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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.05.2026

Geschichte einer starken, modernen Frau in einem traditionellen Dorf

Die Briefträgerin
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„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone hat mich vor allem durch die besondere Atmosphäre überzeugt. In den Dialogen der Dorfbewohnerinnen und auch im Umgang mit Anna spürt man sofort dieses lebhafte, ...

„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone hat mich vor allem durch die besondere Atmosphäre überzeugt. In den Dialogen der Dorfbewohnerinnen und auch im Umgang mit Anna spürt man sofort dieses lebhafte, herzliche, aber manchmal auch leicht missbilligende Miteinander, das für mich perfekt zum italienischen Dorfleben passt. Genau diese Mischung macht die Geschichte unglaublich authentisch.

1934 zieht Anna mit ihrem Mann Carlo und ihrem Sohn Roberto aus Norditalien in Carlos Heimatdorf Lizzanello in Apulien. Für Carlo ist es ein Heimkommen, für Anna dagegen der Beginn eines Lebens als Außenseiterin. Sie ist selbstbewusst, unabhängig und passt mit ihrer Art nicht in die traditionellen Vorstellungen des Dorfes. Dass sie schließlich sogar als erste Frau die Stelle der Briefträgerin übernimmt, sorgt natürlich für Gesprächsstoff und Widerstand.

Besonders gefallen hat mir, dass der Roman nicht nur Annas persönliche Geschichte erzählt, sondern gleichzeitig ein sehr lebendiges Bild des süditalienischen Dorflebens über mehrere Jahrzehnte zeichnet. Man begleitet die Familie durch Höhen und Tiefen, erlebt Konflikte, Liebe, Verlust, Freundschaften und die vielen kleinen Dynamiken innerhalb der Dorfgemeinschaft. Die Figuren wirken dabei nie eindimensional – jeder trägt seine eigenen Wünsche, Schwächen und Geheimnisse mit sich.

Der Schreibstil ist flüssig und atmosphärisch. Die Autorin beschreibt das Dorfleben und die Menschen so anschaulich, dass man beim Lesen die italienische Hitze und das enge Miteinander fast spüren kann. Trotz der historischen Kulisse wirken viele Themen erstaunlich aktuell, besonders die Frage danach, wie viel Freiheit Frauen zugestanden wird und wie schwer es sein kann, seinen eigenen Weg zu gehen.

Für mich ist „Die Briefträgerin“ eine berührende Familiengeschichte über Mut, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung mit starken Charakteren und viel italienischem Flair. Unterhaltsam und lesenswert!

Veröffentlicht am 13.05.2026

Mehr Anekdoten als Handlung

Mirabellentage
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Anna ist seit vielen Jahren die Haushälterin des Priesters Josef im kleinen fränkischen Ort Blumfeld. Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, in der sie sich als Außenseiter verbunden fühlten. Inzwischen ...

Anna ist seit vielen Jahren die Haushälterin des Priesters Josef im kleinen fränkischen Ort Blumfeld. Beide kennen sich seit ihrer Kindheit, in der sie sich als Außenseiter verbunden fühlten. Inzwischen sind sie beliebte und geschätzte Mitglieder der Gemeinschaft geworden; Anna engagiert sich weit über ihre Rolle als Haushälterin hinaus in der Gemeinde.

Doch dann stirbt Josef völlig überraschend mit nur 57 Jahren. Sein letzter Wunsch stellt Anna vor eine Herausforderung: Er möchte seine letzte Ruhestätte im Meer finden. Gleichzeitig muss sie die offizielle Begräbnisfeier organisieren, den neuen Priester willkommen heißen und sich zudem mit ihrer eigenen ungewissen Zukunft auseinandersetzen.

Neben der Gegenwartshandlung beschreibt die Autorin vor allem in zahlreichen Rückblicken und episodischen Anekdoten Annas Leben. Josef spielt dabei keine unbedeutende Rolle, bleibt jedoch eher eine Randfigur. Der Ton ist meist humorvoll, häufig sogar mit einer Tendenz zum Klamauk. Daneben gibt es aber auch einige ernstere Szenen und Begegnungen, die berühren und dem Roman etwas Tiefe verleihen.

Die sehr bildhaften Naturbeschreibungen vermitteln ein lebendiges Gefühl für die Kleinstadt und ihre Umgebung. Ebenso erwecken die teils skurrilen Charakterzeichnungen die Bewohner*innen zum Leben. Über weite Strecken bleibt allerdings offen, wann die Gegenwartshandlung genau spielt – jedenfalls deutlich später, als das Leben in Blumfeld, das Handeln der Figuren und ihre Gedankengänge zunächst vermuten lassen.

Das Verhältnis der beiden Zeitebenen fällt klar zugunsten der Vergangenheit aus. Auch die Handlung bleibt überwiegend in Blumfeld verortet; erst gegen Ende kommt das Meer tatsächlich in Sicht.

