Profilbild von clematis

clematis

Lesejury Star
offline

clematis ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit clematis über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.02.2025

Geständnis

Ein Sonntag in den Bergen
0

Der Schweizer Architekt und Autor Daniel de Roulet hat im Jahre 1975 das in den Bergen gelegene Chalet des Pressemagnaten Axel Springer in Brand gesetzt. Erst viele Jahre später erkennt er, dass sein Motiv ...

Der Schweizer Architekt und Autor Daniel de Roulet hat im Jahre 1975 das in den Bergen gelegene Chalet des Pressemagnaten Axel Springer in Brand gesetzt. Erst viele Jahre später erkennt er, dass sein Motiv auf falschen Annahmen beruht, weshalb er dieses Buch als Geständnis und Erklärung niederschreibt.

In wechselnder Zeitabfolge dokumentiert dieses Büchlein einerseits die Tat selbst, andererseits die weltgeschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge für dessen Planung und die spätere Sicht auf die Fehleinschätzung. So springt das Geschehen munter hin und her und verlangt volle Aufmerksamkeit vom Leser, um nicht hoffnungslos unterzugehen zwischen falschen Doktoren und Ausflügen bis nach Hanoi.

Daniel de Roulets Schreibstil ist sachlich, aber detailverliebt, sodass man die Überlegungen des Täters gut nachvollziehen und den Tag des Brandanschlages bestens mitverfolgen kann. Dazwischen findet der geneigte Leser aber allerlei Ausschmückendes und Ausschweifendes, das gleichzeitig erklärt und ablenkt vom zentralen Thema, mich also zwiegespalten zurücklässt.

Der Sonntag in den Bergen ist ausgesprochen interessant, man muss sich aber auf allerlei Zeitgeschichtliches einlassen, um den Autor, der gleichzeitig Brandstifter ist, zu verstehen.

Veröffentlicht am 09.02.2025

Endlager

Kummersee
0

Ein Endlager soll im See bei Horlow, nahe der Grenze zur ehemaligen DDR errichtet werden. Dazu kommt erst einmal ein Vermessungsteam, begleitet von Polizeischutz, dem auch Lena Wolff angehört. Der Einsatz ...

Ein Endlager soll im See bei Horlow, nahe der Grenze zur ehemaligen DDR errichtet werden. Dazu kommt erst einmal ein Vermessungsteam, begleitet von Polizeischutz, dem auch Lena Wolff angehört. Der Einsatz selbst ist aber nicht Lenas Motivation, wieder hierherzukommen, ins Dorf ihrer Kindheit, nein, die 42jährige hat noch eine Rechnung offen mit dem Kummersee, in dem ihr Bruder dreiunddreißig Jahre zuvor auf mysteriöse Weise ertrunken ist.

Ein Dorf nahe der Grenze, am anderen Seeufer ist schon „drüben“, einzelne Wohnhäuser und ein Stacheldrahtzaun rund um das Gewässer. Die Gesichter hinter den Fensterscheiben spähen dem Vermessungsteam schon ablehnend hinterher, bald darauf verschwindet ein Mann aus dem Team, alte Geistergeschichten und Legenden über Monster im See werden wieder erzählt. Was hat es auf sich mit diesem dunklen Teich, was bringt ihn des Nachts zum Leuchten und die Menschen zum Fürchten? Lauert das Böse am Grund? Wilde Mythen ranken sich um die Gegend und beschwören eine düstere Atmosphäre herauf, welche Iver Niklas Schwarz lebhaft beschreibt. Beklemmend erscheinen die Szenen, mit Grauen erinnert sich Lena an das Drama in ihrer Kindheit.

Kapitel für Kapitel fließt dahin, die Dunkelheit und der Regen, welche sich über die Gegend breiten, hüllen die Wahrheit allerdings lange ein, bis man erkennen kann, ob mystische Elemente Dorf und See heimsuchen oder nachvollziehbare Erklärungen möglich sind. Während sich also irgendwann einige Längen einschleichen, kommt es gegen Ende hin zu sich überschlagenden Ereignissen und Informationen, mit welchen man kaum rechnen konnte, dabei aber auch zu eher unglaubwürdigen Details. Die Charaktere selbst wiederum sind gut vorstellbar, die Themen Endlagerung und Umweltschutz unaufgeregt ins Geschehen eingebettet, wodurch der Handlungsverlauf stimmig daherkommt.

