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Veröffentlicht am 17.12.2020

Dem Leben neu begegnen

Bären füttern verboten
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Es gibt Traumata, die brauchen eine längere Anlaufzeit und besondere Menschen, um zu heilen. Freerunnerin und Cartoonistin Sydney Smith gibt sich schon jahrzehntelang unterbewusst die Schuld am Tod ihrer ...

Es gibt Traumata, die brauchen eine längere Anlaufzeit und besondere Menschen, um zu heilen. Freerunnerin und Cartoonistin Sydney Smith gibt sich schon jahrzehntelang unterbewusst die Schuld am Tod ihrer Mutter – und hat bisher den Unglücks- und Urlaubsort St. Ives gemieden. Auch der Vater und der Bruder leiden noch an dem Tod der geliebten Mutter. An ihrem 47. Geburtstag (an Geburtstagen möchte sie immer alleine sein, zum Leidwesen ihrer Lebensgefährtin Ruth) springt sie über ihren Schatten und über die Dächer der südenglischen Küstenstadt St. Ives – sie stellt sich dem Ort ihrer schmerzvollen Vergangenheit. Mit ihren waghalsigen Freerunning-Einlagen inklusive einem Absturz im Städtchen erweckt sie das Aufsehen der Bewohner und freundet sich mit einigen intensiv an.

Die britische Autorin und Psychotherapeutin Rachel Elliott lässt in ihrem humorvollen und subtilen Roman viele skurrile Figuren in chronologisch wechselnden Perspektiven miteinfließen – obwohl es um sehr schmerzvolle Themen wie Tod, Trauer und Loslassen geht, wird es durch die vielen bunten Charaktere, die dem Leser sofort ans Herz wachsen, nie traurig trotz melancholischer Grundstimmung. Jeder von ihnen hat sein Päckchen zu tragen, das die Autorin psychologisch tiefgründig sowie liebevoll auslotet und jedem seine Eigenwilligkeit eingesteht. Gerade dass die Menschen etwas abseits der gesellschaftlichen Norm leben, macht sie alle so seelenwärmend und sympathisch. Denn was ist schon normal?

Viele feinfühlige und originelle Sichtweisen wie die eines Hundes oder Notizblocks umkreisen die Protagonistin Sydney und bilden am Ende ein großes, verwobenes Ganzes, in dem unterschiedlichste Lebenslinien zusammengeführt werden.

Am Ende des berührenden, bildgewaltigen und multiperspektivischen Romans hat sich für Sydney und einige ihrer Wegbegleiter das Leben verändert – sie konnten Dämonen aus der Vergangenheit hinter sich lassen, indem sie erkannt haben, dass der Sinn des Lebens eine Gemeinschaft ist.

Äußerst liebenswert sind auch die witzigen und fantasievollen Überschriften wie „Es tut gut, im Dunkeln das Meer zu hören“ oder „Es könnte mich überfordern“ und die vor schönen Sprachbildern und Wortspielereien gesäumte Sprache der Autorin.
Ein authentisches und unkonventionelles Buch, das Mut und Hoffnung macht, sich so anzunehmen wie man ist, wieder Nähe zuzulassen und zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Hoffentlich findet es ein breites Publikum.

„Sie findet es bemerkenswert, dass jemand, mit dem man seit Jahren verbandelt ist, einem wie ein Fremder vorkommen kann, während ein Fremder, dem man erst vor wenigen Tagen kennengelernt hat, einem das Gefühl geben kann, in der Welt zu Hause und nicht nur ihm, sonder auch allen anderen näher zu sein.“ (S. 265)

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Veröffentlicht am 19.11.2020

Brisant-gefährlicher Häuserkampf

Kreuzberg Blues
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Im zehnten Dengler-Fall nimmt Wolfgang Schorlau wieder hochaktuelle und brisante Schieflagen in unserer Gesellschaft auf: den Kampf ums bezahlbare Wohnen innerhalb korrupter Immobilienunternehmen. Und ...

