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Veröffentlicht am 25.06.2025

Kontrolle

Ich war's nicht
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Werbetexter Will geht gerne einmal abends mit seinen Kollegen auf einen Drink - oder auch mehrere. Eines Tages im Oktober geschieht es, dass er am Heimweg vom Pub einem torkelnden Mann begegnet, der ihn ...

Werbetexter Will geht gerne einmal abends mit seinen Kollegen auf einen Drink - oder auch mehrere. Eines Tages im Oktober geschieht es, dass er am Heimweg vom Pub einem torkelnden Mann begegnet, der ihn mit blöden Sprüchen provoziert, sodass Will erst ausweicht, nach einem Schubser des Fremden jedoch auf diesen zugeht und ihm einen Faustschlag verpasst. Als dieser auf die Gehsteigkante stürzt und reglos liegen bleibt, ist Will entsetzt. Hat er soeben einen Menschen umgebracht? Die Gasse ist dunkel und einsam, niemand hat den Vorfall gesehen, bestimmt rappelt sich der Betrunkene bald wieder hoch, weshalb Will seinen Weg Richtung Bahnhof fortsetzt. Aber irgendjemand weiß etwas und kontrolliert ab nun Wills Leben.

Hinter diesem dunklen, durchaus anziehenden Titelbild verbirgt sich eine außergewöhnliche Geschichte um Kontrolle und Macht. Will gehört zu den Guten, lebt ein ruhiges unaufgeregtes Leben. Bis zu diesem besagten Abend, an den er sich zu einer unüberlegten Reaktion hinreißen hat lassen. Aber soll er deshalb zur Polizei gehen und sich stellen? Immerhin hat diese bereits einen Verdächtigen gefasst, einen Vorbestraften, der es gewiss verdient, wieder im Gefängnis zu landen. Nein, Will beschließt, sein normales Leben beizubehalten. Jedoch ist es nicht mehr so normal, wie kurz zuvor, denn ein Typ namens Solly bedrängt ihn und erinnert ihn regelmäßig an die schicksalhafte Nacht.

Die Erzählweise Royston Reeves ist geschickt, er lässt Will für sich sprechen, wodurch dessen Zwiespalt sehr deutlich herausgearbeitet wird, seine diffusen Ängste, seine Unschlüssigkeit der Polizei und dem Stalker gegenüber recht spürbar beim Leser ankommen. Wird er die Kontrolle über seine Entscheidung behalten oder kontrolliert mittlerweile jemand anderer sein Tun? Wer hat Recht, wer kennt die Wahrheit, wer spricht ein Urteil? Der Verlauf der Handlung ist nicht absehbar, das Ende raffiniert, bis dahin mitunter jedoch auch vom Zufall geprägt, sodass nicht durchgängig alles plausibel erscheint. Nichtsdestotrotz ist das Ringen um Macht großartig dargestellt, der Lesefluss bis zur letzten Seite ungebremst.

Ich war´s und ich war´s nicht – welche Aussage ist die richtige, welche Sichtweise korrekt, welches Handeln ethisch vertretbar? Viele Fragen, die es zu beantworten gilt, das Buch ist spannend, schaut selbst hinein!


Veröffentlicht am 25.06.2025

Zwillinge

Die Schneiderei in der Fliedergasse - Große Träume
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Kurz vor seinem Tod nimmt Hubert Körber seinen 13-jährigen Zwillingen ein Versprechen ab: Leonard soll Jura studieren, um gegen Krieg und Unrecht anzukämpfen, während Susanne eine kaufmännische Ausbildung ...

