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Veröffentlicht am 21.03.2026

Extreme Bedingungen

Das Gehöft
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Der Autor ist vielseitig. Unter dem Namen Richard Brandes schreibt es eine tolle Regiokrimireihe aus Brandenburg um die Kommissarin Christa Stach. Einen Namen hat er sich auch als Drehbuchautor für Fernsehproduktionen ...

Der Autor ist vielseitig. Unter dem Namen Richard Brandes schreibt es eine tolle Regiokrimireihe aus Brandenburg um die Kommissarin Christa Stach. Einen Namen hat er sich auch als Drehbuchautor für Fernsehproduktionen gemacht. Dabei ist er hauptberuflich Psychotherapeut. Nun hat er seinen ersten Thriller vorgelegt, diesmal unter dem Namen Leo Brandt. Das Buch trägt den Namen DAS GEHÖFT und spielt auf einer seit längerem unbewohnten Hallig. Westeroog, so der Name der fiktiven Marschinsel, ist der letzte Außenposten im nordfriesischen Wattenmeer. Dahinter kommt nur noch die offene See. Zudem trennt ein lebensgefährlicher Priel diesen Ort von der Außenwelt ab, den man nur per Schiff überwinden kann. Das Cover, passt hervorragend zum Setting passt. Düster liegt ein einsames Gehöft umgeben vom tosenden Meer. Die abgeschlossene Lage wirkt bedrohlich. Sehr gut gewählt für eine Closed-Circle-Story. Abgeschlossener als auf einer Hallig geht es kaum! Unterstützt wird dieses Gefühl noch durch den Untertitel: Dieser Ort lässt dich nicht gehen. Schon bin ich mitten im Thriller!

Bereits der Prolog, in dem eine Frau vor einem gewalttätigen Mann flüchtet, stimmt auf die Geschichte ein, auch wenn zunächst nicht klar ist, wie dieses Ereignis mit dem Geschehen in Verbindung steht. Auf jeden Fall ein spannender Einstieg.

Hauptsächlich handelt DAS GEHÖFT von einer Freundesclique, die sich auf Norderoog niederlassen will. Im Mittelpunkt steht Lara, eine Biologin, die sich hier unter anderem dem Naturschutz widmen will. Hinzu kommen ihr Freund Henry sowie das befreundete Pärchen Silke und Kenan. Silke ist Ärztin, Kenan und Henry betreiben zusammen eine IT-Firma. Und dann ist da noch Laras Bruder Malte, ein Asperger-Autist, der für Kenan und Henry arbeitet. Zugegebenermaßen hat mich etwas irritiert, dass sich IT-Spezialisten auf eine Hallig begeben, in der das Internet keine Selbstverständlichkeit ist. Lediglich Laras Motivation war mir erklärlich, aber das verbuche ich unter dichterischer Freiheit. Ziemlich schnell geraten die fünf in in die erwartbare Situation einer Sturmflut. Doch nicht nur draußen spitzt sich die Lage zu, auch innerhalb der kleinen Gemeinschaft brodelt es. Nach einem schlimmen Streit verschwindet Laras Bruder spurlos, und zugleich auch das einzige Boot. Auch die Internetverbindung bricht ab, so dass die Gruppe auf sich allein gestellt ist. Und schnell wird aus dem vertrauten Freundeskreis eine brüchige Gemeinschaft. Misstrauen greift um sich und zudem ist Lara sich sicher, dass sie nicht alleine auf der Insel sind.

Leo Brandt gelingt es, die Spannung nach und nach zu steigern und dann den Spannungsbogen hoch zu halten. Er schreibt sehr bildhaft, woran man den Drehbuchautor erkennen kann. Alles in allem ein solider Thriller, den ich mit vier Sternen bewerte. ⭐⭐⭐⭐

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Düster, nordisch, spannend

Das kalte Moor
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August 2020. Wiking Stormberg ist Polizeichef im schwedischen Ort Stenträsk nördlich des Polarkreises. Vor dreißig Jahren verschwand hier seine Ehefrau Helena im Moor, doch ihre Leiche wurde nie gefunden. ...

August 2020. Wiking Stormberg ist Polizeichef im schwedischen Ort Stenträsk nördlich des Polarkreises. Vor dreißig Jahren verschwand hier seine Ehefrau Helena im Moor, doch ihre Leiche wurde nie gefunden. Wiking hat diesen Verlust nie verwunden, aber seine beruflichen und familiären Aufgaben trotzdem erfüllt. Sein Sohn Markus lebt mit Frau und Kindern ebenfalls in Stenträsk, während Tochter Elin Ärztin in Stockholm ist. Zu der Zeit kämpft man auch in Schweden mit der Corona-Pandemie, doch Wiking hat ein anderes gravierendes gesundheitliches Problem. Als ob das alles nicht genug wäre, taucht nun ein bedrohlicher Brief auf, der Helenas Handschrift trägt. Wiking nimmt unter dem Radar dazu Ermittlungen auf.

