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Veröffentlicht am 01.11.2021

Faszinierendes Portrait einer untergehenden Stadt

Als ich einmal in den Canal Grande fiel
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MEINE MEINUNG
In ihrem neuesten, sehr unterhaltsamen Sachbuch „Als ich einmal in den Canal Grande fiel – Vom Leben in Venedig" nimmt uns die deutsche Autorin Petra Reski mit auf einen sehr persönlichen ...

MEINE MEINUNG
In ihrem neuesten, sehr unterhaltsamen Sachbuch „Als ich einmal in den Canal Grande fiel – Vom Leben in Venedig" nimmt uns die deutsche Autorin Petra Reski mit auf einen sehr persönlichen Ausflug nach Venedig. Schon nach wenigen Seiten war ich gefangen von Reskis wundervoll lebendigen, humorvollen und mitreißenden Erzählstil.
Bereits seit 1991 hat sie sich in „die schönste Stadt der Welt“ verliebt und zu ihrer Wahlheimat auserkoren –natürlich aber auch der Liebe zu „ihrem Venezianer“ wegen, wie uns die „Wahlvenezianerin“ gesteht.
Kein Wunder, dass sie die Stadt mit all ihren Besonderheiten und kleinen Wundern, die liebenswerten alteingesessenen Bewohner und unberührten Ecken wie keine Zweite kennt. Aber leider bekommt sie auch die vielfältigen Schattenseiten zu spüren, muss sie doch tagtäglich die negativen Auswirkungen des Massentourismus miterleben .
Äußerst anschaulich und kenntnisreich führt Reski uns vor Augen, was es bedeutet in dieser pittoresken Lagunenstadt zu leben, denn Tag für Tag erlebt sie hautnah mit, wie dieses Sehnsuchtsziel von Touristen aus aller Welt gnadenlos überrannt oder fast alljährlich vom obligatorischen Hochwasser bedroht wird.
Als Expertin kann sie uns aus erster Hand von vielen schockierenden Fehlentwicklungen in dieser Stadt und ihren zahllosen Bedrohungen im Laufe der Zeiten berichten und lässt uns einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen werfen.
Nicht nur der immense Kreuzfahrttourismus, die zunehmende Wasserverschmutzung setzen der Stadt immer mehr zu, sondern auch skrupellose Immobilienspekulationen, die die letzten echten Venezianer ans Festland vertreiben, oder korrupte Kommunalpolitiker, die eher für den eigenen Profit als das Wohl ihrer Wählerschaft und dem einzigartigen Unesco Kulturerbe am Herzen liegt.
Gekonnt und detailreich zeichnet die Autorin ein melancholisch stimmendes, aufrüttelndes und schonungsloses Portrait von Venedig.
Doch auch an den vielfältigen faszinierenden Seiten Venedigs und der beeindruckenden Historie lässt sie uns teilhaben. Leidenschaftlich und voller Liebe zu ihrer neuen Heimat erzählt Reski von den alten Traditionen, der tiefen Verwurzelung der Venezianer und nimmt uns mit zu den vielen mystischen Geheimnissen und kulturellen Schönheiten der romantischen Lagunenstadt.
So bleibt es auch nicht aus, dass man vom besonderen Zauber dieser einzigartigen Stadt gefangengenommen wird! Großen Spaß beim Lesen haben mir beispielsweise die Schilderungen über die abenteuerlichen Exkursionen der Autorin mit ihrem kleinen Boot bereitet, wenn sie sich todesmutig unter den misstrauischen Blicken der Gondolieri in Zentimeterarbeit durch das Gewirr in den Kanälen vorbei an Gondeln navigiert.
Petra Reski ist ein vielschichtiges Portrait und leidenschaftliche Hommage mit kurzweiligen, mitreißend erzählten Anekdoten und auch nachdenklich stimmenden Geschichten über ihre Wahlheimat Venedig gelungen.

FAZIT
Ein wundervoll unterhaltsames und sehr persönliches Buch, das sehnsüchtiges Fernweh weckt und neugierig macht, auf eine faszinierende, dem schleichenden Untergang geweihte Stadt, für die es sich aber unbedingt zu kämpfen lohnt.
Eine sehr empfehlenswerte und hochinteressante Lektüre für alle Venedig-Liebhaber und solche, die es noch werden wollen!

