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Veröffentlicht am 16.11.2023

Herrlich bebilderte, etwas summarische Reise durch Berlins Dörfer

Idyllisches Berlin
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Auf den ersten Blick mag man denken, daß „idyllisch“ und „Berlin“ ein Gegensatz ist, und so war ich besonders neugierig auf die angekündigten „schönsten Dörfer der Stadt“. Nachdem ich dieses Buch mit Freude ...

Auf den ersten Blick mag man denken, daß „idyllisch“ und „Berlin“ ein Gegensatz ist, und so war ich besonders neugierig auf die angekündigten „schönsten Dörfer der Stadt“. Nachdem ich dieses Buch mit Freude gelesen habe, kann ich sagen, daß Gary Schunacks Bestreben, seinen Lesern ein fast unbekanntes Berlin zu zeigen, absolut gelungen ist. Ich habe Berlin hier von einer unerwarteten Seite kennengelernt und diese leserischen Ausflüge genossen.

Das Buch ist liebevoll gestaltet. Das beginnt schon beim Titelbild, bei dem ein Huhn, ein Reiher, ein Schmetterling und ein Gartenzwerg als zeichnerische Elemente eingebaut sind, und setzt sich im Buch fort. Die 45 Kapitel (ja, so viele dörfliche Oasen gibt es in Berlin!) haben originelle Titel, die neugierig machen und die wesentlich gelungener sind als sterile Ortsangaben. Jedes Kapitel beginnt mit einigen relevanten Angaben und einem kleinen Umriss von Berlin, in welchem der entsprechende Ort mit einem Punkt eingezeichnet ist. Sehr erfreulich übersichtlich. Hinten im Buch findet sich auf einer Doppelkarte eine größere Ansicht von Berlin, in welche die Lage aller 45 Orte mit nummerierten Kreisen verzeichnet ist, so hat man gleich einen nützlichen Gesamtüberblick. Schade finde ich, daß die Nummern nicht gruppiert sind, so steht hier die 11 neben der 37, die 9 neben der 24, die 2 neben der 22 usw. Für eine Ausflugsplanung fände ich es sinnvoller, die Kapitel nach Lage zu ordnen, auch ein thematischer Grund für die Reihenfolge ist für mich nicht ersichtlich, so daß es etwas sprunghaft wirkt. Allerdings ist das kein erhebliches Manko.

Jedes Kapitel besteht aus einem ganzseitigen Foto, einer Textseite, einer Seite mit mehreren Fotos und einer Übersichtsseite mit Informationen zur nächsten Haltestelle, dem nächsten Parkplatz, einem Einkehrtip und drei Highlights, welche mit einem weiteren Foto abschließt. So sind auch die Kapitel übersichtlich und optisch ansprechend gestaltet. Die vielen Fotos – alle in Farbe – waren eine wahre Freude. Abgesehen von einem stammen alle vom Autor selbst und zeigen damit, welche Hingabe hier einfloss. Die Fotos sind gelungen und fangen die jeweilige Atmosphäre hervorragend ein, sind dazu noch ein visuelles Vergnügen. Es hat Spaß gemacht, auf diese Weise fotografisch durch Berlin zu reisen.

