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Veröffentlicht am 29.04.2023

Risse in der Zeit

Das vorläufige Ende der Zeit
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In seinem neuen Roman „Das vorläufige Ende der Zeit“ beleuchtet der Autor und Journalist Berni Mayer die Zeit aus mehreren Perspektiven von Menschen, die die Zeit gerne zurückdrehen möchten und mit ihr ...

In seinem neuen Roman „Das vorläufige Ende der Zeit“ beleuchtet der Autor und Journalist Berni Mayer die Zeit aus mehreren Perspektiven von Menschen, die die Zeit gerne zurückdrehen möchten und mit ihr hadern. Schuld, Schmerz, Traumata und tragische Erlebnisse hindern Artur und Mi-Ra daran, glücklich im Jetzt zu leben – und so lassen sie sich auf dem verlassenen jüdischen Friedhof Słubice zusammen mit dem eigensinnigen Kosmologen Horatio auf eine fantastische Séance ein, die sie mit halluzinogenen Pilzen und einem seltenen Zeitriss zurück in die Vergangenheit wirft.

Die junge Archäologin und Journalistin Mi-Ra kämpft mit innerer Unruhe und Zerrissenheit – sie ist alleinerziehende Mutter und versucht, ihre Traumata aus der Kindheit zu verarbeiten und mit frechen Sprüchen taff zu wirken. Einst aus Korea eingewandert, verlässt der Vater die Familie, um in seine Heimat zurückzukehren und lässt Mi-Ra mit Mutter, Bruder und Verletzungen von seinen Prügelattacken zurück. Und auch mit ihrem Ex-Freund und Vater ihres Sohnes verbindet sie etwas Toxisches. Der Friedhofswärter Artur hingegen muss den tragischen Verlust seiner krebskranken Tochter Mila und das Ende seiner Ehe verkraften. Und während die Beiden sich etwas näherkommen, sendet sie der mysteriöse Verleger Horatio Beeltz nicht nur auf bewegende Trips in die Vergangenheit, sondern stellt ihnen auch die philosophische Frage, welche vergangenen Ereignisse sie tatsächlich ändern wollen und können.

Mit einer modern-flotten, flüssigen Sprache und einigen Bezügen zu musikalischen Titeln ist Bernie Mayer ein unterhaltsamer, guter Roman gelungen, der dennoch stellenweise sein Potenzial nicht vollkommen ausgeschöpft hat. Während Arturs Geschichte des tiefen Verlusts tiefgründig und sehr berührend ausgearbeitet ist, bleiben Mi-Ra und Horatio etwas blass gezeichnet. Dafür besticht Letzterer durch wissenschaftlich sehr interessante Ausführungen über das Wesen der Zeit und wie die Menschen dieses nicht akzeptieren oder verstehen. Lakonischer Humor trifft dabei auf sehr ernste Themen sowie moralische Fragen des Lebens und besonders die Szenerie dieses geschichtsträchtigen Friedhofs ist sehr schön und dicht beschrieben. Manche Dialoge wirken etwas stelzig, während andere vor allem durch Mi-Ras Kommentare eine pfiffige Ironie ausstrahlen.

Insgesamt ein melancholisch-nachdenklicher Roman mit Ansätzen aus der Philosophie und Wissenschaft, der trotz Zeitreise- und Paralleldimensionen gut verständlich bleibt und solide unterhält – und der trotzdem etwas an der Oberfläche pendelt.

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Veröffentlicht am 27.04.2023

Myriaden von Kreisen

Going Zero
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Der neuseeländische Schriftsteller und Drehbuchautor Anthony McCarten hat mit seinem neuen, filmreifen Politthriller „Going Zero“ eine höchst spannend-rasante und packend konstruierte Geschichte mit sehr ...

