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Veröffentlicht am 14.02.2025

Rückwärts durch die Zeit: Eine Familie im Wandel

Shanghai Story
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MEINE MEINUNG

In ihrem interessanten Debütroman „Shanghai Story" erzählt Juli Min die facettenreiche Geschichte einer multikulturellen Familie in Shanghai und beleuchtet dabei die faszinierende Familiendynamik ...

MEINE MEINUNG

In ihrem interessanten Debütroman „Shanghai Story" erzählt Juli Min die facettenreiche Geschichte einer multikulturellen Familie in Shanghai und beleuchtet dabei die faszinierende Familiendynamik und Herausforderungen, die sie über einen Zeitraum von 26 Jahren prägen. Die Autorin greift zu einem innovativen Kunstgriff, indem sie die Handlung rückwärts erzählt. Diese unkonventionelle Erzählweise sorgt für einen ungewöhnlichen Spannungsaufbau, der uns auf eine fesselnde Reise von der Zukunft im Jahr 2040 zurück durch die Jahrzehnte zu den Anfängen der Beziehung zwischen Leo Yang, einem erfolgreichen Immobilieninvestor, und seiner japanisch-französischen Frau Eko im Jahr 2014 mitnimmt.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Yang mit ihren drei Töchtern Yumi, Yoko und Kiko. Mit jedem neuen Kapitel führt uns Min weiter in die Vergangenheit und enthüllt nach und nach ihr komplexes Familienleben voller Höhen und Tiefen, Verluste und Geheimnisse, die das Schicksal dieser Familie über die Jahre hinweg geformt haben. Neben den Perspektivwechseln zwischen den einzelnen Familienmitgliedern kommen vereinzelt auch einige Figuren aus ihrem Umfeld zu Wort, wie der Chauffeur oder das Kindermädchen. Aus diesen anderen Blickwinkeln erhalten wir eine aufschlussreiche Außenansicht auf die einzelnen Protagonisten und ein nuancierteres Porträt der Familie.

Mins subtile, aber scharfsinnige Beobachtungen eröffnen eindrucksvolle Einblicke in das herausfordernde Alltagsleben der Yangs und die Entwicklung ihrer Charaktere. Dabei eröffnet sie auch faszinierende Perspektiven auf die verborgenen Dynamiken und komplexen Realitäten ehelicher und zwischenmenschlicher Beziehungen. Mit feinem Gespür beuchtet sie daneben auch allgemeingültige Themen wie kulturelle Identität, die vielschichtige Natur der Liebe sowie Herausforderungen und Ungerechtigkeiten des Lebens. Zudem widmet sie sich den starken familiären Bindungen, die durch gemeinsame Geheimnisse, Sehnsüchte und Verletzungen entstehen.

Trotz sorgsamer Charakterzeichnung bleiben die Hauptfiguren jedoch seltsam fremd und oft schwer greifbar. Ihre Unfähigkeit zur Kommunikation, ihr unsympathisches Auftreten und ihr bisweilen unverständliches Handeln erschweren es, eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen. Leo, der charismatische Patriarch der Familie mit tief sitzenden Ängsten und der Sorge um die Zukunft seiner Töchter, Eko, die begabte Künstlerin mit ihrer kulturellen Entwurzelung, sowie die drei Töchter, die ihren Platz in in einer globalisierten Welt suchen – alle kämpfen hinter der Fassade einer wohlhabenden Vorzeigefamilie mit ihren eigenen Sehnsüchten, Hoffnungen und Verletzungen.

Zwischen den drei Schwestern und den Ehepartnern Leo und Eko entwirft Min ein hochkomplexes Beziehungsgeflecht voller unausgesprochener Konflikte und emotionaler Barrieren. Doch selbst retrospektiv bleiben die Gründe für viele dieser Spannungen und der familiären Entfremdung nur teilweise nachvollziehbar. Eindrucksvoll gelingt es Min dennoch, ein psychologisch vielschichtiges Porträt moderner, dysfunktionaler Familienstrukturen.

