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Veröffentlicht am 18.09.2021

Aufschlussreich und lebhaft, aber mit zu vielen Wiederholungen

Introvertiert - Die leise Revolution
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Linus Jonkmann widmet sich einem interessanten Thema, das allmählich ein wenig mehr Beachtung findet: Introvertierte in einer extrovertierten Welt, und er tut dies auf lebhafte, anekdotenreiche Weise. ...

Linus Jonkmann widmet sich einem interessanten Thema, das allmählich ein wenig mehr Beachtung findet: Introvertierte in einer extrovertierten Welt, und er tut dies auf lebhafte, anekdotenreiche Weise.

Beim ersten Blick auf das ziemlich kleinformatige Buch war ich von der Gestaltung eher enttäuscht, auch wenn der Einband angenehm reduziert ist und ein sehr passendes Motiv hat. Titelbild und Klappentext sind viel zu nah am Buchrücken, was wenig professionell wirkt. Innen ist es übersichtlich, aber nicht unbedingt ansprechend gestaltet – im Gesamten erwarte ich von einem guten Sachbuch neben einem relevanten Inhalt auch eine professionelle Gestaltung.

Der Autor beginnt direkt mit einer Anekdote und setzte damit den Ton für das Buch - fast jeder neue Abschnitt wird mit einer Anekdote eingeleitet. Dies ist eine gute Methode, eine persönliche Note in das Thema zu bringen und es aufzulockern. Bemerkenswert ist, wie offen der Autor über sich selbst, seine Erfahrungen und auch Rückschläge berichtet. Das macht sympathisch und schafft auch eine Verbindung, sicher jeder Introvertierte wird beim Lesen viele „Ja, das kenne ich!“-Momente erleben. Der Schreibstil ist betont locker, mit zahlreichen Verweisen auf Populärkultur. Letzteres war mir manchmal zu viel, ich hätte zudem mehr Beispiele aus dem Geschäftsleben vorgezogen, das ist aber reine Geschmackssache.

Die Übersetzung liest sich größtenteils ebenfalls flüssig, aber ziemlich häufig wurden Ausdrücke verwendet, die es im Deutschen so nicht gibt und die mir oft dem Englischen entnommen zu sein scheinen. Es holperte doch an mehreren Stellen bei der Übersetzung, so war ich etwas verwundert, daß Johnkman seinen Großvater als „handlich“ bezeichnet, bis der Zusammenhang darauf hinwies, daß es eventuell „handwerklich begabt“ sein könnte. Mehr Sorgfalt beim Übersetzen und Korrekturlesen wäre wünschenswert gewesen. Lobenswert sind dafür manche Fußnoten, die Verweise und Bedeutungen erklären, die dem deutschen Leser vielleicht nicht so bekannt sind wie dem schwedischen Leser. Auch was Marken- und Ortsnamen, sowie Verweise auf Personen angeht, scheint die Übersetzung sich zu bemühen, den Bezug zu Deutschland zu schaffen. Das ist manchmal gelungen, manchmal wirkt es übertrieben. Wenn der Schwede Jonkman sich laut Text als Eisbrecher in Berlin „für meinen Sprachfehler, den schwäbischen Dialekt“ entschuldigt, dann wirkt das irritierend. Hier sollte man dem Leser doch mehr zutrauen und den entsprechenden schwedischen Akzent hinschreiben anstatt derart verkrampft und unstimmig zu lokalisieren. Auch grammatikalische Fehler stören den Lesefluß an mehreren Stellen.

