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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.12.2019

Spannendes Thema, gut recherchiert, nicht nach meinem Geschmack umgesetzt

Wir sehen uns unter den Linden
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Der Einstieg in dieses Buch war perfekt. Im Frühling 1945 begleiten wir Suse von der Schule nach Hause, wo sie zu ihrem Entsetzen nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Gestapo vorfindet und eine Katastrophe ...

Der Einstieg in dieses Buch war perfekt. Im Frühling 1945 begleiten wir Suse von der Schule nach Hause, wo sie zu ihrem Entsetzen nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Gestapo vorfindet und eine Katastrophe passiert. Ich habe auf diesen Seiten mit Suse gezittert, war gerührt von ihren Erinnerungen an eine behütete Kindheit, ein liebevolles Elternhaus. Es war also alles da – Spannung, eine Protagonistin, mit der man mitfühlte, geschichtlicher Hintergrund. Nach dem gelungen-dramatischen Einstieg reisen wir ins Jahr 1928 und eine ganz andere Welt – das Berlin der Weimarer Republik, das vielfältige Kunstleben und die Liebesgeschichte von Suses Eltern. Auch hier ist der historische Hintergrund hervorragend geschildert, überhaupt ist die historische Recherche im ganzen Buch bemerkenswert. Eine Zeittafel und ein Glossar am Ende des Buches bieten weitere nützliche Informationen. Es ist immer eine Freude, wenn historische Romane so sorgfältig konzipiert sind.

Charlotte Roth gelingt es auch gut, die historischen Ereignisse mit den persönlichen Schicksalen ihrer Charaktere zu verbinden. Schon im 1928-Kapitel erkennt der aufmerksame Leser abgesehen von dem offensichtlichen Thema des sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergrundes von Suses Eltern (leider verpufft dieses Thema nach seiner ausführlichen Einführung rasch und wird nicht genutzt) noch weitere Themen, die auf tragische Entwicklungen hindeuten. Im Laufe des Buches arbeitet die Autorin mit den Zeitsprüngen, ohne die fast kein historischer Roman mehr auszukommen scheint. Während der Haupterzählstrang die mittlerweile erwachsene Suse zwischen 1952 und 1961 begleitet, gibt es immer wieder Kapitel, die in die Nazizeit zurückblicken und uns so die Hintergrundgeschichte Stück für Stück nahebringt. Das funktioniert gut und ist interessant. Im Hauptstrang gibt es ebenfalls einige Zeitsprünge, zwischendurch werden immer mal zwei, drei Jahre übersprungen. Leider gehen dadurch auch einige Fragen und Themen unter. Eine Person, die uns zu Beginn des Buches sehr ausführlich geschildert und uns somit als einer der Hauptcharaktere nahegebracht wird, versinkt schon bald zur Randnote, deren Tod dann schließlich nur noch in einem Nebensatz erwähnt wird. Das fand ich unerfreulich. Auch andere Entwicklungen erhalten nicht die notwendige Aufmerksamkeit, während es dagegen zahlreiche langatmige Passagen gibt, die wesentlich kürzer gehalten (oder ausgelassen) hätten werden können. So fehlte mir beim Lesen die Ausgewogenheit.

