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Veröffentlicht am 31.07.2019

Vielfältige und interessante Geschichte mit ein paar Schwächen

Im Wald der Wölfe (Jan-Römer-Krimi 4)
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Der Prolog und das erste Kapitel des Buches setzen die Erwartungen hoch, sind spannend und enthalten schon viele aufregende Hinweise. Jan Römer ist diesmal auf Urlaub im Thüringer Wald, und das durchaus ...

Der Prolog und das erste Kapitel des Buches setzen die Erwartungen hoch, sind spannend und enthalten schon viele aufregende Hinweise. Jan Römer ist diesmal auf Urlaub im Thüringer Wald, und das durchaus wortwörtlich: in einem Ferienhäuschen mitten im Wald. Natürlich wird aus dem Urlaub nichts, denn gleich am Anfang erhält er Informationen über eine seltsame jahrzehntelange Mordserie in der Gegend. Ein im Prolog erwähnter Stasibunker weist uns ebenso wie die Jahre, in denen die ersten Morde begangen wurden, auf Verwicklungen in der ehemaligen DDR hin. Ein mysteriöses Wolfssymbol, das den Toten eingebrannt wird, ist ebenfalls ein vielversprechendes Zeichen auf tiefgehende Hintergründe. Ich muß vorweg sagen, daß diese hohen Erwartungen für mich dann nicht völlig erfüllt wurden.

Der Schreibstil ist angenehm, gute Sprache, leicht zu lesen. Ich war gleich in der Geschichte drin und Jan Römer ist weiterhin ein sympathischer Protagonist - angenehm unperfekt, scharfsinnig, aber nicht frei von Irrtümern. Es ist plausibel, daß er auch im Urlaub von einer ungeklärten Verbrechensserie so gebannt ist, dass er einfach nachforschen muß. Am Anfang wechseln Kapitel über seine spannenden Nachforschungen in Thüringen mit in Köln spielenden Kapiteln, wo seine Kollegin "Mütze" ihn mit Hintergrundrecherchen unterstützt. Diese Kölner Kapitel ließen den Spannungsbogen für mich jedes Mal abrupt abfallen. Das lag weniger an den Recherchen als an dem gefühlsmäßigen Hin und Her und den recht zähen Grübeleien Mützes. Es war schon im ersten Band der Serie absehbar, daß Mütze und Jan - wie es ja leider auch das Gesetz der Romanwelt ist, wenn ein Mann und eine Frau irgendwie miteinander zu tun haben - gefühlsmäßig ein wenig ineinander verstrickt sind. Hier zeigt es sich bei beiden in dem ebenfalls völlig überbenutzten "Nein, ich fühle nichts für ihn/sie, aber ich denke bei jeder Gelegenheit an ihn/sie und erkläre mir dann lang und breit, daß ich nichts für ihn/sie fühle". Das habe ich so schon so oft in Büchern gelesen und es wird dadurch nicht weniger enervierend. Auch sonst war Mütze leider für mich eher wieder eine Schwachstelle des Buches. Ich finde sie als Charakter zu blaß. Dann wird ihr im Laufe des Buches plötzlich eine extrem traumatische Vergangenheit verpaßt, die für den Rahmen der Serie mE viel zu übertrieben, zu überfrachtet ist, und auch nicht mit ihrem bisherigen Wesen stimmig ist. Warum so etwas gewissermaßen nebenbei in die Geschichte reingeworfen werden muß, hat sich mir nicht erschlossen.

