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Veröffentlicht am 10.03.2026

Sollte Deutschland dieses Buch lesen?

Real Americans
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Ein Hoch auf das Marketing von Kiepenheuer & Witsch. Da wird ein 526-Seiten-Wälzer zum Mittelpunkt einer Aktion mit dem Namen “Deutschland liest ein Buch” gekürt, wobei es sich bei dieser Aktion um eine ...

Ein Hoch auf das Marketing von Kiepenheuer & Witsch. Da wird ein 526-Seiten-Wälzer zum Mittelpunkt einer Aktion mit dem Namen “Deutschland liest ein Buch” gekürt, wobei es sich bei dieser Aktion um eine Erfindung des Verlages handelt. Das ist schon clever gemacht. Versprochen wird uns “ein großer amerikanischer Roman über Herkunft, Identität, Streben nach Zugehörigkeit und den alles überschattenden Wunsch, dass es der nächsten Generation besser gehen soll”, so der Klappentext. Wer so viele Erwartungen aufbaut, muss sich auch daran messen lassen.

Voller Erwartung habe ich also das Buch “Real Americans” von Rachel Khong zur Hand genommen. Das (Schmutz)Cover lässt sich durchaus sehen, eine geschlossene Muschel vor hellblauem Hintergrund, passend dazu der Titel und das Lesebändchen in hellem gelb. Und tatsächlich taucht das Motiv der Auster an zahlreichen Stellen im Buch auf. Allerdings ist das fast schon das am besten gelungene Detail.

Sprachlich ist das Buch keine Herausforderung, es ist leicht zu lesen, wird mir aber stilistisch wohl nicht in Erinnerung bleiben. Aufbau und Inhalt sind dann leider ziemlich enttäuschend. Der Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten geht es um eine Liebesgeschichte zwischen der chinesischstämmigen Lily, unbezahlte Praktikantin und dem superreichen Pharmakonzern-Sprößling Matthew. Was sich nach Kitsch anhört, hätte trotzdem spannend werden können. Doch Khong bleibt hier und in den weiteren Teilen des Buches leider zumeist oberflächlich. Die Figuren wirken hölzern und unnahbar, sie kommunizieren zu wenig miteinander und so erschließen sich oft nicht die Gründe für ihr Handeln.

Im zweiten Teil begegnen wir ihrem gemeinsamen Sohn Nick und im dritten Teil vor allem Lilys Mutter May/Mei. Was klingt wie eine Familiensaga bleibt leider eine Anhäufung von Episoden im Schnelldurchlauf. Doch dann wieder stockt der Lesefluss und einzelne Abschnitte werden quälend ausufernd erzählt, ohne dass sie die Geschichte wirklich voranbringen. Eine unendliche Zahl an Themen wird angerissen, ohne dass auch nur eines davon eine ausreichende Tiefe erhält: ethnische Zuschreibungen, Geschlechterdivergenzen, Klassenzugehörigkeit, Drogenmissbrauch, Bioethik, maoistischer Steinzeitkommunismus, ein bisschen Mystik, Millennium und 9/11 - und wahrscheinlich habe ich noch einige vergessen. Doch da das alles an der Oberfläche bleibt, reihen sich oft die Klischees aneinander.

So hat sich mir leider nicht erschlossen, warum Deutschland dieses Buch lesen sollte. Man kann es lesen, kann seine Zeit aber auch anders verbringen. Ehrlicherweise kann ich hier nur 2 Sterne ⭐⭐ vergeben.

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Auch Offshore wird gemordet

Trügerisches La Rochelle
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Vorab bemerkt: "Trügerisches La Rochelle" ist der vierte Band der Serie um Commissaire Clément Chevalier und sein Team. Ich würde unbedingt empfehlen, vorab die anderen Bände zu lesen.

Jean-Claude Vinet ...

Vorab bemerkt: "Trügerisches La Rochelle" ist der vierte Band der Serie um Commissaire Clément Chevalier und sein Team. Ich würde unbedingt empfehlen, vorab die anderen Bände zu lesen.

Jean-Claude Vinet konfrontiert seine Leserschaft diesmal mit einem ganz besonderen Schauplatz. Wer die Reihe aufgrund der bisherigen landestypischen Schauplätze wie Salzgärten, Weingütern oder Jachthäfen liebt, wird vielleicht etwas enttäuscht sein. Die Ermittler werden unerwartet zu einem Installationsschiff, auch Errichterschiff genannt, gerufen. Solche Schiffe kommen beim Aufbau von Offshore-Windparks zum Einsatz, gigantische Stahlkolosse, die sich aus dem Meer erheben können. Es gelingt dem Autor hervorragend, diese ungewohnte und abgeschlossene Welt und ihre Atmosphäre darzustellen. Es herrscht eine bedrückende Enge und funktionale Kälte, der man nur mit seltenen Blicken auf den Sonnenuntergang auf dem Meer entkommen kann. Ein ungeklärter Todesfall macht die Anwesenheit der Polizei erforderlich und schnell wird klar, dass es sich um einen Mord handelt.