Im zehnten Dengler-Fall nimmt Wolfgang Schorlau wieder hochaktuelle und brisante Schieflagen in unserer Gesellschaft auf: den Kampf ums bezahlbare Wohnen innerhalb korrupter Immobilienunternehmen. Und dann holen Georg Dengler und Olga auch noch das Corona-Virus, rechtspopulistische Machenschaften, politische Korruption, Kleinkriminelle und Verschwörungstheoretiker ein. Die Gefahr kommt aus allen erdenklichen Richtungen.

Hackerin Olga wird von ihrer Freundin aus Berlin-Kreuzberg angerufen: eine hochaggressive Ratte hat ihrer Tochter in der Wohnung die Fingerkuppe abgebissen. Schnell wird klar: die Ratte war nicht normal und wurde extra ausgesetzt, denn der Wohnblock soll entmietet werden – die Fäden hält der Bauunternehmer Kröger in der Hand. Olga und Dengler reisen an und Georg heftet sich als verdeckter Ermittler an Kröger, getarnt mit einem Job.

Schnell spitzt sich die Gefahrenlage bei den Ermittlungen im Berliner Häuserkampf ernsthaft zu, die kurzen Kapitel wechseln rasant die Handlungsorte, denn es tauchen verschiedene Interessenslager und so einige Psychopathen auf. Schorlau geht bei seinen Recherchen ins Detail, mischt harte reelle Fakten mit fiktiven Elementen, erläutert Hintergründe und baut Charaktere detailreich auf – so manches mal schwankt der Leser zwischen Sachbuch und knallhartem Krimi. Aber es bleibt immer sehr spannend und brisant, auch wenn manches zu lehrerhaft an den Leser herangetragen wird und der politische Krimi insgesamt an verschiedenen Themen zu überfrachtet scheint.

Fazit: Ein hochaktueller Krimi mit reellen Fakten rund um Gentrifizierung und Häuserkampf mit viel Berliner Flair. Ein etwas weniger erhobener Zeigefinger und zwei Randthemen weniger, hätten den Plot für mich noch runder gemacht. Trotzdem sehr lesenswert und filmisch inszenierte Top-Unterhaltung, die unter die Haut geht.

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Veröffentlicht am 28.10.2020

Der Endlichkeit bewusst werden

Das Buch eines Sommers
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Der junge Familienvater Nicolas steckt im Hamsterrad und in der Rush Hour seines Arbeitsalltags. Nach dem Tod seines Vaters hat er seine Bedürfnisse nach Schriftstellertum abgehakt und das Pharmazieunternehmen ...

Der junge Familienvater Nicolas steckt im Hamsterrad und in der Rush Hour seines Arbeitsalltags. Nach dem Tod seines Vaters hat er seine Bedürfnisse nach Schriftstellertum abgehakt und das Pharmazieunternehmen übernommen. Das Methusalem-Projekt soll menschliches Altern verzögern, zieht aber auch mit einer 60-Stunden-Woche jegliche Energie aus Nicolas. Er entfremdet sich zusehends von seiner Frau Valerie und dem kleinen Julian.

Als sein Lieblingsmensch und philosophischer „Spinner“-Onkel Valentin stirbt und ihm die Villa im Süden vererbt, wird sich Nicolas Leben ändern. Er denkt zurück an den Sommer nach dem Abitur, den er mit großem Liebeskummer und Schmerz mit Valentin auf seinem Anwesen verbracht hat. Der Onkel, selbst Schriftsteller, hat Nicolas als ganzen Menschen wahrgenommen, inklusive seiner Gefühle und Herzenswünsche. Valentin der Lebenskünstler mit viel Sprezzatura, der mit seiner "Christopher"-Reihe mit Lebensweisheiten Erfolge feiern konnte und die Ratschläge über den Tod hinaus für seinen Neffen bewahren wollte.

Nicolas organisiert seine Beerdigung und fährt mit der Familie zur Villa in den Süden. Noch fällt es ihm schwer, sich von seiner Arbeit gedanklich zu lösen oder sich auf die Bedürfnisse anderer einzulassen – bis ihm eine Gestalt im Traum die Augen öffnet: Hinter einer Wand zur Geheimbibliothek stößt er auf Christopher am Klavier – die Romanfigur und zugleich ein Alter Ego Valentins. Er klärt ihm auf, sie führen leicht philosophische Gespräche über den inneren Kern des Wesens und über die Endlichkeit des Lebens, der wir alle ins Auge blicken sollten, um den Augenblick im Jetzt wahrnehmen und genießen zu können. Und dass wir uns von allerhand indoktrinierten Idealen im Kopf befreien müssen, um auf unseren Kern zu stoßen, der uns leitet.