Erfreulich sind die vielen Beispiele, wie sich Introversion äußert, welche Auswirkungen sie haben kann, welche Unterschiede zur Extroversion bestehen und zu welchen Missverständnissen es beim Zusammentreffen von Introvertierten und Extrovertierten kommen kann. Hier gab es vieles, das ich wiedererkannte, zahlreiche erhellende Momente. Linus Jonkman gelingt es hervorragend, ein facettenreiches, lebhaftes Bild der Introversion zu malen und dem Leser zu ermöglichen, sich selbst besser zu verstehen und auch erleichtert zu erkennen: „Das ist also gar nicht so unüblich.“ Gerade hier helfen die bereits erwähnten persönlichen Bezüge. Untermalt wird dies mit Studien und Hintergrundinformationen. Diese kamen mir ein wenig zu kurz, waren aber interessant und gut verständlich geschildert. Trocken wird das Buch nie. Ein ausführlicher Quellenabschnitt listet unter prägnanten Stichworten zahlreiche Studien und ihre Fundstellen auf. Das hat mir ausgezeichnet gefallen - es war übersichtlich und gab die Möglichkeit, nach weiteren Informationen zu suchen, wenn man zu einem Thema mehr wissen möchte.

Ein Punkt, der mich aber leider sehr gestört und mir das Lesevergnügen zunehmend geschwächt hat, waren die zahlreichen Wiederholungen. Manche Fakten erfahren wir vier oder fünf Mal und es gab Abschnitte, bei denen ich schon genau wußte, wie die nächsten Sätze lauten würde. Diese ständigen Wiederholungen waren störend und machten die Lektüre auch zunehmend langweilig, weil man bereits Gelesenes immer wieder präsentiert bekam. Eines von vielen Beispielen: Auf Seite 42: „Eine schwarze Frau weigerte sich, ihren Sitzplatz an einen Weißen abzugeben, wie es das Gesetz vorschrieb. Rosa Parks, wie die Frau genannt wurde, wurde zu einem Symbol der Veränderung, das das nächste Jahrzehnt durchdrang.“ Auf Seite 176: „Eine kleine, unscheinbare Dame namens Rosa Park entschied sich, der Norm zu trotzen. Sie weigerte sich, ihren Platz an einen Weißen abzugeben, obwohl das Gesetz sie dazu verpflichtete.“ Solche Wiederholungen kamen zu häufig vor, auch hat Jonkman die Angewohnheit, sieben Sätze zu schreiben, wo einer reichen würde (was interessant ist, da er immer wieder sehr hervorstellt, daß Introvertierte sich fundiert auf das Wesentliche beschränken, während Extrovertierte dazu neigen, viele Worte um wenig Inhalt zu machen). Das machte das Lesen für mich ziemlich anstrengend, das Buch machte auf mich oft den Eindruck eines überschwänglichen Redeschwalls.

Bedauerlich fand ich auch, daß Jonkman am Ende zwar empfiehlt, als Introvertierter über den eigenen Schatten zu springen und für gute Leistungen/Projekte auch die entsprechende Öffentlichkeit zu suchen, allerdings nicht erwähnt, wie man dies als Introvertierter gut machen kann. Nachdem er sehr ausführlich – und zutreffend – darüber berichtet, wie schädlich es sein kann, gegen die eigene Natur zu leben/arbeiten, wären einige Informationen dazu, wie er selbst diese Gratwanderung erfolgreich schaffte, erfreulich gewesen, es finden sich hier nur gelegentliche Nebenbemerkungen. Nun verspricht das Buch solche Hilfestellungen allerdings auch nicht, es geht darum, zu beschreiben, wie Introvertierte „ticken“, aber wer sein Buch mit einer solchen Aufforderung beendet, sollte diese dann nicht einfach in der Luft hängen lassen.

So muß ich leider sagen, daß mich das Buch nicht durchweg überzeugte. Wer eine lebhafte Beschreibung des introvertierten Wesens möchte und sich nicht an zahlreichen Wiederholungen stört, wird hier sehr viel Interessantes finden. Ich fand die erwähnten Mängelpunkte sehr störend, auch wenn ich immerhin viele aufschlußreiche Informationen aus dem Buch mitnehmen kann.

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Veröffentlicht am 04.09.2021

Ein schön gestalteter Überblick

Ein gutes Dutzend wilde Kräuter
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Kräuter in die Ernährung einzubinden, ist eine gute Idee, Wildkräuter selbst zu suchen und zu verarbeiten bringt noch eine weitere erfreuliche Perspektive in die Mahlzeiten. In diesem Buch werden zwölf ...