Etwas enttäuscht hat mich der geringe Textanteil. Gerade am Anfang war ich immer irritiert, wenn der Text schon zu Ende war, als ich mich gerade in das jeweilige Kapitel eingelesen habe. Auch wenn ich mich beim Lesen schließlich an die knappen Überblicke gewöhnt habe, blieb es ein Wermutstropfen. Die Texte liefern durchaus gelungene Zusammenfassungen des jeweiligen historischen Hintergrunds, der Atmosphäre und sehenswerter Punkte, auch erfahren wir immer wieder unterhaltsame Fakten wie das Vorhandensein einer noch in Nutzung befindlichen Telefonzelle von 1934, die Herkunft eines ungewöhnlichen Ortnamens oder der sich in einem Fisch an einer Kirchenwetterfahne manifestierende Stolz eines Fischerdorfes – es sind genau solche Informationen, die ein Buch charmant machen und aus der Masse herausheben. Insgesamt sind es aber eben Zusammenfassungen und ich merkte immer wieder, daß ich zu diesem und jenem viel mehr hätte lesen wollen. Schon die Übersichtsseite mit viel weißer Fläche hätte durchaus Raum für eine weitere halbe Textseite gegeben, ohne das Format zu beeinträchtigen. Dem Summarischen fallen dann auch manche notwendigen Informationen zum Opfer, die ohne großen Aufwand hätten eingefügt werden können. So wird im Kapitel über Nikolskoe erwähnt, „die Tochter des Königs von Preußen“ hätte „den Sohn von Großfürst Nikolai“ geheiratet. Welche Tochter es war oder in welchem Jahr das geschah, um welchen König von Preußen es ging – kein Wort. Googlen ergab, daß es sich um die 1817 erfolgte Eheschließung zwischen Charlotte von Preußen und dem künftigen Zar Nikolaus I handelte (der übrigens der Sohn von Zar Paul I war – also ist die Angabe „Sohn von Großfürst Nikolai“ zudem falsch). Auch bei den drei angegebenen Highlights pro Kapitel hätte ich manchmal sehr gerne gewusst, warum dieses Highlight denn nun ein Highlight ist. Hier hätte es schon einen gewaltigen Unterschied gemacht, anstatt von knappen Stichpunkten einfach ein oder zwei Sätze zu jedem Highlight zu schreiben – genug freie Fläche ist auf den entsprechenden Seiten durchaus vorhanden und ich lese ein Buch ja, um die Fakten dort zu erfahren, nicht um Stichworte googlen zu müssen. Auch hätte ich mir gelegentlich eine Bildbeschriftung gewünscht – die Bilder geben einen Gesamteindruck und sprechen meistens für sich selbst, doch hier und da wäre es hilfreich gewesen, zu wissen, was dort abgebildet ist.

Zusätzlich zu dem inhaltlichen Fehler fielen mir auch häufig grammatikalische Fehler, insbesondere beim Satzbau, auf, in einem Fall gleich drei auf einer Seite. So angenehm und flüssig der Text auch geschrieben ist, diese Fehler waren ärgerlich und beeinträchtigten das Lesevergnügen.

Insgesamt lesen sich die Texte aber gut und das Buch enthält eine Menge interessanter und nützlicher Informationen, vier themenbezogene Kapitel komplettieren die ortsbezogenen Informationen anschaulich. Zusammen mit den ansprechenden Bildern kann man auf eine herrlich idyllische Reise gehen, tolle erste Eindrücke gewinnen und Orte kennenlernen, die sogar vielen Berlinern unbekannt sind. Die persönliche Hingabe des Autors für sein Thema ist spürbar und trägt erheblich zu diesem erfreulichen Buch bei.

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Veröffentlicht am 13.11.2023

Eine alberne Nichtigkeit

Der ungeladene Gast
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Ich war schon länger auf die Autorin neugierig und da der Klappentext Amüsantes und Abgründiges versprach, griff ich bei diesem Buch gleich zu. Das einzig Gute, was ich sagen kann, ist, daß es konstant ...

Ich war schon länger auf die Autorin neugierig und da der Klappentext Amüsantes und Abgründiges versprach, griff ich bei diesem Buch gleich zu. Das einzig Gute, was ich sagen kann, ist, daß es konstant ist: es fängt schlecht an und geht schlecht weiter. In der ersten Szene begegnen uns drei Charaktere, die noch recht farblos, aber schon unsympathisch wirken. Der einzig angenehme Charakter verabschiedet sich und kehrt erst am Ende des Buches zurück. Die Unterhaltungen lasen sich maniriert und inhaltslos, doch muß man einem Buch natürlich etwas Zeit geben, die Atmosphäre aufzubauen und in die Handlung einzuführen.

Allerdings änderte sich dann nichts. Die Leser werden Zeuge der belanglosen Ereignisse in dem Landhaus mit dem irritierenden Namen "Sterne". Jeder Ausritt, jedes Haarekämmen, jeder Handgriff wird ausladend erzählt, so daß man dauernd erwartet, irgendwann würde sich die Relevanz davon erweisen. Aber nur sehr wenig in diesem Buch ist relevant für den weiteren Verlauf der Geschichte oder das Kennenlernen der blassen, eindimensionalen Charaktere. Sie führen inhaltslose, oft alberne Dialoge und ich habe selten beim Lesen eines Buches so oft gedacht: "Kein Mensch würde so reden!"