Der Fall an sich entwickelt sich durchaus interessant, mit vielen Fährten, mehreren Themen. Die Sicht des Täters und die Hintergründe der Morde erfahren wir in Kapiteln, die in die Vergangenheit zurückgehen. Diese fand ich gelungen ungewöhnlich. Geschichtliche Hintergründe werden gut eingebunden und die Einzelthemen werden am Ende gut und für mich unerwartet zusammengefügt. Einige markante Orte, die eine Rolle spielen, existieren tatsächlich und ein informatives Nachwort weist darauf hin, was mir gefallen hat. Es werden einige lokale Skurrilitäten aufgedeckt, die zwar für die Lösung des Falles nicht relevant sind, aber sich unterhaltsam lesen und die Gesamtatmosphäre des Thüringer Waldes, die Gedankenwelt und Befindlichkeiten schön illustrieren.

Zwischendurch gibt es ein paar Längen, ein paar arg theoretische Ausführungen (und daß eine eher zufällig involvierte Psychologiestudentin ausgerechnet ausführliches Profilerwissen über Serienmörder gedanklich abrufen kann, war schon etwas viel des Zufalles - sie war ohnehin kein überzeugender Charakter für mich). Jan trifft kurz vor dem Ende eine Entscheidung, die ich etwas überflüssig für die Handlung fand. (Unglaubwürdig fand ich es auch, dass Menschen, die sich verfolgt und gefährdet fühlen, einfach in einer einsamen Hütte im Wald bleiben und nicht einmal daran denken, in ein Hotel, einen belebeteren Ort auszuweichen). Insgesamt aber liest sich das Wechselspiel aus Nachforschungen und Rückblicken in die Vergangenheit unterhaltsam, Puzzlestücke finden an ihren Platz, Überraschungen gibt es auch. Da Jan in Thüringen schon recht bald von seinen Kölner Freunden besucht wird, die ihm bei den Nachforschungen helfen möchten, gibt es auch mehrere amüsante Szenen, die sich aus den Gegensätzen der Freunde ergeben. Es ist eine gute Mischung aus Spannung, interessanten Hintergrundinformationen und Humor. Deshalb hat mir das Ende, das zu übertrieben, zu unpassend für die Atmosphäre von Buch und Serie ist (genau wie Mützes Vergangenheit) leider nicht gefallen.

Insofern war "Im Wald der Wölfe" schon ein Lesevergnügen, intelligent ausgedacht und gut geschrieben, aber dieses Vergnügen würde an mehreren Stellen überschattet. Die vier Sterne sind hier ganz knapp erreicht.

Veröffentlicht am 28.07.2019

Rundum gelungen, ansprechend geschrieben und gestaltet

Ja, ja am Strande ...
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Ich hatte angesichts des Titels und der Gestaltung des Titelbildes ein wenig Sorge, daß das Buch vielleicht albern oder betulich werden würde, aber diese Sorge war völlig unbegründet, ich angenehm überrascht. ...

Ich hatte angesichts des Titels und der Gestaltung des Titelbildes ein wenig Sorge, daß das Buch vielleicht albern oder betulich werden würde, aber diese Sorge war völlig unbegründet, ich angenehm überrascht.

In diesem innen ansprechend gestalteten Buch erhalten wir, wie es der Untertitel schon sagt, einen Überblick über "Badekultur an der Ostsee von 1900 bis 1939". Dies geschieht durch eine vielseitige Mischung. Ein gut geschriebener Text berichtet über die Entwicklung der einzelnen Seebäder und gibt auch allgemeingeschichtliche Hintergründe. Diese nehmen nicht überhand, sondern konzentrieren sich auf das Wesentliche. In der Einführung geht der Text bis ins Jahr 1793 zurrück, den "offiziellen" Anfängen der Badekultur an der Ostsee. Hier zeigt sich die gelungene Zusammenstellung verschiedener Informationsquellen, die den Leser das ganze Buch hindurch begleitet. Es gibt zahlreiches Bildmaterial - Zeichnungen, Fotografien, Postkarten, Werbeanzeigen. Im Text finden sich Zitate aus zeitgenössischen Texten, so in der Einführung ein Ausschnitt aus den 1893 erschienenen Erinnerungen eines Freiherrn, der illustriert, wie der Adel Heiligendamm für sich entdeckte und mondäne Ferien machte. Später lesen wir zB Tagebucheinträge von Viktor Klemperer, einen Ausschnitt aus Isherwoods "Goodbye to Berlin". In farbig unterlegten Boxen finden sich Ausschnitte aus Benimmbüchern, Modemagazinen, Gesetzen oder Liedtexten. Oft sind auch die Texte der abgebildeten Postkarten abgedruckt, so daß wir teils recht unterhaltsame Urlaubsgrüße lesen können. Diese Mischung macht das Lesen abwechslungsreich und bietet eine weitgefächerte Vielfalt an Informationen, die zu einem runden Gesamtbild führt. Gerade durch die Postkartengrüße und Tagebuchauszüge kommt eine persönliche Komponente hinzu.

