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Veröffentlicht am 23.04.2025

Kunst leidet

Wut und Liebe
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Camilla liebt Noah, aber sie liebt nicht das Leben mit ihm, denn Noah ist ein Künstler ohne Einkommen, sodass Camillas Geld für beide reichen muss. Anfang dreißig trifft sie eine weitreichende Entscheidung: ...

Camilla liebt Noah, aber sie liebt nicht das Leben mit ihm, denn Noah ist ein Künstler ohne Einkommen, sodass Camillas Geld für beide reichen muss. Anfang dreißig trifft sie eine weitreichende Entscheidung: sie trennt sich von Noah, um ihre eigenen Träume zu verfolgen. In seiner Trauer lernt Noah alsbald eine ältere Witwe kennen, mit der er einen zweifelhaften Pakt schließt, um Camilla zurückzugewinnen.

Mit seinem großartigen Schreibstil zieht Martin Suter seine Leser sofort in einen Bann, der durchgängig anhält von der ersten bis zur letzten Seite. Perfekte Portraits lassen die Figuren bis hin zur kleinsten Nebenrolle lebendig werden, jede einzelne Person zu einer bestens vorstellbaren Persönlichkeit heranreifen. Durch die Liebe zum Detail gelingt es sogar, Menschen zu verstehen, die einem im wahren Leben vielleicht nicht besonders sympathisch wären. Die drei größeren Abschnitte im Roman widmen sich unterschiedlichen Gesichtspunkten und lösen nicht nur aufgeworfene Fragen, sondern geben stets neuerliche Rätsel auf. So bleibt die gesamte Handlung extrem kurzweilig und Suter gelingt es immer wieder, Verblüffung in die Gesichter der Leser zu zaubern.

Was erwarten wir vom Leben, von der Liebe, von uns selbst? Was sind wir bereit zu geben, wo ziehen wir Grenzen? Raffiniert verpackt Martin Suter eine Menge Philosophisches in eine banal anmutende Szenerie, überlegt Alltägliches unter verschiedenen Blickwinkeln und sorgt gleichzeitig für Witz und Humor.

Ein weiteres erstklassiges Buch aus der Feder eines gewandten Schriftstellers, ein unterhaltsamer Roman trotz ernster Umstände. Wie auch andere Suter-Geschichten habe ich alles in einem Schwung gelesen und mich erfreut an vielfältigen Überlegungen, die nicht nur einmal für eine Überraschung gut waren. Aus voller Überzeugung empfehle ich auch „Wut und Liebe“ sehr gerne weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.04.2025

Trio in Hamburg

Elbnächte. Die Lichter über St. Pauli
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Louise ist mit einem reichen Mann verheiratet und reist von einer Stadt zur nächsten, verbringt Zeit auf Pferderennbahnen und in noblen Bars. Bis ihr Gatte spurlos verschwindet. Ella ist eine ehemalige ...

Louise ist mit einem reichen Mann verheiratet und reist von einer Stadt zur nächsten, verbringt Zeit auf Pferderennbahnen und in noblen Bars. Bis ihr Gatte spurlos verschwindet. Ella ist eine ehemalige Prostituierte und reist mehr zufällig als geplant nach Hamburg. Alles, was sie will, ist ein neues Leben. Da trifft sie auf Louise und gerät in ein unaufhaltsames Abenteuer.

Unterschiedlichste Handlungsstränge und Schauplätze eröffnen diesen Roman, der im Jahre 1913 überwiegend in Hamburg spielt. Wie die Geschichten einer eleganten Dame, einer unfreiwilligen Liebesdienerin und eines Einarmigen zusammenhängen könnten, erschließt sich dem Leser erst nach einigen Kapiteln, in welchen man nach und nach erkennt, wohin die Reise führt. Aber da kommt auch schon die nächste Überraschung, denn plötzlich entwickelt sich die ganze Angelegenheit zu einem Krimi, den man so vielleicht nicht erwartet hätte.

