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Veröffentlicht am 06.08.2025

Sprache des Schweigens

Wohin du auch gehst
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Die britisch-kongolesische Schriftstellerin Christina Fonthes verflechtet in ihrem gelungenen und lesenswerten Debüt „Wohin du auch gehst“ auf sehr eindringliche, berührende Weise den miteinander verwobenen ...

Die britisch-kongolesische Schriftstellerin Christina Fonthes verflechtet in ihrem gelungenen und lesenswerten Debüt „Wohin du auch gehst“ auf sehr eindringliche, berührende Weise den miteinander verwobenen Lebensweg zweier kongolesischer Frauen auf verschiedenen Zeitebenen und Kontinenten. Dabei thematisiert sie authentisch, intensiv und bewegend, was es heißt, queer und PoC zu sein sowie die stille Macht jahrzehntelangen Schweigens und von weitergebenen Traumata.

Die junge Mira wächst unter wohlhabenden Umständen in Gombe, Kinshasa auf – als sie sich in den 1980er-Jahren in einen Straßenmusiker verliebt, versucht die angesehene Familie diese Liebe unter allen Umständen zu verhindern. Anfang der 2000er-Jahre lebt Bijoux in London bei ihrer nun streng religiösen Tante Mireille (Mira), nachdem sie mit 12 Jahren den Kongo verlassen musste. Als sie sich in eine Frau verliebt, ist Mireille sowie die traditionelle Kirchengemeinde empört und Bijoux soll mit einem Mann verheiratet werden.

Feinfühlig und gekonnt wechselt Christina Fonthes zwischen den Zeiten und Innenwelten ihrer Protagonistinnen, die abseits ihrer Heimat ihre afrikanische Identität nur innerlich zerrissen und bruchstückhaft integrieren können. Packend bis zum Schluss schildert sie den Ausbruch aus familiären Verstrickungen, Konventionen sowie strengen Glaubensgemeinschaften und zeigt mit vielen zeithistorischen Rückblenden auf, wie aus Mira die verbittere Mireille geworden ist. Und wie kraftvoll es sein kann, einen Weg aus dem Schweigen in eine gemeinsame Sprache zu finden. Ein kraftvolles, soghaftes und empfehlenswertes Debüt!

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Veröffentlicht am 03.06.2025

Die Abgehängten

Der Kaiser der Freude
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Nach seinem weltreich erfolgreichen Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ veröffentlichte Ocean Vuong ein Gedichtband – nun hat er seinen zweiten Roman „Der Kaiser der Freude“ geschrieben, in dem ...

Nach seinem weltreich erfolgreichen Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ veröffentlichte Ocean Vuong ein Gedichtband – nun hat er seinen zweiten Roman „Der Kaiser der Freude“ geschrieben, in dem er seinen jungen Protagonisten Hai zwischen Hoffnung, Tristesse und menschlichen Zusammenhalt in einer trostlosen US-Provinzstadt pendeln lässt.

Der junge Studienabbrecher mit vietnamesischen Wurzeln Hai will sich eigentlich von einer Brücke in der fiktiven Kleinstadt East Gladness in Connecticut stürzen – da halten ihn die Rufe der 82-jährigen Grazina auf. Sie ist vor längerer Zeit aus Litauen eingewandert, an Demenz erkrankt, braucht allerhand Medikamente und sucht in ihrem Haus Unterstützung im täglichen Ablauf. Kurzerhand bilden die beiden ein Gespann und Hai zieht ein – seiner Mutter gaukelt er am Telefon vor, noch zu studieren, aber er sucht sich einen Job im nahegelegenen Schnellrestaurant. Dort trifft er auf weitere von der Gesellschaft „abgehängten“ Menschen, die zwar alle vom Leben gebeutelt sind und ihre Schrullen haben, aber gemeinsam ein stützendes Team bilden. Bei Grazina kommen nachts die Geister der Vergangenheit halluzinatorisch zutage, die sich mit ihrer Demenzkrankheit vermischen – hier versucht Hai zu beruhigen und gemeinsam bilden sie ein Gespann, das Halt im Gegenüber und im Geschichten erzählen findet. Denn auch Hai kämpft mit den Traumen seiner Vergangenheit, die von Opioidsucht und dem Verlust eines nahen Freundes geprägt ist – bewegende Rückblenden bringen ihn zudem in sein Heimatland zu der schizophrenen Großmutter.