Die Themen, insbesondere Lenas Trauma durch den Tod ihres Bruders, sind geschickt kombiniert und zu einem roten Faden verflochten, sodass der „Kummersee“ trotz kleiner Kritikpunkte aufregende Lesestunden bedeutet.


Veröffentlicht am 08.02.2025

Parallelen

Das Dinner – Alle am Tisch sind gute Freunde. Oder?
0

Nach fünf Jahren treffen einander Jonathan, Lotta, Hanna, Kiano und Tristan in einem abgelegenen Spitzenrestaurant in der Eifel wieder. Nur Maria fehlt, sie ist während der letzten gemeinsamen Veranstaltung ...

Nach fünf Jahren treffen einander Jonathan, Lotta, Hanna, Kiano und Tristan in einem abgelegenen Spitzenrestaurant in der Eifel wieder. Nur Maria fehlt, sie ist während der letzten gemeinsamen Veranstaltung spurlos verschwunden. Das geplante Krimi-Dinner führt schon kurze Zeit später in ein Desaster, denn mehrere Teilnehmer erkennen frappierende Parallelen zu dem Abend am Musikfestival, seit dem Maria nicht mehr unter ihnen weilt. Ist sie tatsächlich freiwillig abgereist oder ist sie ermordet worden? Sitzt gar der Mörder mitten Im Saal? Schnell ist klar, dass jeder hier ein Motiv gehabt hätte.

Ein spannendes Szenario bietet sich dem Leser, da nicht nur die fünf Freunde im aktuellen Geschehen eine tragische Vergangenheit verbindet, sondern auch sechs fiktive Rollen im Spiel auftauchen, die für einen unterhaltsamen Krimi-Abend sorgen sollen. Die Ähnlichkeiten zwischen Realität und Spiel rufen Misstrauen und Unruhe hervor, die Stimmung im Luxusrestaurant verdüstert sich zunehmend. Emily Rudolf versteht es, ausgesuchte Personen aufeinandertreffen zu lassen, die Geheimnisse hüten und womöglich durch Alkohol und Drogen nur getrübte Erinnerungen haben an das, was fünf Jahre zuvor geschehen sein mag. Kann man überhaupt einem von ihnen trauen? Ist Maria tatsächlich tot? Schließlich hat man nie eine Leiche gefunden.

Die abwechselnde Schilderung des Krimidinners mit neuen Charakteren aus dem Rollenspiel und des verregneten Zeltfestes damals lässt über manche Langatmigkeit im Mittelteil hinwegsehen. Überraschende Details, die immer wieder auftauchen und durch die unterschiedlichen Blickwinkel der einzelnen Freunde dargestellt werden, spornen an, stets noch ein Kapitel weiterzulesen, die Sogwirkung kann man nicht leugnen. Der flotte Schreibstil tut ein Übriges, den Leser an die Seiten zu fesseln. Überzeugt schon die laufende Handlung an sich, so bietet das Ende dann noch einmal eine Steigerung, diese verblüffende, kaltschnäuzige Wendung habe ich nicht erwartet. Perfekt auf den Punkt gebracht!

Ein interessanter Thriller mit durch Drogen vernebelten Erinnerungen und vielfältigen Motiven, denen man nachspüren kann, auch die Atmosphäre in allen Ebenen ist bestens getroffen. Ich hatte großen Spaß beim Lesen und empfehle dieses mehrgängige Menü gerne weiter.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.02.2025

Es wird Zeit

Von hier aus weiter
0

Nach seiner Krebsdiagnose scheidet Rolf aus dem Leben, Witwe Marlene igelt sich im eigenen Heim ein und schleppt sich mehr schlecht als recht von Tag zu Tag. Erst Installateur Jack, die neue Dorfärztin ...