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Veröffentlicht am 01.11.2021

Mitreißendes Finale der Spannungstrilogie aus Island

Der Käfig
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MEINE MEINUNG
»Der Käfig« von der isländischen Autorin Lilja Sigurðardóttir ist der fesselnde abschließende Band, ihrer in Island angesiedelten Trilogie, die mit den behandelten gesellschaftlichen Themen ...

MEINE MEINUNG
»Der Käfig« von der isländischen Autorin Lilja Sigurðardóttir ist der fesselnde abschließende Band, ihrer in Island angesiedelten Trilogie, die mit den behandelten gesellschaftlichen Themen für frischen Wind im hart umkämpften Markt der sogenannten „Nordic Noir“ sorgen sollte.
Leider ist das Finale des Spannungsromans zwar recht unterhaltsam zu lesen, aber längst nicht so packend wie die beiden vorangegangenen Bände. Da die Autorin uns einen zufriedenstellenden Ausklang ihrer Geschichte schuldig geblieben ist, und zu viele Aspekte bis zum Ende hin offen blieben, hinterlässt der nicht ganz runde Abschluss der Island-Trilogie bei mir einen etwas schalen Nachgeschmack.
Thematisch kreist die Handlung erneut um Drogenschmuggel und das skrupellose Drogengeschäft, um Wirtschaftskriminalität, politische Intrigen und Verrat.
Im Mittelpunkt des letzten Bands steht diesmal Agla, Finanzexpertin und Sonjas Ex-Geliebte, die wegen ihrer Rolle in einem großen isländischen Bankenskandal eine längere Haftstrafe abgesessen hat und nun bald entlassen wird. Agla erhält den Auftrag, den illegalen Aktivitäten eines undurchsichtigen, international tätigen Geschäftskonglomerats im lukrativen Aluminiumgeschäft auf die Spur zu kommen. Zusammen mit ihrer ehemaligen Erzfeindin Maria, die inzwischen als freiberufliche Investigativ-Journalistin arbeitet, versucht sie dubiose Manipulationen aufzudecken und Hintermänner zu ermitteln – doch viel zu spät bemerken sie, in welches gefährliches Komplott sie da geraten sind. In einem zweiten Nebenstrang erfahren wir eher nur am Rande, wie es mit der weiteren bereits bekannten Akteurin Sonja, die ehemalige Kokain-Kurierin, die sich mit ihrem Sohn Tómas nach London abgesetzt hat, weitergegangen ist. Anton, der 15-jährige Sohn des skrupellosen und sehr zwielichtigen Ingimar steht im Zentrum eines weiteren Handlungsstrangs, der mit Fremdenhass und Islamfeindlichkeit hochaktuelle gesellschaftliche Themen behandelt und mich sehr fesseln konnte.
Die Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen sind dramaturgisch gut gewählt, sodass die Spannung immer mehr gesteigert wird. Die recht kurzen Kapitel und raschen Perspektivwechsel sorgen zudem für viel Tempo.
Vom Plot her ist die komplexe Geschichte hochinteressant und abwechslungsreich angelegt. Die verschiedenen Handlungsfäden ziehen sich durch die gesamte Geschichte und sind von der Autorin gekonnt ineinander verwoben. Je mehr man in die undurchsichtige Geschichte dringt, umso deutlicher wird, dass hier so einiges im Argen liegt und nichts ist, wie es zunächst scheint. Erst allmählich offenbaren sich die Verstrickungen der Charaktere, ihre ausweglose Lage aber auch die Abgründe ihres Handelns, die die Autorin sehr anschaulich vermittelt.
Obwohl die Autorin ihre Charaktere sehr vielschichtig und lebensnah angelegt hat, und wir Einblicke in die Gedankenwelt und Beweggründe für ihr Verhalten erhalten, wurde ich diesmal allerdings nicht so richtig warm mit ihnen. Insbesondere die Weiterentwicklung von Sonjas Charakter konnte mich keineswegs überzeugen und hat mich sehr enttäuscht zurückgelassen. Schade auch, dass ihr Sohn Tómas keinen zusätzlichen Part erhalten hat.
Lange Zeit ist es sehr undurchsichtig, welche Zusammenhänge zwischen den Figuren und ihren Taten bestehen und wie sehr ihre Schicksale miteinander verwoben sind. Nach einigen unerwarteten Wendungen ziehen Tempo und Spannung zum Ende hin enorm an, die Ereignisse überschlagen sich regelrecht und die Handlung mündet in einem sehr unvorhersehbaren Finale.