Es ist interessant zu sehen, wie sich Postkartenfotografrie und Privatfotos entwickeln. Im Text erfahren wir einiges über fotografische Techniken und Kniffe, auch auf manch geschichtliche Entwicklung wird hingewiesen (zB der Frauenüberschuß auf Fotografien in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg; die vermehrten sportlichen Übungen während der Nazidiktatur). Auszüge aus Reiseführern dokumentieren Aussehen und verschiedene Ausrichtung der einzelnen Badeorte (allerdings wiederholen sich diese Texte manchmal und waren nicht so interessant). Da gibt es die mondänen Orte, an denen das Promenieren in hochmodischer Kleidung der eigentliche Zweck war ebenso wie die verschlafeneren Orte, die sich ihren Dorfcharakter bewahrt haben und zwanglose Ruhe bieten. Viele gesellschaftlichen Themen werden angesprochen, so die "Ehemannszüge", die die hart arbeitenden Ehemänner an den Wochenenden wenigstens für zwei Tage zur urlaubenden Familie bringen. Erschreckend die schamlose Ausprägung des Antisemitimus auch zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Die sich allgemein ändernden Moralvorstellungen, die wachsende Demokratisierung auch der mondäneren Badeorte, die sich ändernden Reisemethoden - all das und noch mehr erfährt man durch das Buch.

Manche Bilder machen nachdenklich. So sieht man ein Bild vom Vorabend des Ersten Weltkrieges mit drei Brüdern - auf der Rückseite dieses Bildes, das als Postkarte verschickt wurde, ist ein fröhlicher Urlaubsgruß eines der Brüder vermerkt und man kann gar nicht anders, als sich zu fragen, wie sie die nur Wochen später ausbrechende Hölle ertragen, ob sie überlebt haben. Zum Ende des Buches ist eine Seite eines privaten Fotoalbums abgedruckt, die letzten Sätze des Albums und auch dieses Buches sind: "Abschied vom Frieden! 26.8.1939 in Warnemünde." Ein gelungener Abschluß für das Buch und ich kann nur noch einmal betonen, daß die kleinen persönlichen Einblicke in die sorglosen Urlaubstage uns eigentlich unbekannter Menschen eine willkommene und frische Perspektive in das Buch brachten.

So war ich beeindruckt und erfreut, auf welch angenehme Art ich auf 120 reich bebilderten Seiten viel gelernt habe. Ich hätte gerne noch weiter gelesen - das ist rundum gelungene Wissensvermittlung und Unterhaltung.

Veröffentlicht am 24.07.2019

Toll recherchierte Nachkriegsgeschichte mit wichtigen Themen

Die Stimmlosen
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"Die Stimmlosen" ist der zweite Band der Geschichte um Richard und Paula Hellmer, die mit dem ersten Band "Die Lautlosen" begann. Das wußte ich vor dem Lesen nicht, es hat aber - abgesehen von anfänglicher ...