Während sich die Welt um sie herum durch rasanten technologischen Fortschritt oder tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche in atemberaubendem Tempo verändert und ihr Leben stetig beeinflusst, bleiben die emotionalen Herausforderungen, inneren Konflikte und seelischen Nöte der Protagonisten bemerkenswert beständig. Min versteht es, diese zeitlose Spannung zwischen äußerem Wandel und innerer Stagnation einzufangen und uns vor Augen zu führen.

Während einige Passagen durch poetische Qualität bestechen, leidet der Roman insgesamt unter einem überwiegend nüchternen und stellenweise holprigen Schreibstil, der den Lesefluss hemmt. Dies erschwert es mitunter, sich in die Szenen hineinzuversetzen oder diese lebendig vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Es bleibt unklar, ob diese sprachlichen Schwierigkeiten auf eine möglicherweise mangelhafte Übersetzung zurückzuführen sind.

Trotz der faszinierenden, innovativen Erzählstruktur hinterlässt der Roman bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Er bietet zwar interessante Einblicke in die Beziehungsdynamik einer multikulturellen Familie sowie spannende Enthüllungen familiärer Geheimnisse, doch fehlt ihm ein klarer roter Faden oder ein übergreifender Spannungsbogen. Die Erwartungen auf eine zentrale Enthüllung oder ein prägendes Ereignis, das den Zustand der Familie im Jahr 2040 erklärt, werden leider nicht erfüllt. Stattdessen wirkt der Roman wie eine lose Sammlung von etwas beliebigen Episoden und Anekdoten Familienleben der Yangs über mehrere Jahrzehnte hinweg. Einzelne Geschichten sind durchaus fesselnd, können jedoch nicht vollständig über Schwächen in der Charakterzeichnung und dem Spannungsaufbau hinwegtrösten.

FAZIT

Ein ambitioniertes Debüt mit einer innovativen Erzählstruktur und faszinierenden Einblicken in das Leben einer multikulturellen Familie. Trotz beeindruckender Themenvielfalt und psychologischer Tiefe fehlt es dem Roman jedoch an emotionaler Zugänglichkeit und einem klaren Spannungsbogen.

Ein interessanter Roman für Fans von komplexen Familiengeschichten – wenn auch nicht ohne Schwächen.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 03.02.2025

Stimmungsvoller Weihnachtskrimi im historischen Bayern

Der echte Krampus
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MEINE MEINUNG
"Der echte Krampus" von Uta Seeburg ist bereits der vierte Band der historischen Krimireihe um Major Wilhelm Freiherr von Gryszinski, kriminalistischer Sonderermittler der Königlich Bayerischen ...

