Platzhalter für Profilbild

bedard

Lesejury Profi
offline

bedard ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit bedard über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.06.2026

Starke Idee, falsche Richtung

Mit anderen Augen
0

Als ich mit Mit anderen Augen begonnen habe, war ich sofort begeistert. Selten hat mich ein Roman so schnell gepackt. Die Idee, dass Frauen im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar werden, hätte mich normalerweise ...

Als ich mit Mit anderen Augen begonnen habe, war ich sofort begeistert. Selten hat mich ein Roman so schnell gepackt. Die Idee, dass Frauen im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar werden, hätte mich normalerweise eher abgeschreckt, weil sie so unrealistisch klingt. Doch gerade die Tatsache, dass bei Tilda zunächst nur ein kleiner Finger verschwindet, macht den Einstieg überraschend glaubwürdig. Die Autorin verbindet diese ungewöhnliche Prämisse geschickt mit einer sehr realen Erfahrung vieler Frauen: dem Gefühl, mit zunehmendem Alter gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen zu werden.

Besonders gelungen fand ich dabei den feinen Humor, die klugen Kapitelüberschriften und die vielen Beobachtungen zu Rollenbildern, Erwartungen und Diskriminierung. Trotz aller Leichtigkeit steckt gerade zu Beginn viel Gesellschaftskritik in der Geschichte, und immer wieder gab es Sätze, über die ich länger nachgedacht habe.

Auch Tildas erste Reaktionen auf ihre Diagnose wirkten auf mich nachvollziehbar und menschlich. Dass sie nicht immer vernünftig oder vorbildlich handelt, machte sie als Figur glaubwürdig. Die Selbsthilfegruppe, ihre Freundschaften und die Begegnungen mit anderen Betroffenen eröffneten zudem spannende Perspektiven auf das zentrale Thema.
Leider hat das Buch für mich im weiteren Verlauf zunehmend an Stärke verloren. Aus der gesellschaftskritischen Geschichte über Sichtbarkeit, Selbstwert und weibliche Rollenbilder wurde immer mehr eine Mischung aus Liebesgeschichte, Selbstfindungsroman und spirituellem Heilungsweg. Gerade dieser Wandel hat mich enttäuscht, weil die Ausgangsidee so viel Potenzial hatte.

Besonders kritisch sehe ich die starke Betonung von Meditation, Selbstheilung und innerer Transformation als Lösung tief verwurzelter Probleme. Natürlich können solche Ansätze hilfreich sein, aber hier wirkte vieles auf mich zu einfach und zu schnell. Vor allem die Vorstellung, langjährige Verletzungen und Traumata ließen sich innerhalb kurzer Zeit auflösen, erschien mir wenig überzeugend. Auch die Liebesgeschichte konnte mich nicht wirklich überzeugen. Sie wirkte auf mich eher wie ein zusätzlicher Handlungsstrang, den die Geschichte nicht gebraucht hätte.

Dabei gab es bis zum Schluss immer wieder Elemente, die mir gefallen haben: den Humor, die unterschiedlichen Frauenfiguren, die Freundschaften und einzelne starke Szenen. Umso mehr bedauere ich, dass der Roman den Fokus auf sein eigentlich spannendes Kernthema zunehmend verliert.

Für mich fühlt sich Mit anderen Augen deshalb an wie zwei verschiedene Bücher in einem. Der Anfang verspricht eine kluge, feministische Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Unsichtbarkeit, während die zweite Hälfte eher in Richtung Wohlfühlroman mit Happy End geht. Beides für sich genommen hätte funktionieren können, doch die Verbindung der beiden Ansätze hat mich letztlich nicht überzeugt.

Schade um eine wirklich großartige Grundidee, die für mich deutlich mehr Tiefe und Konsequenz verdient hätte.

Veröffentlicht am 25.06.2026

Wer ist eigentlich "The Artist?"

The Artist
0

Zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erhält der junge Journalist Joseph Adelaide die Gelegenheit, den berühmten Maler Édouard Tartuffe zu interviewen. Auf der Suche nach einem Neuanfang reist ...

Zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erhält der junge Journalist Joseph Adelaide die Gelegenheit, den berühmten Maler Édouard Tartuffe zu interviewen. Auf der Suche nach einem Neuanfang reist er in die sonnenüberflutete Provence. Doch unter der scheinbaren Leichtigkeit des Sommers wirken die Folgen des Krieges noch nach.

Der Einstieg fiel mir trotz des schönen, atmosphärischen Schreibstils nicht ganz leicht. Die Handlung entwickelt sich eher langsam und erfordert ein wenig Geduld. Dennoch fand ich die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander spannend. Joseph ist ein sympathischer, aber sehr unsicherer junger Mann, der sich den Launen Tartuffes beugen muss, um sein Ziel – eine große Story – zu erreichen. Ettie erscheint zunächst fast wie ein Dienstmädchen, das kocht, putzt und die Ausbrüche ihres Onkels erträgt. Doch nach und nach zeigt sich, wie klug, ehrgeizig und künstlerisch begabt sie tatsächlich ist.

