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Veröffentlicht am 18.03.2026

Drei Zeiten, ein Thema: Gewalt gegen Frauen

Spiegelland
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Rebekka Frank hat für ihren Roman „Spiegelland“ mit dem Teufelsmoor eine ausgesprochen faszinierende Landschaft als Schauplatz gewählt. Auch das nahegelegene Künstlerdorf Worpswede und seine Bewohner finden ...

Rebekka Frank hat für ihren Roman „Spiegelland“ mit dem Teufelsmoor eine ausgesprochen faszinierende Landschaft als Schauplatz gewählt. Auch das nahegelegene Künstlerdorf Worpswede und seine Bewohner finden in einer der Zeitebenen Eingang in die Handlung. Erzählt wird eine Familiengeschichte, in der sich Gewalt gegen Frauen wie ein roter Faden durch die Generationen zieht – angesiedelt in den Jahren 1756, 1999 und 2025.

Im Jahr 1756 steht die selbstbewusste und freidenkende Moormagd Aletta vor einer begrenzten Lebenswahl: Heirat oder ein Dasein als unverheiratete Tante im Haushalt ihres Bruders. Andere Perspektiven sind Frauen nicht eröffnet. Obwohl der wohlhabende Stoffer, den sie seit ihrer Kindheit kennt, um sie wirbt, entscheidet sie sich für das entbehrungsreiche Leben an der Seite ihres Bruders und ihrer Schwägerin. Gemeinsam wagen sie den Versuch, ein Stück Moor urbar zu machen und sich dort niederzulassen – gewalttätige Konflikte mit dem Nachbarort und mit Stoffer sind vorprogrammiert.

1999 flieht Cato mit ihrer Tochter Kira vor der Gewalt ihres Ehemannes Sven in das Haus im Moor, das sie kürzlich von ihrer Großmutter geerbt hat. In der Hoffnung, dort unentdeckt zu bleiben, versucht sie, an ihre früheren Erfahrungen als Journalistin anzuknüpfen und für den Lebensunterhalt zu sorgen. Doch früher oder später muss sie sich den rechtlichen Auseinandersetzungen stellen und den Kampf um das Sorgerecht für ihre Tochter aufnehmen.

Im Jahr 2025 hat der 14-jährige Elias etwas getan, das ihn und seine Mutter Kira zutiefst erschüttert. Er flieht zu seiner Großmutter Cato, die ihm ohne Vorbehalte Zuflucht gewährt. Im Moor begegnet er zufällig der gleichaltrigen, sehr reflektierten Tara, mit der er Freundschaft schließt. In Gesprächen mit ihr und seiner Großmutter beginnt Elias, sich zu öffnen und sein eigenes Verhalten zu hinterfragen.

Die Verknüpfung dieser drei Zeit- und Handlungsebenen ist hervorragend gelungen. Motive werden geschickt aufgegriffen und weitergeführt, sodass kaum Brüche entstehen. Besonders eindrucksvoll und informativ ist die Schilderung des harten Lebens von Aletta und ihren Mitstreitern.

Etwas zu positiv wirkt hingegen zunächst Catos Situation unmittelbar nach ihrer Flucht, auch wenn die weitere Entwicklung sowie die rechtlichen Aspekte sehr realitätsnah dargestellt sind. Weniger fesselnd empfand ich den aktuellen Handlungsstrang um Elias, auch wenn er für die Gesamtaussage des Romans eine wichtige Rolle spielt.

Trotz dieser kleineren Kritikpunkte habe ich das Buch sehr gern gelesen und kann mir gut vorstellen, auch weitere Werke der Autorin zu entdecken.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Verlorenheit

Onigiri
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Im Mittelpunkt von Yuko Kuhns Debütroman steht die Ich-Erzählerin Aki, die mit ihrer 70jährigen dementen Mutter Keiko noch einmal gemeinsam in deren Geburtsort Kobe in Japan reist. Keikos hochbetagte Mutter ...

Im Mittelpunkt von Yuko Kuhns Debütroman steht die Ich-Erzählerin Aki, die mit ihrer 70jährigen dementen Mutter Keiko noch einmal gemeinsam in deren Geburtsort Kobe in Japan reist. Keikos hochbetagte Mutter ist vor einiger Zeit gestorben und Aki hofft, dass die bekannten Orte und der bewusste Abschied Erinnerungen bei Keiko wecken und sie selbst mehr über ihre japanischen Wurzeln herausfindet.