MEINE MEINUNG
"Der echte Krampus" von Uta Seeburg ist bereits der vierte Band der historischen Krimireihe um Major Wilhelm Freiherr von Gryszinski, kriminalistischer Sonderermittler der Königlich Bayerischen Polizeidirektion in München. In der gelungenen Fortsetzung wird Gryszinski während seines Weihnachtsurlaubs in einen mysteriösen Mordfall verwickelt.
Die deutsche Autorin entführt uns in das verschneite bayerische Bergdorf Berghall im Jahr 1897, wo Major Gryszinski mit seiner Familie, einschließlich der geschätzten Köchin Frau Brunner und dem Kindermädchen Anneliese, im frisch erworbenen Bauernhaus ihrer wohlhabenden, exzentrischen Bekannten Franziska Gräfin von Wurmbrand ein besinnliches Weihnachtsfest verbringen möchte. Als es während des traditionellen Krampuslaufs zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen jungen Burschen kommt und kurz darauf das Opfer ausgerechnet in der Räucherkammer auf ihrem Hof tot aufgefunden wird, wird der beschaulichen Stimmung ein jähes Ende gesetzt. Gryszinski sieht sich gezwungen, in dem herausfordernden Mordfall zu ermitteln. Doch wie soll er unter zwanzig jungen Männern, die alle als Krampus verkleidet waren und allesamt Zeugen und Tatverdächtige sind, den Täter finden. Nur gut, dass er auf die Hilfe der rasch aus München herbeigerufenen Kollegen zählen kann. Nach und nach befragen sie die wenig auskunftsfreudige Dorfgemeinschaft und kommen allmählich einigen dunklen Geheimnissen auf die Spur.
Seeburgs ansprechender Schreibstil passt mit seiner leicht antiquierten Note perfekt zur dargestellten Epoche. Die Autorin versteht es, das historische Setting facettenreich und detailgetreu darzustellen und gewährt uns einen faszinierenden Einblick in die damalige Zeit.
Ihr gelingt es mit ihren lebendigen, anschaulichen Schilderungen zudem hervorragend, die stimmungsvolle vorweihnachtliche Atmosphäre des winterlichen Dorflebens einzufangen und uns in das idyllische Setting der verschneiten Berglandschaft zu entführen. Ein besonderer Reiz des Romans liegt zudem in der geschickten Einbindung des vielfältigen traditionellen Brauchtums zur Advents-und Weihnachtszeit so wie einiger mythisch-angehauchter Elemente aus lokalen Berggeschichten in den packenden Kriminalfall.
Wie in den vorherigen Bänden der Reihe zeichnet sich auch "Der echte Krampus" durch vielschichtig ausgearbeitete Figuren aus. Der überaus sympathische Protagonist Gryszinski ist erneut brillant gezeichnet und muss sich auch in seinem Urlaub wieder besonderen Herausforderungen stellen. Besonders interessant sind ebenfalls die Einblicke in sein Privatleben mit seiner unkonventionellen Ehefrau Sophie und seinem kleinen Sohn Fritz. Die Nebenfiguren sind ebenfalls mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet und tragen zur Lebendigkeit und Vielfalt der Geschichte bei.
und sorgt für humorvolle Szenen.
Trotz des ruhigen Verlaufs der Ermittlungen gelingt es Seeburg, die Spannung kontinuierlich aufzubauen und mit unerwarteten Wendungen zu überraschen. Geschickt eingeflochtene, humorvolle Episoden sorgen zudem für Abwechslung. Das sehr fesselnde Finale des Romans bietet schließlich eine schlüssige Auflösung des Mordfalls.
Ein knappes Nachwort, betitelt als "Historische Notiz", rundet das Werk ab und gibt Aufschluss über literarische Freiheiten, die sich die Autorin bei ihrer Geschichte genommen hat.
Man darf mit Spannung auf weitere Fälle von Major Wilhelm Freiherr von Gryszinski warten.
FAZIT
Eine sehr stimmungsvolle und Fortsetzung der historischen Krimi-Reihe, die durch die gelungene Verbindung von spannender Kriminalhandlung, historischem Kontext und weihnachtlicher Stimmung besticht.
Gerade für die Winterzeit ein unterhaltsames Leseerlebnis für Krimi-Fans und Liebhaber historischer Romane !

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.02.2025

Ein fesselnder Kriminalroman im Graphischen Viertel

Das Haus der Bücher und Schatten
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MEINE MEINUNG
Mit „Das Haus der Bücher und Schatten“ setzt der deutsche Bestsellerautor Kai Meyer seine faszinierende Reihe über die Geheimnisse des Graphischen Viertels in Leipzig fort. Dieser fesselnde ...