Besonders gefallen haben mir die Einblicke in die Welt der Malerei. Die Beschreibungen des künstlerischen Arbeitens und die Frage, wem Kreativität und Talent zugeschrieben werden, ziehen sich als roter Faden durch den Roman. Dabei wird auch deutlich, wie schwer es für Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, Künstlerinnen zu sein und als solche ernst genommen zu werden.

Interessant fand ich zudem die Entwicklung Tartuffes. Zunächst wirkt er wie das Klischee des genialen, aber unerträglichen Künstlers. Im Verlauf der Geschichte werden jedoch immer stärker seine Einsamkeit, seine Verletzlichkeit und sein Ringen mit den eigenen Ansprüchen deutlich, sodass die Figur an Tiefe gewinnt.

Mit der Liebesgeschichte zwischen Ettie und Joseph habe ich mich dagegen zeitweise etwas schwergetan. Vor allem im Mittelteil nahm das Hin und Her für meinen Geschmack zu viel Raum ein. Dafür konnte mich das Ende umso mehr überzeugen. Besonders gelungen fand ich, dass Etties Weg nicht in erster Linie von einer romantischen Beziehung geprägt wird, sondern von ihrem Wunsch nach künstlerischer und persönlicher Unabhängigkeit.

Auch der Titel erhält dadurch eine spannende zusätzliche Bedeutung: Wer ist eigentlich „The Artist“? Der gefeierte Tartuffe? Ettie? Oder vielleicht beide? Gerade diese Frage macht den Reiz des Romans aus.

Ein atmosphärisches Debüt mit interessanten Figuren, anschaulichen Einblicken in den Entstehungsprozess von Gemälden und einem Ende, das mich nach einem etwas schwierigeren Mittelteil wieder mit dem Roman versöhnt hat.

Veröffentlicht am 13.05.2026

Geschichte einer starken, modernen Frau in einem traditionellen Dorf

Die Briefträgerin
0

„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone hat mich vor allem durch die besondere Atmosphäre überzeugt. In den Dialogen der Dorfbewohnerinnen und auch im Umgang mit Anna spürt man sofort dieses lebhafte, ...

„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone hat mich vor allem durch die besondere Atmosphäre überzeugt. In den Dialogen der Dorfbewohnerinnen und auch im Umgang mit Anna spürt man sofort dieses lebhafte, herzliche, aber manchmal auch leicht missbilligende Miteinander, das für mich perfekt zum italienischen Dorfleben passt. Genau diese Mischung macht die Geschichte unglaublich authentisch.

1934 zieht Anna mit ihrem Mann Carlo und ihrem Sohn Roberto aus Norditalien in Carlos Heimatdorf Lizzanello in Apulien. Für Carlo ist es ein Heimkommen, für Anna dagegen der Beginn eines Lebens als Außenseiterin. Sie ist selbstbewusst, unabhängig und passt mit ihrer Art nicht in die traditionellen Vorstellungen des Dorfes. Dass sie schließlich sogar als erste Frau die Stelle der Briefträgerin übernimmt, sorgt natürlich für Gesprächsstoff und Widerstand.

Besonders gefallen hat mir, dass der Roman nicht nur Annas persönliche Geschichte erzählt, sondern gleichzeitig ein sehr lebendiges Bild des süditalienischen Dorflebens über mehrere Jahrzehnte zeichnet. Man begleitet die Familie durch Höhen und Tiefen, erlebt Konflikte, Liebe, Verlust, Freundschaften und die vielen kleinen Dynamiken innerhalb der Dorfgemeinschaft. Die Figuren wirken dabei nie eindimensional – jeder trägt seine eigenen Wünsche, Schwächen und Geheimnisse mit sich.

Der Schreibstil ist flüssig und atmosphärisch. Die Autorin beschreibt das Dorfleben und die Menschen so anschaulich, dass man beim Lesen die italienische Hitze und das enge Miteinander fast spüren kann. Trotz der historischen Kulisse wirken viele Themen erstaunlich aktuell, besonders die Frage danach, wie viel Freiheit Frauen zugestanden wird und wie schwer es sein kann, seinen eigenen Weg zu gehen.

Für mich ist „Die Briefträgerin“ eine berührende Familiengeschichte über Mut, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung mit starken Charakteren und viel italienischem Flair. Unterhaltsam und lesenswert!

Veröffentlicht am 13.05.2026

Mehr Anekdoten als Handlung

Mirabellentage
0

Anna ist seit vielen Jahren die Haushälterin des Priesters Josef im kleinen fränkischen Ort Blumfeld. Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, in der sie sich als Außenseiter verbunden fühlten. Inzwischen ...

Anna ist seit vielen Jahren die Haushälterin des Priesters Josef im kleinen fränkischen Ort Blumfeld. Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, in der sie sich als Außenseiter verbunden fühlten. Inzwischen sind sie beliebte und geschätzte Mitglieder der Gemeinschaft geworden; Anna engagiert sich weit über ihre Rolle als Haushälterin hinaus in der Gemeinde.