Kräuter in die Ernährung einzubinden, ist eine gute Idee, Wildkräuter selbst zu suchen und zu verarbeiten bringt noch eine weitere erfreuliche Perspektive in die Mahlzeiten. In diesem Buch werden zwölf Wildkräuter vorgestellt, darunter so bekannte wie Waldmeister und Löwenzahn, aber auch (zumindest mir) eher unbekannte wie Wilder Dost oder Bitteres Schaumkraut. Man kann hier also einige neue Anregungen bekommen und eventuell Neues über bekannte Pflanzen erfahren. Der Abschnitt über jede Pflanze beginnt mit einer Einführung aus allgemeinen Informationen, Aussehen oder besonderen Merkmalen; dann folgt ein Abschnitt, wo die Pflanze zu finden ist, mit welchen Pflanzen sie verwechselt werden könnte und dann Hinweise, wie man sie verwenden kann. Jeweils sechs Seiten werden jeder Pflanze gewidmet, mit sehr vielen Bildern und recht knappem, oft stichpunktartigem Text. Eine allgemeine Einführung gibt noch allgemeine Informationen zum Umgang mit und Nutzen von Wildkräutern. Sehr interessant fand ich hier die Gegenüberstellung von Mineralstoffen, Eiweiß und Vitaminen zwischen Kopfsalat und Brennnessel. Es wird gut erklärt, welche Vorteile Wildkräuter haben. Eher unangenehm finde ich, dass die Autoren der momentan um sich greifenden Mode, einfach zu duzen, folgen.

Die Bebilderungen sind sehr genau, so wird der Aufbau der jeweiligen Pflanze detailliert aufgezeigt, auch die Pflanzen, mit denen sie verwechselt kann, werden bildreich dargestellt. Optisch ist das Buch eine Freude. Sehr schön finde ich es auch, daß immer wieder darauf hingewiesen wird, beim Sammeln behutsam vorzugehen, die Pflanze nicht zu beschädigen und nur so viel einzusammeln, wie gebraucht wird. Auch Hinweise zu Verarbeitung, Trocknen und Aufbewahren finden sich. Man bekommt hier also einen liebevoll gestalteten Überblick. Mir war dieser durchweg zu knapp gehalten, gerade auch im Hinblick auf den Preis des Buches. Gerade was die Verwendungszwecke betraf, hatte ich mir wesentlich mehr erhofft und war enttäuscht, wie knapp dieser Bereich abgehandelt wurde.

Für einen ersten Einstieg bietet das Buch gute, ansprechend dargebotene Informationen.

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Veröffentlicht am 04.09.2021

Ein schön gestalteter Überblick

Ein gutes Dutzend heilende Pflanzen
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In diesem sehr ansprechend gestalteten Buch lernt man zwölf Heilpflanzen kennen. Der Abschnitt über jede Pflanze beginnt mit einer Einführung aus allgemeinen Informationen, Aussehen oder besonderen Merkmalen; ...

In diesem sehr ansprechend gestalteten Buch lernt man zwölf Heilpflanzen kennen. Der Abschnitt über jede Pflanze beginnt mit einer Einführung aus allgemeinen Informationen, Aussehen oder besonderen Merkmalen; dann folgt ein Abschnitt, wo die Pflanze zu finden ist, mit welchen Pflanzen sie verwechselt werden könnte und dann Hinweise, wie man sie verwenden kann. Jeweils sechs Seiten werden jeder Pflanze gewidmet, mit sehr vielen Bildern und recht knappem, oft stichpunktartigem Text. Eine allgemeine Einführung gibt noch allgemeine Informationen zum Umgang mit und Nutzen von Heilpflanzen. Die Autoren folgen der momentan um sich greifenden Mode, einfach zu duzen, was ich eher unangenehm finde.