"Die Stimmlosen" ist der zweite Band der Geschichte um Richard und Paula Hellmer, die mit dem ersten Band "Die Lautlosen" begann. Das wußte ich vor dem Lesen nicht, es hat aber - abgesehen von anfänglicher Verwirrung über die vielen Personen - keine Probleme bereitet. Die relevanten Geschehnisse aus dem ersten Band werden in "Die Stimmlosen" hinreichend erwähnt und erklärt (leider manchmal auch in mehrfachen unnötigen Wiederholungen).

Zunächst ein Lob für das Titelbild. Ich bin mittlerweile dankbar für jeden historischen Roman, dessen Titel nicht von einer Frau in historischer Kleidung vor einem Gebäude geziert wird. Die "Frau vor Gebäude"-Titelbilder scheinen mittlerweile ein Automatismus der Verlage bei historischen Romanen zu sein. Hier sehen wir ein passendes altes Familienfoto, welches gelungen umrahmt wurde. Das Titelbild ist passend und ansprechend.

Hauptpersonen sind die Freunde Fritz und Richard, sowie dessen Frau Paula und der englische Besatzungssoldat Arthur, den mit den drei befreundet ist. Die Einbindung eines englischen Besatzungssoldaten und dessen freundschaftliches Verhältnis zu Fritz, Richard und Paula ist originell, bietet so die Möglichkeit, weitere Perspektiven und Optionen in die Geschichte aufzunehmen. Diese vier Personen werden in den das Buch umfassenden Jahren 1945 - 1953 von einer sehr großen Anzahl an Verwandten und Freunden begleitet. Manche davon haben ihren eigenen Handlungsstrang oder sind mit den Hauptpersonen durch Geschehen verbunden, aber die meisten fristen ihr literarisches Leben in gelegentlichen Nebensätzen oder kurzen Einschüben. Das war zuweilen etwas überfrachtet. Irritiert war ich, als ein kaum erwähnter Verwandter irgendwann um Seite 320 herum plötzlich vom Nebensatzerwähnten upgegradet wird und einen neuen Handlungsstrang einläutet. Da im Laufe des Buches auch noch mehr Verwandte hinzukommen, war mir das oft zu viel.
Ich weiß nicht, wie Paula im letzten Buch dargestellt wurde, hier ist sie fast das ganze Buch hindurch ziemlich blaß. Richard ist ein angenehmer Charakter, aber ihm hätten ein paar Ecken und Kanten gut getan, an mehreren Stellen kam er mir einfach zu gut vor.

Die Freundschaft zwischen Fritz und Richard hat mir am besten gefallen, die Szenen zwischen ihnen, ihre gemeinsamen Themen waren die interessantesten. Diese Freundschaftsbeziehung war wundervoll dargestellt und ich fand es schade, daß sie in der zweiten Hälfte des Buches in den Hintergrund rückte. Richard hatte mE den interessantesten Handlungsstrang, bei ihm ging es um die T4-Morde, die er im Krieg nicht verhindern konnte und wegen derer er nun gegen einen Arzt aussagt, der 22 geistig behinderte Kinder mit Luminol ermordete. Dieser Handlungsstrang zeigte deutlich, wie widerlich hervorragend nach dem Krieg die alten Seilschaften noch funktionierten und wie wenig Interesse die deutsche Justiz oft daran hatte, Naziverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Thema hat im Buch einige Ausprägungen und wir lernen mehrere Leute kennen, die damit auf irgendeine Weise befasst waren. Hier ist die differenzierte Erzählweise sehr beeindruckend. Die Details sind hervorragend recherchiert, wie überhaupt alle historischen Details im Buch. Es gibt zahlreiche historische Informationen, von Politik & Bürokratie über historische Ereignisse bis hin zu dem ganz normalen Leben. Gerade die diversen Arten, sich gegen Hunger und Kälte zu wappnen, waren teils faszinierend zu lesen. Ein Lob hier auch der Autorin, daß sie die historischen Informationen so angenehm vermittelt. Es findet kein Infodumping statt, keine langatmigen Geschichtsbuchartigen Ausführungen, sondern fast immer sind die Fakten angenehm in die Handlung eingewoben. Nur zum Ende hin - das ohnehin recht rasch und etwas lieblos abgehandelt wurde, so daß ich oft das Gefühl hatte, die Autorin wollte rasch fertig werden - wirkt die Faktenvermittlung etwas aufgesetzt.