Das Unterfangen ist mutig, denn die Beziehung zwischen Aki und Keiko ist weder eng noch frei von Belastungen. Kindheit und Jugend haben Spuren bei Aki und ihrem Bruder Kento bis in deren Erwachsenenleben hinterlassen:
Aki wächst in mehrfacher Hinsicht zwischen zwei Kulturen auf. Sie lebt in Deutschland bei ihrer japanischen Mutter, hat aber einen deutschen Vater, der die Familie bereits sehr früh verlassen hat. Beide Eltern sind psychisch belastet, der Vater hat nach einem Suizidversuch einen längeren Psychiatrieaufenthalt hinter sich. Während Keiko den Kindern materiell wenig bieten kann, sind Akis deutsche Großeltern sehr wohlhabend. Die Kinder werden bei ihren Besuchen mit Geschenken überhäuft. Die emotionale Wärme, nach der Aki sich sehnt, bekommt sie in keiner dieser Welten in ausreichendem Maße.

Der fragmentarische Erzählstil und die Vielzahl der behandelten Themen erfordern gerade zu Beginn etwas Konzentration. Müsste man einen Oberbegriff für das Hauptthema wählen, dann wäre es wohl die Verlorenheit.

Keiko kommt in der freiwillig gewählten deutschen Heimat nicht an. Aber auch in Japan fühlt sie sich mit den starren Regeln nach der zunächst erfahrenen Freiheit in Deutschland nicht mehr heimisch. Sie schätzt die Direktheit der Deutschen, ist aber selbst nicht in der Lage, über ihre Gefühle und Bedürfnisse offen zu sprechen. Aki erinnert sich, dass sie ihre Mutter niemals hat weinen sehen.

Auch nach vielen Jahren in Deutschland hat Keiko keine Freunde, weder japanische noch deutsche. Die Esskultur in ihrem Haushalt bleibt strikt japanisch, die Titel gebenden Onigiri stehen symbolisch für weitaus mehr als nur ein Nahrungsmittel. In diesem Fall ist die Bezeichnung Soulfood absolut zutreffend.

Die spätere beginnende Demenz und die damit verbundenen Momente der Orientierungslosigkeit sowie die schwindenden Erinnerungen sind wieder eine andere Form der Verlorenheit. Das betrifft nicht nur Keiko selbst, sondern auch die Hilflosigkeit und Überforderung, die Aki empfindet, wenn sie die Veränderungen bei ihrer Mutter wahrnimmt.

Auch in Akis Lebensgeschichte spielt die Verlorenheit eine zentrale Rolle. Sie bewegt sich in Deutschland in mehrerer Hinsicht in sehr unterschiedlichen Welten, ist aber nirgendwo richtig Zuhause. Als Jugendliche wünscht sie sich eine „normale“ Mutter, die so ist wie die Mütter ihrer Freundinnen. Gleichzeitig gibt es ein umgekehrtes Mutter-Tochter-Verhältnis, wenn Aki Sorgeaufgaben für ihre Mutter übernimmt, weil diese in Düsternis versinkt.

Zuhause lebt Aki auch in guten Phasen der Mutter in der japanischen Kultur, außerhalb aber in der deutschen. Sie möchte dazu gehören, erfährt aber rassistische Ausgrenzung.

Die Reise mit ihrer Mutter nach Kobe ist für Aki auch deshalb wichtig, weil sie mehr über ihre eigene Familiengeschichte und ihre japanischen Wurzeln erfahren muss.

Am Ende ist zwar nicht alles gut, aber der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart ist ein bisschen versöhnlicher geworden.

Ein sehr lesenswerter Roman!

Veröffentlicht am 21.10.2025

Erschreckend realistische Politsatire

Das Geschenk
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Nach dem großen Erfolg ihres Romans Trophäe hat Gaea Schroeter mit ihrem neuen, nur 138 Seiten umfassenden Buch eine Politsatire veröffentlicht, die angelehnt ist an eine wahre Begebenheit:

Als Reaktion ...

Nach dem großen Erfolg ihres Romans Trophäe hat Gaea Schroeter mit ihrem neuen, nur 138 Seiten umfassenden Buch eine Politsatire veröffentlicht, die angelehnt ist an eine wahre Begebenheit:

Als Reaktion auf die europäische Kritik an Botswanas Regulierung der Elefantenbestände durch Abschuss forderte der damalige Präsident Mokgweetsi Masisi im Jahr 2024 die Bundesregierung auf, 20.000 afrikanische Elefanten aufzunehmen. Zugleich wehrte er sich gegen die neokoloniale Bevormundung.

