die Geschichte von sechs Frauen, die sich in einer Fruchtbarkeitsklinik in Seoul begegnen. Allen ist gemeinsam, dass sie über 35 Jahre alt sind, von der Gesellschaft ...

Kim Eui-kyung erzählt in diesem Buch die Geschichte von sechs Frauen, die sich in einer Fruchtbarkeitsklinik in Seoul begegnen. Allen ist gemeinsam, dass sie über 35 Jahre alt sind, von der Gesellschaft und der Familie dazu gedrängt werden Mutter zu werden und auf natürlichem Weg nicht schwanger werden können. Also muss die in Südkorea hoch entwickelte IVF-Medizin helfend eingreifen.

Diese sechs Frauen sind Teil eines Chat-Gruppe, über die sie sich regelmäßig und ausgiebig austauschen. Als dann eine von ihnen nach längerem Schweigen plötzlich die Geburt ihres Babys verkündet, und nahezu gleichzeitig in einem Krankenhaus ein Neugeborenes verschwindet, schiebt sich der unerfüllte Kinderwunsch von Polizistin Jiun Han in den Hintergrund und die Ermittlerin tritt wieder in den Vordergrund.

Meine Meinung:

Südkorea ist für die meisten von uns ein Land, über das wenig bekannt ist. Mir geht es da ähnlich. Allerdings habe ich vor kurzem eine Statistik über weltweite Fertilitätsraten und Geburten gelesen. Da ist mir aufgefallen, dass Südkorea wie viel andere Industriestaaten ein Problem mit zu geringem Nachwuchs hat. Es scheint, als wäre der Widerspruch hier national Anstrengungen die Anzahl der Geburt zu steigern und dort wenig kinderfreundliche Arbeitsbedingungen der Eltern, kaum zu überbrücken. Einerseits gibt es Urlaubstage für die schmerzhafte Prozedur der IVF, andererseits sind Mütter in den Firmen nicht gerne gesehen. Dieser Spagat wird in diesem Buch recht gut geschildert.

Der Druck, den die Frauen seitens ihren Familien ausgesetzt sind, ist ernorm. Die alten patriarchalischen Strukturen sind nach wie vor vorhanden, auch wenn es scheint, dass die Schwiegermütter die treibenden Kräfte sind. Ich kenne mich ja mit dem Sozialsystem in Südkorea nicht aus, aber es klingt, als ob die Care-Arbeit für ältere Verwandte nach wie vor bei Töchtern und Schwiegertöchtern liegt. Was wieder heißt, möglichst viele dieser Gratis-Pflegerin in die Welt zu setzen. Ein Teufelskreis aus dem man schwer entfliehen kann.

Gut geschildert, auch wenn die Autorin eher sachlich bleibt, sind die Hoffnungen und Enttäuschungen der Frauen und deren Erfahrungen in den Fruchtbarkeitskliniken sowie die schmerzhaften Prozeduren. Auch die Rolle der Ehemänner wird beleuchtet, die erwarten, Väter zu werden, aber wenig dazu beitragen können und wollen. Die Einstellung, an einer ungewollten Kinderlosigkeit ist immer die Frau schuld, ist weit verbreitet.

Interessant zu lesen ist, dass kaum eine der Frauen die Mechanismen, die hinter der staatlich geförderten (und geforderten) Fruchtbarkeit hinterfragen. Sie nehmen die hohen Kosten und die gesundheitlichen Risiken auf Grund der gesellschaftlichen Verpflichtungen einfach hin. Nur hier und da, regt sich so etwas wie ein klein wenig Widerstand und der Gedanke, dass unter dem Deckmantel, Frauen zu Kindern zu verhelfen, für IVF-Spezialisten eine Menge Geld zu verdienen ist.

Fazit:

Ein interessantes Buch über den Zwang, unbedingt Mutter werden zu wollen oder zu müssen. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 19.05.2025

Informatives Sachbuch

Frauen haben anders Darm
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Der Verlag Gräfe & Unzer bringt regelmäßig interessante Bücher zum Thema Gesundheit auf den Markt. Mit diesem Buch widmet er sich der weiblichen Darmgesundheit, die sich, wie Dr. Julia Seider-Nack ausführlich ...