FAZIT
Ein fesselnder Abschluss der Island-Trilogie über Drogenschmuggel, Finanzkriminalität und kriminelle Machenschaften, der so einige Überraschungen für uns bereit hält - mich aber nicht völlig überzeugen konnte!

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Veröffentlicht am 18.07.2021

Fesselnder Histo-Krimi zur Zeit des Dritten Reichs

Die Toten vom Gare d’Austerlitz
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MEINE MEINUNG

Mit dem historischen Kriminalroman " Die Toten vom Gare d’Austerlitz " ist dem britischen Autoren Chris Lloyd ein sehr spannender Auftakt einer neuen Krimi-Reihe gelungen, der vor dem Hintergrund ...

MEINE MEINUNG

Mit dem historischen Kriminalroman " Die Toten vom Gare d’Austerlitz " ist dem britischen Autoren Chris Lloyd ein sehr spannender Auftakt einer neuen Krimi-Reihe gelungen, der vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs während des Einmarschs der Nazis in Paris im Juni 1940 angesiedelt ist. Mit vielen eingeflochtenen zeitgeschichtlichen Details, die von guter Recherchearbeit zeugen, lässt uns Lloyd in eine unübersichtliche und hochkomplexe Gemengelage in der französischen Hauptstadt zu Beginn der deutschen Besatzung eintauchen, in der seine Hauptfigur Inspecteur Éduard Giral in einem brisanten Mordfall an vier Polen und einem tragischen erweiterten Suizid zu ermitteln hat, Fälle zwischen denen ein Zusammenhang zu bestehen scheint. Doch schon bald muss sich Giral gegen die zunehmende Einmischung von Wehrmacht, Gestapo und Geheimer Feldpolizei behaupten.

Mit seinen lebendigen, detailreichen Schilderungen versteht es der Autor hervorragend, uns die komplizierte politische Lage, die alltäglichen Auswirkungen der Besatzung für die Pariser Bevölkerung, bei denen von geheimen Widerstand bis hin zu opportunistischer Kollaboration mit den Nazis alles vertreten war, vor Augen zu führen. Sehr fesselnd ist aber vor allem auch die schwierige Situation für den unerschrockenen französischen Polizisten Eddie mitzuverfolgen, der bei seinen Ermittlungen nach einer Quasientmachtung der französischen Polizei durch die deutschen Besatzer ständiger Beobachtung, Willkür, Bedrohung und Manipulation ausgesetzt ist. Aber auch in den eigenen Reihen hat er gegen so manche Widersacher zu kämpfen und hat zudem privat etliche Probleme zu bewältigen, die ihm das Leben schwer machen.

Der Autor hat einen fesselnden, rasanten und sehr vielschichtigen Plot entworfen. Wegen des verwirrenden Geflechts von verschiedensten Handlungssträngen und den nicht leicht zu durchschauenden Zusammenhängen hatte ich manchmal allerdings Schwierigkeiten die ganzen Hintergründe zu durchblicken. Er versteht es jedoch hervorragend, Spannung aufzubauen, so dass man völlig von dem sich entspinnenden perfiden Katz-und-Maus-Spiel gebannt ist und mit dem cleveren und unerschrockenen Giral bei seinen komplizierten Ermittlungen immer mehr mitfiebern muss. Dieser hat der nicht nur gegen intrigante Machenschaften in eigenen Reihen und den üblen Spielchen von SS und Deutscher Abwehr anzukämpfen, sondern muss auch im privaten Bereich mit dem Auftauchen seines Sohns Jean Luc auftaucht so einiges Probleme zu bewältigen.

