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Veröffentlicht am 26.08.2025

Komm heim oder Zwei kleine weiße Porzellanpferde

Die Verlorene
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Änne ist 93, als sie wenige Tage nach einem Sturz verstirbt. Sie hinterlässt ein kleines weißes Porzellanpferd und ein Gemälde, das man ihr erst kürzlich geschickt hat und das sie selbst gar nicht mehr ...

Änne ist 93, als sie wenige Tage nach einem Sturz verstirbt. Sie hinterlässt ein kleines weißes Porzellanpferd und ein Gemälde, das man ihr erst kürzlich geschickt hat und das sie selbst gar nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Neugierig, was das bedeuten soll, sind ihre Tochter Ellen und noch viel mehr ihre Enkelin Laura. Eine Reise nach Schlesien, Ännes ursprüngliche Heimat, beantwortet zumindest einige Fragen, die bislang offen geblieben sind und über die Änne nie gesprochen hat.

Wundervoll aufgeteilt auf zwei Zeitebenen spielt dieser überwältigende Roman, der mich sofort in seinen Bann gezogen und kaum noch losgelassen hat, wobei sowohl die Gegenwart mit Laura und Ellen als auch die zurückliegenden Jahre - 1941 bis 1946 - jeweils auf ihre ganz eigene Art und Weise spannend sind und voller Emotionen stecken. Bildhafte Beschreibungen von Landschaft, Geräuschen und Gerüchen begleiten uns durch den Roman, sodass die Szenen ausgesprochen lebendig wirken, die Figuren sind detailgetreu und liebevoll dargestellt, man kann nicht anders, als sich mitten im Geschehen zu fühlen. Das Besondere an Miriam Georgs Schilderung ist die langsame Annäherung an die Wahrheit, nur Stück für Stück wird preisgegeben, oftmals wechseln die Perspektiven, wodurch die Sogwirkung nur noch weiter angefacht wird. Dennoch habe ich vergleichsweise langsam gelesen, um nur ja keine Einzelheit zu verpassen, um in die jeweilige Stimmung voll und ganz eintauchen zu können. Da sind einerseits zwei Frauen auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, andererseits eine Familie auf einem schlesischen Gutshof, mitten in Kriegszeiten, wobei die Kampfhandlungen selbst noch gar nicht hier angekommen sind. Die wenigen Szenen von der Front sind realistisch, aber doch so bedacht verfasst, dass kein seitenlanges brutales Gemetzel vorgeführt wird, der Rest schwingt zwischen den Zeilen mit und lässt diesen Roman zu einem besonders wertvollen Zeugnis der Geschichte werden. Besonders berührt natürlich der eine Soldat, der einen Zettel mit der russischen Aufforderung „Komm heim“ mit sich trägt. Aber auch sonst kann man sich problemlos in die einzelnen Figuren hineinversetzen, ihre Gefühle, ihre Ängste, aber auch ihre Hoffnung immer wieder spüren.

Ein hervorragendes Buch, inspiriert vom Schicksal einzelner Familienmitglieder von Miriam Georg (wie man im Nachwort lesen kann) und wahrscheinlich genau deshalb so bewegend und einfühlsam erzählt. Die Verlorene wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, die Themen Heimatverlust und Identität sind bestens ins Geschehen eingeflochten. Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 25.08.2025

Scheinbare Idylle

Schattengrünes Tal
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Das Hotel Zum alten Forsthaus im Nordschwarzwald ist idyllisch gelegen und zieht seit Jahrzehnten seine Stammgäste an, allerdings täte dem alten Kasten einmal eine Renovierung gut. Während Lisa dies erkennt, ...

Das Hotel Zum alten Forsthaus im Nordschwarzwald ist idyllisch gelegen und zieht seit Jahrzehnten seine Stammgäste an, allerdings täte dem alten Kasten einmal eine Renovierung gut. Während Lisa dies erkennt, wehrt Claus, ihr Vater und Hotelbesitzer, jegliche Veränderung konsequent ab, er wartet auf seinen Sohn Felix, der einst übernehmen soll. Als sich eine bedauernswert scheinende Fremde einquartiert, ändert sich so manches Schlag auf Schlag.

Bildgewaltig und elegant fließt dieser ansprechende Spannungsroman von Kristina Hauff dahin, bannt mich als Leser alsbald und lässt mich bis zur letzten Seite nicht mehr los. Sowohl die Landschaftsschilderungen als auch die Charaktere bestechen durch Lebendigkeit, die Atmosphäre im bisweilen dunklen Schwarzwald ist großartig eingefangen. Durch wechselnde Blickwinkel kommen verschiedene Figuren zu Wort, dass die undurchschaubare Fremde keine Stimme bekommt, unterstreicht noch deren Rätselhaftigkeit. Besonders raffiniert ist die Tatsache, dass manche Szene aus verschiedenen Sichtweisen beleuchtet und dadurch doppelt erzählt wird. Wer meint, das könnte langweilig werden, der irrt gewaltig, denn Kristina Hauff erzählt dicht und präzise, wie wir es bereits gewohnt sind. Die Spannung ist unterschwellig stets vorhanden, die düstere und bedrohliche Stimmung allgegenwärtig. Besonders gut gefällt mir die Entwicklung der einzelnen Personen, die sich am Ende klar abzeichnet.