Der zweite Roman von Martina Bogdahn nach ihrem großen Erstlingserfolg ist flüssig und leicht lesbar geschrieben. Trotz der ernsten Ausgangssituation handelt es sich jedoch eher um einen Wohlfühlroman, der mich letztlich nicht überzeugen konnte. Ich hätte mir eine stringentere Handlung und mehr Tiefgang gewünscht – dafür weniger episodische Anekdoten und klamaukigen Humor.
Geschmäcker sind bekanntlich verschieden; deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass das Buch durchaus seine Fangemeinde finden wird.

Veröffentlicht am 13.05.2026

Genug Sympathie für den Teufel?

Grüne Welle
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Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem ...

Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem Blinker und Türen, die sich nicht mehr richtig verschließen lassen, zu ihrem Mann nach Hause. An diesem Abend jedoch zwingt eine Umleitung sie durch die Straßen ihrer früheren Kunststudentinnenzeit. Sie verfährt sich, will an der nächsten roten Ampel wenden – doch alle Ampeln stehen auf Grün.
Was folgt, ist eine scheinbar ziellose Fahrt durch die Nacht, getragen von einem inneren Monolog.

Schüttpelz verzichtet fast vollständig auf Namen und reduziert das Personal auf ein Minimum. Statt Handlung dominiert Reflexion: über das Leben der Protagonistin als Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts und über ihre künstlerische Entwicklung. Dabei entsteht ein konstant unterschwellig bedrohliches Gefühl.

Ein Einschnitt erfolgt im Morgengrauen durch einen Rehunfall – wie vieles in diesem Roman von symbolischer Bedeutung. Später nimmt sie zwei Anhalterinnen mit, eher aus Überrumpelung als aus freier Entscheidung. Als sie nach ihrem Namen gefragt wird, nennt sie sich spontan „Amy“, inspiriert von einem Song von Amy Winehouse. Mit diesem Namen verändert sich auch ihr Verhalten: Sie wirkt offener, interessierter, beinahe befreit. Erst als eine der jungen Frauen ihre Fassade durchdringt, bricht diese Rolle zusammen – und die Protagonistin flieht.

Zentrales Thema des Romans ist Gewalt in Beziehungen, insbesondere in ihrer subtilen, schwer greifbaren Form. Explizit benannt wird die physische Gewalt erst auf Seite 49; bis dahin bleibt sie eine Ahnung. So ergeht es auch der Freundin der Protagonistin: Sie spürt, dass etwas nicht stimmt, begegnet dem Ehemann, der nach außen charmant und kontrolliert wirkt, und gerät dennoch kurz in seinen Bann.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie geschickt toxische Dynamiken verborgen werden und wie schleichend Manipulation das Selbstvertrauen der Betroffenen untergräbt, bis ihnen die Kraft zur Flucht fehlt.

Schüttpelz arbeitet stark mit Symbolen. Nahezu jedes Detail ist bedeutungstragend, besonders die im Radio gespielten Songs. Der Rolling-Stones-Aufkleber zu Beginn findet seine Entsprechung am Ende in „Sympathy for the Devil“ – ein möglicher Wendepunkt, an dem die Protagonistin erkennen könnte, dass ihre „Sympathie“ für den Teufel ein Ende haben muss.

„Großartig“ trifft es, auch wenn das Buch keine leichte Lektüre ist. Die präzise, durchdachte Sprache verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch auf jeder Seite. Die Namenlosigkeit der Figuren unterstreicht dabei die eigentliche Aussage: Diese Geschichte könnte jede treffen.

Veröffentlicht am 13.05.2026

Alltagsnahe Psychologie mit Tiefgang

Was dein Leben leichter macht
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Meine Erwartungen an "Was dein Leben leichter macht" waren zunächst eher verhalten. Zu oft verbergen sich hinter solchen Titeln vereinfachte Ratgeber mit schnellen Lösungen. Hier ist das jedoch anders. ...

Meine Erwartungen an "Was dein Leben leichter macht" waren zunächst eher verhalten. Zu oft verbergen sich hinter solchen Titeln vereinfachte Ratgeber mit schnellen Lösungen. Hier ist das jedoch anders. Sina Haghiri verfolgt keinen klassischen „So wirst du glücklicher“-Ansatz, sondern lädt dazu ein, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster besser zu verstehen – und genau darin liegt die Stärke des Buches.

Inhaltlich spannt sich der Bogen über verschiedene Lebensbereiche wie Alltag, Psyche, Gesellschaft und Gesundheit. Die Themen sind vielfältig und reichen von ganz konkreten Situationen bis hin zu grundlegenden Fragen darüber, wie wir denken, entscheiden und miteinander umgehen. Vieles wirkt vertraut, und gerade deshalb entsteht häufig ein Moment des Wiedererkennens, der zum Weiterdenken anregt.