Der neuseeländische Schriftsteller und Drehbuchautor Anthony McCarten hat mit seinem neuen, filmreifen Politthriller „Going Zero“ eine höchst spannend-rasante und packend konstruierte Geschichte mit sehr aktuellen Themen verstrickt – KI, Datenschutz, der gläserne Bürger und mächtige, machthungrige Konzerne.

In einem groß angelegten Betatest-Projekt der Tech-Firma WorldShare von Milliardär Cy Baxter versuchen zehn Zero-Kandidaten 30 Tage lang vom Daten-Radar unterzutauchen, um nicht aufgespürt zu werden – als Preisgeld winken 30 Millionen steuerfreie Dollar. Aber auch bei Cy Baxter geht es um sehr viel: Schnappt er mit seiner Fusionszentrale und Top-Suchtruppen alle Zeros, geht er einen milliardenschweren Deal zur digitalen Überwachung mit der US-Regierung sowie dem CIA ein. Mit seiner Firma besitzt er bereits unzählige persönliche Daten von Menschen weltweit.

Auch abwechselnden Perspektiven beleuchtet McCarten dieses fulminante und wendungsreiche Katz-und-Maus-Verfolgungsspiel – dabei sind manche Versuche der Zeros, der Überwachung zu entkommen sehr grotesk-humorvoll, während sich Zero-Kandidat und Bibliothekarin Kaitlyn Day als äußerst raffiniert und sehr gut vorbereitet entpuppt. Mit Kniff und Tricks entgeht sie den Zugriffen der Baxter-Gruppe, versteckt sich unter anderen in Wäldern und Stück für Stück wird ihre eigene Geschichte und Mission dahinter aufgerollt. Cy Baxter hat sie immens unterschätzt, doch er ist bereit, mit gefährlichen und unlauteren Mitteln zu kämpfen.

„So ein Menschenleben – alles, was jemand tut, was er kauft, zieht seine Kreise, Myriaden von Kreisen ... “ (S. 150)

Mit erschreckend realitätsnahen Fakten zur technologischen KI-Überwachung wie Social Media, Kameras, Telefondaten, Krankenakten, Fotos, Kontobewegungen, persönliche Biografien sowie Geschmacksvorlieben etc. und einem unglaublich szenischen Gespür für Details, Stimmungen und Schauplätze hat Anthony McCarten einen soghaft-temporeichen und mitreißenden Thriller entworfen, der kaum aus der Hand zu legen ist. Der twistreiche und gesellschaftskritische Plot ruft nach einer schnellen Verfilmung und einen oberen Rang auf der Bestseller-Liste – und öffnet mit bester Unterhaltung verblüffend die Augen, wie Tag für Tag im Internet Myriaden an Daten von uns allen gesammelt werden.

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Veröffentlicht am 17.04.2023

Von Bilchen und Eulen

Lebendige Nacht
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Mit viel Liebe zu skurrilen und lehrreichen Details entführt die Wildbiologin Sophia Kimmig in ihrem Sachbuch „Lebendige Nacht“ sehr unterhaltsam in die aufregende, tierische Dunkelwelt. Aufgeteilt in ...

Mit viel Liebe zu skurrilen und lehrreichen Details entführt die Wildbiologin Sophia Kimmig in ihrem Sachbuch „Lebendige Nacht“ sehr unterhaltsam in die aufregende, tierische Dunkelwelt. Aufgeteilt in zehn Kapiteln kommen dabei vor allem feinfühlig-genaue Beschreibungen der nachtaktiven Tiere wie Bilche, Eulen, Fledermäuse, Waschbären und Nachtfalter vor – die Autorin mahnt aber zudem mit präzisen Erläuterungen die Lichtverschmutzung und zunehmende Lebensraumverdrängung an und bietet einen Diskurs in die Ambivalenz zwischen Licht und Dunkel.