Wer ein packendes Leseerlebnis sucht und das Thema (familiäre) Beziehungen und Abhängigkeiten interessant findet, der ist im schattengrünen Tal goldrichtig!

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Der Tod ist tot

Tod bei den Salzburger Festspielen
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Aufregung herrscht vor der Premiere der Salzburger Festspiele im Jahre 1937, denn der Darsteller des Todes ist tot, kurzerhand ermordet vor einer Engelstatue. Nachdem auch die Zweitbesetzung dieser Rolle ...

Aufregung herrscht vor der Premiere der Salzburger Festspiele im Jahre 1937, denn der Darsteller des Todes ist tot, kurzerhand ermordet vor einer Engelstatue. Nachdem auch die Zweitbesetzung dieser Rolle erstochen wird, steht nicht nur Kommissar Oscar Breitensee vor einem Rätsel, auch Max Reinhardt muss rasch handeln und einen neuen „Tod“ quasi aus dem Hut zaubern. Dafür eignet sich niemand anderer besser als seine Ex-Frau Else Heims, die sich immer schon wie im Vorübergehen jeden Text leicht gemerkt hat.

Die Handlung dieses historischen Kriminalromans ist in Salzburg im Jahre 1937 angesiedelt, ein weiterer Erzählstrang, beginnend 1882 in Berlin, nähert sich diesem schrittweise an. Raffiniert verknüpft Sophie Reyer – deren Großvater Walther Reyer übrigens selbst mehrmals den Jedermann am Salzburger Domplatz gegeben hat – eine spannende Kriminalgeschichte mit realen Ausschnitten aus Else Heims Biografie, einer Frau, die schon früh aufgrund ihrer Begabung als Schauspielerin engagiert worden ist, aber nach der Trennung von Max Reinhardt wieder in die Bedeutungslosigkeit abgedriftet ist. Durch entsprechende Szenen in diesem Buch werden ihr Können und ihre Vorreiterrolle für Gleichberechtigung entsprechend gewürdigt.

Aber zurück zum Krimi: dieser besticht durch die einzigartige Atmosphäre bei den Salzburger Festspielen, dem alljährlichen Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Was veranlasst einen Mörder, gerade den Tod zu töten? Will vielleicht ein verschmähter Schauspieler Rache üben? Die Autorin deutet verschiedene Motive an und bringt auch die gesellschaftspolitische Stimmung, den immer spürbarer werdenden Antisemitismus aufs Tapet, dem sich sogar der hiesige Pfarrer nicht verschließt. Auf diese Weise zeichnet Reyer ein lesenswertes Sittenbild im Rahmen eines faszinierenden Kriminalromans und bietet wie nebenbei noch allerhand Hintergrundinformationen zu den mittlerweile mehr als 125 Jahre alten Schauspielaufführungen im Salzburger Land. Der eloquente Schreibstil ist nicht zuletzt für vergnügliche Lesestunden verantwortlich.

Tod bei den Salzburger Festspielen – eine gelungene Verquickung von Historie und Fantasie, welche beste Einblicke gewährt in die Gunst und Kunst der Theaterwelt. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Missverständnisse und Auswege

Gestern und Heute, Sammelband
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Gisela ist über achtzig, aber noch rüstig und munter mit dabei in ihrer Immobilienfirma. Als aber ihre Rückenschmerzen nicht mehr länger zu verleugnen sind und die moderne Technik mit undurchschaubaren ...

Gisela ist über achtzig, aber noch rüstig und munter mit dabei in ihrer Immobilienfirma. Als aber ihre Rückenschmerzen nicht mehr länger zu verleugnen sind und die moderne Technik mit undurchschaubaren Computerprogrammen ihr die Arbeit eher schwerer als leichter von der Hand gehen lässt, denkt sie über Veränderungen nach. Eine Versöhnung mit Karin, eine Senioren-WG – allerlei Projekte spuken da in Giselas Kopf herum und bereiten den Weg für unterhaltsame Lesestunden, während der wir verzweigte Familienstrukturen kennenlernen dürfen und deutlich sehen können, wie die Vergangenheit unser jetziges Leben beeinflusst.