Die verschiedenen Charaktere bis hin zu den Nebenfiguren sind sehr lebendig dargestellt und umfassen eine große Anzahl an undurchsichtigen Figuren und boshaften Widersachern. Herausragend ist vor allem der facettenreiche Protagonist Giral angelegt, den wir mit seiner komplexen Persönlichkeit allmählich immer besser kennenlernen. In eingeschobenen Rückblicken erfahren wir viele Details aus seinem Vorleben und können so seine durch die im 1. Weltkrieg traumatisierte, zerrissene Psyche besser nachvollziehen – auch wenn mir bisweilen sein Verhalten doch etwas fremd geblieben ist. Man darf gespannt sein, wie er sich im Laufe der Krimireihe weiterentwickeln wird.
Auch die zahlreichen Nebenfiguren sind sehr vielschichtig und interessant gestaltet, und geschickt in den faszinierenden zeitgeschichtlichen Zusammenhang eingebettet.

Zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse regelrecht und nach einer Vielzahl von Wendungen gipfelt die komplexe Handlung schließlich mit einer sehr überraschenden Auflösung des Falls.

FAZIT
Ein sehr fesselnder Auftakt einer neuen historischen Krimi-Reihe auf hohem Niveau - mit einer hochkomplexen Handlung, interessanten Charakteren und tollem Zeitkolorit. Auf die Fortsetzung bin ich schon sehr gespannt.

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Veröffentlicht am 08.07.2021

Beklemmender Jugendroman über die Penzberger Mordnacht

Dunkelnacht
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INHALT
„Weil auch in diesen Zeiten irgendwer das Richtige tun muss, einfach, weil es richtig ist.“
April, 1945. Alle spüren, dass der Krieg und die fürchterliche Ideologie der Nationalsozialisten kurz ...

INHALT
„Weil auch in diesen Zeiten irgendwer das Richtige tun muss, einfach, weil es richtig ist.“
April, 1945. Alle spüren, dass der Krieg und die fürchterliche Ideologie der Nationalsozialisten kurz vor dem Ende stehen. Doch in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1945, zwei Tage vor Hitlers Selbstmord, ereignet sich das dunkelste Kapitel der damals noch jungen Stadt Penzberg in Bayern. Denn während der einst von den Nazis abgesetzte Bürgermeister zurück ins Rathaus zieht, erlässt die Wehrmacht den Befehl, alle Widerständler sofort hinzurichten. Und zwischen allen Fronten stehen die Jugendlichen Marie, Schorsch und Gustl.

(Quelle: Oetinger Verlag)