Es war interessant, einen Roman zu lesen, der den Hauptfokus auf die frühen Jahre des Lebens in der DDR richtet. Dazu gibt es nicht viele Bücher und ich habe mich gefreut, hierzu mehr zu erfahren. Gelernt habe ich auch eine ganze Menge – ich kann nur noch einmal die historische Recherche und Einbindung loben, wenn auch vieles zu oft wiederholt wird. Allerdings war der „DDR-Strang“ leider für meinen Geschmack insgesamt nicht gelungen. Das liegt zum einen daran, daß Suse, mit der man am Anfang so noch mitfühlt, sich zu einer unsympathischen Protagonistin entwickelt, an der ich wenig Anteil nehmen konnte und über die ich nicht gerne las. Sie ist von der DDR absolut überzeugt, was ein wenig durch ihre Erfahrungen in der Nazizeit erklärt wird. (Warum ein Familienfreund so überzeugter Genosse wird und zudem noch problemlos bis in die höchsten Partei- und Stasilevel aufsteigt, wird leider nicht hinreichend erklärt, was ich sehr schade fand). Sie ist dabei schon fast fanatisch, sogar ein einfacher Ausflug von Ost- nach West-Berlin kommt für sie nicht in Frage und bei jeder Gelegenheit betet sie DDR-Parolen herunter. Die dunklen Seiten des Regimes blendet sie aus – es fällt ihr zwar auf, wie menschenverachtend die DDR agiert, aber es findet keine innere Entwicklung bei ihr statt (anders als der Klappentext es darstellt). Sie verliebt sich dann ausgerechnet in einen West-Berliner, Kelmi, und das war für mich die zweite Schwäche dieses Strangs. Von Anfang an ist nicht verständlich, was die beiden aneinander finden. Suse behandelt Kelmi wie den letzten Dreck, während er ihr wochenlang hinterherrennt, ohne daß wir Leser verstehen, warum er das tut, was sie für ihn so anziehend macht. Es wird uns als Fakt präsentiert, daß die beiden einander lieben, ohne daß es uns auch nur einmal glaubhaft dargestellt wird. In den neun Jahren der „DDR-Handlung“ streiten sie sich immer und immer wieder über die ewiggleichen Themen – Suse hat ihre festgefahrenen Meinungen über den Westen, Kelmi kann mit dem Osten nichts anfangen. Neun Jahre lang die immer gleichen Auseinandersetzungen, bei denen Suse alle Argumente wegwischt und ihre Parolen runterbetet. Das war beim Lesen langatmig und enervierend, auch wurde immer weniger klar, warum diese beiden eigentlich zusammenbleiben, denn außer zu streiten tun sie nicht wirklich viel.
Insofern war der Hauptteil der Geschichte für mich unglaubwürdig, sich wiederholend (auch das „Wir sehen uns unter den Linden“-Motiv wird als Satz im Buch überbenutzt) und hielt sich zudem bei Nebensächlichkeiten detailverliebt auf. Ich hatte zwischendurch keine große Lust, weiterzulesen.

Die Rückblicke waren vielfältiger und interessanter, manchmal aber so distanziert berichtet, daß man zu den Emotionen der Charaktere kaum Zugang bekommt. Das Ende ist originell und unerwartet, aber auch ziemlich distanziert. So war „Wir sehen uns unter den Linden“ einerseits zwar ein Buch mit ausgesprochen interessanter Thematik und beeindruckender historischer Recherche, das einige wundervoll geschriebene Abschnitte enthielt, die mich fesselten und emotional berührten. Leider aber war der Hauptteil für mich nicht überzeugend, die Gewichtung der Erzählweise nicht nach meinem Geschmack, die Nähe zu den meisten Charakteren, insbesondere der Protagonistin Suse, nicht vorhanden.

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Veröffentlicht am 13.12.2019

Originell, sorgfältig konzipiert, gut geschrieben

13zehn
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13 zehn ist ein herrlich ungewöhnliches Buch, das ein originelles Konzept mit Hingabe umsetzt. In vier Geschichten tauchen wir in vier ganz unterschiedliche Welten ein, lernen jedes Mal neue Charaktere ...

13 zehn ist ein herrlich ungewöhnliches Buch, das ein originelles Konzept mit Hingabe umsetzt. In vier Geschichten tauchen wir in vier ganz unterschiedliche Welten ein, lernen jedes Mal neue Charaktere kennen und können ausgiebig rätseln, wie diese Menschen und Schicksale zusammenhängen. Zum Ende werden einige - aber leider lange nicht alle - Fragen beantwortet. Zahlreiche Liedzitate und -texte zeugen, ebenso wie die Lebenswege einiger Charaktere, von großer Hingabe zur Musik, sind für jemandem mit mehr Interesse an der Materie sicher interessant.

Die erste Geschichte stößt uns sofort mitten ins Geschehen und auch gleich in die Frage, was nun real ist und was nicht. Diese Frage begleitet den Leser durch das gesamte Buch, die beiden Autoren spielen geschickt mit der Verwirrung, mit dem Wechsel zwischen - meist bitterer - Realität und übersinnlichen Elementen. Bei der Lektüre rätselt man so fast durchgehend mit, sucht nach Erklärungen und verbindenden Elementen. Das Buch ist ausgesprochen komplex, wechselt nicht nur zwischen Realem und Irrealem, sondern auch zwischen Zeiten, Perspektiven und Personen. Man kann nur annähernd ermessen, wie viel Arbeit und Planung - und auch hier wieder: Hingabe - in dem Buch stecken müssen. Manchmal wurde es mir ein wenig zu komplex, da sich mit jeder Geschichte so viele neue Fragen und Handlungen ergeben und ich manchmal schlichtweg zu verwirrt war, um das Leseerlebnis zu genießen.