Liza Marklund, schwedische Journalistin, Autorin und Verlegerin, stammt selbst als dem Norden Schwedens. Mit ihrer Polarkreis-Trilogie kehrt sie somit literarisch in ihre Heimat zurück. DAS KALTE MOOR lässt sich sehr gut als Standalone-Roman lesen, da keine Vorkenntnisse erforderlich sind. Es gelingt ihr großartig, die Atmosphäre der Region zu beschreiben. Auf der einen Seite ist Stenträsk ein Ort, an dem jeder jeden kennt, andererseits grenzt der Ort unmittelbar an ein Raketenversuchsgelände, was zu internationalen Begegnungen führt. Viele Einwohner, so auch Wikings Sohn Markus, verdienen ihren Lebensunterhalt durch diese militärische Einrichtung.

Marklund hat für das Setting des Romans erkennbar sehr gut recherchiert. Nichts, was sie schreibt, klingt unrealistisch. Dabei schreibt sie in der Tradition des Nordic Noir Genres, langsam, manchmal melancholisch und immer auch politisch. Sie führt uns zurück in die Zeit des Kalten Krieges, während gleichzeitig die Handlung voranschreitet. Dabei nimmt die Spannung von Seite zu Seite zu. Der Übersetzerin Dagmar Missfeldt ist es dabei sehr gut gelungen, dies ins Deutsche zu übertragen. Auch das Cover passt mit seinen düsteren Farben hervorragend zum Buch.

DAS KALTE MOOR ist aus meiner Sicht eher ein Spannungsroman als ein klassischer Krimi. Ich habe das Buch verschlungen und vergebe voller Überzeugung 5 Sterne. ⭐⭐⭐⭐⭐

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Keine Idylle am Bodensee

Tief
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Rebekka Moser lässt bei ihrer Leserschaft gar nicht erst das Gefühl von Bodensee-Idylle aufkommen. Kaum mit dem Lesen gestartet, sind wir mit einem Mord konfrontiert, und auch Kommissar Heinzle geht der ...

Rebekka Moser lässt bei ihrer Leserschaft gar nicht erst das Gefühl von Bodensee-Idylle aufkommen. Kaum mit dem Lesen gestartet, sind wir mit einem Mord konfrontiert, und auch Kommissar Heinzle geht der Fall unter die Haut, denn ermordet wurde ein kleines Kind. Kaum etwas ist selbst für einen gestandenen Ermittler schwerer zu verdauen. Doch in TIEF bleibt es nicht bei einem gewaltsamen Todesfall. Moser beschreibt und schreibt gekonnt realistisch, authentisch, ja bewegend. Das bezieht sich nicht nur auf die idyllische Landschaft, die Charaktere, die so gestrickt sind, dass man sich gut vorstellen kann, dass sie nebenan wohnen, sondern auch die Traumata, die Beweggründe, die Emotionen. TIEF geht tief unter die Haut, und an manchen Stellen kann das eine Herausforderung bei der Lektüre sein. Doch nichts ist an den Haaren herbeigezogen.

Der Thriller ist thematisch vielschichtig, so wie unsere Gesellschaft und ihre Probleme. Das gilt für den Schauplatz Österreich ebenso wie für Deutschland und andere europäische Länder. Moser beschreibt eine Realität, vor der wir gerne die Augen verschließen, eine Gesellschaft, in der der Diskurs abnimmt und die keine Antworten findet auf radikale Strömungen jeglicher Art. Und sie beschreibt sehr eindrücklich die schmale Grenze zwischen Opfern und Tätern, zwischen Nichtbetroffensein und Verstrickung.

Trotz allem gibt es Momente des Aufatmens, denn selbst in den schlimmsten Momenten kann schwarzer Humor eine Situation und den Lesefluss auflockern.

TIEF ist der zweite Bodensee-Thriller um Kommissar Heinzle, kann aber gut als Standalone gelesen werden.

Ich vergebe voller Überzeugung 5 Sterne. ⭐⭐⭐⭐⭐

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Sollte Deutschland dieses Buch lesen?

Real Americans
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Ein Hoch auf das Marketing von Kiepenheuer & Witsch. Da wird ein 526-Seiten-Wälzer zum Mittelpunkt einer Aktion mit dem Namen “Deutschland liest ein Buch” gekürt, wobei es sich bei dieser Aktion um eine ...

Ein Hoch auf das Marketing von Kiepenheuer & Witsch. Da wird ein 526-Seiten-Wälzer zum Mittelpunkt einer Aktion mit dem Namen “Deutschland liest ein Buch” gekürt, wobei es sich bei dieser Aktion um eine Erfindung des Verlages handelt. Das ist schon clever gemacht. Versprochen wird uns “ein großer amerikanischer Roman über Herkunft, Identität, Streben nach Zugehörigkeit und den alles überschattenden Wunsch, dass es der nächsten Generation besser gehen soll”, so der Klappentext. Wer so viele Erwartungen aufbaut, muss sich auch daran messen lassen.

Voller Erwartung habe ich also das Buch “Real Americans” von Rachel Khong zur Hand genommen. Das (Schmutz)Cover lässt sich durchaus sehen, eine geschlossene Muschel vor hellblauem Hintergrund, passend dazu der Titel und das Lesebändchen in hellem gelb. Und tatsächlich taucht das Motiv der Auster an zahlreichen Stellen im Buch auf. Allerdings ist das fast schon das am besten gelungene Detail.