MEINE MEINUNG
In ihrem neuen großartigen Jugendbuch „Dunkelnacht“ widmet sich die bekannte Hamburger Autorin Kirsten Boie den sehr beklemmenden Ereignissen rund um die „Penzberger Mordnacht“. In diesem erstaunlich dünnen Büchlein greift die Autorin die historisch verbürgten, aber nur wenigen bekannten Geschehnisse auf, die sich wenige Tage vor Ende des 2. Weltkriegs Ende April 1945 in dieser kleinen bayerischen Kleinstadt südlich von München zugetragen haben.
Diese als Nouvelle verfasste, knappe aber äußerst gehaltvolle und beeindruckend erzählte Geschichte befasst sich mit einem unfassbaren Verbrechen und einem speziellen, eher selten behandelten Aspekt der von den Nazis begangenen Greueltaten, der von Historikern als "Endphasenverbrechen" bezeichnet wird. Gekonnt für die jugendliche Leserschaft ab 15 Jahren aufbereitet eignet sie sich hervorragend für den Geschichtsunterricht, ist aber auch für Erwachsene interessant zu lesen. Entsprechend findet sich für die jugendliche Zielgruppe im Anhang ein kurzes Glossar, das einige eventuell unbekannte, aber zum Verständnis wichtige Begriffe und Zusammenhänge rund um die damalige Nazi-Zeit und das Hitler-Regime erläutert.
Der Autorin gelingt es hervorragend, uns gleich von Beginn an in die beklemmende und bewegende Handlung hineinzuziehen, indem sie geschickt sorgsam recherchierte zeitgeschichtliche Hintergründen einfließen lässt und uns sehr authentische Einblicke in die damalige Lebenswelt ihrer Protagonisten vermittelt. Auch wenn die allwissende distanzierte Erzähl-Perspektive zunächst etwas gewöhnungsbedürftig wirkt, so passen der gewählte Schreibstil und die einfach gehaltene, sehr prägnante Sprache hervorragend zu der erzählten Geschichte. Sehr schnell wird die unheilvolle Stimmung greifbar und lässt einen nicht mehr los, denn man ahnt schon früh, die grauenvollen Verwicklungen der Geschehnisse für die Beteiligten und die unausweichlich aufziehende Katastrophe, die schließlich in einer unfassbaren Tragödie mündeten.
Gekonnt versetzt die Autorin uns in das kleine Städtchen Penzberg und vermittelt ein stimmiges, authentisches und lebendiges Bild der damals herrschenden Zustände.
Rasch wird deutlich, dass in der Bevölkerung viele auf gegensätzlichen Seiten stehen – auf der einen Seite die fanatischen Nazis, die verbissen immer noch an den Endsieg glauben, und auf der anderen Seite die „Roten“- Arbeiter zumeist, die nur darauf hoffen, dass der Hitler-Kult endlich ein Ende nimmt und die Alliierten dem Ganzen ein baldiges Ende bereiten. Sehr anschaulich und nachvollziehbar zeigt die Autorin auf, dass gerade die Jugend wie Marie und Schorsch von der Nazi-Ideologie geprägt ist und zugleich auch von den Ansichten ihrer Eltern beeinflusst wurde.
Gekonnt verdeutlicht Boie aus Sicht der drei Protagonisten die ganze Zerrissenheit zwischen Krieg und Frieden oder Richtig und Falsch, und zeigt auf, wie ein jeder in dieser Ausnahmezeit und dem quasi rechtsfreien Raum auszuloten versucht, wo man mit seiner Haltung zukünftig steht oder manchen an dem Irrglauben festhält, durch bestimmte Taten, das Ende doch noch verhindern zu können. Ich finde auch für Jugendliche, die sich noch nicht sehr eingehend mit dieser Zeit auseinandergesetzt haben, ist es der Autorin hervorragend gelungen, die diffizilen Aspekte dieser komplexen Lage zu umreißen und zugleich die unterschiedlichen Emotionen wie Pflichtbewusstsein, Schuld, Angst, Misstrauen und zarter Hoffnung einzufangen.
Die zum Abschluss sehr verstörende Geschichte endet dennoch mit einem hoffnungsvollen und versöhnlichen Ausklang und ist überaus passend gewählt.
In ihrem wichtigen und sehr gelungenen Nachwort bettet die Autorin ihre Geschichte nochmals in einen weiteren Kontext im Hinblick auf die unzureichende und beschämende gerichtliche Aufarbeitung der unfassbaren, während der Penzberger Mordnacht begangenen Taten ein und zeigt uns Lesern eine zusätzliche Dimension dieses großen, letztlich ungesühnten Unrechts auf, das mich wirklich fassungslos und betroffen zurückgelassen hat.

FAZIT
Mit ihrem hervorragenden Jugendbuch hat Kirsten Boie ein äußerst wichtiges Werk gegen das Vergessen geschrieben, das betroffen macht, nachdenklich stimmt und noch lange nachwirkt! Zugleich hat sie den 16 unschuldigen Opfern dieser kaltblütigen und skrupellosen Bluttat ein würdiges Denkmal gesetzt!
Man kann nur hoffen, dass dieses sehr lesenswerte Buch auch viele jugendliche LeserInnen erreicht!

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Veröffentlicht am 27.06.2021

Aufwühlender Roman

Letzte Ehre
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INHALT
Die siebzehnjährige Finja Madsen ist nach einer Party nicht nach Hause gekommen. Es gibt keine Zeugen, keine äußeren Anhaltspunkte dafür, was mit ihr passiert ist. Die Ermittlungen stecken fest. ...