Während der Roman durch diesen ungewöhnlichen Schauplatz und das Locked-Room-Setting unglaublich spannend beginnt, könnte man fast meinen, es handele sich um einen Thriller. Doch Vinet kann diesen Spannungsbogen nicht durchgehend halten. Die Ermittlungen kommen nicht recht vom Fleck, Theorien werden aufgestellt und wieder verworfen. Dafür nehmen die Sidestories, das Familienleben Chevaliers und seiner Kolleginnen und Kollegen einen gewissen Raum ein, der im absoluten Gegensatz zum Tatort des Verbrechens steht. Dieses Hin und Her zwischen den Schauplätzen hat mich gestört. Es ist dem Autor sehr gut gelungen, die Atmosphäre des Installationsschiffs aufzuzeigen. Man konnte das stetige Brummen der Motoren beinahe spüren. Doch dann sind wir plötzlich wieder am malerischen Strand . Der Bruch war mir zu groß. Ich hätte mir gewünscht, dass Vinet mutiger wäre und sich noch mehr auf das Schiff fokussiert. Aber vermutlich wollte er die Fans der Serie nicht vergraulen. Auch das Cover zeigt nicht etwa einen Windpark, sondern den Hafen von La Rochelle.

Gut gefallen hat mir, dass auch das Thema Energiepolitik und der Diskurs darüber in Frankreich dargestellt werden.

Ich vergebe 3,5 Sterne

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Mörderisches Urlaubsfeeling

Mörderisches La Rochelle
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Maximilian Rosar, alias Jean-Claude Vinet, hat seine Reihe um Commissaire Chevalier 2024 mit dem 2. Band "Mörderisches La Rochelle" gelungen fortgesetzt. Diesmal wird er aus dem Urlaub zurückgerufen, um ...

Maximilian Rosar, alias Jean-Claude Vinet, hat seine Reihe um Commissaire Chevalier 2024 mit dem 2. Band "Mörderisches La Rochelle" gelungen fortgesetzt. Diesmal wird er aus dem Urlaub zurückgerufen, um einen brutalen Dreifachmord aufzuklären. Wie schon der 1. Band "Tod in La Rochelle" entführt uns auch dieses Buch an die Atlantikküste und bezaubert mit französischen Flair. Vinet versteht es großartig, die Landschaft zu beschreiben, die französischen Gewohnheiten, die Küche; er lässt französische Redensarten einfließen - und so kommt schnell ein Urlaubsfeeling auf. Genau wir Clément Chevalier bewegt sich die Leserschaft somit zwischen dem wohligen Strandleben und der Aufklärung eines blutigen Verbrechens. Der Spannungsbogen ist hoch und bietet mit gelungenen Plot Twists eine gute Unterhaltung. Es darf mitgerätselt werden. Dass dabei manches Mal nicht nach Vorschrift gearbeitet wird, kann ich in einem Krimi gut verschmerzen. Es ist ja keine Reportage.

Interessant, wenn auch klischeehaft, sind auch die Einblicke in die französische Gesellschaft. Ich kann nicht beurteilen, in wieweit dies der Realität entspricht.

Durch die persönlichen Erlebnisse des Kommissars, seiner Familie und seiner Kollegen wird gekonnt eine Reihenbindung erzeugt. Man möchte wissen, wie es weiter geht. Stark finde ich die Rückblicke auf Chevaliers Vergangenheit. Die Figur ist mir dadurch näher gerückt. Nun wird mir auch im Hinblick auf den 3. Band, den ich 2025 gelesen habe, einiges klarer. Ich kann der Leserschaft deshalb nur empfehlen, mit dem 1. Band anzufangen. Sonst bleibt vieles im Unklaren.

Auch hier hätte ich mich wieder über eine Übersichtslandkarte gefreut und über ein paar weniger Tippfehler. Den halben Stern Abzug gibt es aber für eine inhaltliche Unklarheit. Ein Mitarbeiter der Polizei ist selbst tief in den Fall verstrickt, wird aber dennoch nicht abgezogen. Das hätte im Lektorat wirklich auffallen müssen.

Insgesamt jedoch ein gelungenes Buch, dass ich in wenigen Tagen verschlungen habe.

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Debutroman mit einem besonderen Setting: düster, atmosphärisch, gelungen

Wolfskälte
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Was für ein Debut! Laura McCluskey ist eigentlich in der Film- und Theaterwelt zuhause. Nun ist ihr erster Roman WOLFSKÄLTE (im Original: The Wolf Tree) erschienen und hat mich begeistert. Es handelt sich ...

