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Veröffentlicht am 01.02.2026

Die dunkle Seite der Lieferdienste

Liefern
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Zusammenfassung
Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die ...

Zusammenfassung


Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die eines gemeinsam haben: Sie leben unter ziemlich prekären Bedingungen und versuchen mithilfe dieser Arbeit finanziell zu überleben.

„Diese verwöhnten, reichen Linken, die können sich das leisten, mitten an einem Arbeitstag. Und wir stecken im Verkehr. Sie spielen Demokratie, wir verlieren Geld.“

Sie arbeiten (mit Ausnahme der letzten Episode) für Lieferdienste auf der ganzen Welt: In Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires. Arbeitsplätze sind knapp und entsprechend umkämpft, Druck und Ausbeutung an der Tagesordnung, vor allem für Geflüchtete und Migrant:innen, Menschen ohne Pass oder ohne Arbeitserlaubnis. Welche Auswirkungen die Arbeit auf ihr Leben hat, ihre Beziehungen und ihre Chancen auf sozialen Aufstieg, davon erzählt dieses Buch.

Bewertung


Ich konnte mich gut in die Situation der Lieferant:innen einfühlen. Auch wenn man aufgrund der Kürze der Episoden nicht sehr tief in ihre Geschichten eintauchen kann, bekommen die Figuren genug Tiefe, sodass man ihnen gerne folgt. Dabei werden sie nicht verklärt, sondern sehr realistisch als ganz normale Menschen dargestellt.
Die Handlung ist teils schwer auszuhalten. Wie sich der Druck und die Ausbeutung am Beispiel der Figuren ganz konkret äußern, ist oft bedrückend. Einige geraten unverschuldet in immer prekärere Verhältnisse, in immer größere Abhängigkeit. Dennoch entsteht unter den Lieferant:innen auch Solidarität, sogar Freundschaften werden geknüpft.

„Diese Akkordarbeit, wo wir per Lieferung bezahlt werden, erzeugt einen andauernden Konkurrenzkampf, jede Lieferung, die ich annehme, fehlt einem anderen Kurier, es basiert auf dem Grundsatz: Jeder Kurier für sich allein und alle gegen alle.“

Diese Menschlichkeit im Angesicht von so viel Unmenschlichkeit gibt mir wiederum Hoffnung und lässt mich die Geschichten etwas leichter ertragen. Das Kapitel in Istanbul hätte kürzer ausfallen dürfen, da hier der Autor als Ich-Erzähler ins Spiel kommt, was für mich der inhaltlich schwächste Teil des Buches war. Die eigentliche Geschichte des Lieferanten aus Istanbul selbst hingegen war für mich der Teil, der mir am nachhaltigsten im Gedächtnis bleiben wird. Die letzte Episode gehört eigentlich thematisch nicht ganz dazu, berichtet aber von einer anderen schlecht zahlenden Branche und einer Person auf der Suche nach einem Job und finanzieller Sicherheit. Auch diese fand ich spannend und toll erzählt.
Dass der Autor und der Erzähler hier bewusst vermischt werden, mag ich nicht so gern, führt aber in diesem Fall für mich dazu, dass die (natürlich trotzdem) fiktionale Geschichte realer wirkt. Was mir wiederum sehr gefällt, ist der nüchterne Stil des Autors. Hier gibt es keine rührseligen Sätze, keine Belehrungen, stattdessen starke, eindrückliche Sätze zu den bitteren und sehr konkreten Auswirkungen von Globalisierung, Kapitalismus und Ausbeutung.

„Wisst ihr eigentlich, warum die Leute Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht.“

Fazit


Alles in allem finde ich das Buch sehr gelungen, klug und eindringlich erzählt. Die Geschichten werden noch lange bei mir nachhallen. Unsere Art zu leben, die Art der privilegierten Menschen, trägt zu diesen Zuständen bei. Wie können wir Teil der Lösung werden? Darüber lohnt es sich, nachzudenken.

Empfehlung


Wer wissen will, was eigentlich hinter diesen Lieferdiensten steckt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Am besten sogar alle, die schon einmal bei einem Lieferdienst bestellt haben oder darüber nachdenken, es zu tun.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Geschichten und Fantasie!

Elf ist eine gerade Zahl
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Zusammenfassung
Katja und Paula sind Mutter und Tochter. Katja ist Lehrerin und alleinerziehend. Paula ist 14, hat Krebs und muss operiert werden. Im Roman begleiten wir Katja für ein paar Tage vor und ...