INHALT
Die siebzehnjährige Finja Madsen ist nach einer Party nicht nach Hause gekommen. Es gibt keine Zeugen, keine äußeren Anhaltspunkte dafür, was mit ihr passiert ist. Die Ermittlungen stecken fest. Oberkommissarin Fariza Nasri vernimmt Personen aus dem Umfeld der Vermissten, darunter auch den Freund der Mutter, Stephan Barig. In dessen Haus hat die Party stattgefunden, während er das Wochenende mit zwei Bekannten auf dem Land verbrachte. Barig gibt gewissenhaft Auskunft. Nasri hört zu, stellt Fragen – und ist sich mit einem Mal sicher, dass der Mann lügt. Doch hat er wirklich etwas mit dem Verschwinden der jungen Finja zu tun, oder verbirgt er etwas ganz Anderes?
Die Suche nach einem verschwundenen Mädchen wird mehr und mehr zu einem Horrortrip durch die Abgründe männlicher Machtfantasien und die Verwüstungen, die sie hinterlassen. Fariza Nasri gerät in einen Strudel der Gewalt, der sie immer weiter mitreißt, bis sie darin zu ertrinken droht
(Quelle: Suhrkamp – ISBN: 978-3-518-42990-7)
MEINE MEINUNG
Mit seinem neuen Werk „Letzte Ehre “ legt der deutsche Erfolgsautor Friedrich Ani einen fesselnden und äußerst tiefgründigen Roman vor, der mich mit den angeschnittenen Themen und intensiven Einblicken in die Abgründe der menschlichen Seele sehr bestürzt, aufgewühlt und nachdenklich zurückgelassen hat. Die sehr subtil angeschnittenen Themen wie Gewalt, männliche Machtfantasien, Kindesmissbrauch und Vergewaltigung gehen sehr unter die Haut.
Anis anspruchsvolle und genial verschachtelte Erzählweise fordert dem Leser zwar einiges an Aufmerksamkeit und Mitdenken ab, doch ist es sehr spannend mitzuerleben, wie die Hintergründe und Verbindungen allmählich immer deutlicher zu Tage treten und sich schließlich zu einem erschütternden Gesamtbild zusammenfügen. Dem versierten Autor ist es in seinem in drei Teile untergliederten Roman sehr überzeugend gelungen, verschiedene, zunächst vermeintlich nicht zusammenhängende Kriminalfälle ineinander fließen zu lassen und genial miteinander zu verknüpfen.
Im Mittelpunkt des Krimis steht die faszinierende Protagonistin Oberkommissarin Fariza Nasri, die im Münchner Referat 101 für Tötungsdelikte arbeitet und anfangs mit Ermittlungen zu einer verschwundenen Schülerin befasst ist. Nach und nach wird klar, dass ihr aktueller Fall mit einem alten, noch nicht aufgeklärten Fall verknüpft ist. Sehr fesselnd ist es mit zu verfolgen, wie geschickt die 58-jährige Verhörspezialistin Fariza Nasri ihre Vernehmungen führt, beharrlich ihre Nachforschungen trotz vieler Widerstände vorantreibt und allmählich ungeahnte Verbindungen und Abgründe aufdeckt.
Sehr vielschichtig und beeindruckend zeichnet Ani seine verschiedenen Charaktere. In den mit verschiedenen Zeugen, Opfern und Tätern geführten Gesprächen beleuchtet Ani geschickt die interessanten und äußerst nachdenklich stimmenden Hintergrundgeschichten der verschiedenen Frauenfiguren und gewährt uns eindringliche und mitunter verstörende Einblicke in die persönlichen Schicksale der Opfer. Schrittweise führt er uns zugleich beklemmende, düstere Abgründe der menschlichen Psyche der Täter vor Augen. Sehr faszinierend hat Ani auch seine bemerkenswerte Protagonistin Fariza Nasri angelegt, die wir bereits in seinem Roman „All die unbewohnten Zimmer“ kennengelernt haben. Nach und nach wird deutlich, dass auch die Ermittlerin mit ihrer belastenden Vergangenheit zu kämpfen hat und bisweilen von ihren traumatischen Erinnerungen eingeholt wird. Die schrittweise Beleuchtung ihres facettenreichen, sehr empathischen sowie unerschrockenen Charakters, der dennoch eine höchst beschädigte Persönlichkeit erkennen lässt, hat einen sehr nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen, so dass ich einer Fortsetzung mit dieser interessanten Hauptfigur mit enormem Potential sehr gespannt entgegensehe.
Ani ist wieder ein faszinierendes, glaubhaft ausgearbeitetes Kaleidoskop aus verschrobenen Einzelgängern, Extremisten, Gescheiterten, (Über-)Lebenskünstlern und den vielen traurigen Verlierern in dieser Gesellschaft gelungen. Er versteht es hervorragend, Stimmungen und Bilder mit viel Feingefühl und Eindringlichkeit einzufangen und anschaulich zu beschreiben.
FAZIT
Ein fesselnder, sehr tiefgründiger und aufwühlender Roman mit einer sehr faszinierenden Ermittlerin!

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