Die Bebilderungen sind sehr genau, so wird der Aufbau der jeweiligen Pflanze detailliert aufgezeigt, auch die Pflanzen, mit denen sie verwechselt kann, werden bildreich dargestellt. Optisch ist das Buch eine Freude. Sehr schön finde ich es auch, daß immer wieder darauf hingewiesen wird, beim Sammeln behutsam vorzugehen, die Pflanze nicht zu beschädigen und nur so viel einzusammeln, wie gebraucht wird. Auch Hinweise zu Verarbeitung, Trocknen und Aufbewahren finden sich. Man bekommt hier also einen liebevoll gestalteten Überblick. Mir war dieser durchweg zu knapp gehalten, gerade auch im Hinblick auf den Preis des Buches und im Vergleich zu anderen Büchern dieser Art. Grade zu Heilwirkung und Verwendungsmöglichkeiten hätte ich mich über etwas ausführlichere Informationen gefreut. Überrascht war ich auch, daß die Goldrute zwar lobenswerterweise mit einem Hinweis für Allergiker versehen war, die Birke aber nicht.

Für einen ersten Einstieg bietet das Buch gute, ansprechend dargebotene Informationen.

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Veröffentlicht am 31.08.2021

Herrliche Sprache, aber zu viele Längen und Namedropping

Flucht nach Patagonien
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„Flucht nach Patagonien“ zeichnet sich durch eine wundervolle Sprache aus und widmet sich zudem einem – zumindest mir – unbekannten Sujet. Weder Eugenia noch Jean-Michel, die wir hier im Jahr 1937 nach ...