Stete Perspektivenwechsel gewähren Einblicke in die Sichtweise und Gedankenwelt der einzelnen Figuren, die man sich aufgrund der detaillierten Charakteristik gut vorstellen kann. Turbulente Szenen schrammen bisweilen am Rand der Glaubwürdigkeit, sodass hier die Authentizität leider ein wenig leidet. Dennoch lernt man die Welt Hamburgs um 1900 gut kennen mit den großen Unterschieden zwischen Arm und Reich, den Möglichkeiten für Mann und Frau. Umso schöner, dass das Trio Louise, Ella und Paul – nicht ganz aus freien Stücken – so zusammenwächst und agiert, wie es Henrike Engel vorgesehen hat.

Ein unterhaltsamer Roman mit extrem unterschiedlichen Hauptfiguren und fast unlösbaren Problemen. Ob sich alle Träume erfüllen, wird wohl erst der Folgeband verraten.

Veröffentlicht am 20.04.2025

Straßenstrich

Teufels Tanz
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Ein Achtzigjähriger am Straßenstrich – und kurz darauf tot. Ungewöhnlich, aber rasch aufgeklärt, als man den Zuhälter erwischt. Doch die Serie von Toten in ähnlichem Alter scheint erst zu beginnen und ...

Ein Achtzigjähriger am Straßenstrich – und kurz darauf tot. Ungewöhnlich, aber rasch aufgeklärt, als man den Zuhälter erwischt. Doch die Serie von Toten in ähnlichem Alter scheint erst zu beginnen und die Mordgruppe zwei des LKA Wien in Atem zu halten.

Aufregend und abwechslungsreich geht es dahin bei Poznanskis Wien-Krimi-Serie, die mit Fina Plank eine überaus sympathische - weil lebensnahe - Ermittlerin präsentiert. Sie hat es nicht leicht, sich beruflich in der männerdominierten Abteilung durchzusetzen und privat mit ihrer Schwester verglichen zu werden. So kann man sich in so mancher Situation sehr gut in die junge Polizistin hineinversetzen und ihre Gedanken und Gefühle verstehen. Der Fall selbst ist diesmal besonders raffiniert, er entführt an die letzten Straßenstriche Wiens und in die endlosen Gänge des Allgemeinen Krankenhauses und stellt Ermittler sowie Leser vor das Rätsel, wer es denn auf alte Männer abgesehen haben könnte, die ohnehin bald eines natürlichen Todes sterben würden. Ein untrügliches Bauchgefühl und logische Kombinationsgabe führen Fina auf die richtige Spur und damit letzten Endes in ein schwerwiegendes Dilemma. Wie sie damit umgehen wird, bleibt auch nach Auflösung dieses bemerkenswerten Falles spannend.

Ursula Poznanski schreibt gewohnt bildhaft und lebendig, sodass man sich wie selbstverständlich mit den verschiedensten Figuren durch Wien bewegt und den aufgeworfenen Geheimnissen auf den Grund geht. Die zwischendurch eingestreuten Kapitel aus Tätersicht setzen den Aufbau der vorangegangenen Bände gelungen fort, sodass eine erkennbare Einheit in der Serie gegeben ist. Aufgrund der Thematik und der schlüssigen Klärung der Dinge hat mir dieser Teil bislang am besten gefallen. Leseempfehlung (unter Berücksichtigung der Reihenfolge)!


Veröffentlicht am 18.04.2025

Surreales Drama

Nimms nicht persönlich
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Lute leitet eine eigene Abteilung bei einem Arzneimittelhersteller und schiebt dort, salopp gesagt, eine ruhige Kugel. Aufgrund einer Firmenübernahme soll nun genau diese Abteilung eingespart werden und ...

Lute leitet eine eigene Abteilung bei einem Arzneimittelhersteller und schiebt dort, salopp gesagt, eine ruhige Kugel. Aufgrund einer Firmenübernahme soll nun genau diese Abteilung eingespart werden und Lute – der selbst einen neuen Platz bekommen wird – soll seine 32 Untergebenen nicht nur irgendwie loswerden, sondern ihnen vielmehr schmackhaft machen, von sich aus zu kündigen. Der loyale Lute pflegt mit all diesen Menschen ein freundschaftliches Verhältnis und steckt nun in der Zwickmühle.