„Schließlich müssen wir uns bei diesem Blick nach innen durch das Dickicht all jener Ideale kämpfen, die sich im Laufe des Lebens in uns eingenistet haben. Wir müssen uns gewissermaßen durch die Ideale in unserem Kopf hindurcharbeiten, um bis zu unserem wahren Kern vorzudringen.“

Nicolas lenkt um – er beginnt, sich Notizen zu machen, Geschichten zu erfinden und vor allem, seine Familie wieder wirklich wahrzunehmen. Sie alle genießen die Zeit in der Villa, Nicolas macht sich in der Firma den Rücken frei und er scheint, einen Ausweg aus dem Hamsterrad gefunden zu haben. Alles etwas vorhersehbar und mit einem recht glatten Happy End.

„Das Buch eines Sommers“ gibt Anregungen, den eigenen Weg zu überdenken und eventuell umzulenken – und ist federleicht und flüssig geschrieben, ohne Schnörkel oder übergreifendem Tiefgang. Bas Kast schreibt aus der Ich-Perspektive und vielleicht stecken biografische Elemente in seinem Buch. Die philosophische Ansätze sind ebenso leicht und hat man auch schon gehört. Trotzdem hinterlässt der Roman ein positives Allgemeingefühl beim Leser und regt zum weiteren Nachdenken an. Mit welchen Idealen haben wir unseren wahren Kern überdeckt und wie können wir ihn wieder aufdecken? Bin ich meiner Endlichkeit bewusst?

Antworten muss der Leser selbst finden oder wie es der Autor ausdrückt: „Das Buch ist ein Angebot, in den Dialog mit sich selbst zu kommen: Was will ich wirklich?“ Eine leichte, schnell zu lesende Lektüre, die zwar nicht lange nachhallt, aber kalte Winterabende mit Wärme füllt.

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Veröffentlicht am 26.10.2020

Ein ungleiches Ermittlerteam

Die Krieger
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Nach dem Tod seiner Frau fällt Kommissar Nick Marzek in eine Lebenskrise und lässt sich von Berlin in das Münchner Morddezernat versetzen. Doch 1984 ist es mit der erhofften bayerischen Gemütlichkeit vorbei, ...

Nach dem Tod seiner Frau fällt Kommissar Nick Marzek in eine Lebenskrise und lässt sich von Berlin in das Münchner Morddezernat versetzen. Doch 1984 ist es mit der erhofften bayerischen Gemütlichkeit vorbei, denn ein brutaler Brandanschlag auf die Diskothek Liverpool erschüttert die Stadt. Was anfangs noch nach Revierkämpfen und Bandenkriminalität mit Balkan-Machenschaften im Rotlichtmilieu aussieht, entpuppt sich nach einem italienischen Bekennerschreiben als ein brisanter Fall mit politischer Schlagkraft, denn die fanatische und terroristische Gruppe LUDWIG bekennt sich zu dem Anschlag.

In „Die Krieger“ schickt Martin Maurer den neuen Ermittler Nick nun nach in Italien, wo das Terrornetzwerk die Menschen in Atem hält und schon mehrere bestialische Morde zu verbuchen hat. Zusammen mit der Putzfrau Graziella, die ad hoc als Übersetzerin einspringt, versucht Marzek in Italien das Puzzle der LUDWIG-Gruppe zusammenzufügen. Das ungleiche Ermittlerpaar hat anfängliche Schwierigkeiten miteinander, doch Graziella entpuppt sich als kluge und vor allem ortsnahe Terrainführerin und die beiden manövrieren sich durch Akten, Zeugenaussagen und Ermittlungen in Norditalien – bis zum spannenden Showdown.