Kurz vor seinem Tod nimmt Hubert Körber seinen 13-jährigen Zwillingen ein Versprechen ab: Leonard soll Jura studieren, um gegen Krieg und Unrecht anzukämpfen, während Susanne eine kaufmännische Ausbildung anstreben und die familiengeführte Schneiderei übernehmen soll. Sieben Jahre später merken die beiden jungen Menschen, dass sie in vertauschten Rollen agieren – Leo plagt sich mit den trockenen Texten, die seine Schwester im Nu durchschaut, dafür ist Susanne in der Berufsschule ganz und gar nicht ausgelastet und sitzt nur der Pflicht halber an der Nähmaschine. Aber aufgrund von strengen Vorgaben zum Erhalt der Altstadt muss die finanzielle Lage des Betriebs rasch verbessert werden, um Haus und Schneiderei nicht zu verlieren. Haben da eigene Träume überhaupt noch Platz?

Tübingen in den 1970er-Jahren ist der Schauplatz dieser überaus liebenswerten Geschichte, in die ich mich rasch hineinversetzen kann. Herkömmliche Rollenbilder für Mann und Frau, rechtsorientierte Burschenschafter und wilde Hausbesetzer, Frauenstreiks und Vorbehalte gegen Homosexualität – in vielerlei Hinsicht sind zu dieser Zeit eigene Zukunftsvorstellungen nicht so einfach gegen die vorherrschenden Konventionen durchzusetzen. Immer ist man auf der Hut, was andere sagen könnten und natürlich ist der Wunsch des Vaters vor seinem Tod auch jetzt noch präsent, kann man diesen auch posthum nicht einfach ignorieren.

Das Autorenduo Andrea Bottlinger und Claudia Hornung, welches sich hinter dem Namen Katharina Oswald verbirgt, vermag es blendend, seine Figuren überaus realitätsnah darzustellen und ihre Dilemmata und widerstreitenden Gefühle herauszuarbeiten. Insbesondere die Liebe der Zwillinge für ein und denselben Mann ist ein sehr spezielles Thema, das hervorragend in die Geschichte eigeflochten und höchst einfühlsam geschildert wird. Ein Wunsch, den ich recht rasch beim Lesen verspürt habe, ist dann auch tatsächlich in Erfüllung gegangen und genau nach meinen Vorstellungen im Laufe der Handlung umgesetzt worden. Die Freude am Buch ist aber auch deshalb so groß, da mich viele Details an meine eigene Kindheit erinnern, so zum Beispiel die blauen Matrizen, Vorläufer der späteren Fotokopien, welche ich im Gegensatz zu Susanne mit einem herrlichen Duft verbinde. Plötzlich ist die Zeit vor fünfzig Jahren wieder ganz nah und durch die bildhaften Beschreibungen sind das auch die meist sehr sympathischen Figuren im Roman. Ich habe direkt das Gefühl, dass ich ebenfalls neue Freundschaften schließe, freue mich über die bisherige Entwicklung des Geschehens – zumindest über die positiven Ereignisse – und bin natürlich mehr als gespannt, wie es mit dem Wohnhaus und der Schneiderei im Erdgeschoss weitergeht.

So wie Katharina Oswald mit ihrem zauberhaften Schreibstil von ihnen erzählt, sind mir Susanne und Leonard sehr schnell ans Herz gewachsen, sodass ich diese Buch all jenen empfehle, die Spaß haben an der Geschichte der 1970er-Jahre und einem Zwillingspärchen, welches sich mutig den Herausforderungen der Zeit stellt.


Veröffentlicht am 25.06.2025

Familie mit Knoten

Nach dem Sommerregen
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Vater Walter Ritter wird siebzig, eine Feier im Wochenendhäuschen soll seine verstreut lebende Familie wieder einmal zusammenbringen. Was noch niemand weiß: Walter und seine Frau Marianne werden sich trennen ...

Vater Walter Ritter wird siebzig, eine Feier im Wochenendhäuschen soll seine verstreut lebende Familie wieder einmal zusammenbringen. Was noch niemand weiß: Walter und seine Frau Marianne werden sich trennen und aus diesem Grunde das „Ritterhaus“ entrümpeln und verkaufen. Wie wird diese Botschaft bei den erwachsenen Kindern Cecilia, Jonas und Marika ankommen?