MEINE MEINUNG
Mit „Das Haus der Bücher und Schatten“ setzt der deutsche Bestsellerautor Kai Meyer seine faszinierende Reihe über die Geheimnisse des Graphischen Viertels in Leipzig fort. Dieser fesselnde historische Roman ist eine beeindruckende Hommage an die Welt der Bücher, geschickt eingebettet ist in die historische Kulisse der Bücherstadt Leipzig.
Obwohl es sich hierbei bereits um den dritten Band handelt, lässt sich der Roman auch ohne Vorkenntnisse lesen, da jeder der Romane in sich abgeschlossen ist. Für Kenner der Reihe bietet er immer wieder subtile Querverbindungen zu Schauplätzen und Charakteren aus den vorherigen Bänden.
In seinem sehr atmosphärischen und mitreißend erzählten Roman verwebt Meyer gekonnt einen packenden Kriminalfall mit mystischen Elementen und einer bibliophilen Schauergeschichte. Darüber hinaus werden diese gekonnt in einen interessanten, gut recherchierten historischen Kontext eingebettet.
Die vielschichtige Handlung ist diesmal auf zwei Zeitebenen angesiedelt. Sie spielt zum einen 1913 im Baltikum kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und 1933 in Leipzig im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung.
Im Mittelpunkt der Leipziger Handlung steht Kommissar Cornelius Frey, der in einem rätselhaften Doppelmord an seinem Polizeikollegen und einem Mädchen, das er die Nacht zuvor vor einem Suizid gerettet hatte, ermittelt. Immer tiefer führen ihn seine Ermittlungen in ein undurchsichtiges Netz aus Okkultisten, Freimaurern und skrupellosen Verschwörern. Die Rückblenden ins Jahr 1913 folgen der jungen Lektorin Paula Engel, die gemeinsam mit ihrem Verlobten Jonathan ins Baltikum reist, um für ihren Verlag das Manuskript eines exzentrischen Schriftstellers abzuholen. Doch schon bald wird klar, dass hinter den alten Mauern des Herrenhauses unheilvolle Geheimnisse lauern.
Meyers lebendiger, bildhafter Schreibstil erschafft eine geheimnisvolle, unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, die uns unweigerlich von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann zieht. Auf faszinierende Weise lässt Meyer in seiner atmosphärisch dichten Geschichte Realität und mystische Geschehnisse ineinanderfließen.
Er zeichnet nicht nur ein lebendiges Bild des Leipziger Graphischen Viertels und seiner Bewohner während der Weimarer Republik, sondern vermittelt auch eindringliche Einblicke in jene düstere Zeitepoche des aufkommenden Nationalsozialismus. Besonders beeindruckend sind die detaillierten Beschreibungen der baltischen Winterlandschaft und der beinahe greifbaren, unheimlichen Atmosphäre des dortigen, prächtigen, Herrenhauses. In diesem mysteriösen Ambiente entfaltet Meyer eine packende Geschichte voller verborgener Geheimnisse und rätselhafter Ereignisse, die für enorme Spannung sorgt.
Meyer versteht es hervorragend, seine faszinierenden Hauptfiguren facettenreich und lebendig zu zeichnen. Fesselnd ist Kommissar Freys Kampf, sich trotz Widerstände aus höchsten Positionen in seinen Dienstgrad zurückzukämpfen und die Mordermittlungen zu leiten. Als mutiger, zu allem entschlossener Ermittler ist er bereit, für die Aufdeckung der Wahrheit große Risiken einzugehen.
Sehr gelungen ist ebenfalls die Darstellung der vielen Nebenfiguren, die mit ihren eigenen Geheimnissen zur Komplexität der Handlung beitragen.

Ein besonderes Highlight des Romans ist die Art und Weise, wie Meyer immer wieder die Themen Literatur, Bibliotheken und die magische Macht der Bücher in die geschickt konstruierte Geschichte einwebt.
Die Handlung ist temporeich und packend, wobei sich die Hintergründe der in den zwei Handlungssträngen miteinander verwobenen Ereignisse nur schrittweise erschließen.
Meyer versteht es, durch geschickte Perspektivwechsel und überraschende Wendungen die Spannung aufrecht zu halten. Die fesselnde und sehr mystische Geschichte findet schließlich ein stimmiges Ende, das zum Nachdenken anregt und Raum für weiterführende Gedanken lässt.

FAZIT
Ein faszinierender, vielschichtiger Roman, der Kriminalfall, historische Geschehnisse, Mystik und die Liebe zur Literatur gekonnt verbindet
Ein fesselndes Leseerlebnis mit einer beeindruckend dichten Atmosphäre, das allen Bücherliebhabern wärmstens empfohlen werden kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.02.2025

Ein faszinierender historischer Krimi

Gefährliche Betrachtungen
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MEINE MEINUNG
In seinem faszinierenden historischen Kriminalroman »Gefährliche Betrachtungen« entführt uns der deutsch-schweizerische Verleger und Autor Tilo Eckardt in den Sommer 1930 nach Nidden, ein ...