Was mir sehr gut gefiel, war der Humor, den Fritz, Richard und Paula auch in den dunklen Jahren zu Beginn nicht verloren haben. Die Unterhaltungen enthalten manchmal einen so herrlich trockenen Humor, kleine lustige Bemerkungen, unerwartete Reaktionen, daß ich laut lachen mußte. Es brachte mir die Charaktere auch gleich näher. Gar nicht gut gefallen dagegen haben mir die häufigen moralisierenden Monologe, Dialoge oder Gedanken. Gerade in der zweiten Hälfte des Buches fühlt man sich manchmal wie in einem Ratgeber "Wie bin ich ein guter Mensch?". Auch wenn ich inhaltlich den erwähnten Themen und Standpunkten durchaus zustimme, fand ich es anstrengend, in einem Roman ständig den erhobenen Zeigefinger zu sehen und die Charaktere Monologe über Schuld und Vergebung, Anstand und Moral, die schlechte Welt und wie man sie besser machen kann, etc. halten zu lesen. Das hat mir das Lesevergnügen tatsächlich etwas verdorben, weil es so häufige und lange Passagen waren. Die Tendenz zum Monologisieren hatten mehrere Charaktere ohnehin.

Es sind viele gute und wichtige Themen im Buch enthalten und so eine anschauliche Beschreibung der Nachkriegsjahre gibt es nicht in vielen Romanen. Allerdings wurden es mir irgendwann auch etwas zu viele Themen, was ich auch daran merkte, daß Charaktere und Themen aus der ersten Buchhälfte plötzlich in den Hintergrund treten mußten und erst zum Ende hin wieder mehr auftraten. Wie bei den Charakteren wäre die die Konzentration auf weniger mehr gewesen und hätte die teilweise etwas sprunghafte Themenbehandlung verhindern können. Die plötzlich auftauchende englische Verwandtschaft eines Charakters nimmt viel zu viel Raum ein und nimmt zudem den Fokus vom Leben der Deutschen in der Nachkriegszeit ein Stück weit weg. Im Zusammenhing mit diesem "englischen Handlungsstrang" gab es auch zwei Punkte, die mich störten: einmal ein riesiger, unglaubwürdiger Zufall. Eine Engländerin aus London sucht einen Deutschen aus Hamburg. Zufällig ist der einzige Engländer überhaupt, der diesen Deutschen kennt, gerade zu diesem Zeitpunkt in London und zufällig gerät sie bei ihrer Suche fast sofort an ihn, der den Deutschen nicht nur kennt, sondern sogar mit ihm befreundet ist. An der Stelle fühlte ich mich etwas verulkt. Dann gibt es genau im richtigen Moment von der englischen Verwandtschaft noch ein riesiges Geldgeschenk. So sehr ich es den sympathischen Charakteren gönne, daß ihnen das Geld für ihren Neuanfang in den Schoß fällt, so sehr hätte ich es als Leser vorgezogen, diesen Neuanfang und den Weg dahin realistisch und Schritt für Schritt zu erleben.

Das Ende ist, wie erwähnt, etwas übereilt. Bis Anfang 1948 ist das Erzähltempo gut, dann springt es plötzlich recht schnell. Gerade noch sitzen unsere Charaktere hungernd und frierend in der übervollen Wohnung, kurz danach wird im eigenen Haus reichlich geschmaust. So wissen wir zwar, daß es mit der Währungsreforn 1948 aufwärtsging, aber gerade hier wären einige Erklärungen, woher dies kam und wie sich dies entwickelte, willkommen gewesen. Ab 1948 sind es fast nur noch kurze Episoden, die die wichtigsten Ereignisse knapp berichten und es folgt ein Happy End dem anderen. Das war mir zu zuckerwattig.