Zusammenfassung


Katja und Paula sind Mutter und Tochter. Katja ist Lehrerin und alleinerziehend. Paula ist 14, hat Krebs und muss operiert werden. Im Roman begleiten wir Katja für ein paar Tage vor und nach der Operation ihrer Tochter. Sie liebt eigentlich Literatur, hat aber in ihrer aktuellen Situation den Draht dazu etwas verloren.

„Flucht, denkt sie, Bücher waren doch mal meine Zuflucht. Heute sind sie eine Wand, eine Mauer.“

Sie beschließt trotzdem, ihrer Tochter eine Geschichte zu erzählen, um die Zeit um die Operation herum erträglicher zu gestalten und die Verbindung zueinander wieder zu vertiefen. Obwohl Paula sich eigentlich zu alt fühlt, um Geschichten erzählt zu bekommen, lässt sie sich darauf ein und fordert ihre Mutter immer wieder auf, weiterzuerzählen. In der Geschichte, die Katja erzählt, geht es um ein Mädchen und einen Fuchs, die gegen einen übermächtigen Schatten kämpfen. Es gibt natürlich viele Parallelen zu Paulas Situation, dennoch steht sie für sich und macht einen großen Teil des Buches aus.

Bewertung


Katja als Protagonistin ist mir sehr sympathisch. Sie hat z.B. eine Abneigung gegen Spazierengehen und das Konzept der Selbstfürsorge, an dem sie immer wieder scheitert und das sie verflucht. Da wir nur eine gute Woche ihres Lebens begleiten, wird einiges in dem Buch nur angerissen, auch die Hintergründe einiger Figuren skizziert der Autor nur vage. Das mindert das Lesevergnügen für mich überhaupt nicht, denn Katja und ihre Innensicht reichen mir völlig aus. Ihre Überforderung, ihre Angst und ihre Schuldgefühle werden glaubhaft beschrieben. Über Paula erfahren wir, typisch für Teenager, nicht ganz so viel. Das, was wir erfahren, lässt sie aber wie einen ganz normalen Teenager mit (eigentlich) ganz normalem Leben wirken.
Ich konnte schnell in die Handlung eintauchen und mitfühlen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist sehr fein und realistisch gezeichnet, glaubwürdig und gut getroffen. Mich hat beeindruckt, wie die Diagnose ihrer Tochter Katjas Beziehungen und Freundschaften beeinflusst. Katjas Perspektive war dabei für mich immer nachvollziehbar. Besonders bewegt haben mich ihre Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, der verzweifelt in der Alternativmedizin nach Lösungen für seine Enkeltochter sucht.
Die Geschichte in der Geschichte ist eher düster und bedrückend, aber spannend erzählt und gut aufgebaut. Dennoch fand ich den Teil über Katja und Paula interessanter und mochte diese Passagen deutlich lieber. Von den beiden hätte ich gern mehr gelesen.

„Eine Geschichte ist immer eine Möglichkeit.“

Der Stil des Autors hat mir sehr gut gefallen, schnörkellos und in alltagsnaher Sprache, schlau, fantasievoll und mit einer Prise Humor. Darüber hinaus kommt das Buch wirklich völlig ohne kitschige Sätze aus, was extrem selten bei einem solchen Thema passiert. Das finde ich sehr angenehm!
Die Länge des Romans mit gut 300 Seiten hat mir außerdem sehr zugesagt; nach einigen Lektüren mit über 500 Seiten in der letzten Zeit war ich erfreut über eine Geschichte, die sich auch kürzer erzählen lässt und trotzdem dabei nichts verliert.

Fazit


Ein leises Buch, das ein Schlaglicht wirft auf die Eltern von Kindern mit Krebs, ihren Alltag, ihre Kämpfe, ihre Sorgen und ihre Suche nach Antworten, Trost und Sicherheit. Wie wichtig es ist, dass wir Fantasie haben und uns Geschichten erzählen, wird hier ganz bedächtig erzählt. Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben.

Empfehlung


Wer nicht vor einem Buch zurückschreckt, das schwere Erkrankungen von Kindern zum Thema hat, wer Lust hat auf ein toll geschriebenes Buch über Mutter und Tochter, Literatur und Fantasie, könnte sich an diesem Buch erfreuen.

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Veröffentlicht am 31.12.2025

Was ist magischer: Filme oder die Wirklichkeit?