Dass die dunkle Parallelwelt soviel an Kuriositäten zu bieten hat, ist verblüffend – Haselmäuse, die ihre Schwänze als Schlafsack nutzen, Federschwanz-Spitzhörnchen, die sich jede Nacht zu einem Gewächs schleichen, das sie betrunken macht oder Tiefsee-Fische, die in der Dunkelheit kleine Taschenlampen haben. Sophia Kimmig ist ihre Leidenschaft an ihrem Beruf empathisch anzumerken – und so webt sie humorvolle Details mit ernsten Themen gekonnt zusammen und die Schilderungen der Nachtfalter-Gewände sowie dem nächtlichen Kulturgut hat feinsinnig-poetische Züge. Faszinierend sind die vielen wissenschaftlichen Fakten und Ausstattungen der Nachttiere, von dem sich die Menschen so einiges für die Technik abgeschaut haben – so haben die Nachtfalter einen so feinen Geruchssinn, dass sie als Vorlage für Sprengstoffdetektoren dienen und sogar aufregende Abwehrmechanismen gegen den unglaublichen Sonar der Fledermäuse entwickelt haben.

Abgerundet werden die anschaulich erzählten Kapitel mit Fun Facts, schönen Zeichnungen und Schwarz-Weiß-Fotos der Tiere – für mehr Bilder der Tiere ermuntert die Autorin ihre Leser zum Googeln. Sophia Kimmig ist eine begeisterte Entdeckerin der Dunkelwelt sowie fantasiereiche Erzählerin ihrer wissenschaftlichen Entdeckungen und Anekdoten. Die verschiedenen Tiere werden auf den rund 270 Seiten mit bewegendem Epilog verständlicherweise nur angerissen – aber wer nach den zahlreichen Informationen mehr Lust bekommt, ein Tier tiefer zu entdecken, hat bestimmt nach der Lektüre den Elan selbst in die Nacht zu wandern oder sich aus dem umfangreichen Anhang zu informieren.

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Veröffentlicht am 12.04.2023

Ursprung des Lebens

Der weiße Fels
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Mit detaillierter Erzählfinesse spannt Anna Hope in ihrem neuen Roman „Der weiße Fels“ einen weiten zeitlichen Bogen in der Menschheit, in dem der mystische, heilige Fels Piedra Blanca in Mexiko das Zentrum ...

Mit detaillierter Erzählfinesse spannt Anna Hope in ihrem neuen Roman „Der weiße Fels“ einen weiten zeitlichen Bogen in der Menschheit, in dem der mystische, heilige Fels Piedra Blanca in Mexiko das Zentrum bildet. Vier unterschiedliche Geschichten thematisieren persönliche Veränderungen, aber auch Verschleppung, Kolonialisierung und die Klimakatastrophe, während die Felsformation im Meer zur mythischen Projektionsfläche der verschiedenen Charaktere und Wünsche wird.

Kurz nach Beginn der Corona-Pandemie fährt eine Schriftstellerin mit ihrer kleinen Tochter und Noch-Ehemann in einer Gruppe zu dem Ort, an dem ihr vor einigen Jahren eine Zeremonie zur Fruchtbarkeit verholfen hat. Nun will sie dort ein Opfer ablegen, doch ihre Gedanken kreisen rund um persönliche und globale Krisen sowie um kulturelle Aneignung. In der anderen Geschichte sucht Musikstar Jim Morrison im felsennahen Fischerort San Blas 1969 nach Erholung und Abgeschiedenheit – Drogen und Alkohol zerstören ihn und wie in einem Fiebertraum irrt er high umher, kann aber seine inneren Dämonen nicht abschütteln. In den bewegenden und packenden Kapiteln über zwei gewaltvoll verschleppte Mädchen des indigen Yoeme-Stamms im Jahre 1907 und über einen spanischen Leutnant im Jahre 1775 geht Anna Hope weit in der Zeitschiene zurück, spickt aber jede Geschichte mit sehr viel Genauigkeit und erzählerische Tiefe. Während sie bei den Yoeme sehr mythisch wird, schildert sie das Leben und Zweifeln des Leutnant mit vielen zeithistorischen Details aus der Eroberungsgeschichte.