Die Autorin bemüht sich um einen leichten Stil und versucht recht krampfhaft, humorvolle Bemerkungen einzustreuen. Dieses so offensichtliche Bemühen wirkt ziemlich angestrengt. Gelegentlich gibt es mal eine trockene Bemerkung, die mich zum kurzen Schmunzeln brachte, aber vieles ist auf dem Niveau der Gedanken der Tochter des Hauses beim Haarekämmen - beim Frisieren werden so viele Haarnadeln verwendet, daß sie beim Kämmen immer fürchtet, in ihren Haaren auf ein Mäusenest zu treffen. Was haben wir gelacht ... 😒

Als dann endlich ein klein wenig Handlung ins Buch kommt, ist diese so abstrus, daß sich zu dem "Kein Mensch würde so reden" für mich ein häufiges: "Das ist doch völlig unrealistisch" und "Kein Mensch würde so handeln" gesellte. Auch hier wird jede Kleinigkeit seitenweise aufgebauscht und mit manirierten Dialogen zugekleistert. Als der titelgebende uneingeladene Gast nach etwa einem Drittel des Buches dann endlich auftaucht, hoffte ich darauf, daß sich die Lektüre nun allmählich lohnen würde, aber es geht immer so weiter - langatmig, albern, banal. Das Buch hat solche Mängel im Handlungs- und Charakteraufbau, derart schlecht geschriebene Dialoge, daß es sich eher wie eine Schreibübung von jemandem liest, der noch sehr, sehr viel weitere Übung braucht.

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Veröffentlicht am 07.11.2023

Unterhaltsame, schön bebilderte Informationen

Lost & Dark Places Odenwald
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Wie schon im „Sachsen“-Band der Lost & Dark Places-Reihe erkundet Cornelia Lohs auch hier wieder 33 „vergessene, verlassene und unheimliche Orte“, diesmal im Odenwald, und wieder sind es nicht nur die ...

Wie schon im „Sachsen“-Band der Lost & Dark Places-Reihe erkundet Cornelia Lohs auch hier wieder 33 „vergessene, verlassene und unheimliche Orte“, diesmal im Odenwald, und wieder sind es nicht nur die Orte selbst, sondern auch die Geschichten dahinter, die zum unterhaltsamen Gesamtbild beitragen. Jedes Buch der Serie beginnt mit einigen Verhaltensregeln für Lost Places, was lobenswert ist, auch wenn ich den letzten Hinweis, man solle darauf achten, beim Betreten nicht gesehen zu werden, um u.a. „mögliche Konfrontationen mit der Polizei“ zu vermeiden, weiterhin fragwürdig finde.

Eine Karte vorne im Buch zeigt durch große Zahlen gleich an, wo im Odenwald sich der jeweilige Ort befindet, was erfreulich übersichtlich ist. Allerdings sind die Zahlen hier ziemlich wild über die Karte verteilt, nicht so schön gruppiert wie im Sachsen-Buch, so daß 3 und 4 neben 27 und 33 stehen, 1 und 2 neben 15, 26 und 29 usw. Ich finde es zur Planung und Übersichtlichkeit angenehmer, wenn die geographisch zusammengehörigen Orte auch im Buch entsprechend gruppiert sind.

Die zahlreichen großen Farbbilder sind eine Freude, hier bekommt man schon beim Lesen einen tollen Eindruck der Orte und kann sich auch jene, die man nicht besuchen würde, gut ansehen. Die Orte selbst reichen vom verlassenen Dorf über recht viele Burgruinen hin zu kirchlichen Gebäuden oder Gedenkstätten. Mehrere davon können allerdings gar nicht von innen besucht werden oder bestehen lediglich aus einer Säule oder recht überschaubaren Überresten. Insgesamt hat die Auswahl mich weniger überzeugt als beim Sachsenbuch, aber es ist durchaus eine interessante Zusammenstellung und ich habe mir schon manche Orte für einen Besuch vorgemerkt.

Wie immer schreibt die Autorin angenehm und zugänglich. In den beiden Büchern, die ich bislang von ihr las, genoss ich es bereits, so viele Geschichten kennenzulernen, in eine Vielfalt historischer Themen und auch persönlicher Schicksale einzutauchen. Dies setzt sich hier fort, allerdings fand ich manche Kapitel doch etwas trocken. Mir fehlte hier manchmal die persönliche, direkte Note und mich irritierten auch kleine Fehler, so steht auf Seite 29 zweimal fast derselbe Satz kurz hintereinander. Zwei Kapitel berichten leider so gut wie nichts über den jeweiligen Ort, eines ist eine Zusammenfassung des Dreißigjährigen Krieges und eines eine Kurzbiographie Hindenburgs. Abgesehen davon, daß dies historisch Interessierten größtenteils schon bekannt sein dürfte, passen solche allgemeinen Informationen dann eher in ein Geschichtsbuch und der Bezug zum jeweiligen Lost Place ist nur ganz am Rande vorhanden. Das Besondere an diesen Büchern ist für mich eigentlich gerade, daß man dort die ungewöhnlichen Geschichten liest, die man eben nicht überall erfährt. Deshalb war ich von einigen Kapiteln doch etwas enttäuscht, während andere eine äußerst gelungene Mischung aus Information und Unterhaltung darstellten und mich beim Lesen ganz in die jeweilige Geschichte eintauchen ließen. Insgesamt kann man hier viel über deutsche und regionale Geschichte erfahren, einige Sagen runden die Thematik „Lost Places“ erfreulich ab.