Unbeschwert und ernst zugleich, so kündigt der Klappentext den Roman an, vielfältig kann also die Handlung gesponnen werden. Sommer, Herbst, Winter, Frühling, das sind die groben Orientierungspunkte für zahlreiche kürzere Kapitel, in denen wir die ganz und gar nicht unkomplizierte Familie Ritter begleiten dürfen. Jedem Kapitel ist ein kursiv gedruckter Absatz vorangestellt, Gedanken, Erinnerungen, die Details aus vergangenen Tagen hervorholen. Ansonsten plätschern Probleme von scheiternden Beziehungen ebenso dahin wie Ärger über die aufgebürdete Belastung im Zusammenhang mit Haushalt und Kindererziehung. Nicht zuletzt sind Kirschkerne in Nachbars Garten und andere Belanglosigkeiten sowie nicht ganz glaubwürdige Ereignisse ein Diskussionsthema. In Erwartung, dass endlich die Scheidung und der Hausverkauf angesprochen werden, liest man das halbe Buch und hat das Gefühl, sich im Kreis zu drehen, Coronaschnupfen und Klimawandel müssen natürlich auch erwähnt werden. Unbeschwert ist da für mich leider nichts, die ernsthafteren Gespräche innerhalb der Familie werden stets unterbrochen von stinkenden Babywindeln oder aufgeschürften Knien. Aber das spiegelt wohl den schnöden Alltag wider. Sowohl die Eltern als auch deren drei erwachsene Kinder wecken bei mir kaum Emotionen, eher handelt es sich um ein Begleiten durch ein Jahr der Selbstfindung und Abnabelung der einzelnen Figuren.

Ein Buch über eine ganz normale Familie, deren Schwierigkeiten, einem „festgezurrten Knoten“ [kindle, Pos. 2769] gleich, nicht so einfach gelöst und entwirrt werden können. Wer genau hinsieht, kann bestimmt den ein oder anderen Rat aus dem Buch mitnehmen, für mich persönlich war es jedoch zu vollgepackt mit schweren Lasten, welche nur ein „Durchwursteln“ statt eines zufriedenen Lebens ermöglichen.


Veröffentlicht am 23.06.2025

Lebenslüge

Sommer ohne Plan
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Zweimal ist Cassi gescheitert, nun bezieht sie ein klappriges Häuschen am Waldrand einer kleinen schwedischen Ortschaft. Aufgrund von Gerüchten und Irrtümern heißt es im Dorf bald, dass die Neue irgendetwas ...

Zweimal ist Cassi gescheitert, nun bezieht sie ein klappriges Häuschen am Waldrand einer kleinen schwedischen Ortschaft. Aufgrund von Gerüchten und Irrtümern heißt es im Dorf bald, dass die Neue irgendetwas mit Esoterik und Selbsthilfe zu tun hätte. Aber anstatt diese Behauptungen zu entkräften, spielt Cassi mit und nimmt die Rolle einer Lebensberaterin mit mannigfaltigen Angeboten ein. Nebenbei muss sie noch das Haus renovieren, wobei sie Unterstützung vom alten Nachbarn Pavel bekommt, mit dem sie bald eine gute Freundschaft verbindet.

Cassi lebt zu Beginn dieser Geschichte in einer winzigen Souterrainwohnung zur Untermiete und schuftet in einem Großmarkt. Aber ihr Burnout, welches sie schon in diese unangenehme Lage manövriert hat, hält an, sodass sie sogar das Wenige, das sie jetzt hat, auch noch verliert. Einziger Ausweg ist der Makler mit der windschiefen Hütte, die Cassi kurzentschlossen kauft. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, in welchem Cassi sich immer wieder an frühere Zeiten erinnert und dem Leser zeigt, was sie in die Abgeschiedenheit geführt hat. Spätestens jetzt erwartet man den angekündigten großen, lebensfrohen Roman, aber so humorvoll wie erwähnt wird es dann leider nicht. Vieles wirkt gekünstelt und unnatürlich, sodass man auch kaum Nähe aufbauen kann zu den Figuren. Lediglich Pavel, der am zurückgezogensten von allen lebt, vermag seine Geschichte authentisch zu erzählen. So vergehen die Sommermonate im Dorf, nur Hans aus dem Lebensmittelmarkt ist skeptisch und spricht von Scharlatanerie und Lügenmärchen. Was das für die Ortsansässigen bedeutet, kristallisiert sich erst in den letzten Kapiteln heraus und führt letztendlich doch noch zu einem versöhnlichen Abschluss.