Jeder der Protagonisten schaut hoffnungsvoll oder mit innerem Schmerz auf den weißen Felsen und sieht etwas anderes in ihm – und so sehen die Fels-Zeichnungen zwischen den Kapiteln auch immer verschieden aus, bevor in der Mitte der Fels selbst zu Wort kommt und die Geschichten in anderer Reihenfolge weitergehen. Für die Wixárika ist dieser Ort der Ursprung des Lebens und Anna Hope zeichnet in ihrem klugen, feinfühlig-tiefsinnigen Roman viele Facetten des Menschseins über 250 Jahre auf. Dabei ist ihr nicht jeder der vier Erzählstränge gleich gut gelungen, aber ihr dichtes Einfühlungsvermögen und literarisches Talent bleiben ohne Zweifel sichtbar. Mit sprachlicher Wucht zeigt die Autorin auf brisante Themen der menschlichen Grausamkeit unserer und der vergangenen Zeit – und der unverrückbare, weiße Fels war stets Zeuge und Zufluchtsort im Echo der Zeit.

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Veröffentlicht am 28.03.2023

Das magische Dritte

Wasserzeiten
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Kristine Bilkau geht in ihren feinfühligen, klugen und teils sehr persönliche Essays „Wasserzeiten“ ihrer eigenen Schwimmbiografie, aber auch ihrer tiefen Liebe zum Wasser nach. Dabei verwebt sie präzise ...

Kristine Bilkau geht in ihren feinfühligen, klugen und teils sehr persönliche Essays „Wasserzeiten“ ihrer eigenen Schwimmbiografie, aber auch ihrer tiefen Liebe zum Wasser nach. Dabei verwebt sie präzise komponiert verschiedenste literarische Querverweise ein, die schön akzentuiert in persönliche Erfahrungsmomente und versiert recherchierte Fakten über das Schwimmen ineinanderfließen.

Am Anfang und am Ende der Reflexionen steht dabei das Gedicht „The Third Thing“ von D. H. Lawrence im Vordergrund – dieser schreibt lyrisch über das unergründliche, geheimnisvolle Dritte, das sich im H²O verbirgt und die Menschen glücklich macht. Nicht nur das Dopamin und Seratonin, das beim Eistauchen oder langem Schwimmen ausgeschüttet wird, auch das Einssein mit diesem Element und den Menschen, die sich darin begeben, beschreibt Bilkau sehr feinsinnig und mit wunderschönen Sprachbildern – immer auf der Suche nach diesem geheimnisvollen dritten Element, das sich nicht richtig greifen lässt und dabei tiefsinnige Interpretationen mit Spielraum für eigene Gedanken zulässt.

Bewegend-berührende Momente in ihrem Leben wie die Angst beim Muttersein, das fehlende Vertrauen in den eigenen Körper oder der verstorbene Vater, ein Seemann, der ihr das Schwimmen beigebracht hat, fügen sich in informative Fakten über die Kulturgeschichte des Schwimmens. Feminismus, Gesundheit, Sozialgefüge und die Bedeutung eines glitzerndes Pools in Literatur und Film sind Themen dieses Essays, der untergliedert in kurzen Kapiteln nie das Menschsein an sich aus den Augen verliert. Auch verbindet Bilkau assoziativ, was der Schreibprozess und das Schwimmen für sie gemeinsam haben.

Kristine Bilkau schreibt unverwechselbar elegant, empathisch und weise – federleicht und unterhaltsam verknüpft sie eigene Schwimmerfahrungen, Sehnsuchtsbadeorte oder Badeoutfits im Schwimmband und im Meer mit der großen Geschichte des Schwimmens und spannenden literarischen Einblicken. Ein schmales, aber sehr gelungenes Buch!

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