„Flucht nach Patagonien“ zeichnet sich durch eine wundervolle Sprache aus und widmet sich zudem einem – zumindest mir – unbekannten Sujet. Weder Eugenia noch Jean-Michel, die wir hier im Jahr 1937 nach Patagonien begleiten, waren mir bisher bekannt, auch Patagonien selbst ist eine fremde Welt für mich.
Im ersten Drittel des Buches lernen wir Jean-Michel dadurch kennen, dass er die Schiffsreise von Europa nach Südamerika nutzt, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Die empfindsame, kunstvolle Sprache hat mich, wie der verletzliche Jean-Michel selbst, gleich in ihren Bann gezogen, obwohl Jean-Michels Lebensgeschichte distanziert, fast berichtartig erzählt wird. Es gibt herrliche Formulierungen und die herrschaftliche Welt der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg steigt farbenprächtig vor uns auf, ebenso wie die Ausschweifungen und kulturellen Umwälzungen der 20er Jahre. Die immer wieder durchblitzenden dunklen Anklänge haben mir besonders gut gefallen. „Ich bin alleine in einem dunklen Tunnel“ ist eine der Äußerungen, welche einer der Charaktere kurz vor seinem Suizid macht. Vieles in dieser Hinsicht bleibt Andeutung, die distanzierte Erzählweise führt zudem dazu, dass mir die meisten Charaktere eher fremd blieben.
Das erste Drittel des Buches widmet sich auf diese Art Jean-Michels Leben vor 1937 und obwohl die Erzählung eher ruhig dahinfließt, habe ich die Lektüre genossen, insbesondere wegen der herrlichen Sprache. Es gab einige Längen, gerade die ausführlichen Details zur Jean-Michels Profession, der Innenarchitektur, wurden ermüdend. Auch fand ich es anstrengend, dass die Autorin den Drang hat, möglichst viele bekannte Namen in das Buch zu quetschen. Man merkt, daß diese oft um ihrer selbst Willen erwähnt werden und zur Geschichte nichts beitragen. Insgesamt bin ich aber gerne in Jean-Michels Leben und jene Zeit eingetaucht.
Der mittlere Teil des Buches widmet sich dem Aufenthalt in Buenos Aires und Patagonien. Hier nahm mein Lesevergnügen über weite Teile hin ziemlich ab, denn nun häufen sich die beiden Punkte, die vorab nur ein wenig störten: die Längen und die Fülle berühmter Namen. Wir begleiten Jean-Michel und Eugenie von einem glänzenden Abendessen zum nächsten, werden mit sich stark ähnelnden Details prächtiger Häuser und illustrer Personen geradezu überschüttet. Das wurde leider schnell langweilig. Die Autorin verliert sich allgemein sehr in Details, was in diesem Teil zu vielen Längen führt. Auch tauchen hier plötzlich so viele neue Namen auf, daß man sie kaum noch zuordnen kann. Hier zeigen sich auch die Nachteile der distanzierten Erzählweise – die Charaktere bleiben einem fremd. Ich mußte ein wenig schmunzeln, als später im Buch erwähnt wird, daß Jean-Michel von Dalis „Namedropping ohne Ende“ genervt ist, denn bei der Lektüre des Buches ging es mir häufig genauso. Ich hätte das Buch wesentlich mehr genossen, wenn es sich auf die Geschichte Jean-Michels und Eugenias sowie eines ausgewählten Umfelds konzentriert hätte, ohne bei jeder sich bietenden Möglichkeit lauter Namen in die Geschichte zu werfen, welche diese eher verwässern als bereichern.
Der Aufhänger der Geschichte, das Grandhotel, war für mich eigentlich der am wenigsten interessante Aspekt, was aber auch daran liegen kann, daß er in zu viel Drumherum unterging. Interessant waren die zeitgeschichtlichen Aspekte, auch wenn ich an manchen Stellen etwas irritiert war – so scheint der Name „Eva Braun“ den Charakteren 1937 schon ein Begriff zu sein, was ich mir eher weniger vorstellen kann. Dahingegen wird Hollywood als kleines Dorf bezeichnet, das sicher noch bekannt werden wird, dabei war Hollywood Ende der 30er bereits weltweit ein Begriff. Allgemein aber scheint der historische Hintergrund ausgezeichnet recherchiert, auch eine ausführliche Literaturliste am Ende des Buches weist darauf hin. Jean-Michels Fluchthilfe für Juden ist z.B. ein interessanter Aspekt, der mehr Raum verdient hätte als das ganze Namedropping.
Das letzte Drittel des Buches beleuchtet Jean-Michels Geschichte nach 1937, leider etwas knapp (bzw. für mich ungünstig gewichtet – hier werden wieder zu viele andere Leute hineingepackt) und berichtartig. Hier kann aber auch wieder die schöne Sprache erfreuen, ebenso wie die tiefe Melancholie und Endzeitstimmung, welche die Nazis und der Zweite Weltkrieg mit sich bringen. Das Ende berührt. Ein Epilog berichtet über weitere Schicksale der Charaktere – von denen mir einige völlig fremd geblieben sind.
„Flucht nach Patagonien“ war in jedem Fall ein Leseerlebnis. In herrlichem Stil habe ich hier viel erfahren, konnte in eine andere Welt eintauchen. Hätte die Autorin sich an das Prinzip „weniger ist mehr“ gehalten, dem Jean-Michel seine Innenarchitektur widmete, wäre es ein überragendes Buch geworden.

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Veröffentlicht am 31.08.2021

Spannende Unterhaltung mit Logikfehlern

Dein dunkelstes Geheimnis
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Die Geschichte hat mich gleich angesprochen: Kathryns Vater sitzt seit 25 Jahren im Gefängnis, weil er wegen Mordes an einem kleinen Mädchen verurteilt wurde. Kathryn, die beste Freundin dieses Mädchens, ...

Die Geschichte hat mich gleich angesprochen: Kathryns Vater sitzt seit 25 Jahren im Gefängnis, weil er wegen Mordes an einem kleinen Mädchen verurteilt wurde. Kathryn, die beste Freundin dieses Mädchens, leidet schon ihr ganzes Leben darunter, und nun stellen sich durch das Verschwinden eines weiteren kleinen Mädchens Fragen auch zur damaligen Tat und der Schuld des Vaters. Die nun folgenden Geschehnisse erfahren wir aus verschiedenen Blickwinkeln, hauptsächlich dem Kathryns. Kathryn ist eine gelungen sperrige Protagonistin und als Ich-Erzählerin natürlich nicht gänzlich verlässlich, was eine interessante Komponente hineinbringt.

