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Veröffentlicht am 24.10.2025

Zeitreise mit literarischen Schwächen

Die Frau der Stunde
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Zusammenfassung
Die Autorin Heike Specht ist Historikerin. Vorher hat sie bereits mehrere historische Sachbücher und Biographien veröffentlicht, dies ist ihr erster Roman.
Catharina Cornelius ist Abgeordnete ...

Zusammenfassung


Die Autorin Heike Specht ist Historikerin. Vorher hat sie bereits mehrere historische Sachbücher und Biographien veröffentlicht, dies ist ihr erster Roman.
Catharina Cornelius ist Abgeordnete der liberalen Partei Ende der Siebziger in der BRD. Als sie plötzlich Außenministerin wird, ändert sich ihr Leben auf einen Schlag und sie muss versuchen, sich im Beruf gegen die Widerstände der Männerbünde durchzusetzen und gleichzeitig auf der großen Bühne zu überzeugen. Noch dazu bemüht sie sich, ihr Privatleben, vor allem die Freundschaft zu ihren beiden Freundinnen Suzanne und Azadeh, so gut wie möglich zu erhalten, was sich an einigen Stellen mit ihrer Arbeit überschneidet.

Bewertung


Die Figuren fand ich zu Beginn sehr spannend, aber es gab zu wenig Entwicklung oder Tiefgang. So sind sie mir bis zum Schluss fremd geblieben. Dabei fand ich die Idee toll, die Geschichte aus der Perspektive verschiedener Frauen zu erzählen! Hier wurde meiner Meinung nach Potential verschenkt.
Die Handlung ist grundsätzlich glaubwürdig, vor allem, was die Beschreibung des Zeitgeists betrifft. Der Autorin gelingt es, realistische Situationen zu kreieren, vor allem, was männliches Verhalten Frauen gegenüber betrifft: Wie Männer Frauenkörper bewerten, wie Frauen in der Politik häufig nur an Posten kommen, wenn der Karren tief im Dreck steckt, wie sie immer wieder intellektuell unterschätzt und gönnerhaft belehrt werden. Hier wirken einige Szenen geradezu schmerzhaft real, viele haben natürlich auch Anleihen in der Realität.

„‘Denkst du, ohne mich würdest du jetzt in diesem schönen Büro sitzen?‘ Er blickte sich in dem Raum um, der bis vor ein paar Tagen sein Reich gewesen war.“

Dennoch passiert mir allgemein zu wenig und es gibt nicht genug Spannung. Am Ende der Lektüre hatte ich das Gefühl, gerade eine sehr lange Exposition gelesen zu haben. Eigentlich hätte es jetzt richtig losgehen müssen, stattdessen ist das Buch zu Ende. Auch die Entwicklung bzw. Geschichte vieler Figuren reißt einfach ab.
Stilistisch gibt es einige Ausdrücke, die für mich ziemlich ausgelutscht klingen. Ab und an gibt es aber auch ganz tolle Formulierungen, gerade für die Beschreibung männlicher Figuren:

„Wäre Catharina eine andere Frau, wäre Theo der perfekte Partner. Er machte durchaus was her, war freundlich, loyal und ambitioniert. Aber Gleiches konnte man über einen Border Collie sagen.“

Den historischen Hintergrund empfinde ich als gut getroffen. Sowohl die Szenen in der BRD als auch die zur Situation im Iran finde ich glaubwürdig. Die vielen Zusatzinformationen oder kurzen historischen Rückblicke empfinde ich aber teils als zu viel und zu langatmig. An der Stelle kommt sicher die Historikerin durch, aber in einem Roman brauche ich das nicht. Wer will, kann ja jederzeit googlen. An manchen Stellen beschleicht mich das Gefühl, die Autorin will unbedingt noch ein weiteres typisches Konsumgut im Buch unterbringen, damit Leser:innen, die die Siebziger erlebt haben, noch tiefer eintauchen können.

Fazit


Trotz einiger guter Stellen konnte mich das Buch vor allem literarisch nicht ganz überzeugen. Wirklich schade, denn die Idee war extrem vielversprechend. Auf der anderen Seite bin ich durch die Lektüre aufmerksam geworden auf die Sachbücher und Biographien von Heike Specht, die mich sehr ansprechen. Diesen würde ich sehr gern eine Chance geben, da ich glaube, dass ihr das Genre als Historikerin vermutlich deutlich besser liegt und sie ihre Stärken dort besser ausspielen kann.