So hat "Die Stimmlosen" für mich schon mehrere Aspekte, die mein Lesevergnügen geschmälert haben. Die erste Hälfte hätte meiner Meinung nach 5 Sterne verdient, aber die zweite Hälfte hat die Wertung nun zu knappen vier Sternen heruntergezogen. Es ist aber trotz dieser Aspekte ein Buch, dessen Lektüre ich gerade zu Beginn sehr genossen habe. Fritz und Richard sind mir ans Herz gegangen, ebenso - wenn auch weniger stark - Paula und Arthur, und einige der Nebencharaktere. Wer eine sorgfältig recherchierte, angenehm zu lesende Nachkriegsgeschichte lesen möchte, die über wichtige Themen informiert, tut hier einen guten Griff.

Veröffentlicht am 22.07.2019

Unterhaltsam und informativ - so macht das "Lesewandern" Spaß!

Schritt für Schritt – Unterwegs am South West Coast Path
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Daniela Leinweber hat im Jahr 2018 ein bemerkenswertes Projekt durchgeführt - eine zweimonatige Wanderung von 1.014 km. Wir Leser können dank eines herrlich geschriebenen Buches detailliert daran teilhaben. ...

Daniela Leinweber hat im Jahr 2018 ein bemerkenswertes Projekt durchgeführt - eine zweimonatige Wanderung von 1.014 km. Wir Leser können dank eines herrlich geschriebenen Buches detailliert daran teilhaben.

In einem Vorwort berichtet die Autorin uns von der Vorgeschichte und dadurch wird das Wanderprojekt noch beeindruckender, denn sie war vor einigen Jahren noch sehr stark übergewichtig und alles andere als sportlich. Kurzweilig und interessant berichtet sie von dem Moment, der sie dazu brachte, ihr Leben mit gesünderer Ernährung und Sport zu ändern. Der Stil ist von Anfang an gut lesbar und vergnüglich, was vor allem an Daniela Leinwebers herrlichem Humor liegt.

Während der Wanderung wird jedem der 59. Wandertage ein Kapitel gewidmet. Die Überschriften sind meistens Zitate, deren Urheber Johann Wolfgang von Goethe, den Ehemann der Autorin, den Volksmund und eine betrunken bei einer Straßenparty zusammengebrochene Passantin umfassen. Herrliche Vielfalt also und ich habe mich immer auf diese Zitate gefreut, die auch immer entweder vom jeweiligen Tag stammen oder darauf Bezug nehmen. Eine originelle Art der Kapitelbenennung. Jedem Kapitel ist eine kleine Übersicht vorangestellt, die über am Tag und insgesamt gelaufene Kilometer informiert, ebenso über das Wetter und die jeweilige Unterkunft (mit Preis und kurzem Kommentar). Sogar diese Übersichten waren teilweise richtig unterhaltsam, was meistens an den Kurzkommentaren zu den oft furchtbaren Unterkünften lag.

Jedes Kapitel enthält dann ein erfreuliches Konglomerat an Informationen. Die Beschreibung des jeweiligen Streckenabschnitts gehört natürlich dazu, aber es gibt auch herrliche Zufallsbeobachtungen, wie zB einen Mann, der mit einem Hund auf einem Surfbrett sitzt und angelt, oder einen mit allerlei Schuhen dekorierten Baum. Diese Details machen die Berichte sehr lebendig. Auch zu diversen Sehenswürdigkeiten gibt es Eindrücke und oft hat die Autorin noch Hintergrundinformationen recherchiert. Auch darüber, wie gut oder schwierig die Abschnitte bewältigt werden, erfahren wir ab und an etwas (da hätte ich mich manchmal über mehr Informationen gefreut, denn ich war doch überrascht, wie problemlos es am Anfang zu gehen schien). So bringt jedes Kapitel etwas Neues, immer wieder unerwartete Informationen und sehr farbig geschilderte Eindrücke. Der humorvolle farbige Schreibstil erfreut durch das ganze Buch hindurch und man fühlt sich wirklich fast, als ob man dabei ist. Lediglich die manchmal zu ausführlichen Informationen zu Zufallsbegegnungen, anderen Wanderern, Treffen mit Bekannten oder auch diverse politisch-soziologische Betrachtungen waren mir etwas zu viel und nicht immer interessant für mich.