Kombiniert in diesem Sammelband geht die Geschichte Giselas nahtlos in jene von Elke und Johann über und bietet interessante Einblicke in zuweilen kompliziert anmutende Familienverhältnisse. Mütter und Stiefmütter, Ex-Freunde und neue Liebschaften, verstorbene Menschen und Enkelkinder, der Stammbaum samt Freunden ist weit verzweigt, stiftet manchmal auch Verwirrung, obwohl Brigitte Teufl-Heimhilcher ihre Figuren sehr deutlich charakterisiert. Einmal eingetaucht ins Geschehen, hat man dann aber bald das Gefühl, mittendrinnen zu sein in diesem Trubel, der besticht durch unterschiedliche Meinungen und Weltanschauungen, ja sogar jahrzehntelangen Zwist. Ist dieser berechtigt oder beruht er auf Missverständnissen? Gibt es Auswege in Richtung Versöhnung oder ignoriert man sich weiterhin gekonnt? Auf beeindruckende Weise verknüpft Brigitte Teufl-Heimhilcher immer wieder das Jetzt mit längst vergangenen Tagen, sodass Ursachen und Auslöser offenbar werden, welche das Heute nachhaltig beeinflussen. Was schlussendlich daraus entsteht, wenn Hausverwalter, Künstler und Geistliche aufeinandertreffen, schildert die Autorin mit leicht ironischem Unterton und einem gerüttelt Maß an Humor.

Ein angenehmer Lesefluss stellt sich aufgrund des flüssigen Schreibstils schnell ein, die Szenen sind direkt aus dem Alltag gegriffen und bieten somit immer wieder die Möglichkeit, sich mit einer Figur zu identifizieren. Auch wenn das Buch eher ruhig daherkommt, ohne große Aufregung, so besticht es doch durch die präzise gezeichneten Charaktere und das lösungsorientierte Zusammenfinden höchst unterschiedlicher Personen. Gesellschaftspolitische Themen werden unaufdringlich, quasi im Vorübergehen, eingestreut und passen somit perfekt in die Handlung.

Mir hat der Sammelband mit „Ach, Gisela“, „Ach, Elke“ und „Ach, Johann“ eine unterhaltsame Lesezeit beschert, jetzt bin ich neugierig auf die Reihe „Juttas Freundinnen“.

Veröffentlicht am 21.08.2025

Fehlende Seiten

Die Holunderschwestern
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Fanny (Franziska) und Fritzi (Friederike), Zwillingsschwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber dennoch wie Pech und Schwefel zusammenhalten, erleben nicht nur während der „zerrissenen Jahre“ ...

Fanny (Franziska) und Fritzi (Friederike), Zwillingsschwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber dennoch wie Pech und Schwefel zusammenhalten, erleben nicht nur während der „zerrissenen Jahre“ (1918-1938) unruhige Zeiten, aber auf diese konzentrieren sich die Tagebucheinträge, welche Fannys Urenkelin Katharina 2015 in die Hände bekommt. Im munteren Wechsel der Zeitebenen erfahren wir, welche Familiengeheimnisse über lange Zeit im Verborgenen schlummern.

Mit viel Liebe zum Detail erzählt Teresa Simon auch in diesem Roman wieder eine so spannende wie berührende Geschichte über den Aufbruch nach dem Großen Krieg, Freundschaften, die es nicht geben sollte und die Bindung zwischen Zwillingen. Wahre Begebenheiten haben die Autorin inspiriert zu einer fiktiven Handlung, welche ein lebendiges Bild der damaligen Zeit zeichnet und sogar bekannte historische Persönlichkeiten wie Paul Klee oder Rainer Maria Rilke ins Geschehen einbindet. Ebenso nah fühlt man sich den Figuren im 21. Jahrhundert, welche anhand von Tagebuchaufzeichnungen Katharinas Familienchronik auf den Grund gehen. Ach nein, mitten drinnen fehlen wesentliche Seiten und irgendwann reißt der Text abrupt ab. Es wäre aber keine gelungene Geschichte, würde sich das Rätsel um die Lücken nicht lösen lassen, und genau das gelingt den Personen im Buch bestens. Teresa Simon legt die Spur in die Vergangenheit und schafft es bravourös, die Übergänge zwischen den beiden Zeitebenen fließend zu gestalten, sodass man einerseits so neugierig wird wie Katharina und andererseits ganz abtaucht in die Zeit der Zwillinge Fanny und Fritzi. Dazwischen gibt es historische Eckpfeiler zur Orientierung, interessante Einzelheiten in Sachen Möbelrestaurierung und duftende Mahlzeiten, die Fanny und Katharina auf den Tisch zaubern.

Ein herzlicher Schreibstil mit lebendigen Szenen führt uns durch diesen wunderbaren Roman, der Wissenswertes mit Leichtigkeit in eine fesselnde Handlung einfügt. Mir haben die Holunderschwestern viel Freude beim Lesen bereitet, weshalb ich sehr gerne eine Empfehlung ausspreche.

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