Für jene, die Lost Places im Odenwald besuchen möchten, finden sich hier viele gute Anregungen, auch hat jedes Kapitel noch einen kleinen Zusatztip in der Gegend. Auch für jene, die ohne Reise einfach gerne auf ein wenig andere Art in Geschichte und Geschichten eintauchen möchten, ist das Buch eine unterhaltsame Lektüre und vermittelt vielfältiges Wissen.

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Veröffentlicht am 28.10.2023

Virtuous erzählte Generationentragödie

Endstation Malma
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Der Klappentext macht sofort neugierig – drei Menschen, deren Schicksale verwoben sind, fahren mit dem Zug nach Malma. Weiter gibt es wenig Information (was angesichts der Geschichte verständlich ist – ...

Der Klappentext macht sofort neugierig – drei Menschen, deren Schicksale verwoben sind, fahren mit dem Zug nach Malma. Weiter gibt es wenig Information (was angesichts der Geschichte verständlich ist – endlich mal ein gelungener Klappentext, der weder verfälscht noch bereits wesentliche Wendungen mitteilt, leider keine Selbstverständlichkeit) und so war ich gespannt, was mich erwartete.
Der gelungene Schreibstil zieht die Leser sofort in die Geschichte, er ist zugänglich, lebensnah und gekonnt. Das Buch liest sich unglaublich leicht und trotz des tiefdunklen Sujets fast entspannend, weil der Stil so mühelos und angenehm unprätentiös wirkt. Es gibt keine umständlichen Formulierungen, keine kunstvoll aufgebauschten Passagen, alles ist schnörkellos und zeugt in genau dieser Reduziertheit von einem meisterhaften Umgang mit Sprache. Große Teile des Buches berichten aus der Sicht von Kindern, was mir normalerweise überhaupt nicht zusagt, aber hier wurde es mit einer glaubhaften Erzählstimme berichtet, ohne ins zu Kindische abzugleiten. Im Text verbergen sich viele kleine Satzjuwelen, die ich mehrfach las. Der Stil ist also eine wahre Freude.
Dieser Umgang mit Sprache verbindet sich dann mit einem virtuosen Spiel der Erzähl- und Zeitebenen. Wir erfahren die Geschichte aus drei Perspektiven, die sich einander immer mehr annähern. Am Anfang weiß man noch nicht, wie diese drei zusammengehören, aber das erschließt sich schnell. Stück für Stück komplettiert sich das Bild, und das ist so gelungen gemacht, daß ich es beim Lesen genossen habe. Die Leser begleiten alle drei Erzähler auf ihrer jeweiligen Reise nach Malma, erfahren sowohl das, was auf der Reise geschieht, wie auch vieles, was vorher geschehen ist, springen beim Lesen also ständig hin und her, ohne daß sich das verwirrend und ungeordnet anfühlt – im Gegenteil, alles gehört genau dorthin, wo es erzählt wird und trägt zum Gesamtbild bei. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig es gewesen sein muß, die Geschichte auf diese Art zu konzipieren, und daß dies so geschmeidig funktioniert, zeigt das Können des Autors und begeisterte mich immer wieder.
Thematisch geht Schulman hier in traurige Tiefen – die Sünden der Eltern ziehen sich durch die Geschichte, in die nächste Generation, die angeschlagen ebenfalls in Fehler verfällt und eine weitere Generation beschädigt. Jede Seele in diesem Buch ist verletzt, jede geht ungesund damit um und manche Szenen lassen einen nur entsetzt den Kopf schütteln, insbesondere wenn es darum geht, was Eltern ihren Kindern antun können, das oft sogar ohne schlechte Absicht, sondern fast im Vorbeigehen, aus Gedankenlosigkeit oder selbst erfahrenem Leid. Manche Szenen waren mir etwas zu skurril und rissen mich eher aus der Geschichte, überwiegend aber blieben sie in dieser leisen Beiläufigkeit der Grausamkeit, die so tief wirkt – bei den Betroffenen ebenso wie bei den Lesern.
Manches ist am Anfang rätselhaft und erschließt sich erst viel später, ebenso wie die Charaktere oft neue Facetten offenbaren. So gehen nicht nur die Charaktere auf eine Reise, auch die Leser begeben sich in diesem Buch auf eine Reise der Erkenntnis, die ein wahres Erlebnis ist. Selbst wenn das etwas sentimentale Ende mich nicht komplett überzeugte, weil doch einige Fragen offenblieben und ich zu einigen Dingen gerne mehr gelesen hätte, war es eines jener Bücher, in die man ganz tief eintauchen kann und bei denen man wünschte, sie würden noch ein ganzes Stück länger sein, weil man noch gar nicht am Ende ankommen möchte.