Es gibt zahlreiche Fotografien, in der Mitte des Buches sind auch mehrere Seiten mit Farbfotografien enthalten, was sehr anschaulich ist. Die in jedem Kapitel enthaltenen schwarz-weiß Bilder sind ein gemischtes Vergnügen. Viele der Naturfotografien sind ohne Farbkontrast nicht sehr wirksam, oft ist kaum zu erkennen, was eigentlich abgebildet wurde. Mehrere Fotografien sind auch sehr klein und hier sieht man dann noch schlechter, was abgebildet wurde. Bei Gebäuden, klarer abgegrenzten Küstenlinien, Stadtbildern uä sind die Fotos auch in schwarz-weiß gut erkennbar und tragen anschaulich zum Text bei.

Ich habe die Lektüre genossen, viel Neues erfahren, viele interessante Fakten über Südwestengland gelesen und an mehreren Stellen laut gelacht. An einem durch Sturm richtiggehend gefährlichen Abschnitt habe ich mitgefiebert. Das ist neben dem wundervollen Humor eine weitere Stärke der Autorin: sie schreibt so persönlich, so ehrlich und unmittelbar, daß man beim Lesen Anteil nimmt. Dieses Buch war eine Freude.

Veröffentlicht am 20.07.2019

Psychologisch einfühlsame Familiengeschichte mit beeindruckend ungewöhnlichem Schreibstil

Kieloben
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"Kieloben" ist ein ungewöhnlicher, feinfühliger Roman über...ja, über was? Viele Dinge werden hier behandelt, trotz der relativen Kürze des Buches mit bemerkenswertem Tiefgang.

Wir werden gleich mitten ...

"Kieloben" ist ein ungewöhnlicher, feinfühliger Roman über...ja, über was? Viele Dinge werden hier behandelt, trotz der relativen Kürze des Buches mit bemerkenswertem Tiefgang.

Wir werden gleich mitten in das Geschehen hineingesetzt, zu Beginn war ich ein wenig überfordert von den unbekannten Namen, den Verwandtschaftsverhältnissen und zurückliegenden Ereignissen. Man muß dieses Buch konzentriert lesen. Die Informationen werden (größtenteils) nach und nach enthüllt. Wir begleiten zu Beginn Inga, die nach dem Unfalltod ihres Mannes eine Reise nach Norwegen macht. Handlung gibt es hier kaum, es geht hier um Ingas Gedanken. Auch im weiteren Verlauf des Buches werden einige solch kontemplativer Kapitel folgen, manche, wie dieses am Anfang, fand ich sehr gelungen, manche etwas zu langatmig. Für mich schien Ingas Reise zu sich selbst letztlich der Hauptfokus des Buches. Das entsprach nicht den Erwartungen, die ich hatte, was aber natürlich nicht Buch und Autorin anzulasten ist und auf die Rezension keinen Einfluß hat. - Ingas Vater war während des Zweiten Weltkriegs mit der Marine vor Norwegen stationiert und so erweckt diese Reise auch Ingas Erinnerungen, Fragen. Diese versucht sie, per Email mit ihren Brüdern Markus und Matthias zu klären. Der Emailaustausch dieser drei Geschwister ist hervorragend dargebracht. Ohne einleitende Worte, ohne Drumherum lesen wir ausschließlich die Emailtexte, die Absender sind jeweils in Klammern mitgeteilt. Dieses etwas ungewöhnliche Herangehen gefiel mir ausgezeichnet und so wirkten die Emailinhalte viel unmittelbarer und ich als Leser war mittendrin im Austausch.