Im Roman tauchen eines Morgens aus heiterem Himmel Elefanten vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf. Erst nur einzelne, dann werden immer mehr gesichtet. Zunächst weiß niemand, woher sie kommen. Der fiktive Bundeskanzler Winkler erfährt aber bald, dass es sich um ein Geschenk der botswanischen Regierung handelt. Sollten Tiere getötet werden, wird sofort Ersatz geliefert. Zunächst fallen die Reaktionen der Bevölkerung eher positiv aus. Doch bald kommt es zu ersten Konflikten und Unfällen, die Elefanten fressen nicht nur viel, sie scheiden auch entsprechend viel aus.
Das Problem beschäftigt schließlich das gesamte Bundeskabinett, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten werden hin- und hergeschoben. Alles vor dem Hintergrund, dass sich die rechte Opposition das Versagen der Regierung zu Nutze macht. Schließlich wird eine Elefantenbeauftragte eingesetzt, die das Problem entweder lösen soll oder im Falle des Scheiterns die Verantwortung tragen muss.

Die erste Hälfte dieses Romans unterhält mit vielen Seitenhieben auf den Politikbetrieb und auf unschwer zu identifizierende Bundesländer und deren Regierende, die Sonderrechte für sich beanspruchen, wenn es um die Verteilung von Lasten geht. Sehr nah an der Realität ist auch der Umgang mit Frauen und deren Rolle im politischen Machtzentrum.
In der zweiten Hälfte sind die Auswirkungen politischer Entscheidungen deutlicher spürbar. Entscheidungen, die wider besseren Wissens getroffen werden und nur auf kurzfristige nationale Lösungen ohne Rücksicht auf Nachbarn oder globale Konsequenzen zielen. Am Ende steht der fiktive Kanzler vor der Entscheidung, ob er die moralisch richtige Entscheidung trifft, dafür aber seine Wiederwahl gefährdet.

Stilistisch und inhaltlich hat mir der Roman sehr gefallen. Die treffenden Beobachtungen zum Regierungshandeln und die fundierten Kenntnisse über afrikanische Elefanten sind beeindruckend.

Klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Liebenswert unangepasstes Mädchen rebelliert gegen die Realität

Durch das Raue zu den Sternen
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Die dreizehnjährige Arkadia Fink wird von allen Moll genannt und weiß sehr genau, was sie will. Sie möchte berühmt werden, auf einer Bühne stehen und singen. Und sie weiß auch, wie sie das schaffen kann. ...


Die dreizehnjährige Arkadia Fink wird von allen Moll genannt und weiß sehr genau, was sie will. Sie möchte berühmt werden, auf einer Bühne stehen und singen. Und sie weiß auch, wie sie das schaffen kann. Sie muss in den berühmten Knabenchor aufgenommen werden, für den neue Talente in ihrer Dorfschule gesucht werden. Es stört sie nicht, dass sie bei aller Begabung die Grundvoraussetzung nicht erfüllen kann. Ein großer öffentlicher Auftritt wird ihre Mutter zurückholen, die vor fast neun Monaten nur kurz weggegangen ist, das weiß Arkadia sicher.
Denn die Liebe zur Musik hat Mutter und Tochter seit jeher verbunden. Schon als kleines Kind war Arkadia dabei, wenn ihre Mutter komponierte. Von ihr hat sie die Überzeugung übernommen, dass Beethoven eine Frau war, eine große Tondichterin. In dem bayrischen Dorf stießen diese Ideen nur auf Unverständnis. Auch Arkadias Vater, der die Familie kaum mit seinem Verdienst als Schreiner ernähren kann, hatte damit Probleme. Hinzu kamen die ungewöhnlichen und nicht immer ungefährlichen Unternehmungen, die die Mutter mit Arkadia durchgeführt hat.

Der Roman wird konsequent aus der Sicht von Arkadia erzählt. Sie ist eigensinnig, widerspenstig, geht über eigene und fremde Grenzen, aber sie hat auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Für ihr Ziel arbeitet sie verbissen, sie stiehlt und betrügt. Wenn es sein muss, haut sie auch zu. Respekt vor Autoritäten hat sie nicht, den muss man sich bei ihr verdienen. Arkadia ist ein bisschen anarchisch, eine Grenzgängerin. Aber hinter der Fassade ist sie ein Mädchen, das sehr verletzlich ist. Sie lässt niemanden so richtig an sich heran, seit ihre Mutter kurz weggegangen ist. Ihr Vater ist auch keine Hilfe, er arbeitet nicht mehr und weint nur noch in der Werkstatt.