Der Verlag Gräfe & Unzer bringt regelmäßig interessante Bücher zum Thema Gesundheit auf den Markt. Mit diesem Buch widmet er sich der weiblichen Darmgesundheit, die sich, wie Dr. Julia Seider-Nack ausführlich erklärt, wesentlich von der männlichen unterscheidet. Noch sind nicht alle Geheimnisse aufgedeckt, doch eines ist klar: die Beschwerden, an denen Frauen und ihr Darm leiden, sind teilweise von ihrem Hormonhaushalt verursacht. Auch wenn diese Feststellung nun die körperlichen Schmerzen nicht lindert, so ist dennoch die Erkenntnis keine psychische Erkrankung zu haben, eine große Hilfe.

Das Buch ist vor allem für Einsteigerinnen in dieses Thema gut geeignet, da die Autorin einen guten, wenn auch groben Überblick über Unterschiede und Zusammenhänge bei Endometriose, PCOS, Reizdarm und SIBO gibt. Natürlich kann und soll dieses Buch den Besuch bei einem Arzt nicht ersetzen. Es kann aber mithelfen, die richtigen Fragen zu stellen.

Am Ende finden die Leserinnen rund 40 Rezepte mit denen eine erste Änderung in der Ernährung stattfinden kann. Auch hier sei der Besuch einer Ernährungsberatung empfohlen.

Der Schreibstil ist angenehm und die wichtigsten ZDF (Zahlen, Daten, Fakten) sind in Infokästen nochmals zusammengefasst.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch 5 Sterne.

Veröffentlicht am 18.05.2025

Eine klare Leseempfehlung!

Die Verschwundenen von Londres 38
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Nach seinen Büchern „Die Rattenlinien“ und „Rückkehr nach Lemberg“ widmet sich der bekannte Menschenrechtsanwalt und Bestseller-Autor Philippe Sands einer weiteren Person, deren Namen ihm bei seinen Recherchen ...

Nach seinen Büchern „Die Rattenlinien“ und „Rückkehr nach Lemberg“ widmet sich der bekannte Menschenrechtsanwalt und Bestseller-Autor Philippe Sands einer weiteren Person, deren Namen ihm bei seinen Recherchen zu Rattenlinien aufgefallen ist: Walter Rauff, ehemaliger SS-Offizier, der 1949 nach Chile fliehen konnte. Dort trifft er auf Augusto Pinochet, in dessen Dienst er von 1973 an steht. Im Keller des Hauses Londres 38 haben Pinochets Schergen des Geheimdienstes eine Folterkammer nach Vorbild der deutschen Gestapo eingerichtet. Nur wenige Menschen überleben den Aufenthalt in Londres 38. Die Mehrheit der Verhafteten verschwindet spurlos.

Wer ist nun Walter Rauff (1906-1984)?

Er unterstützt Hitlers Machtergreifung bereits vor 1933, tritt 1937 der NSDAP bei und 1938 der SS. Ab 1941 ist er für die Entwicklung der Gaswagen, in dem Juden sowie Roma und Sinti getötet werden, verantwortlich. Diese Kenntnisse machen ihn später für Diktator Pinochet und seinen Geheimdienst interessant.

So soll Rauff, inzwischen Leiter der Fischmehl-Produktionsanlage Pesquera Auraco, nach dem Militärputsch durch Pinochet und der Übernahme des Betriebes durch die DINA, den chilenischen Geheimdienst, zahlreiche Menschen verschwinden haben lassen. „Macht Fischmehl aus den Gefangenen!“

Parallelen zu den Vernichtungsöfen in deutschen KZs drängen sich hier förmlich auf. Mit der Asche der getöteten Juden hat man u.a. in Auschwitz Felder gedüngt.

Doch die Verbindung Rauff zu Pinochet ist 1998 als der ehemalige Staatschef von Chile Augusto Pinochet (1915-2006) in London verhaftet wird, noch nicht im Detail bekannt. Erst im Laufe der Recherchen, die zur Anklage und dem Prozess von Pinochet führen, entdeckt Philippe Sands zahlreiche Verknüpfungen der beiden.

Warum wird Pinochet überhaupt in London verhaftet?