Der Teil des Buches, in dem die drei Geschwister gemeinsam versuchen, ihre (durchaus unterschiedlichen) Erinnerungen und Gesichtspunkte in Einklang zu bringen und mehr über den Vater herauszufinden, war für mich der absolut beste Teil. Wir erfahren die Fakten nach und nach, wie Puzzleteile, oft nur in einem Nebensatz, einem kleinen Wort. Auch hier ist wieder aufmerksames Lesen und Mitdenken gefragt. Schnell wird deutlich, daß die drei Geschwister eine unschöne Kindheit hatten und beide Eltern vom Krieg psychisch schwer gezeichnet waren. Was genau damals passiert ist, das erfahren wir nach und nach, allerdings nur teilweise. Es bleiben doch einige Fragen offen.

Der bemerkenswerte Schreibstil paßt sich der Situation stets wundervoll an. Bei Ingas "Gedankenkapiteln" das Langsame, das Verharren in nebensächlichen Informationen (was mir teilweise nicht so gut gefiel), bei den Emailabschnitten das völlige Weglassen des Drumherums. Bei der einzigen Begegnung der drei Geschwister dann wieder eine andere stilistische Umrahmung. Die Probleme im Geschwisterverhältnis werden hier bildhaft dargestellt, wir erlesen sie nicht durch Erklärungen, wir erfahren sie unmittelbar. Einige Abschnitte dieser Unterhaltung waren mir etwas zu sprunghaft, anstrengend, aber es ist im Ganzen eine meisterhaft ausgearbeitete Szene. Hier tauchen wir auch ein die norwegisch-deutsche Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Ich weiß wenig davon, deshalb war es ausgesprochen interessant. Auch die in späteren Kapiteln folgende Sicht der Norweger auf vieles, die Erlebnisse der Norweger während und nach des Krieges waren sehr lesenswert. Davon hätte ich gerne noch viel mehr gehabt.

Der zweite Teil des Buches läßt dann zu meinem Bedauern die für mich interessantesten Personen fast gänzlich hinter sich und widmet sich hauptsächlich Ingas innerer Reise, hier kommt nun auch die Norwegerin Mette zu Wort. Diese Kapitel sind sehr ruhig, an manchen Stellen für mich zu langgezogen, gerade nach dem fulminanten Klimax der Begegnung der drei Geschwister und ihrer Nachforschungen. Segelfreunde werden mit den teils doch recht detaillierten Segelinformationen mehr anfangen können als ich - diese nahmen mir an mehreren Stellen des Buches zu viel Raum ein. Ein ausführliches Kapitel über einen Segeltörn verband für mich diese Segeldetails, das Verharren in nebensächlichen Informationen und das Langatmige und hat mir nicht gefallen.

Ingas Finden zu sich selbst wird ebenso einfühlsam beschrieben wie die Auswirkungen, die die Kriegstraumata nicht nur auf die Betroffenen, sondern auch auf die nachfolgende Generation haben können. Die Autorin ist Psychologin, das merkt man im Buch auf angenehme Weise.

So haben wir hier also mehrere, miteinander verwobene Themen - die norwegisch-deutsche Geschichte, die Familiengeschichte (die beiden kamen mir persönlich etwas zu kurz), die psychologischen Aspekte verschiedener Lebensereignisse und den langen Arm der Kriegstraumata. Alles erzählt mit Wissen, Können und eben diesem so ungewöhnlichen, teils faszinierendem Schreibstil, der auch nach dem Lesen noch zum Nachdenken anregt. Ein Buch, das Eindruck macht.