Mr. Saitos reisendes Kino
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Zusammenfassung
Lita wächst in Buenos Aires unter ungewöhnlichen Umständen auf. Sie wird 1928 als uneheliches Kind in einem Kloster geboren. Ihre ersten Jahre verbringt sie mit den Nonnen des Klosters ...

Zusammenfassung


Lita wächst in Buenos Aires unter ungewöhnlichen Umständen auf. Sie wird 1928 als uneheliches Kind in einem Kloster geboren. Ihre ersten Jahre verbringt sie mit den Nonnen des Klosters und wird eher von ihnen als ihrer Mutter Fabiola erzogen, da diese andere Interessen verfolgt. Als ihre Mutter versehentlich zum Symbol für einen Aufstand gegen die Korruption wird und Lita und sie in Gefahr geraten, müssen die beiden fliehen. Wir begleiten Lita durch ihre Kindheit und Jugend auf ihrem Weg durch die Mitte des 20. Jahrhunderts und auf dem Weg nach Norden, nach Kanada, wo sie in einem Seemannsheim auf einer winzigen Insel vor der Ostküste stranden und aufgenommen werden. Hier lernt Lita unter anderem ihre beste Freundin Oona kennen. Eine besondere Rolle spielt natürlich der Namensgeber des Buches Mr. Saito mit seinem reisenden Kino, der die Insel regelmäßig besucht und Filme vorführt.

„Die Magie entsteht, wenn das Licht auf einen Menschen fällt.“

Der Roman handelt vom Leben der Leute auf der Insel, einem abgeschiedenen Mikrokosmos, der es dennoch nicht schafft, sich vor der Weltgeschichte zu verstecken. Es geht um Freundschaft, Liebe, Familie und Erwachsenwerden und natürlich um die Liebe zum Film und zum Kino. Daneben behandelt der Roman aber auch Themen wie Taubheit oder Fremdenfeindlichkeit.

„Schönheit lag in den zerfurchten Gesichtern und in der täglichen Arbeit mit Fischernetzen und Schafsmist. Was für eine Vorstellung, einen kurzen Augenblick in einem so schwindelerregenden Licht stehen zu dürfen.“

Bewertung


Ich bewundere Annette Bjergfeldt für ihren Einfallsreichtum und ihre Kreativität. Die Figuren, die sie erfindet, sind liebevoll und lustig gezeichnet. All ihre Schrullen und ihre Schrägheit sind zwar oft überdreht, aber gleichzeitig Zeugnis von erlebten Verletzungen oder Ängsten und offenbaren dadurch Tiefe, die sie wieder glaubwürdig macht. Man kann gar nicht anders, als die Figuren liebzugewinnen.
Einige Elemente der Geschichte erinnern mich an den magischen Realismus. Glaubwürdiges und Unglaubwürdiges stehen hier direkt nebeneinander. Das gilt nicht nur für die Figuren, sondern auch die Handlung. Wie Lita auf Upper Puffin Island unverhofft eine Familie und ein Zuhause findet, ist zwar ungewöhnlich, aber trotzdem glaubhaft erzählt.

„Manchmal hat der eigene Stammbaum so spärliche Zweige, dass man ihnen ein paar neue aufpfropfen muss.“

Der sprachliche Stil der Autorin hat mir ebenfalls sehr gefallen, klug, etwas poetisch und mit einem ganz zauberhaften Humor. Wie sie das Aufwachsen, die Pubertät und das Erwachsenwerden der Protagonist:innen beschreibt, ist einfach ganz toll gemacht. Als Lita und Oona ihre erste Periode bekommen, nennen sie das z.B. „Unruhen in der Kajüte“. Ab und an gibt es für meinen Geschmack etwas zu schnulzige Sätze am Ende eines Kapitels, aber die gelungenen Sätze sind sowohl quantitativ als auch qualitativ überlegen.

Fazit


Ich habe wirklich jede Seite des Buches genossen und wollte gar nicht, dass es zu Ende geht. Ein zum Glück dickes Buch, perfekt für lange und dunkle Winterabende, an denen man sich mithilfe der Literatur in eine ganz andere Welt flüchten möchte.

Empfehlung


Wer Lust hat auf eine Coming-of-Age- und Familiengeschichte mit schrägen Figuren, die liebevoll und humorvoll erzählt wird, ist hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 09.11.2025

Bedrückend und beeindruckend!

Adama
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Zusammenfassung
Wir begleiten die Schwestern Ruth und Shosh und bekommen über mehrere Generationen hinweg Einblicke in ihre Familiengeschichte. Der Roman spielt in Deutschland, Israel und später in den ...