MEINE MEINUNG
In seinem faszinierenden historischen Kriminalroman »Gefährliche Betrachtungen« entführt uns der deutsch-schweizerische Verleger und Autor Tilo Eckardt in den Sommer 1930 nach Nidden, ein malerisches Fischerdorf auf der Kurischen Nehrung.
Mit der originellen Ausgangsidee für seine unterhaltsame Geschichte und einer reizvollen Mischung aus historischem Roman, Kriminalfall und humorvollen Episoden zudem gewürzt mit herrlich amüsanter Situationskomik begeistert er von der ersten Seite an.
Eckhardt hat mit dem berühmten Schriftsteller Thomas Mann eine historische Persönlichkeit als Hauptfigur auserkoren und lässt ihn gemeinsam mit einer fiktiven Figur, dem litauischen Übersetzer Zydrunas Miuleris in einem mysteriösen Kriminalfall ermitteln. Geschickt verwebt er sorgsam recherchierte historische Fakten mit fiktiven Elementen zu einer fesselnden, überzeugenden und sehr atmosphärischen Geschichte.
Dieser vielschichtige Roman ist jedoch weit mehr als ein spannender historischer Krimi, sondern auch eine wundervolle Hommage an Thomas Mann und sein umfassendes Werk sowie eine tiefgründige Erzählung über Freundschaft, Courage und Zuversicht in Zeiten heraufziehender Gefahren und bedrückender, politischer Umbrüche.
Im Mittelpunkt der zunächst sich bedächtig anlassenden Handlung steht der berühmte Schriftsteller und frisch gebackene Nobelpreisträger Thomas Mann, der mit seiner Familie das neu errichtete Sommerhaus bezieht, und dort im Geheimen an einer bedeutsamen Rede arbeitet, mit der der besorgte Dichter das deutsche Volk vor dem aufkommenden Nationalsozialismus und seinen Gefahren warnen möchte. Ein weiterer Protagonist ist der junge litauische Übersetzer Žydrūnas Miuleris, der ein großer Bewunderer Manns ist und seine Werke ins Litauische übersetzen möchte. Durch eine Verkettung von unglücklichen Verwicklungen verliert Miuleris versehentlich eine von ihm heimlich angefertigte Abschrift des höchst heiklen Redeentwurfs des Schriftstellers. In falschen Händen könnten diese den Dichter in große Schwierigkeiten bringen. So nehmen die Geschehnisse ihren Lauf und der verzweifelte Miuleris, von Mann der Einfachheit halber "Müller" genannt, beginnt gemeinsam mit Thomas Mann weiteren rätselhaften Ereignissen auf den Grund zu gehen.
Äußerst reizvoll und amüsant sind die eingeschobenen Kommentierungen des über 100-jährigen Ich-Erzählers Miuleris, der rückblickend die damaligen Geschehnisse einordnet und sich mit seinen launigen Anmerkungen direkt an uns Leser richtet.
Sehr gelungen ist der eindringliche, etwas antiquiert wirkende und humorvolle Schreibstil, der zwar etwas anspruchsvoll aber sehr ansprechend ist und uns sprachlich ins ausgehende 19. Jahrhundert zurückversetzt.
Eckardt gelingt es meisterhaft, die besondere Atmosphäre des Sommers 1930 in dem idyllischen ostpreußischen Fischerdorf Nidden einzufangen. Gekonnt werden sorgsam recherchierte Fakten zur Geschichte sowie Ereignisse aus Politik und Kunst ins Geschehen eingewoben. Auch die angespannte politische Stimmung der nach der Auflösung des Reichstags im Umbruch befindlichen Weimarer Republik vermittelt er sehr anschaulich und lässt die beginnende Zeit des Nationalsozialismus auf eindrucksvolle Weise lebendig werden. Der Autor zeichnet ein lebendiges, sehr stimmiges Bild der beliebten Sommerfrische und örtlichen Künstlerkolonie.
Hervorragend haben mir zudem die stimmungsvollen Beschreibungen der einzigartigen Landschaft der Kurischen Nehrung mit den Wanderdünen, dem ursprünglichen Wald, der Ostsee und dem vermeintlich friedlichen Haff gefallen.
Die Geschichte lebt vor allem von ihren vielschichtig angelegten und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeiteten Figuren. Hervorragend hat mir neben der sympathische Hauptfigur des jungen Übersetzers Miuleris die facettenreiche Darstellung des weltberühmten Schriftstellers Thomas Mann mit seiner komplexen Persönlichkeit und in seiner Rolle als unfreiwilliger Hobbydetektiv gefallen. Trotz seiner oftmals etwas „weltfremden“ Art offenbart er einen warmherzigen, offenen und humorvollen Charakter. Tief beunruhigt zeigt sich über die politische Lage in Deutschland und die Auswirkungen des aufkommenden Nationalsozialismus auf die Region, die schließlich seine politische Positionierung erfordern.
Die Nebenfiguren sind mit großer Sorgfalt gezeichnet und tragen wesentlich zur Authentizität der Erzählung bei. Von exzentrischen Künstlern, neugierigen Kurgästen, begeisterten Nazisympathisanten über die ortsansässigen Fischern und bis zu den historischen Persönlichkeiten wie die Maler Ernst Mollenhauer und Max Pechstein oder den Fotografen Paul Isenfels – jede Figur fügt der Geschichte eine zusätzliche Nuance hinzu und sorgt für überraschende, oft humorvolle Momente.
Abgerundet wird der Roman durch ein kurzes, aber aufschlussreiches Nachwort, in dem Eckardt die Grenzen zwischen Wahrheit, Fiktion und dichterischer Freiheit erläutert, interessante Hintergrundinformationen zu seinem Roman ausführt sowie gewisse Parallelen zur aktuellen politischen Lage aufzeigt. Zudem schließt sich ein Quellen- und Literaturverzeichnis an.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2025