Nach seiner Krebsdiagnose scheidet Rolf aus dem Leben, Witwe Marlene igelt sich im eigenen Heim ein und schleppt sich mehr schlecht als recht von Tag zu Tag. Erst Installateur Jack, die neue Dorfärztin Ida und eine frühere Freundin, Wally, können Marlene aus ihrer Lethargie reißen. Es wird Zeit. Zeit, das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Mit einer ebenso irritierenden wie komischen Episode beginnt dieser kurze Roman. Dann geht es ins fast Unglaubwürdige, wie Jack vor Marlenes Tür steht und kurz darauf nicht nur den Duschkopf repariert, sondern gleich einzieht. Auch die weiteren Kapitel mit Ida, den Stiefsöhnen und Wally wirken auf mich nicht unbedingt realitätsnah, sondern eher ohne näheren Zusammenhang und roten Faden. Nichtsdestotrotz will man weiterlesen, um Marlenes Wut auf den Grund zu gehen, was schlussendlich auch gelingt und den gewissen „Aha-Effekt“ auslöst. Danach plätschert die Handlung wie gehabt dahin und endet mit etlichen offenen Fäden, die man selbst weiterspinnen kann.

Die Charaktere sind gut vorstellbar, ihre Handlungsweise kann ich aber in den wenigsten Fällen nachvollziehen, aber ich war auch noch nie in einer ähnlichen Situation. Dass Marlene (vermutlich) aus ihrer emotionalen Enge einen Ausweg findet, ist jedenfalls eine schöne Entwicklung ihrer Figur.

Diese Geschichte hat mich trotz ihrer grundlegenden guten Idee nicht vollends überzeugt, was den Handlungsverlauf und die Zusammenhänge der Personen betrifft. Drei Sterne.

Veröffentlicht am 06.02.2025

Aufblühen

Die Zuverlässigkeit des Zufalls
0

Gemeinsam mit ihrer Mutter betreibt Nina-Marie eine kombinierte Buch- und Blumenhandlung und hat sich damit einen Traum erfüllt. Mit Freude empfiehlt sie alte und neue Bücher und bindet duftende Sträuße, ...

Gemeinsam mit ihrer Mutter betreibt Nina-Marie eine kombinierte Buch- und Blumenhandlung und hat sich damit einen Traum erfüllt. Mit Freude empfiehlt sie alte und neue Bücher und bindet duftende Sträuße, allerdings fehlt ihr selbst das wahre Glück im Leben, seit sie drei Jahre zuvor ihre große Liebe verloren hat. Können vielleicht der alte Herr, dem Nina-Marie Blumen liefern soll, oder sein Sohn, dem sie irgendwo schon einmal begegnet ist, die junge Frau wieder zum Aufblühen bringen?

Mit einem bunten Mix an Erzählung im Jetzt, Erinnerungen an Nina-Maries Zeit mit Eric und einem Buch, das unsere Hauptfigur zur Bewältigung ihrer Trauer niederschreibt, geht es abwechslungsreich durchs Geschehen. Wenige, überschaubare Charaktere sind liebevoll gezeichnet und treffen in unterschiedlichsten Varianten aufeinander, wobei sich Ninas Rückzug in ihr Schneckenhaus wie ein roter Faden durch die Handlung zieht. Angst vor neuerlicher Verletzung lässt sie Distanz halten und sich völlig in ihre Arbeit zurückziehen. Ob die Begegnungen mit Curt Fernau und Jack dem zuverlässigen Zufall geschuldet ist, ob es Schicksal ist oder ganz etwas anderes, Nina-Marie entwickelt sich jedenfalls langsam heraus aus ihrer Lethargie, aus ihrer Verklärung der Vergangenheit. Auch die anderen Figuren erleben einen Fortschritt auf ihrem Lebensweg, den man ein Stück weit begleiten darf. Die doch sehr intensiven Gedanken über Trauer und Verhaftung im Gestern überschatten teilweise die hoffnungsvollen und zukunftsorientierten Kapitel, abgesehen davon handelt es sich aber um einen liebens- und lesenswerten Roman mit sympathischen Charakteren und unaufdringlichen Tipps im Umgang mit kleineren oder größeren Herausforderungen im Leben.

Ein flüssig geschriebener Roman mit bewegendem Inhalt, bei dem man den Duft der Pflanzen und die wohltuende Stimme eines Vorlesers zwischen den Zeilen spüren kann. Für unterhaltsame Stunden vergebe ich vier Sterne und eine Leseempfehlung.