Die vier Hauptcharaktere der Geschichten erleben Unfassbares und in jeder Geschichte gibt es eine gänzlich neue Welt, in die man sich beim Lesen erst einmal hineinfinden muß. Das macht Spaß, ich war stets neugierig, was mich nun erwartet, was sich hier entfaltet. Die behandelten Themen sind ungewöhnlich, so lerne ich hier eine mir unbekannte psychische Krankheit kennen, wir erleben die medial kaum erwähnten dunklen Auswirkungen der Zustände in Osteuropa auf die Unschuldigsten, tauchen ein in religiösen Fanatismus und den drastischen Auswirkungen von Schulmobbing. Auch ein erschreckender tatsächlicher Kriminalfall ist subtil ins Buch eingebunden. So viele ungewöhnliche Themen, so viele gelungene Anspielungen auf tatsächliche Geschehnisse habe ich noch nie in einem Buch gelesen.

Auch die übersinnlichen Komponenten sind originell und gehören fast wie selbstverständlich zum Geschehen dazu. Das erweckt in der ersten Geschichte eine Art wohligen Grusel, in der zweiten führt es zu herzzereißenden Entwicklungen. Diese beiden Geschichten fand ich am eindringlichsten. Die dritte Geschichte hatte ein paar für mich langatmige Passagen, die vierte Geschichte war mir stellenweise zu wirr. Der Schreibstil ist aber im gesamten Buch absolut erfreulich. Es gibt zahlreiche beeindruckende und schön formulierte Sätze, der Umgang mit Sprache ist durchweg gekonnt. Das macht Lesefreude.

Zum Ende hin fügen sich die vier Schicksale zusammen, dies in einem etwas zu großen Zufall, der aber letztlich zum Gesamtkonzept paßt. Schade ist es, daß so viele aufgeworfene Fragen gar nicht beantwortet werden, auf deren Aufklärung ich beim Lesen schon gespannt wartete.

Insgesamt ist hier aber ein Mysterygeschichte auf ganz hohem Niveau gelungen, in trollem Schreibstil, mit beeindruckender Originalität. Ein Buch, das absolut heraussticht.

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Veröffentlicht am 10.12.2019

Sehr enttäuschend

Glück am Morgen
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Die im Klappentext erwähnte Thematik des Buches ist ausgesprochen interessant: "Das erste Jahr der jungen Ehe von Annie und Carl ist nicht leicht - ständig fehlt es an Geld, obwohl Carl neben seinem Jurastudium ...

Die im Klappentext erwähnte Thematik des Buches ist ausgesprochen interessant: "Das erste Jahr der jungen Ehe von Annie und Carl ist nicht leicht - ständig fehlt es an Geld, obwohl Carl neben seinem Jurastudium noch mehrere Jobs hat." Ich war gespannt darauf, wie die jungen Leute mit dieser Situation zurechtkommen und freute mich dann auch, als ich beim Lesen festsstellte, daß das Buch Ende der 1920er spielt und hoffentlich Einblicke in das Leben der Zeit gegeben würden.

Leider aber ist die Umsetzung gleich aus mehreren Gründen meines Erachtens völlig mißlungen. Der Hauptgrund ist der ausgesprochen schlechte Schreibstil. Ich konnte es kaum glauben, daß diese Autorin renommierte Preise gewonnen hat, denn das Buch liest sich, als ob es ein Schulmädchen verfaßt hätte. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal ein so schlecht geschriebenes Buch gelesen habe.