Faszinierende Reise zwischen den Welten

Nach uns der Himmel
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MEINE MEINUNG
In ihrem neuesten Roman „Nach uns der Himmel“ nimmt uns die deutsche Autorin und mehrfache Deutsche Krimipreis-Gewinnerin Simone Buchholz mit auf eine ungewöhnliche, aber sehr faszinierende ...

MEINE MEINUNG
In ihrem neuesten Roman „Nach uns der Himmel“ nimmt uns die deutsche Autorin und mehrfache Deutsche Krimipreis-Gewinnerin Simone Buchholz mit auf eine ungewöhnliche, aber sehr faszinierende literarische Reise jenseits der üblichen Genre-Muster.
Die Autorin beweist einmal mehr ihr außergewöhnliches Talent, komplexe, tiefgründige Themen zu beleuchten, menschliche Erfahrungen in Grenzsituationen zu ergründen und eine sehr geheimnisvolle und fesselnde Handlung zu schaffen, die nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregt.
Buchholz erzählt eine atmosphärisch dichte, vielschichtige Geschichte über das Leben und den Tod mit interessanten Elementen des Magischen Realismus, die existenzielle Fragen aufwirft, zwischen den Zeilen gelesen werden will und viel Raum für persönliche Interpretationen lässt.
Der ungewöhnliche und unverwechselbare Schreibstil der Autorin trägt zum besonderen Flair des Romans bei. Er ist prägnant, lebendig, ironisch und poetisch und zeichnet sich zudem durch Witz und Esprit sowie wundervolle Sprachbildern aus.
Der dramatische Einstieg in die tiefgründige Geschichte, bei dem acht Passagiere nach heftigen Turbulenzen während eines Fluges schließlich auf ihrer Ferieninsel landen, ist äußerst faszinierend und eindringlich beschrieben und hat mich zusammen mit der beklemmenden, mysteriösen Atmosphäre auf Anhieb in den Bann gezogen.
Gefesselt verfolgt man die rätselhaften, surrealen Entwicklungen auf der paradiesischen Mittelmeerinsel, die eine ganz eigene Dynamik entfalten.
Durch ihre atmosphärisch dichten Beschreibungen gelingt es Buchholz hervorragend, unser Kopfkino anspringen zu lassen. So tauchen wir an der Seite der Protagonisten allmählich in die surreale Umgebung auf der Urlaubsinsel ein und sehen auch die alltäglichen Geschehnisse in einem mystisch-unwirklichen Licht. Rasch wird klar, dass die Charaktere sich in einer Art Jenseits befinden - gefangen in einer faszinierenden Zwischenwelt zwischen Leben und Tod. Befreit von den Zwängen ihres bisherigen Lebens vergessen sie ihre Alltagssorgen, beginnen sie auf eine ganz neue, unerwartete Weise miteinander zu interagieren, sich konträr zu ihren gewohnten Verhaltensmustern zu verhalten und entdecken schließlich ganz neue Seiten an sich.
Hautnah erleben wir mit, wie zunehmend die Grenzen zwischen Realität, Unwirklichem und Illusion, Leben und Tod, Existenz und Nicht-Sein auf unerklärliche Weise verwischen.