Doch dann stirbt Josef völlig überraschend mit nur 57 Jahren. Sein letzter Wunsch stellt Anna vor eine Herausforderung: Er möchte seine letzte Ruhestätte im Meer finden. Gleichzeitig muss sie die offizielle Begräbnisfeier organisieren, den neuen Priester willkommen heißen und sich zudem mit ihrer eigenen ungewissen Zukunft auseinandersetzen.

Neben der Gegenwartshandlung beschreibt die Autorin vor allem in zahlreichen Rückblicken und episodischen Anekdoten Annas Leben. Josef spielt dabei keine unbedeutende Rolle, bleibt jedoch eher eine Randfigur. Der Ton ist meist humorvoll, häufig sogar mit einer Tendenz zum Klamauk. Daneben gibt es aber auch einige ernstere Szenen und Begegnungen, die berühren und dem Roman etwas Tiefe verleihen.

Die sehr bildhaften Naturbeschreibungen vermitteln ein lebendiges Gefühl für die Kleinstadt und ihre Umgebung. Ebenso erwecken die teils skurrilen Charakterzeichnungen die Bewohner*innen zum Leben. Über weite Strecken bleibt allerdings offen, wann die Gegenwartshandlung genau spielt – jedenfalls deutlich später, als das Leben in Blumfeld, das Handeln der Figuren und ihre Gedankengänge zunächst vermuten lassen.

Das Verhältnis der beiden Zeitebenen fällt klar zugunsten der Vergangenheit aus. Auch die Handlung bleibt überwiegend in Blumfeld verortet; erst gegen Ende kommt das Meer tatsächlich in Sicht.

Der zweite Roman von Martina Bogdahn nach ihrem großen Erstlingserfolg ist flüssig und leicht lesbar geschrieben. Trotz der ernsten Ausgangssituation handelt es sich jedoch eher um einen Wohlfühlroman, der mich letztlich nicht überzeugen konnte. Ich hätte mir eine stringentere Handlung und mehr Tiefgang gewünscht – dafür weniger episodische Anekdoten und klamaukigen Humor.
Geschmäcker sind bekanntlich verschieden; deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass das Buch durchaus seine Fangemeinde finden wird.

Veröffentlicht am 13.05.2026

Genug Sympathie für den Teufel?

Grüne Welle
0

Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem ...

Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem Blinker und Türen, die sich nicht mehr richtig verschließen lassen, zu ihrem Mann nach Hause. An diesem Abend jedoch zwingt eine Umleitung sie durch die Straßen ihrer früheren Kunststudentinnenzeit. Sie verfährt sich, will an der nächsten roten Ampel wenden – doch alle Ampeln stehen auf Grün.
Was folgt, ist eine scheinbar ziellose Fahrt durch die Nacht, getragen von einem inneren Monolog.

Schüttpelz verzichtet fast vollständig auf Namen und reduziert das Personal auf ein Minimum. Statt Handlung dominiert Reflexion: über das Leben der Protagonistin als Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts und über ihre künstlerische Entwicklung. Dabei entsteht ein konstant unterschwellig bedrohliches Gefühl.

Ein Einschnitt erfolgt im Morgengrauen durch einen Rehunfall – wie vieles in diesem Roman von symbolischer Bedeutung. Später nimmt sie zwei Anhalterinnen mit, eher aus Überrumpelung als aus freier Entscheidung. Als sie nach ihrem Namen gefragt wird, nennt sie sich spontan „Amy“, inspiriert von einem Song von Amy Winehouse. Mit diesem Namen verändert sich auch ihr Verhalten: Sie wirkt offener, interessierter, beinahe befreit. Erst als eine der jungen Frauen ihre Fassade durchdringt, bricht diese Rolle zusammen – und die Protagonistin flieht.

Zentrales Thema des Romans ist Gewalt in Beziehungen, insbesondere in ihrer subtilen, schwer greifbaren Form. Explizit benannt wird die physische Gewalt erst auf Seite 49; bis dahin bleibt sie eine Ahnung. So ergeht es auch der Freundin der Protagonistin: Sie spürt, dass etwas nicht stimmt, begegnet dem Ehemann, der nach außen charmant und kontrolliert wirkt, und gerät dennoch kurz in seinen Bann.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie geschickt toxische Dynamiken verborgen werden und wie schleichend Manipulation das Selbstvertrauen der Betroffenen untergräbt, bis ihnen die Kraft zur Flucht fehlt.

Schüttpelz arbeitet stark mit Symbolen. Nahezu jedes Detail ist bedeutungstragend, besonders die im Radio gespielten Songs. Der Rolling-Stones-Aufkleber zu Beginn findet seine Entsprechung am Ende in „Sympathy for the Devil“ – ein möglicher Wendepunkt, an dem die Protagonistin erkennen könnte, dass ihre „Sympathie“ für den Teufel ein Ende haben muss.

„Großartig“ trifft es, auch wenn das Buch keine leichte Lektüre ist. Die präzise, durchdachte Sprache verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch auf jeder Seite. Die Namenlosigkeit der Figuren unterstreicht dabei die eigentliche Aussage: Diese Geschichte könnte jede treffen.