Empfehlung


Wer in den späten Siebzigern aufgewachsen ist oder schon erwachsen war und/oder ohne viel Vorwissen eine Zeitreise dorthin machen will, wer sich dazu auch für Feminismus und Politik aus der Zeit interessiert, der/die ist mit diesem Buch womöglich gut bedient. Über einige literarische Schwächen muss man dann allerdings hinwegsehen.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Fantastisch fabuliert!

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Zusammenfassung
Angelika ist eine junge Frau Ende Zwanzig, die in einem teuren Hotel in Wien in der Buchhaltung arbeitet. Ihre Nächte verbringt sie tanzend im Wiener Nachtleben mit ihrer besten Freundin ...

Zusammenfassung
Angelika ist eine junge Frau Ende Zwanzig, die in einem teuren Hotel in Wien in der Buchhaltung arbeitet. Ihre Nächte verbringt sie tanzend im Wiener Nachtleben mit ihrer besten Freundin Ingi. Angelikas Kolleginnen sind spießige und faule Tratschtanten. Sie hingegen ist fleißig und fähig, wird aber übersehen. Ihr direkter Vorgesetzter ist ebenfalls faul, noch dazu ist er kein guter Teamleiter und lässt sie im Stich, als sie seine Hilfe braucht. Durch eine zufällige Begegnung wird der Hoteldirektor auf sie aufmerksam und erkennt ihren Nutzen für sein Hotel. Schnell gibt er ihr wichtigere Aufgaben und erweitert ihren Verantwortungsbereich.

„Als ihr Filofax geliefert wurde, fühlte sich Angelika gerüstet: Jedes Problem war das Ergebnis eines Durcheinanders. Ordnung und Organisation seine natürlichen Feinde. Angelika würde die Buchhaltungsabteilung des Grand Hotels so perfektionieren, dass die Kolleginnen keine andere Wahl hätten, als ihr zu huldigen. Ihr, der Bezwingerin von Schlendrian, Schludrian und Schlampertatsch.“

In ihrem Privatleben mehren sich die Probleme. Sie wird Mutter, der Kindsvater lässt sie im Stich und ihre eigene Mutter wird dement. Angelika trifft eine verhängnisvolle Entscheidung, um ihre Familie und sich zu beschützen.
Worum geht es eigentlich in diesem Buch? Das finde ich gar nicht so leicht zu beantworten, weil es so viele Themen behandelt oder zumindest streift. Es geht um Mutterschaft und Alleinerziehende, um Armut und Reichtum, um sozialen Aufstieg und Kapitalismus; es geht um Verantwortung und Schicksalsschläge, um Kunst und den Wiener Opernball, um das Leben, das man sich wünscht und nicht bekommt.

Bewertung
Vea Kaiser kann einfach richtig gut schreiben. Schlau, witzig und mit viel Liebe zu ihren Figuren. Immer wieder habe ich mir Markierungen gemacht. Schon einer der ersten Sätze in Fabula Rasa ist fantastisch:

„[Ingi] … wurde von langen Nächten in jene Stimmung versetzt, in der man ganze Stadtviertel in Brand setzen will. Angelika in jene, in der zähe Friedensverhandlungen zu einem positiven Abschluss gebracht werden.“

Als die Leser:innen zu Beginn des Buches mit Angelika das Grand Hotel Frohner betreten, erinnert sie sich an den Rat ihrer Mutter, sich ihren Stolz nie nehmen zu lassen und immer eine selbstbewusste Haltung anzunehmen, auch ohne wohlhabende Herkunft. Jung und verkatert befolgt Angelika diesen Rat am Anfang der Geschichte. Auf die gleiche Art verlässt Angelika das Frohner auch viele Jahre später am Ende des Buches. Eine tolle Klammer!
Die Figuren sind alle wunderbar vielschichtig angelegt. Niemand bleibt hier blass oder zweidimensional, alle wirken echt und glaubwürdig. Niemand ist nur gut oder nur böse. Dabei wirken die Figuren durchweg menschlich und sehr originell, teils skurril. Wenn eine Figur droht, in ein Klischee abzurutschen, gibt die Autorin ihr einen Schubs in eine überraschende Richtung. Vor allem Angelika ist mir ans Herz gewachsen, auch wenn ich natürlich nicht jede ihrer Entscheidungen ebenso getroffen hätte.

„Es gab Sätze, die schlugen ein wie Meteoriten. Niemand sah sie kommen, und einen Wimpernschlag später war da, wo vorher noch ruhiges Land gelegen hatte, ein Krater.“

Fazit
Ich habe das Buch sehr gern gelesen. Ich habe mich an keiner Stelle der 556 Seiten gelangweilt und wollte am liebsten immer weiterlesen. Sowohl die Figurengestaltung als auch die Erzählweise der Autorin sind meiner Meinung nach wirklich erstklassig. What a ride!