Was für ein Debut! Laura McCluskey ist eigentlich in der Film- und Theaterwelt zuhause. Nun ist ihr erster Roman WOLFSKÄLTE (im Original: The Wolf Tree) erschienen und hat mich begeistert. Es handelt sich um einen Kriminalroman, den ich der Gattung der Spannungsromane mit Thrillerelementen zuordnen würde. Vermutlich als Auftakt einer Reihe (zumindest ist bereits die Fortsetzung mit dem Titel „The Cursed Road“ angekündigt) begegnen wir dem Ermittlerduo George, die eigentlich Georgina heißt, diesen Namen aber nicht passend findet, und ihrem älteren Kollegen Richie. Ohne zu viel zu verraten: die beiden harmonisieren nicht mehr ganz so gut, was mit einem Ereignis in der Vergangenheit zusammenhängt. George muss sich bewähren, während ihr Kollege eher bedächtig vorgeht.
Die Geschichte wird aus der Perspektive von George erzählt, wobei McCluskey die Rolle der personalen Erzählerin einnimmt. Neben der Kriminalermittlerin steht vor allem der Schauplatz des Romans im Mittelpunkt. Eilean Eadar ist eine fiktive, sehr abgelegene Insel der Äußeren Hebriden. Nun ist die Idee, einen Krimi auf einer abgelegenen Insel spielen zu lassen, nicht neu. Gerade die schottischen Inseln werden gerne gewählt, da das raue Klima, die Isolation und der keltische Backgrund viele Möglichkeiten bieten, um einen Roman geheimnisvoll und bedrohlich zu gestalten. Die Bewohner leben umgeben vom wilden Atlantik, betreiben Fischfang und Schafzucht und gelten als tief verwurzelt in ihrer Kultur und ihren Traditionen, als religiös und von engen nachbarschaftlichen Beziehungen geprägt. Dies macht sich McCluskey zunutze. Sie lässt sich Zeit, um alles sehr ausführlich zu beschreiben. Bereits die Anreise der beiden Detective Inspectors nimmt einen gewissen Raum ein. Mir gefällt das sehr, denn so habe ich das Gefühl, die Insel gemeinsam mit George kennenzulernen.
Die Aufgabe der beiden Ermittler ist es zu klären, ob ein junger Mann, der am Fuße des Inselleuchtturms aufgefunden wurde, Selbstmord begangen hat, oder ermordet wurde. Die Ermittlungen verlaufen zäh, denn sie stoßen auf eine Mauer des Schweigens. McCluskey gelingt es, genau diese Zähigkeit hervorragend zu beschreiben. So entsteht eine düstere, dichte Atmosphäre, in welche die Leserschaft gemeinsam mit George mehr und mehr hineingezogen wird. Die Gänsehautmomente der Protagonistin erlebt man hautnah mit. Man lernt die Bewohner kennen und erfährt, dass der Leuchtturm in der Vergangenheit schon einmal der Schauplatz eines ungelösten Rätsels war.
Wer sich darauf einlässt und es sich gerne mit Wolldecke und Tee gegen das raue Klima Schottlands wappnet, den erwartet ein fesselnder Kriminalroman, den ich gerne mit fünf Sternen ⭐⭐⭐⭐⭐ belohne. Und ich erwarte voller Spannung die Fortsetzung.

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Kein blutiger Thriller, aber durchaus ein lesenswerter Spannungsroman

BLUT
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Der Name Yrsa Sigurðardóttir steht synonym für spannende, gerne auch mit einem Touch Übersinnlichem versehene isländische Kriminalromane. Ihr neuestes Werk aus der Reihe um die ermittelnden Polizist*innen ...

Der Name Yrsa Sigurðardóttir steht synonym für spannende, gerne auch mit einem Touch Übersinnlichem versehene isländische Kriminalromane. Ihr neuestes Werk aus der Reihe um die ermittelnden Polizist*innen Týr und Karó fällt ins Auge durch ein blutrotes Cover, den Titel BLUT und eine wunderschöne, auch haptisch gelungene Gestaltung. Wer jedoch einen blutigen Thriller erwartet, wird enttäuscht sein.

Für mich ist es das erste Buch aus der Reihe, doch das tat meinem Leseerlebnis keinen Abbruch. Alles war ohne Vorkenntnis gut lesbar und spannend. Allein, ein Thriller war es eben nicht. Obwohl mehrere Handlungsstränge spannend erzählt werden, und das Buch ein gelungener Pageturner ist, haben sich mir nur selten die Nackenhaare aufgestellt. Doch worum geht es?

Auf einer Müllkippe wird ein längst verstorbenes Skelett aufgefunden. Ein Nachbarschaftsstreit eskaliert in einem Ausmaß, dass über alles hinausgeht, was man sich vorstellen kann. Eine junge Frau und Mutter begibt sich als Aushilfsköchin auf einen Fischtrawler, weil sie Narben aus ihrer Vergangenheit davongetragen hat. Und schließlich gibt es noch eine eher unbedeutende Sidestory um den Ermittler Týr. Thrillerqualitäten hatte allein der Part um die Schiffsköchin Gunndis, die auch charakterlich hervorragend gezeichnet war.

Dennoch eine gute Lektüre für kurzweilige Stunden.

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