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Veröffentlicht am 20.10.2023

Zauberhafte Zeichnungen mit zahlreichen liebevollen Details

Eine Weihnachtsgeschichte
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Dickens‘ Weihnachtsgeschichte begleitet mich seit meiner Kindheit und gehört zu den Büchern, die ich am häufigsten gelesen habe. Hier wird diese altbekannte Geschichte in Comicform umgesetzt und das auf ...

Dickens‘ Weihnachtsgeschichte begleitet mich seit meiner Kindheit und gehört zu den Büchern, die ich am häufigsten gelesen habe. Hier wird diese altbekannte Geschichte in Comicform umgesetzt und das auf zeichnerisch erfreuliche Weise. Schon der Einband erfreut mit silbernen Ornamenten, im Vorsatz vorne und hinten sieht man Scrooge einsam durch den Schnee gehen und unter jeder Kapitelüberschrift befindet sich ein kleines Bild aus diesem Kapitel – diese und weitere Details zeigen, wie liebevoll dieses Buch gemacht ist.

Die Zeichnungen überzeugen uneingeschränkt, sind eine wahre Freude. Besonders bemerkenswert ist es, wie hier mit Farben gearbeitet wird, um Stimmungen zu vermitteln. So sind die Szenen in Scrooges Kontor bräunlich gehalten, es mangelt ihnen an der Farbenfreudigkeit, welche die weihnachtlichen Straßenszenen auf der ersten beiden Seiten so ungemein heimelig machte (und in denen Ebenezer Scrooge als schwarz-graue Gestalt düster hervorsticht). Das Fest bei Scrooges Neffen ist in warmen, freundlichen Tönen unterlegt, bei traurigen oder unheimlichen Szenen ist alles in Schwarz-Grau gehalten, das letzte Kapitel mit Scrooges Wandlung erfreut mit hellen Farben und kräftigen Akzenten, wie dem leuchtenden Rot seines Morgenrocks. Es ist absolut bemerkenswert, wie diese Farbschattierungen eingesetzt werden.

Auch sonst sind die Zeichnungen gekonnt. Ein Bild von Scrooge als Kind über Scrooge als altem Mann zeigt herrliche Übereinstimmungen gerade in der Augenpartie und doch die Unterschiedlichkeit der Gesichtszüge, die sich mit dem Alter ergeben. Man sieht gleich: ja, das ist derselbe Mensch in verschiedenen Altersstufen. Scrooges Mimik ist im ganzen Buch ungemein aussagekräftig, es ist eine Freude, ihn und seine Reaktionen zu sehen, auch seine Körperhaltung ist herrlich getroffen, wie aber auch all die anderen Details, die ein köstliches Gesamtbild ergeben.

Textlich gab es hier und da einige Kleinigkeiten, die nicht gänzlich überzeugten, so redet man sich mit „Ihr“ und nicht mit „Sie“ an, was für die Zeit völlig falsch ist und mich beim Lesen jedes Mal irritierte. Der an sich lobenswerte kurze Text über Charles Dickens am Schluß enthält auf einer halben Seite gleich mehrere Fehler und auch eine Textstelle ist nicht richtig wiedergegeben. Allerdings war insgesamt erfreulich, wie gut der Comic die Geschichte auch textlich wiedergibt, einige Sätze stammen direkt aus dem Buch und gerade das letzte Bild ist textlich ganz nah am Buch. Manches wird etwas zu kurz behandelt, manches – wie die Kinder unter dem Umhang des zweiten Geists – fehlt ganz, was bedauerlich ist. Insgesamt aber lernt man Dickens‘ Weihnachtsgeschichte auf eine bezaubernde Art kennen und die Zeichnungen begeistern. Ich habe diese bildlich hinreißende Reise gerne gemacht und werde dieses Buch sicher noch oft ansehen.

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