Hier muss man sich Pinochets Vita ansehen. Zunächst ist er General in der Armee des demokratisch gewählten sozialistisch-marxistischen Präsidenten Salvador Allende (1908-1973). 1973 ist Pinochet am Putsch gegen Präsident Allende maßgeblich beteiligt. Dieser Umsturz wird von der US-Regierung, die einen radikalen Kurs gegen Kommunisten fährt, tatkräftig unterstützt. Pinochet wird von 1793 bis 1990 Chile als Diktator regieren, Menschen, die den Linken nahestehen, verfolgen, verhaften, foltern, rund 2.000 Menschen ermorden sowie Tausende einfach verschwinden lassen. 1988 wird er von den Chilenen abgewählt. Erst 1990 tritt er zurück, nicht ohne vorher ein Gesetz zu verabschieden, das ihm lebenslange Immunität garantiert. Weshalb er Jahrzehnte lang weder angeklagt noch verurteilt worden kann. Praktisch, wenn man selbst Gesetze erlassen kann. Allerdings hat er nicht mit der Hartnäckigkeit von einigen Familien ermordeter oder verschwundenen Personen gerechnet, die ihn und seine Mittäter wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor den Internationalen Gerichtshof bringen. Die Präzedenzfälle dafür sind die Nürnberger Prozesse bzw. das Tribunal von Tokio. Der internationale Haftbefehl, den Spanien erwirkt, weil er auch Spanier ermorden hat lassen, lässt 1998 in London, wo sich Pinochet im Krankenhaus befindet, die Falle zuschnappen.

Dort beginnen die Mühlen des Gesetzes anzulaufen. Der Autor wird angefragt, Pinochet zur Seite zu stehen, was er mit Hinweis auf persönliche Interessen ablehnt. Allerdings arbeitet er für die Ankläger. Aus den acht Jahre dauernden Recherchen ist dieses Buch entstanden. Dafür hat er zahlreiche Zeitzeugen sowie Nachfahren der Verschwunden von Londres 38 interviewt.

Warum sich Philippe Sands für dieser Prozess rund um Augusto Pinochet so interessiert?

Zum einem, weil zahlreiche Mitglieder seiner jüdischen Vorfahren von den Nazis getötet worden sind, darunter Herta Gruber, eine zwölfjährige Cousine seiner Mutter in einem von Rauffs Gaswagen. Zum anderen ist die Familie seiner Ehefrau durch die Ermordung von Carmelo Soria betroffen.

Was weiter mit Augusto Pinochet passiert ist? Er wird aus gesundheitlichen Gründen für nicht verhandlungsfähig erklärt und kehrt nach Chile zurück, wo er 2006 stirbt. Anders als einige Mitangeklagte wird Pinochet nie für seine Verbrechen verurteilt werden.

Philippe Sands deckt bei seinen Recherchen auch die Rolle der CIA und jene von Henry Kissinger auf, die maßgeblich am Putsch der (rechten) Militärdiktatur in Chile wie in anderen lateinamerikanische Ländern beteiligt waren. Hier kommen die USA mit ihrem fast schon paranoiden Kampf gegen den Kommunismus nicht wirklich gut weg.

Dass es nach Jahrzehnten doch noch einen Haftbefehl gegen Pinochet gibt, ist dem mutigen spanischen Richter Garcon zu verdanken, der Anklage wegen Genozids und der Ermordung vieler Spanier in chilenischen Gefängnissen erhoben hat. Dass es letztlich nicht zu einer Verurteilung gereicht hat, ist bedauerlich. Hier kommt der Usus, betagte Angeklagte für verhandlungsunfähig zu erklären, zum Einsatz. Besonders wenn es um Genozid handelt, wird diese Finte gerne angewendet. In Österreich hat man spät aber doch, dem NS-Arzt Heinrich Gross, der für Versuche an Kindern und deren Ermordung verantwortlich war, den Prozess gemacht, ihm aber gleichzeitig wegen Demenz die Verhandlungsfähigkeit abgesprochen.

Philippe Sand gibt uns einen interessanten Einblick in das Britische Rechtssystem, das sich von anderen starkt unterscheidet. Dieser Exkurs ist detailliert beschrieben.

Was ist nun die Conclusio dieses fesselnden Buches, das sich wie ein Mix aus Krimi, Detektivgeschichte und Sachbuch liest?

Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden vor dem International Strafgerichtshof angeklagt. Die Verfahren dauern endlos lang. Zahlreiche Angeklagte erleben den Ausgang nicht mehr. Aktuell stehen mit Putin und Netanjahu zwei prominente Staatschefs auf der Auslieferungsliste. Ob sie jemals angeklagt werden können, obwohl die Beweise erdrückend sind, ist ungewiss.

Fazit:

Mit diesem Buch liefert Philippe Sands ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Gerne gebe ich hier eine Leseempfehlung und 5 Sterne.