Auch bei der Schilderung der Beziehung zwischen Carl und Annie wurde meistens zielsicher am Interessanten vorbei geschrieben. Das Buch beginnt mit ihrer Hochzeit und ich war von der Banalität der Dialoge bereits überrascht, habe es aber über gemächlicher Einführung verbucht. Allerdings ändert sich das Ganze nicht. Annie und Carl führen zum Großteil absolut uninteressante Dialoge, die nicht dadurch besser werden, daß die beiden sich in fast jedem Satz zwanghaft mit Vornamen ansprechen.
Ein Auszug:
"Hast du schon mal so viele Pee-wees gesehen, Carl?"
"Das sind Beanies."
"In Brooklyn heißen die Pee-wees."
"Ich bin aber nicht in Brooklyn."
"Aber trotzdem bist du noch Brooklyner."
"Das müssen ja nicht alle wissen, Annie."
"Das ist jetzt nicht dein Ernst, Carl."
"Ach, wir können sie doch einfach Beanies nennen, Annie."
Das ist keine unrühmliche Ausnahme, sondern Carl und Annie sprechen fast ständig so miteinander. Irgendwann merkt man auch, daß ihre begrenzte Themenauswahl sich immer wiederholt und wir lesen Varianten des Banalen immer und immer wieder.

Die Charaktere sind nicht gut gezeichnet. Annie ist manchmal erschreckend einfältig, an manchen Stellen ist es kaum glaubhaft. Dazu ist sie noch völlig distanzlos und launisch. Das macht die Szenen mit ihr unangenehm zu lesen. Carl ist farblos. Er lernt viel, er arbeitet viel und er wird ab und an etwas grob. Mehr erfahren wir nicht. Was diese beiden aneinander finden, erfahren wir auch nicht, meistens scheinen sie genervt voneinander. Manche Szenen sollen uns vermitteln, wie sehr sie einander lieben, aber man kann es nicht nachempfinden und versteht es auch nicht. Überhaupt ergeben die Beziehungen zwischen den Charakteren nur selten Sinn.

Interessante Aspekte, wie eben Carls finanzielle Nöte oder das gespannte Verhältnis zu den jeweiligen Eltern, werden leider kaum behandelt, stattdessen versinkt die Geschichte größtenteils in Banalitäten. Zudem kommt Carl ein glücklicher Zufall nach dem anderen zu Hilfe und sobald ein wenig Geld im Haus ist, wird es (vor allem von Annie) mit vollen Händen hastig ausgegeben, was der finanziellen Thematik Dringlichkeit und Glaubwürdigkeit nimmt.

Annie, wie gesagt von ausgesprochener Einfältigkeit und dazu mit gerade mal grundlegender Schulbildung, schreibt gerne, insbesondere Theaterstücke. Ihre ersten Versuche sind schmerzhaft schlecht, was verständlich ist - sie konnte es bislang nicht lernen. Nun reicht aber ihr Interesse an der Thematik aus, kostenlose Gasthörerin bei entsprechenden Vorlesungen zu werden und dort braucht sie nur ein paar Monate, um zu den drei Besten der Klasse zu zählen. Das ist völlig unglaubwürdig (auch wenn das Buch wohl autobiographische Züge hat) und wird noch unglaubwürdiger, als wir Annies spätere Schreibversuche zu lesen bekommen und sie immer noch schmerzhaft schlecht sind.

So las ich hier also ein schlecht geschriebenes Buch mit unsympathischen, teils überzeichneten Charakteren, dessen teils interessante Themen entweder unzureichend oder unglaubwürdig behandelt wurden. "Glück am Morgen" ist leider die Enttäuschung des Jahres für mich. Die zwei Sterne gibt es für einige informative Schilderungen von Stadt- und Universitätsleben und für durchblitzende Momente, in denen man von Carls Situation gerührt ist und merkt, daß hier eine gute Geschichte hätte drinstecken können.

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Veröffentlicht am 01.12.2019

Bildgewaltiges Epos mit mitreißenden Charakteren

Das weiße Gold der Hanse
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In „Das Weisse Gold der Hanse“ führt uns Ruben Laurin auf bildgewaltige Weise ins 13. Jahrhundert und läßt uns an zahlreichen aufregenden Ereignissen teilhaben. Ich habe diesen Roman genossen. Schade ist ...