Empfehlung
Ich würde das Buch allen empfehlen, die Lust auf ein dickes Buch haben, in dem es um die o.g. Themen geht, und allen, die gute Erzählkunst schätzen.

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Veröffentlicht am 30.09.2025

Persönlich, rau und schonungslos!

Amazonenbrüste
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Ich mag den Stil der Autorin, sie schreibt sehr persönlich, emotional und provokant. Sie nimmt bei dem Thema kein Blatt vor den Mund. Was mich etwas hilflos zurückgelassen hat, waren die vielen türkischen ...

Ich mag den Stil der Autorin, sie schreibt sehr persönlich, emotional und provokant. Sie nimmt bei dem Thema kein Blatt vor den Mund. Was mich etwas hilflos zurückgelassen hat, waren die vielen türkischen und arabischen Ausdrücke, von denen nur ein sehr geringer Teil ins Deutsche übersetzt wurde. Leute mit türkischen oder arabischen Wurzeln haben daran eventuell große Freude, mir hat es das Verständnis erschwert. Şahin hat darüber hinaus ein Faible für Wortspiele, bei dem ich zwiegespalten bin: „Sie ging mir ehrlich gesagt gehörig nicht auf, aber gegen den Strich.“ finde ich einfach platt und einfallslos; Wortschöpfungen wie „Migrationsdefizit“ hingegen haben mir gut gefallen, weil sie den Spieß umdrehen und den "Almans" ein Defizit an Migration vorwerfen.

„Ich dachte darüber nach, wie absurd es war, dass man im Zusammenhang mit Krebs von „verlieren“ sprach. Schließlich können Betroffene gar nicht bis sehr wenig beeinflussen, ob ihr Krebs geheilt werden kann oder nicht. […] Die können zwar „wie eine Löwin kämpfen“, aber letztlich kämpft die Medizin gegen den Krebs, nicht wir. Also kann sich auch niemand hinstellen und behaupten, dass eine Person deshalb gestorben sei, weil sie nicht genug gekämpft hatte, oder den Krebs überstanden hätte, wenn sie mehr gekämpft hätte!“

Ja! Da trifft Şahin voll ins Schwarze! Davon hätte ich mir mehr gewünscht, denn zum Thema Krebs äußern sich leider viele Leute so unerträglich, dass es mehr Leute wie sie braucht, die solche schlimmen Kommentare und Formulierungen zerpflücken. Leider sind die Abschnitte, in denen sie aus ihrer Perspektive herauszoomt und das große Ganze betrachtet, selten, und sie bleibt sehr bei sich und ihrer Geschichte. Dabei ist Şahin eigentlich bekannt für ihre Wut und ihren Mut, Missstände in der deutschen Gesellschaft laut und unbequem zu kritisieren. Das hätte ich mir auch in diesem Buch gewünscht: etwa Aufklärung über Mythen, falsche Vorstellungen oder falschen Umgang mit dem Thema. Wie werden PoC mit Krebs zusätzlich benachteiligt, was muss sich hier ändern? Was sollten Almans, Gesunde oder Ärztinnen wissen? Aber am Ende dieses Buches gibt es kein Fazit, keine Erkenntnisse, keine Forderungen oder Wünsche. Einige dieser Themen werden angerissen oder gestreift, aber dann für meinen Geschmack nicht ausreichend weiterverfolgt. Ich hätte mir gewünscht, zu lesen, warum Şahins Erfahrungen und ihre Perspektive auf die Erkrankung für mich und andere relevant sein können. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch gerne gelesen.

Ich finde es sehr wichtig und hilfreich, über Krebs zu reden, sich auszutauschen und weder die Erkrankung noch die Patient
innen zu stigmatisieren. Daher ist jeder Erfahrungsbericht wertvoll und kann Betroffenen und deren Angehörigen Mut machen und Trost spenden. Dazu kann auch dieses Buch beitragen. Dennoch hätte ich mir persönlich von der Autorin ein bisschen mehr gewünscht: mehr Wut, mehr Analyse.

An Krebs erkrankte Menschen und deren Angehörige oder Freund*innen können hier sicher etwas für sich mitnehmen. Vor allem jüngere Menschen oder Menschen mit „Migrationsvordergrund“ können sich und ihre Erfahrungen hier wiederfinden. Grundsätzlich ist das Buch aber für alle interessant, die sich mit dem Thema aus einer Betroffenenperspektive beschäftigen wollen.