Arkadia schafft es tatsächlich, zu den Chorproben zugelassen zu werden. Aber der Weg auf die große Bühne ist nicht so leicht, wie sie ihn sich vorgestellt hat. Sehr anschaulich wird der Druck beschrieben, dem schon Kinder hinter den Kulissen ausgesetzt sind. Die Proben sind hart, der Ton gegenüber den Kindern ist zumindest Anfang der 1990er verächtlich. Mit der Aussicht auf den großen Auftritt wächst der Konkurrenzdruck unter den Kindern und die Anforderungen und destruktive Kritik des Chorleiters steigen über ein akzeptables Maß hinaus. Außerdem erfüllt Arkadia das entscheidende Kriterium natürlich immer noch nicht. Sie ist und bleibt ein Mädchen.

Mich hat dieser Roman um dieses unangepasste, verletzliche Mädchen sehr beeindruckt. Die Sichtweise einer Dreizehnjährigen ist auch sprachlich absolut glaubwürdig umgesetzt, ohne für ältere Erwachsene zu kindisch zu klingen. Neben der Entwicklungsgeschichte des Mädchens steht die Musik im Vordergrund, insbesondere der Chorgesang. Es ist deutlich zu spüren, dass der Autor über ein sehr profundes Wissen verfügt. Die Benachteiligung von Frauen wird sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Ohne persönliche Erfahrung mit Chorgesang habe ich viel dazu gelernt.

Ein humorvolles, unterhaltsames und tiefgründiges Buch, mit einer liebenswerten Hauptfigur, die ich nicht so schnell vergessen werde.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Gesellschaft der Zukunft?

Gesellschaftsspiel
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Die Schwestern Isabelle und Annika sowie ihre Tante Dagmar verbinden zunächst nur wenige Gemeinsamkeiten. Als Gabi, deren Mutter beziehungsweise Schwester, einen Schlaganfall erleidet und im Sterben liegt, ...

Die Schwestern Isabelle und Annika sowie ihre Tante Dagmar verbinden zunächst nur wenige Gemeinsamkeiten. Als Gabi, deren Mutter beziehungsweise Schwester, einen Schlaganfall erleidet und im Sterben liegt, müssen sich die drei Frauen notgedrungen zusammenfinden.

Annika lebt in den USA und ist aufgrund der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit und rassistischen Tendenzen in Deutschland sehr kritisch gegenüber ihrem Heimatland.
Isabelle ist Lehrerin und alleinerziehende Mutter. Sie ist engagiert, aber auch ständig am Limit durch die Mehrfachbelastungen. Dagmar lehrt an der Uni Soziologie, hat aber in lebenspraktischen Belangen ausgesprochene Defizite.

In die emotional schwierige Situation platzt die Meldung über ein Experiment, das ausgerechnet in ihrer Stadt Weimar stattfinden soll. Der amerikanische Tech-Milliardär und Spiele-Erfinder „Double Z“ hat die geschichtsträchtige Stadt im Osten Deutschlands auserkoren, um ein neues Gesellschaftsmodell per App zu testen. Die BewohnerInnen bestimmen direkt über die App Syndicate mit, schwerfällige Entscheidungsprozesse fallen weg. Eine ganze Stadt wird zum Testfall für die Gesellschaft der Zukunft.

Die Reaktion der drei Frauen fällt ganz unterschiedlich aus. Annika bleibt zunächst eher emotionslos, auch wenn ihr Freund Wang absolut begeistert ist. Dagmar versucht die Idee mit ihrem sozialwissenschaftlichen Hintergrund in allen Facetten zu durchdringen und Isabelle setzt sich gemeinsam mit ihren Schülern mit der App auseinander.

Stilistisch ist der hochaktuelle Roman nicht ganz einfach zu fassen. Das eigentlich emotional belastende Familiengeschehen rückt ein bisschen zu sehr in die Hintergrund. Hinzu kommen die eingestreuten Social Media Posts, die zwar gut zu dem Thema des Romans passen, den Lesefluss aber unterbrechen und bewusst stören.

Trotz einiger Schwächen ist der Roman empfehlenswert aufgrund seiner aktuellen Thematik. Es ist zwar Fiktion, aber erschreckend realistisch und die Handlung regt definitiv zum Nachdenken an.

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