Einem Thriller gleich, beginnt dieses skurrile, surreale Drama, nimmt im zweiten Kapitel aber lebensnahe Formen an und beschäftigt sich mit durchaus alltäglichen Szenen: Einsparungen, gewinnträchtiger Firmenverkauf, Personalrochaden. So weit, so gut, so interessant. Auch als Lombard als Personalvermittler auf den Plan gerufen wird, sieht man, wie rasch – und gerne – Verantwortung für Unangenehmes abgegeben wird, wie Tatsachen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden und einem das Wort im Munde umgedreht werden kann. Die Ausflüge in Zeiten der Pest oder in die Situation einer Psychotherapie fließen ebenso elegant ins Geschehen ein wie die familiäre Lage Lutes, aber dann, mit den Sciencefiction ähnlichen, unrealistischen Bildern, driftet die bis dahin durchaus unterhaltsame Handlung ins Absurde ab. Viele Details rund um die harte Arbeitsrealität gefallen mir sehr gut, auch die privaten Eindrücke rund um Lute und einige seiner Mitarbeiter passen schön ins Geschehen, die surrealen, wie ein Traum verrinnenden Episoden hingegen können mich nicht erreichen. Diese ausgeblendet, fühle ich mich gut unterhalten.

Fazit: ein sehr spezielles Buch, das man wohl in der richtigen Stimmung lesen muss und das im Kern viel Wahres enthält.

Veröffentlicht am 17.04.2025

Verlorene Leben

Beeren pflücken
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Joe liegt im Sterben, seine Familie ist um ihn, nur Ruthie fehlt. Seine Schwester ist fünf Jahrzehnte zuvor im Alter von vier Jahren einfach verschwunden vom Feld, auf dem die Mi`kmaq-Familie Blaubeeren ...

Joe liegt im Sterben, seine Familie ist um ihn, nur Ruthie fehlt. Seine Schwester ist fünf Jahrzehnte zuvor im Alter von vier Jahren einfach verschwunden vom Feld, auf dem die Mi`kmaq-Familie Blaubeeren gepflückt hat, um Geld zu verdienen. Auch Norma blickt zurück, als ihre Mutter stirbt und muss damit zurechtkommen, dass diese etwas vor ihr verborgen hat. Verlorene Leben, Jahre, die man anders hätte verbringen können, füllen die trostlosen Szenen in diesem schicksalhaften Roman.

Alles beginnt im Jahre 1962 auf einem endlos scheinenden Blaubeerfeld. Ruthie ist plötzlich nicht mehr da, wo sie gerade noch mit ihrem Jausenbrot gesessen ist. Die tagelange Suche bleibt erfolglos, man kehrt schweren Herzens irgendwie in den Alltag zurück. Joe blickt im Jetzt, fünfzig Jahre später, auf dieses Leben zurück, auf seine Eltern, seine Geschwister, auf Ruthie, die sie verloren haben. Immer wieder wechselt die Zeitebene, verschwimmt Vergangenes mit aktuellem Geschehen und wirkt zuweilen verwirrend auf den Leser. Ähnlich trägt es sich mit der Geschichte Normas zu. Auch sie erzählt aus ihrer Sicht ihren bisherigen Weg, der geprägt ist von unerklärlichen Träumen und Gefühlen. Trotz einer bewegenden Handlung ist es jedoch schwierig, die vorherrschende Distanz zu den Figuren zu überwinden, sich auf deren Probleme einzulassen und in die einzelnen Szenen einzutauchen. Der Roman wirkt überwiegend trist und düster, was natürlich nicht grundsätzlich falsch ist, dennoch in gewisser Weise anstrengend und zermürbend. Etwas mehr Kontrast zu Schlägereien, Alkohol und Einsamkeit wäre schön gewesen.

Eine überaus interessante Geschichte liegt „Beeren pflücken“ zugrunde, die hoffnungslose Grundstimmung trübt allerdings ein wenig die Lesefreude.

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