In „Das Weisse Gold der Hanse“ führt uns Ruben Laurin auf bildgewaltige Weise ins 13. Jahrhundert und läßt uns an zahlreichen aufregenden Ereignissen teilhaben. Ich habe diesen Roman genossen. Schade ist es, daß der Verlag dem Buch sowohl einen unpassenden Titel wie auch einen leicht irreführenden Klappentext verpaßt hat, so daß ich mich (mal wieder) fragte, ob die für diese Dinge verantwortlichen Verlagsmitarbeiter die betreffenden Bücher überhaupt vorher gelesen haben. Dafür ist die Ausstattung des Buches lobenswert, es ist eine Namensliste enthalten (auf der historische Personen gekennzeichnet sind), eine Landkarte, die häufig gute Dienste bot, eine Zeittafel und (hinten im Buch) ein Glossar. So ist man bestens gerüstet.

In zwei Handlungssträngen tauchen wir also in eine andere Zeit ein. Der größte Teil des Buches ist der Geschichte des Jungen Moses gewidmet, den wir von 1231 bis 1243 durch eine turbulente Kindheit und Jugend begleiten. Der zweite Handlungsstrang findet zwischen 1275 und 1286 statt und berichtet uns von dem (historisch verbürgten) Ratsherrn Bertram Morneweg und dem Bau des von ihm gestifteten Hospitals „Haus des Erbarmens“. Wie diese zwei Handlungsstränge zusammenhängen, findet man im Laufe des Buches heraus. Der „Ratsherr“-Strang ist vom Tempo her weitaus gemächlicher als der „Moses“-Strang, verweilt oft zu sehr in Details, verliert sich ein wenig in verschiedenen kleinen Geschehnissen. Es war viel Interessantes hier, aber er hätte für meinen Geschmack weitaus straffer sein und einige der kleineren Begebenheiten auslassen können. Dafür ist aber der „Moses“-Strang fast immer in ausgezeichnetem Erzähltempo gehalten. Nur im Mittelteil gibt es ein paar (kleinere) Längen und am Ende einen für meinen Geschmack übertriebenen Showdown. Ich war beeindruckt, wie lebhaft und eindringlich Ruben Laurin das Geschehen schildert. Ich sah alles vor mir, konnte ganz in der Geschichte versinken. Farbige Details reichern alles an und herrlich lebensechte Figuren berühren. Überhaupt sind die Charaktere eine weitere Freude des Buches. Sie sind vielschichtig, wir begegnen wohlhabenden Kaufleuten, Fürsten und skrupellosen Kirchenmännern ebenso wie einer jungen Frau, die durch ein Pogrom ihre Familie verlor und zur Sklavin wurde, einem etwas wunderlichen alten Herrn mit hinreißend schwäbischer Mundart und aufrechten Mönchen. Manche Charaktere entfalten erst im Laufe der Geschichte ihre ganze Größe, andere entwickeln dunkle Seiten. Kalt läßt einen fast niemand. Auch die Beziehungen zwischen den Charakteren sind ausgezeichnet geschildert und sind einfach echt, lebensnah. Nur in einem Fall konnte ich die plötzliche und ausgesprochen hingebungsvolle Zuneigung eines Mädchens für jemanden nicht nachvollziehen, sie wird auch nie hinreichend begründet. In einem anderen Fall war mir eine lebensverändernde monumentale Entscheidung ebenfalls nicht einleuchtend und ermangelte der Begründung. Angesichts der sonstigen Detailfreude und sorgfältigen Zeichnung von Charakteren und Beziehungen fand ich das sehr schade, aber es waren nur kleine Punkte in einem erfreulichen Ganzen. Ein Sonderlob gibt es dafür, daß wir hier keine kitschige Liebesgeschichte lesen müssen.

Der Schreibstil ist eingängig und erfreulich. Kleine Wermutstropfen waren nur die gelegentliche Neigung zu Wiederholungen und der Erklärungen des Offensichtlichen, aber auch hier waren es Einzelfälle, überwiegend war der Stil eine Freude. Ausgesprochen beeindruckend ist die historische Recherche, die dem Buch zugrunde liegt. Ich war begeistert und oft überrascht von den vielen historischen Details, die hier eingearbeitet wurden und kann mir gar nicht vorstellen, wie viel Arbeit da drinsteckt. Ich habe selten so viel aus einem historischen Roman gelernt und dies auch noch auf unterhaltsame Weise. Es wird eine solche Vielzahl an Themen behandelt und alles zeigt absolut akribische Recherche.