Sprachlich ist das Buch keine Herausforderung, es ist leicht zu lesen, wird mir aber stilistisch wohl nicht in Erinnerung bleiben. Aufbau und Inhalt sind dann leider ziemlich enttäuschend. Der Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten geht es um eine Liebesgeschichte zwischen der chinesischstämmigen Lily, unbezahlte Praktikantin und dem superreichen Pharmakonzern-Sprößling Matthew. Was sich nach Kitsch anhört, hätte trotzdem spannend werden können. Doch Khong bleibt hier und in den weiteren Teilen des Buches leider zumeist oberflächlich. Die Figuren wirken hölzern und unnahbar, sie kommunizieren zu wenig miteinander und so erschließen sich oft nicht die Gründe für ihr Handeln.

Im zweiten Teil begegnen wir ihrem gemeinsamen Sohn Nick und im dritten Teil vor allem Lilys Mutter May/Mei. Was klingt wie eine Familiensaga bleibt leider eine Anhäufung von Episoden im Schnelldurchlauf. Doch dann wieder stockt der Lesefluss und einzelne Abschnitte werden quälend ausufernd erzählt, ohne dass sie die Geschichte wirklich voranbringen. Eine unendliche Zahl an Themen wird angerissen, ohne dass auch nur eines davon eine ausreichende Tiefe erhält: ethnische Zuschreibungen, Geschlechterdivergenzen, Klassenzugehörigkeit, Drogenmissbrauch, Bioethik, maoistischer Steinzeitkommunismus, ein bisschen Mystik, Millennium und 9/11 - und wahrscheinlich habe ich noch einige vergessen. Doch da das alles an der Oberfläche bleibt, reihen sich oft die Klischees aneinander.

So hat sich mir leider nicht erschlossen, warum Deutschland dieses Buch lesen sollte. Man kann es lesen, kann seine Zeit aber auch anders verbringen. Ehrlicherweise kann ich hier nur 2 Sterne ⭐⭐ vergeben.

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Auch Offshore wird gemordet

Trügerisches La Rochelle
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Vorab bemerkt: "Trügerisches La Rochelle" ist der vierte Band der Serie um Commissaire Clément Chevalier und sein Team. Ich würde unbedingt empfehlen, vorab die anderen Bände zu lesen.

Jean-Claude Vinet ...

Vorab bemerkt: "Trügerisches La Rochelle" ist der vierte Band der Serie um Commissaire Clément Chevalier und sein Team. Ich würde unbedingt empfehlen, vorab die anderen Bände zu lesen.

Jean-Claude Vinet konfrontiert seine Leserschaft diesmal mit einem ganz besonderen Schauplatz. Wer die Reihe aufgrund der bisherigen landestypischen Schauplätze wie Salzgärten, Weingütern oder Jachthäfen liebt, wird vielleicht etwas enttäuscht sein. Die Ermittler werden unerwartet zu einem Installationsschiff, auch Errichterschiff genannt, gerufen. Solche Schiffe kommen beim Aufbau von Offshore-Windparks zum Einsatz, gigantische Stahlkolosse, die sich aus dem Meer erheben können. Es gelingt dem Autor hervorragend, diese ungewohnte und abgeschlossene Welt und ihre Atmosphäre darzustellen. Es herrscht eine bedrückende Enge und funktionale Kälte, der man nur mit seltenen Blicken auf den Sonnenuntergang auf dem Meer entkommen kann. Ein ungeklärter Todesfall macht die Anwesenheit der Polizei erforderlich und schnell wird klar, dass es sich um einen Mord handelt.

Während der Roman durch diesen ungewöhnlichen Schauplatz und das Locked-Room-Setting unglaublich spannend beginnt, könnte man fast meinen, es handele sich um einen Thriller. Doch Vinet kann diesen Spannungsbogen nicht durchgehend halten. Die Ermittlungen kommen nicht recht vom Fleck, Theorien werden aufgestellt und wieder verworfen. Dafür nehmen die Sidestories, das Familienleben Chevaliers und seiner Kolleginnen und Kollegen einen gewissen Raum ein, der im absoluten Gegensatz zum Tatort des Verbrechens steht. Dieses Hin und Her zwischen den Schauplätzen hat mich gestört. Es ist dem Autor sehr gut gelungen, die Atmosphäre des Installationsschiffs aufzuzeigen. Man konnte das stetige Brummen der Motoren beinahe spüren. Doch dann sind wir plötzlich wieder am malerischen Strand . Der Bruch war mir zu groß. Ich hätte mir gewünscht, dass Vinet mutiger wäre und sich noch mehr auf das Schiff fokussiert. Aber vermutlich wollte er die Fans der Serie nicht vergraulen. Auch das Cover zeigt nicht etwa einen Windpark, sondern den Hafen von La Rochelle.

Gut gefallen hat mir, dass auch das Thema Energiepolitik und der Diskurs darüber in Frankreich dargestellt werden.

Ich vergebe 3,5 Sterne

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