Eine reizvolle Geschichte, die ich mir fast noch besser als originellen, humorvollen Film vorstellen kann. 3 Sterne.


Veröffentlicht am 22.06.2025

Würger von Graz

Grüne Mark und Weißer Tod
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In der schönen Steiermark ereignen sich jüngst bizarre Mordfälle, ohne erkennbaren Zusammenhang werden Männer in Graz erwürgt neben blauen Glasscherben aufgefunden. Untersuchungsrichter Franz Stahlbaum ...

In der schönen Steiermark ereignen sich jüngst bizarre Mordfälle, ohne erkennbaren Zusammenhang werden Männer in Graz erwürgt neben blauen Glasscherben aufgefunden. Untersuchungsrichter Franz Stahlbaum und sein Schulfreund Dr. Titus Pyrner stehen etliche Wochen lang vor einem schier unlösbaren Rätsel, können den „Würger von Graz“ nicht dingfest machen. Da haben Resi Eder und Salome Grün, die beiden Verlobten der Ermittler, eine grandiose Idee: weil mehrere Zeichen Richtung Lungensanatorium Eichenheim im Wienerwald deuten, schleusen sich die unternehmungslustigen Damen dort einfach als Pflegerinnen ein.

Mit einem wunderbaren Einstieg rund um die Kraft von Kräutern an Mariä Himmelfahrt im Jahre 1897 zeigt der junge Untersuchungsrichter Stahlbaum, wie schnell er ein Verbrechen aufklären kann. Umso schwerwiegender erscheinen daher die alsbald beginnenden Mordfälle in Graz, deren Lösung er trotz sorgfältigster Recherche nicht voranzutreiben vermag. Darüber hinaus steht er in direkter Konkurrenz zu Polizeiagenten Anton Meisl, mit dem er noch aus einem früheren Fall eine Rechnung offen hat. Mit ihrem sorgfältig gewählten Sprachgebrauch erweckt Gudrun Wieser die damalige Zeit zu neuem Leben, versetzt den Leser alsbald in eine Epoche, in der die Frau kaum etwas anderes zu tun hatte, als sich Kochen, Kindern und Kirche zu widmen. Umso mehr bestechen die beiden scharfsinnigen und hartnäckigen Fräulein Resi Eder und Salome Grün, wie sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und im aktuellen Fall sogar auf gewitzte Art und Weise die Polizeiarbeit unterstützen. Auch die anderen Charaktere sind liebevoll und detailreich gezeichnet.

Mit interessanten Einblicken in die damalige Ermittlungskunst und Heilkunde beginnt jedes Kapitel, die flüssige Erzählweise, durchaus mit Humor versetzt, lässt einen gerne ohne größere Unterbrechungen im Buch verweilen. So erfährt man in wenigen Stunden viele spannende und bestens recherchierte Einzelheiten zur medizinischen Forschung rund um die Tuberkulose, zu akademischen Geheimbünden und schlussendlich natürlich zum Motiv des Grazer Würgers, der nur durch gemeinsamen Krafteinsatz entlarvt werden kann.

Mit Franz, Titus, Resi und Salome ist die Lesezeit wie im Fluge vergangen, die wochenlangen Irrwege bei den Ermittlungen sind kurzweilig und unterhaltsam geblieben, die realen Orte der Handlung kenne ich selbst und kann mir daher auch die damaligen Gegebenheiten und dazu erdichtete Lungenheilanstalt nahe St. Andrä bestens vorstellen. Ich empfehle diesen historischen Krimi also sehr gerne weiter!

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