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Veröffentlicht am 30.09.2025

Für mich ein Volltreffer!

Peggy Guggenheim
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Horncastle schreibt sachlich und anschaulich, manchmal mit hintergründigem Humor, und unterfüttert ihr Buch mit über 250 Anmerkungen und Quellennachweisen. Dazu wird ihr Text durch Bilder von Kunstwerken ...

Horncastle schreibt sachlich und anschaulich, manchmal mit hintergründigem Humor, und unterfüttert ihr Buch mit über 250 Anmerkungen und Quellennachweisen. Dazu wird ihr Text durch Bilder von Kunstwerken oder Fotos von Peggy Guggenheim ergänzt. Diese sind meiner Meinung nach sehr passend gewählt. Für mich werden der Mensch und die Bedeutung von Peggy Guggenheim dadurch echter und greifbarer. Die Autorin hat beispielsweise gut herausgearbeitet, wie früh Peggy klar war, dass ihre Herkunft und ihr Geld dazu dienen sollten, Kunst und Künstlerinnen zu fördern und mit welcher Konsequenz sie das getan hat. Mir war vor der Lektüre auch nicht klar, welche Relevanz es hat, dass sie Kunstwerke und Künstlerinnen vor den Nazis gerettet hat. Wie würde unsere Welt heute aussehen, hätte sie das nicht getan? Was hätten wir verloren? Sehr spannend finde ich den Abschnitt über die Planung des Konzepts von Art of this Century. Hier wird deutlich, wie sehr Peggy bereit war, Dinge neu zu denken und die Rezeption von Kunst ganz anders zu ermöglichen. Horncastle verdeutlicht in ihrem Buch auch die Überzeugungen Peggys, Frauen zu fördern und – ganz grundsätzlich – Kunst zu erhalten und allen zugänglich zu machen. Diese Biografie zeigt meiner Meinung nach sehr gut, wie selbstbewusst und entschlossen, wie mutig und visionär, wie vielschichtig und auch sperrig sie war. Dass Horncastle promovierte Kunsthistorikerin ist, kommt dem Buch zugute, da sie beispielsweise nachvollziehbar erläutern kann, welche Bedeutung ein Kunstwerk hat oder welche Wertentwicklung es genommen hat. Dies geschieht nie in langatmigen Ausführungen, sondern immer in kleinen, wertvollen Nebensätzen.
Das Nachwort hat mich noch einmal besonders beeindruckt, da die Autorin hier erläutert, welche Fragen sie bei der Biografie geleitet haben. So hat sie versucht, ihre Biografie zu schreiben, als wäre Peggy Guggenheim ein Mann. Ihre Leistung und ihr Vermächtnis sollten im Vordergrund stehen, nicht etwa ihr Liebesleben oder ihre Familie. Natürlich kommt das Buch auch nicht ohne aus – die zahlreichen Affären und Liebesbeziehungen Peggys mit Künstlern machen es unmöglich, Berufliches und Privates vollständig zu trennen – aber der Fokus liegt eindeutig auf ihrer Entwicklung als Galeristin, Museumsdirektorin und Mäzenin. Das hat Peggy Guggenheim ganz klar verdient und das wird in dieser Biografie auch sehr verständlich nachgezeichnet.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da ich viel Neues über Peggy Guggenheim erfahren habe und ich ihr durch das Buch näherkommen konnte. Ihre Bedeutung innerhalb der Kunstwelt kann ich nun besser nachvollziehen und wertschätzen. Die private Peggy ist mir dabei häufig ein Rätsel geblieben, sie fand ich oft befremdlich. Da der private Teil ihres Lebens aber explizit nicht im Fokus dieser Biografie steht, kann ich das gut verschmerzen. Darüber hinaus habe ich durch das Buch viele ihrer Wegbegleiterinnen kennengelernt oder „wiedergetroffen“, die mich neugierig gemacht haben. So entstanden für mich interessante Querverbindungen zu anderen Themen oder Personen, über die ich mehr erfahren möchte.

Wer sich eher für den Gossip und die Geschichten der Yellow Press interessiert, der wird mit diesem Buch nicht glücklich. Wer sich für Kunstgeschichte interessiert, die verschiedenen Strömungen des 20. Jahrhunderts, die Künstler
innen des Surrealismus oder des abstrakten Expressionismus, dem dürfte dieses Buch gefallen. Wer mehr erfahren will über die Geschichte und Lebensleistung einer sehr ungewöhnlichen Frau, die mit all dem untrennbar verbunden ist, ist hier genau richtig.

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