Ocean Vuong ist sehr sprachgewandt und lyrisch – einzigartige Metaphern, in denen sich die Natur und die Stadt gleichsam spiegelt, treffen auf menschliche Zerrissenheit. Dass die Geschichte nicht ins Kitschige überdriftet, meistert der Autor mit seinem klugen Humor und seiner einfühlsamen Poesie – gekonnt navigiert er durch tiefe Traurigkeit und absurd-komischen Erlebnissen. Auf knapp über 500 Seiten hat Ocean Vuong einen sehr lesenswerten Bildungsroman entworfen, der neben der facettenreichen Selbstfindung des Protagonisten im Außen zahlreiche Themen aufgreift: die Opioidkrise in den USA, der harte Arbeitsmarkt im Kapitalismus, Einwanderung in die USA, industrielle Tierschlachtung, Mental Health, Queerness, Kriegstraumata, Abnabelung von der Familie, ohne die Wurzeln zu verlieren.

Zwischen viel Hoffnungslosigkeit in prekären Verhältnissen leuchtet immer wieder die Freude über das Leben in diesem empfehlenswerten Roman – und Ocean Vuong jongliert bravourös und mit viel Erzählfreude durch die scharf beobachtenden Augen seines Protagonisten durch diese Höhen und Tiefen in der amerikanischen Provinzstadt.

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Veröffentlicht am 09.04.2025

Dear Mascha

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Sarah Lorenz verwebt in ihrem eindringlichen Debütroman „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ die schmerzhafte Vergangenheit ihrer jungen Ich-Erzählerin Elisa mit der zauberhaften Lyrik der ...

Sarah Lorenz verwebt in ihrem eindringlichen Debütroman „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ die schmerzhafte Vergangenheit ihrer jungen Ich-Erzählerin Elisa mit der zauberhaften Lyrik der Dichterin Mascha Kaléko. Intensiv, poetisch und ergreifend zeichnet sie dabei einen brüchig-traumatischen Lebenslauf auf, der durch die Liebe zu Büchern und Sprache am Ende Heilung sowie Lebensmut erfährt.

Elisa war lange eine Getriebene auf der Flucht vor ihrem lieblosen Elternhaus und kalten Mutter – nach Stationen im Jugendheim obdachlos, gerät sie an die falschen Menschen, an Drogen und Alkohol. Ihre Seele ist verwundet sowie innerlich zerrissen und in assoziativen Rückblicken schildert Sarah Lorenz einfühlsam-emotional den Leidensweg von Elisa, ohne rührselig zu werden. Die Kombination aus Gedichten von Mascha Kaléko mit den packenden Monologen der Protagonistin, die sie gedanklich an Mascha richtet, entfaltet einen bewegenden Sog in die turbulente Gefühlswelt einer Frau, die hart und zugleich sanft auf ihr jüngeres Ich schaut und ausgiebig reflektiert.

Auch wenn viele schwierige Themen wie Missbrauch, Mental Health und Gewalt direkt zum Ausdruck kommen, versprüht der Roman in rhythmischer Sprache viel Tröstliches und macht große Lust, das Werk der verstorbenen Dichterin zu erkunden. Ein empfehlenswerter, gefühlsbetonter Roman, der die Kraft von Freundschaft und Büchern feiert.

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Veröffentlicht am 15.11.2024

Die verletzte Frau

Unversehrt. Frauen und Schmerz
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Die Journalistin Eva Biringer gibt in ihrem essayistischen Sachbuch „Unversehrt“ den Schmerz ihrer Großmutter, ihrem eigenen, aber vor allem den Frauen an sich eine profund recherchierte und bewegende ...

Die Journalistin Eva Biringer gibt in ihrem essayistischen Sachbuch „Unversehrt“ den Schmerz ihrer Großmutter, ihrem eigenen, aber vor allem den Frauen an sich eine profund recherchierte und bewegende Stimme zum Thema Schmerz – dabei wird beim eindringlichen Lesen klar, dass die Geschichte des weiblichen Schmerzes bis heute von vielen Verletzungen und patriarchalischem Übergehen geprägt ist. Unversehrt und ernst genommen bleiben die wenigsten Frauen – eher werden sie in die psychosomatische (früher gar hysterische) Schublade gesteckt, bevor eventuell nach vielen Jahren eine weiterführende, ärztliche Diagnostik erfolgt.