Besonders gelungen ist die Art der Vermittlung: Hintergründe werden verständlich erklärt und durch anschauliche Beispiele ergänzt – mal aus der Forschung, mal aus realen Begebenheiten. So bleiben nicht nur die Inhalte besser im Gedächtnis, sondern auch die Bilder und Geschichten, die sie transportieren. Der Stil ist dabei angenehm zugänglich, ohne ins Oberflächliche abzurutschen.

Die kurzen, in sich geschlossenen Kapitel erleichtern es, das Buch in den Alltag zu integrieren. Einzelne Abschnitte lassen sich unabhängig voneinander lesen, ohne dass der rote Faden verloren geht, und liefern dennoch immer wieder neue Impulse. Nicht jedes Thema ist gleich spannend, und stellenweise wirkt die Zusammenstellung etwas unsystematisch – was angesichts der thematischen Breite jedoch kaum überrascht.

Unterm Strich ist es ein Buch, das weniger konkrete Handlungsanweisungen bietet als viel mehr Denkanstöße liefert. Wer sich für psychologische Zusammenhänge interessiert und Lust hat, sich selbst und andere besser zu verstehen, wird hier fündig.
Auch langjährige Profis können hier noch Anregungen für ungewöhnliche Lösungswege finden – insbesondere dann, wenn bewährte Verfahren an ihre Grenzen stoßen. Zudem stellt der Autor aktuelle Forschungserkenntnisse vor, die im professionellen Handeln berücksichtigt werden sollten.

Veröffentlicht am 13.05.2026

Über weibliche Lebensrealitäten und den Wunsch nach dem „schönsten Leben“

Das schönste aller Leben
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Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein eindringlicher Debütroman, der persönliche Geschichte mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Im Zentrum steht Vio, die nach dem Ende der ...

Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein eindringlicher Debütroman, der persönliche Geschichte mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Im Zentrum steht Vio, die nach dem Ende der rumänischen Diktatur mit ihren Eltern aus dem Banat nach Deutschland kommt – und dort früh verinnerlicht, dass Zugehörigkeit oft Anpassung, Leistung und Schönheit voraussetzt.

Gleich zu Beginn des Romans überschattet ein schwerer Unfall das Leben der erwachsenen Vio: Ihre kleine Tochter trägt eine sichtbare Brandnarbe im Gesicht davon. Für Vio steht sofort fest, dass sie das Leben ihres Kindes „zerstört“ hat. Diese Überzeugung zieht sich durch den gesamten Roman. Getrieben von Schuldgefühlen und der Angst vor gesellschaftlicher Bewertung zieht sie sich mit ihrer Tochter immer weiter zurück, meidet die Öffentlichkeit und verliert zunehmend den Zugang zu einem normalen Leben. Erst gegen Ende, mit professioneller Hilfe, öffnet sich langsam wieder ein Weg zurück zu Teilhabe und Selbstakzeptanz.

Das Banat bleibt dabei weit mehr als nur ein Herkunftsort: Es wirkt als emotionale und kulturelle Prägung fort, die sich nicht einfach abstreifen lässt – selbst dann nicht, wenn ein neues Leben längst begonnen hat. Besonders eindrucksvoll zeigt der Roman, wie Migration nicht nur Neuanfang bedeutet, sondern auch Verlust, Entwurzelung und ein ständiges Dazwischen. Diese Erfahrung prägt Vios Selbstbild ebenso wie ihr Verständnis davon, was ein gelungenes Leben eigentlich ausmacht. Die eindringlichen Passagen, in denen die alte Heimat eine eigene Stimme bekommt, verstärken dieses Gefühl noch.

Parallel erzählt Boras die Geschichte von Theresia im 18. Jahrhundert, die unter Zwang ins Banat gebracht wird. Ihre Erfahrungen machen deutlich, dass die Bewertung und Kontrolle weiblicher Körper sowie moralische Zuschreibungen eine lange Geschichte haben. Die Verbindung der beiden Erzählstränge zeigt, wie tief solche Denkmuster über Generationen hinweg weitergegeben werden.

Sprachlich überzeugt der Roman durch seine dichte, bildhafte und oft sehr direkte Art. Die Wechsel zwischen Zeiten und Perspektiven machen die Geschichte vielschichtig, auch wenn sie beim Lesen gelegentlich etwas Konzentration erfordern.

Fazit:
Ein kraftvolles, emotional intensives Debüt über Migration, Mutterschaft und die Last gesellschaftlicher Erwartungen. Besonders die Verbindung von persönlicher Schuldgeschichte, generationenübergreifenden Prägungen und dem Banat als emotionalem Ursprung verleiht dem Roman große Tiefe. Bewegend und absolut lesenswert.