Ein weiterer Blickwinkel ist der Maggies, der Ermittlerin im neuen Vermisstenfall. Dies war ein Charakter, den ich nicht gelungen fand. Zu Beginn zeichnet sie sich durch extreme Schroffheit aus und außerdem erhalten wir völlig unnötige, vielfältige Einblicke in ihre Libido. Ihre Affaire mit einem verheirateten Kollegen ist für die Handlung ebenso irrelevant wie ihr teenagerartiges Ansabbern eines anderen Kollegen, oder die Information, daß sie „absolut heiß“ ist und die Kamera „sie liebt“. Später führt sie noch ein ebenfalls für die Geschichte irrelevantes Problemgespräch mit ihrer Mutter. Es schien mir, als ob diese Eigenschaften ihr einfach nach einer Checkliste aufgepfropft wurden – hat keine Relevanz, muß aber irgendwie rein. Es gab noch einige andere Faktoren im Buch, bei denen ich den Eindruck hatte, hier sollte etwas um seiner selbst Willen hinein.

Besonders unerfreulich fand ich in dieser Hinsicht den Charakter einer Nachbarin Kathryns, die fast nur eine Eigenschaft hat: sie stößt Leute verbal gerne vor den Kopf. Diese Unverblümtheit wird von allen als unglaublich originell betrachtet und jeder kommentiert es mehrfach. Ich weiß nicht, ob die Autorin damit eine humoristische Note hineinbringen wollte, ich fand es überflüssig und albern, zur Geschichte trug dieser Charakter so gut wie nichts bei, es passte nicht zur Stimmung des Buches, ganz zu schweigen davon, daß ihre Einbindung in Ermittlungen völlig unrealistisch ist. Auch sonst unterlag die Beschreibung mancher Ermittlungstätigkeit ziemlichen kreativen Freiheiten.

Das Erzähltempo ist gut. Ich habe mich keinen Moment lang gelangweilt, es gab immer wieder neue, überraschende Wendungen und zahlreiche Aspekte, die zum Rätseln einluden. Hier ist fast alles nicht so, wie es scheint, und schon dadurch bleibt es spannend. Rückblickend stellte sich allerdings heraus, daß dies häufig auf Kosten der Plausibilität geht und einige der rätselhaften Aspekte rückblickend keinen Sinn ergeben. Viele erwähnte Punkte werden zudem einfach fallengelassen, Fragen bleiben offen und manchmal scheint es, als ob die Autorin Teile ihrer eigenen Handlung einfach vergessen hätte. Das fand ich bedauerlich und das wäre mit sorgfältigerer Konzipierung vermeidbar gewesen.

Der Schreibstil ist eingängig, nicht überragend, aber für einen Krimi gut lesbar. Ein etwas sorgfältigeres Korrektorat wäre erfreulich gewesen, gerade was fehlerhafte Satzkonstruktionen angeht. Auch an Wiederholungen hätte gespart werden können.

Die Geschichte spielt größtenteils auf der Insel Anglesey in Wales, eine recht eigene Welt, die uns anschaulich beschrieben wird. Hier blitzt auch teilweise gelungen trockener Humor durch. Das Eintauchen in diese Welt hat mir gefallen, ebenso wie die Einbindung eines Kriminalforums. Die Geschichte bleibt das ganze Buch hindurch erfreulich facettenreich.

Die Auflösung der Geschichte war für mich überraschend und auch der Weg dahin bringt viel Unerwartetes. Allerdings war die Auflösung leider in mehrfacher Hinsicht nicht plausibel, außerdem wirkt das Ende überhastet und fast lieblos heruntergeschrieben. Es wirft interessante Fragen und Überlegungen auf, war originell, aber eben nicht überzeugend.

So bietet das Buch zweifellos spannende, gut lesbare Unterhaltung, mit einer abwechslungsreichen Geschichte voller Überraschungen, die durch mehr Plausibilität und weniger Logikfehler allerdings überzeugender gewesen wäre.

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