Das Ende ist stimmig und hat mir gut gefallen. Das Wesentliche der Geschichte wurde detailreich erzählt, das Nachfolgende wird angedeutet und zusammengefaßt. Ganz am Ende schließt sich der Kreis fast symbolhaft. Das ist gut gelungen und ließ mich zufrieden und ein wenig wehmütig zurück.


Veröffentlicht am 28.11.2019

Ungewöhnliche Reise durch Nürnbergs Geschichte

Dürer und die Fratze des Teufels
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"Dürer und die Fratze des Teufels" ist ein Buch mit einem ungewöhnlichen Thema: tatsächliche historische Personen, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert in Nürnberg lebten, werden hier in 20 Kurzgeschichten ...

"Dürer und die Fratze des Teufels" ist ein Buch mit einem ungewöhnlichen Thema: tatsächliche historische Personen, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert in Nürnberg lebten, werden hier in 20 Kurzgeschichten mit - bis auf einen Fall - fiktiven Verbrechen verbunden. Da der Hauptteil der Geschichten im 15. Jahrhundert liegt, begegnen uns einige Personen mehrfach, auch Orte oder Bauwerke kommen immer wieder vor, was uns auf angenehme Weise in dieses Nürnberg eintauchen läßt. Stadt und Leute werden einem durch das Buch hindurch immer vertrauter.

Das Titelbild ist gut gelungen, es zeigt im Hintergrund die Frauenkirche am Hauptmarkt - der Hauptmarkt ist einer der Orte, die uns im Buch immer wieder begegnen. Davor dann Dürer; farbig, aber von den Farbtönen her zum Hintergrund passend, so daß es harmoniert. Kleine Zeichen wie ein Blutsfleck oder Kratzer in einer Türe zeigen das Kriminalfallmotiv gut an. Die Schrift ist ebenfalls sehr ansprechend und paßt zum Thema und der im Buch behandelten Zeit.

Jeder Geschichte ist eine Kurzbiographie der historischen Person nachgestellt, die hier der Fokus ist. Das ist eine gute Kombination, manchmal ist auch die Inspiration für die Geschichte in dieser Kurzbiographie erwähnt. Ein wenig irritiert war ich, daß die Kurzbiographie Albrecht Dürers und die Kurzbiographie Agnes' Dürers sich widersprechende Aussagen enthalten. Manche der Biographien sind arg knapp geraten, aber überwiegend sind sie informativ und reichern die Fiktion der Geschichten mit Fakten an. Ich habe hier einiges gelernt.

Die Geschichten sind von der Qualität unterschiedlich und im Gesamten war ich doch ein wenig enttäuscht, wie viele Geschichten für meinen Geschmack stilistisch und/oder inhaltlich zu wünschen übrig ließen - es waren einige dabei, die ich nur mit 2 Sternen bewertet hätte. Hier war es oft so, daß die Dialoge gestelzt und unnatürlich wirkten oder Hintergrundfakten ungeschickt eingebaut wurden. Zwei Geschichten haben für mich inhaltlich keinen Sinn ergeben und in einer - eigentlich recht guten - Geschichte ist ein dicker Logikfehler. Ein Thema wurde gleich in zwei Geschichten verwendet, die teilweise inhaltlich fast gleich sind.
Dem stehen aber auch einige ausgezeichnete Geschichten gegenüber, die sich angenehm lesen, unerwartete Wendungen bieten, historische Fakten elegant einflechten und uns Interessantes über Bauwerke oder Wahrzeichen vermitteln. Hier stachen für mich besonders "Der Nachtgiger", "Die Entführung der Reichskrone" und "Feuerzungen" heraus. Eine erfrischend originelle Idee macht "Ein feiger Anschlag" ebenfalls zu einer flotten Lesefreude. Insgesamt sind die 20 Geschichten also ein sehr durchwachsenes Vergnügen, was ich schade finde. Der Logikfehler, die widersprüchlichen Informationen und so manch gestelzter Dialog hätte vermieden werden können. Wenn ich jeder Geschichte eine Einzelsternebewertung gebe und daraus den Durchschnitt ziehe, ergeben sich 3,3 Sterne.

Da die Idee gut ist, die Gestaltung ansprechend und ich viel gelernt habe, vergebe ich 3,5 Sterne.