Zusammenfassung


Wir begleiten die Schwestern Ruth und Shosh und bekommen über mehrere Generationen hinweg Einblicke in ihre Familiengeschichte. Der Roman spielt in Deutschland, Israel und später in den USA. Ruth geht schon früh ins britische Mandatsgebiet Palästina und ist Mitgründerin eines Kibbuz, Shosh folgt ihr nach dem Krieg. Es geht um die Geschichte, Entstehung und Verteidigung Israels, in die auch die Kinder und Kindeskinder der beiden auf die ein oder andere Art verwickelt sind, um Gewalt und den unbedingten Willen, zu überleben und sich zu behaupten. Das Kibbuz ist für Ruth und ihre Familie die neue Heimat, die mit allen Mitteln verteidigt wird. Es soll ihnen endlich die ersehnte Freiheit bieten, in einem sozialistischen Rahmen, in dem die Gemeinschaft über allem und allen steht.
Adama ist die Übersetzung des gleichnamigen Romans aus dem Englischen, der schon 2023 erschien. Es wird als Politthriller, Krimi, Familien- und Generationenroman bezeichnet.

Bewertung


Lavie Tidhar scheint ein Faible für Bücher zu haben, die sich nicht einfach in ein einzelnes Genre stecken lassen. Den o.g. Genres würde ich noch den historischen Roman hinzufügen wollen. Während der Lektüre habe ich immer wieder überlegt, was ich da eigentlich genau lese, und mich auf halber Strecke damit abgefunden, es nicht eingrenzen zu können. Ich mochte es sehr und konnte es kaum aus der Hand legen, weil ich es sehr spannend fand und mit den Figuren mitgelitten habe.
„Mitleiden“ ist allerdings ein wichtiges Stichwort, denn die Geschichte ist das Gegenteil einer Cozy-Familiensaga. Hier wird gelitten und gestorben in den vielfältigsten Varianten. So viel Hass, Tod und Krieg, so viel Schmerz, Verlust und Trauer. Was die Figuren erleben, führt zu einer bedrückenden Sprachlosigkeit.

„Alle waren sie nun hier. Endlich wiedervereint. Und doch trennte sie das Unausgesprochene.“

Jede Figur hat dabei ihren eigenen Umgang mit ihrer Geschichte und ihre eigene Perspektive darauf. Sie werden hart, stumpfen ab, fügen sich oder flüchten. Ihr Leiden ist dennoch auf nahezu jeder Seite spürbar, was die Lektüre nicht leicht macht. Es ist wirklich kein Feel-good-Roman! Dazu ist der Schmerz für die meisten Figuren Motiv bzw. Antrieb für das, was sie tun, und treibt die Handlung voran.

„Aber Ruth war anders, und vielleicht war sie auch immer schon so gewesen. Die Hitze in Palästina hatte sie ihrer weicheren Schichten entkleidet und zu einer unverhüllt scharfen Klinge gemacht.“

Der Autor erzählt die Geschichte in meist knappen Sätzen, nüchtern und reduziert, aber dennoch sehr sprachgewandt. Dass man so tief in die Geschichte eintauchen kann, hat mich ziemlich beeindruckt. Es entfaltet sich hier die Geschichte Palästinas, von der ich höchstens geahnt habe, dass sie existiert. Wie ein Kaleidoskop ermöglichen uns die Figuren Einblicke in die verschiedenen Zeitebenen von 1946 bis 2009.

Fazit


Adama ist keine leichte Lektüre und muss verdaut werden. Es ist eindrücklich geschrieben und bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte Palästinas und der Kibbuzim im 20. Jahrhundert. Mich hat es sowohl formal als auch inhaltlich sehr beeindruckt. Historischer Roman, Familienroman, Krimi, Thriller, hier ist wirklich alles vorhanden und fügt sich nahtlos ein in die Geschichte.

Empfehlung


Wer kein Cozy Crime braucht und sich für die Geschichte Palästinas und der Kibbuzim interessiert, der/die wird hier belohnt mit einem starken Roman mit spannenden Figuren.

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Veröffentlicht am 24.10.2025

Zeitreise mit literarischen Schwächen

Die Frau der Stunde
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Zusammenfassung
Die Autorin Heike Specht ist Historikerin. Vorher hat sie bereits mehrere historische Sachbücher und Biographien veröffentlicht, dies ist ihr erster Roman.
Catharina Cornelius ist Abgeordnete ...