Mit der persönlichen Geschichte der schmerzgeplagten und mit Benzodiazepinen ruhig gestellten Großmutter beginnt das packende Buch und sie dient auch als roter Faden – daneben spannt Eva Biringer einen weiten, lehrreichen Bogen um die Betrachtung des Phänomens Schmerz aus gesellschaftlicher, kultureller, wissenschaftlicher Sicht und sogar im kunsthistorischen Kontext: Von der leidenden Maria Mutter Gottes bis hin zur Performancekünstlerin Marina Abramović.

Strukturiert und klar im sprachlichen Ausdruck arbeitet die Autorin mit vielen Quellen, Studien und Verweisen auf andere Autor*innen, welche am Ende im umfangreichen Anhang aufgelistet werden. So dienen beispielsweise die essayistischen Schriftstellerinnen Elinor Cleghorn und Leslie Jamison als Vorbilder und Verfasser wichtiger Werke in diesen Themengebieten.

Die Vielzahl an Betrachtungsweisen, Themen und Reflexionen packt Biringer in eine flüssig-unterhaltsame Sprache – stellenweise ist diese wütend, humorvoll oder einfach analystisch, aber immer intensiv, feministisch und scharfsinnig.

„Unversehrt“ ist eine kluge, gesellschaftskritische Analyse und macht am Ende nachdenklich bis wütend. Überfällig und sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 13.10.2024

Komplexe Zeitreise

Antichristie
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In Mithu Sanyals neuem vielschichtigen und Buchpreis nominierten Roman „Antichristie“ wird mit zahlreichen Dialogen und Diskursen die Kolonialisierung Indiens durch die Engländer sowie die Auswirkungen ...

In Mithu Sanyals neuem vielschichtigen und Buchpreis nominierten Roman „Antichristie“ wird mit zahlreichen Dialogen und Diskursen die Kolonialisierung Indiens durch die Engländer sowie die Auswirkungen in der Gegenwart auf allen Seiten beleuchtet – dabei geht es humorvoll, diskussionsfreudig sowie zeitübergreifend zu.

Die 50jährige, deutsch-indische Drehbuchautorin Durga will im Jahr 2022 die Asche ihrer Mutter Lila, die zeitlebens ihr Leben dem indischen Befreiungskampf verschrieben hat, verstreuen, als der Wind sie wieder zurückweht und knirschend zwischen ihren Zähnen landet. Noch in diesem Augenblick spricht sie sich mit dem Drehbuchkollektiv in London ab – ein Agatha-Christie-Film soll politisch korrekt umgeschrieben werden. Durga reist nach London und erlebt den Tod der Queen Elizabeth, während die Crew eine geeignete PoC-Person des Detektivs Poirot sucht und heiß über das postkoloniale Drehbuchschreiben diskutiert.

Auf einer zweiten Zeitebene wird Durga magisch als junger Mann in das Jahr 1906 katapultiert und erlebt im India House hautnah den gewaltvollen indischen Widerstands gegen die britische Kolonialmacht: Zwischen den Revolutionären Mahatma Gandhi sowie seinen weniger bekannten Kontrahenten tobt ein bitterer Kampf, der am Ende einen Toten fordert und Sherlock-Holmes-mäßig aufgeklärt werden muss.

Mithu Sanyal packt eine lehrreich-unterhaltsame Mixtur an Diskursen und Spielorten in ihren 500-Seiten starken Roman – ein ausführliches Personenregister schafft den nötigen Überblick und das Nachwort zeugt von einer immensen Recherchearbeit der realhistorischen Personen. Und doch wirkt der Plot mit seinen facettenreichen Erzählsträngen voller Bezüge und Verweisen stellenweise überfrachtet und der Erzählstil leicht belehrend-didaktisch. Sanyals Stärke liegt darin, immer wieder schwarzen Humor und erhellenden Witz aufblitzen zu lassen, damit die unterhaltsam-sprudelnde Lehrstunde über Kolonialismus, Erinnerung und Geschichtsschreibung trotzdem lesenswert bleibt und der zeitgenössische Roman in seiner Gänze sehr außergewöhnlich und einfallsreich geworden ist.

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