Gekonnt führt die Autorin eine zusätzliche Handlungsebene mit zwei weiteren Charakteren ein, die in Los Angeles spielt und auf die man sich zunächst keinen Reim machen kann.
Die nachdenklich stimmende Geschichte entfaltet sich zu einer tiefgründigen Erkundung der menschlichen Existenz und regt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Leben danach, der Sterblichkeit und Vergänglichkeit sowie den fließenden Grauzonen dazwischen an. Zudem beleuchtet Buchholz Themen wie die Suche nach Authentizität, Selbstverwirklichung und Freiheit, der Grenzbereich von Wirklichkeit, individueller Wahrnehmung und der eigenen Wahrheit sowie die Befreiung von gesellschaftlichen und persönlichen Zwängen.
Auch bei der lebendigen und sehr facettenreichen Zeichnung ihrer ungewöhnlichen Charaktere bleibt sich Buchholz durchaus treu. So begegnen wir einem bunt gemischten, skurrilen Figuren-Ensemble mit ihren eigenen Hintergrundgeschichten und verborgenen Geheimnissen. Ob nun der unglückliche Geschäftsmann Claudius mit seiner Frau Elisabeth, das Ehepaar mit einem todkranken Teenager-Sohn Vincent oder die quirlige, lebensfrohe Heidi, die sich mit diesem anfreundet - sie alle sind gebrochene, verletzliche Seelen, die mit mit den alltäglichen Herausforderungen des Lebens, ihren Problemen und inneren Dämonen zu kämpfen haben und sich verloren zu haben scheinen sowie den obligatorischen, kettenrauchenden Charakteren mit derbem Charme. Durch wechselnde Perspektiven erhalten wir zwar Einblicke in ihre Vergangenheit, die Gefühlswelten und Motivationen der verschiedenen Charaktere und erleben ihre oft überraschenden, persönlichen Entwicklungen mit, doch wirklich nahe bin ich ihnen nicht gekommen.
Besonders beeindruckend ist Bucholz` Fähigkeit, komplexe emotionale Momente und zwischenmenschliche Dynamiken sehr lebendig und mit wenigen, aber präzisen Worten zu skizzieren.
In diesem Roman gibt es eine Vielzahl an geschickt gestreuten Hinweisen, vagen Andeutungen und Ungewissheiten zu ergründen und einzuordnen, was für mitreißende Spannung sorgt. Bis zum packenden Ende bietet dieser vielschichtige Roman zwischen den Zeilen unendlich viel Raum zum Nachdenken und Reflektieren
Bewusst lässt Buchholz vieles unausgesprochen und im Dunkeln, so dass es uns überlassen ist, die Lücken zu füllen und eigene Schlüsse zu ziehen.
Auch wenn nicht alle offenen Fragen und Rätsel in diesem anspruchsvollen Leseabenteuer aufgelöst wurden, konnten mich die surreale Atmosphäre und die ständigen Wendungen in Atem halten.
FAZIT
Ein faszinierendes Leseerlebnis jenseits des Gewohnten, das zum Nachdenken und und zum Hinterfragen unserer Vorstellungen vom Leben anregt!

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