„Die Krieger“ ist ein atmosphärischer, klug durchdachter Thriller, der wahre Begebenheiten um die Gruppe LUDWIG mit Fiktionalem ausschmückt und dadurch wichtige Zeitgeschichte wieder zum Leben erweckt. Der ernste Kern wird mit etwas Humor aufgelockert und durch die verschiedenen Handlungsstränge und das 80er-Jahre-Flair nie langweilig. Nach und nach deckt er das kranke Weltbild der radikalen Gruppe auf, die Menschen ermorden, die von ihrer „Weltanschauung“ abschweifen - aber auch mit offenem Strang, denn nicht alles kann - wie auch in der Realität - gelöst werden. Martin Maurer spricht im Nachwort von seinem Anlass für den Thriller - waren die Täter Abel und Furlan alleine oder stand hinter ihnen ein komplexes Netzwerk, das bis heute im Dunkeln liegt? Das ist erschreckend und zugleich von aktueller Brisanz. Mich hat "Die Krieger" dazu bewegt, mehr über die LUDWIG-Machenschaften zu recherchieren und hoffentlich gibt es eine Fortsetzung rund um Nick Marzek.

„Vorausgesetzt, es gibt den Serienmörder LUDWIG wirklich, also eine oder mehrere Personen aus Fleisch und Blut, die sowohl sämtliche Morde begangen als auch die Bekennschreiben verfasst haben, wie müssen wir uns solche Täter dann vorstellen?“ S. 270

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Veröffentlicht am 14.10.2020

Menschen verbinden & verwöhnen

Uri Buri - meine Küche
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Dies ist mehr als eine Rezeptesammlung von Israels legendärem Fischkoch Uri Jeremias - "Meine Küche" ist eine Hommage an die Weltoffenheit, der Koexistenz von Kulturen und an die kulinarischen Schätze, ...

Dies ist mehr als eine Rezeptesammlung von Israels legendärem Fischkoch Uri Jeremias - "Meine Küche" ist eine Hommage an die Weltoffenheit, der Koexistenz von Kulturen und an die kulinarischen Schätze, die das Meer uns bietet. Niemand kommt in der Altstadt Akko an seinem weit über die Landesgrenzen berühmten Restaurant vorbei - hier verbindet der Genussmensch Juden mit Arabern und gibt jungen Menschen ohne Ausbildung, aber mit leuchtenden Augen eine Chance in seiner Küche - mit Erfolg. Das absolut hochwertige Kochbuch widmet dem sympathischen und hyperaktiven Uri fast 60 Seiten über seine faszinierende Welt - und die lohnen sich, denn Uri hat schon einiges in seinem Leben erlebt und auf die Beine gestellt. Hervorzuheben sind auf den knapp 290 Seiten die wunderschönen Fotografien von Vivi D'Angelo - hochwertig, mediterran, stimmig im Bildaufbau, ein optischer Hochgenuss.

Nach dem umfangreichen Küchenpraxisteil über das Kaufen von frischem Fisch und Seafood, die Verarbeitung und die Grundlagen der verschiedenen Zubereitungsarten kommt der große Teil von Uris Rezepten. Uris Kernkonzept lautet: die Gerichte schmecken Uri selbst, alles auf dem Teller mit maximal neun superfrischen Zutaten ist essbar, die Teller sind flach und ästhetisch arrangiert sowie nicht überladen. Anstatt zuviel Salz wird viel mit Gewürzen gearbeitet.

Neben den fantastischen Fischgerichten kommen auch Beilagen und Vor-/Nachspeisen nicht zu kurz, was mich sehr gefreut hat - klassischer Hummus, Falafel, Spinatsalat, gelber Reis, Bruschetta-Variationen, Blumenkohl-Taboulé, Pilzcreme- sowie Kiwisuppe etc. Sehr ansprechend sind bei allen Rezepten die kurzen Einleitungssätze und Erläuterungen zur Tradition und Tipps&Tricks zum Gericht.

Fazit: Ein fesselnd schönes und authentisches Kochbuch eines außergewöhnlichen Menschens, dem die Liebe zum Beruf, der Respekt vor Menschen und Speisen auf jeder Seite anzusehen sind. Eine gelunge Expedition in ein Land, in kulinarische Genüsse und in Uris vielseitige und liebenswürdige Persönlichkeit. Falls ich mal in Akko sein sollte, wäre es mir ein Vergnügen, den Menschen und eines der besten Fisch-Restaurants Israels kennenzulernen!

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