Zusammenfassung


Die Autorin Heike Specht ist Historikerin. Vorher hat sie bereits mehrere historische Sachbücher und Biographien veröffentlicht, dies ist ihr erster Roman.
Catharina Cornelius ist Abgeordnete der liberalen Partei Ende der Siebziger in der BRD. Als sie plötzlich Außenministerin wird, ändert sich ihr Leben auf einen Schlag und sie muss versuchen, sich im Beruf gegen die Widerstände der Männerbünde durchzusetzen und gleichzeitig auf der großen Bühne zu überzeugen. Noch dazu bemüht sie sich, ihr Privatleben, vor allem die Freundschaft zu ihren beiden Freundinnen Suzanne und Azadeh, so gut wie möglich zu erhalten, was sich an einigen Stellen mit ihrer Arbeit überschneidet.

Bewertung


Die Figuren fand ich zu Beginn sehr spannend, aber es gab zu wenig Entwicklung oder Tiefgang. So sind sie mir bis zum Schluss fremd geblieben. Dabei fand ich die Idee toll, die Geschichte aus der Perspektive verschiedener Frauen zu erzählen! Hier wurde meiner Meinung nach Potential verschenkt.
Die Handlung ist grundsätzlich glaubwürdig, vor allem, was die Beschreibung des Zeitgeists betrifft. Der Autorin gelingt es, realistische Situationen zu kreieren, vor allem, was männliches Verhalten Frauen gegenüber betrifft: Wie Männer Frauenkörper bewerten, wie Frauen in der Politik häufig nur an Posten kommen, wenn der Karren tief im Dreck steckt, wie sie immer wieder intellektuell unterschätzt und gönnerhaft belehrt werden. Hier wirken einige Szenen geradezu schmerzhaft real, viele haben natürlich auch Anleihen in der Realität.

„‘Denkst du, ohne mich würdest du jetzt in diesem schönen Büro sitzen?‘ Er blickte sich in dem Raum um, der bis vor ein paar Tagen sein Reich gewesen war.“

Dennoch passiert mir allgemein zu wenig und es gibt nicht genug Spannung. Am Ende der Lektüre hatte ich das Gefühl, gerade eine sehr lange Exposition gelesen zu haben. Eigentlich hätte es jetzt richtig losgehen müssen, stattdessen ist das Buch zu Ende. Auch die Entwicklung bzw. Geschichte vieler Figuren reißt einfach ab.
Stilistisch gibt es einige Ausdrücke, die für mich ziemlich ausgelutscht klingen. Ab und an gibt es aber auch ganz tolle Formulierungen, gerade für die Beschreibung männlicher Figuren:

„Wäre Catharina eine andere Frau, wäre Theo der perfekte Partner. Er machte durchaus was her, war freundlich, loyal und ambitioniert. Aber Gleiches konnte man über einen Border Collie sagen.“

Den historischen Hintergrund empfinde ich als gut getroffen. Sowohl die Szenen in der BRD als auch die zur Situation im Iran finde ich glaubwürdig. Die vielen Zusatzinformationen oder kurzen historischen Rückblicke empfinde ich aber teils als zu viel und zu langatmig. An der Stelle kommt sicher die Historikerin durch, aber in einem Roman brauche ich das nicht. Wer will, kann ja jederzeit googlen. An manchen Stellen beschleicht mich das Gefühl, die Autorin will unbedingt noch ein weiteres typisches Konsumgut im Buch unterbringen, damit Leser:innen, die die Siebziger erlebt haben, noch tiefer eintauchen können.

Fazit


Trotz einiger guter Stellen konnte mich das Buch vor allem literarisch nicht ganz überzeugen. Wirklich schade, denn die Idee war extrem vielversprechend. Auf der anderen Seite bin ich durch die Lektüre aufmerksam geworden auf die Sachbücher und Biographien von Heike Specht, die mich sehr ansprechen. Diesen würde ich sehr gern eine Chance geben, da ich glaube, dass ihr das Genre als Historikerin vermutlich deutlich besser liegt und sie ihre Stärken dort besser ausspielen kann.

Empfehlung


Wer in den späten Siebzigern aufgewachsen ist oder schon erwachsen war und/oder ohne viel Vorwissen eine Zeitreise dorthin machen will, wer sich dazu auch für Feminismus und Politik aus der Zeit interessiert, der/die ist mit diesem Buch womöglich gut bedient. Über einige literarische Schwächen muss man dann allerdings hinwegsehen.

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