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Veröffentlicht am 03.02.2025

1966 - 1967

Die Porzellanmanufaktur – Zerbrechliche Träume
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Einige Zeit ist ins Land gegangen seit Teil 2, der Wirtschaftsaufschwung lässt nach, die Thalmeyer-Schwestern Marie und Sophie stecken mit ihrer Porzellanmanufaktur zudem nach wie vor in einem Zwist mit ...

Einige Zeit ist ins Land gegangen seit Teil 2, der Wirtschaftsaufschwung lässt nach, die Thalmeyer-Schwestern Marie und Sophie stecken mit ihrer Porzellanmanufaktur zudem nach wie vor in einem Zwist mit dem Druckereibesitzer und Bürgermeister Abel Metsch. Der ältere Bruder, Joachim Thalmeyer, ist weiterhin als Agent in der Künstlerszene aktiv und überlässt seine Wohnung in München Maries Tochter Jana, die hier Jura studiert und mit einer Gruppe von gewalttätigen Studenten in Kontakt kommt. Spannende und interessante Episoden aus den 1960er-Jahren erwarten den neugierigen Leser.

Gleich zu Beginn wird es aufregend in diesem dritten und letzten Band der Thalmeyer-Saga, leistet doch der nunmehrige KFZ-Mechaniker Gustav Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt aus der DDR. Hat man diese ersten Schrecksekunden verdaut, geht es um Intrigen und Gerüchte gegen die in fünfter Generation geführte Porzellanmanufaktur. Aber es wäre nicht Stefan Maiwald, beließe er es bei einer Geschichte um feinstes Hartporzellan, nein, diese wird umgeben von vielfältigen anderen Szenen, welche die entsprechende Zeit prägen. Ein nervenaufreibendes Autorennen mit Luca am Steuer eines Fiat Abarth gehört da genauso dazu wie ein Blick in die Künstlerszene mit dem feschen Joachim Fuchsberger oder dem erratischen Klaus Kinsky. Die Rolling Stones bringen das legendäre Album „Paint It Black“ heraus und erste Golfplätze entstehen, während in München eine Gruppe aggressiver Studenten gegen Reichtum und Besitz demonstriert. Derlei abwechslungsreich fließt der kurzweilige Text mit knappen Kapiteln und rasch wechselnden Schauplätzen dahin, die Thalmeyer-Geschwister bekommen wieder einige Prügel vor die Füße geworfen und trachten danach, diese mit Raffinesse und großem Geschick zu überwinden. Wie sie mit neu gegründeten Gewerkschaftsverbänden und schrägen Werbeagenturen umgehen? Das und noch viel mehr verrät Stefan Maiwald auf seine locker-leichte Art, mit der er diesen großartig recherchierten Roman präsentiert.

Ein wahres Lesevergnügen ist (nach den ersten beiden Bänden) auch dieser abschließende Teil der bewegenden Thalmeyer-Saga, welche mit spürbarer Leidenschaft zu Papier gebracht worden ist. Die Porzellanmanufaktur und ihr gesellschaftspolitisches Umfeld sind über all die Jahre von 1947 bis 1967 voller Liebe zum Detail dargestellt und vermitteln auch persönliche Höhen und Tiefen, ohne jedoch in irgendeine Art von Sentimentalität abzudriften, dabei aber sehr wohl den Leser zu berühren. Mir hat die Lektüre viel Vergnügen bereitet, ich empfehle die gesamte Reihe daher von Herzen gerne weiter!

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Veröffentlicht am 02.02.2025

1952 - 1953

Die Porzellanmanufaktur – Zerbrechliche Hoffnung
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Wirtschaftswunder und empfindliche Rückschläge prägen die anfänglichen 1950er-Jahre in der Selber Porzellanmanufaktur der Familie Thalmeyer. Wie die Geschwister Marie, Sophie und Joachim damit umgehen ...

Wirtschaftswunder und empfindliche Rückschläge prägen die anfänglichen 1950er-Jahre in der Selber Porzellanmanufaktur der Familie Thalmeyer. Wie die Geschwister Marie, Sophie und Joachim damit umgehen und was sich sonst noch alles tut zu dieser Zeit, erzählt Stefan Maiwald in diesem zweiten Band mit einer Leichtigkeit und Detailgenauigkeit, die ihresgleichen sucht.

Wie bereits im ersten Teil der Trilogie wechseln einander sehr kurze Kapitel mit unterschiedlichsten Szenen ab, sodass nicht nur das familiengeführte Porzellanwerk im Mittelpunkt steht, sondern viele Episoden aus dem Nachkriegsdeutschland Eingang ins Geschehen finden, um die zeitgeschichtliche Einordnung perfekt zu dokumentieren. Seien es Autotypen, Film- und Schauspiellegenden rund um Joachim Thalmeyer, Musiktitel, das italienische Restaurant von Bepi oder Arzneien aus Harrys Apotheke, alle finden Platz in dieser interessanten und ansprechenden Reihe, ja sogar Einblicke ins Gefängnis werden gewährt. Um Ursache und Auswirkung stets plausibel darzustellen, gibt es des Öfteren Rückblenden in vergangene Jahre, sodass die Handlung immer wieder durch allerlei Einschübe unterbrochen, deshalb aber keineswegs gestört wird. Gerade die wenigen Kapitel rund um Thalmeyers selbst sind spannend und emotionsgeladen, obwohl sie mit bemerkenswerter Ruhe ohne jegliche Gefühlsduselei erzählt werden. Stefan Maiwalds Kraft der Worte muss man an dieser Stelle jedenfalls klar hervorheben. So ist es ein Vergnügen, mit dabei zu sein, wenn Gerüchte über die Porzellanmanufaktur gestreut werden und die Familie Wege findet, möglichen Schaden abzuwenden oder wenn ein unerwartetes Testament auftaucht. Die Geschwister Thalmeyer kämpfen an vielerlei Fronten um ihr Familienerbe und ihr persönliches Glück, das ihnen wahrlich nicht von selbst in den Schoß fällt.

Auch Teil zwei überzeugt durch penible Recherche und eine großartige Verquickung unterschiedlichster Themen, sodass ich gleich mit dem letzten Band der Trilogie fortfahren werde. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 01.02.2025

Im Mittelpunkt

Die Schwarze Gräfin. Geheimnisse an der Eisenstraße
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1949: Das Grenzgebiet Niederösterreich – Oberösterreich – Steiermark wird gemeinhin auch Eisenstraße genannt ob der aufstrebenden Industrie, welche hier vorherrscht. Während da die reichen Schneebergs ...

1949: Das Grenzgebiet Niederösterreich – Oberösterreich – Steiermark wird gemeinhin auch Eisenstraße genannt ob der aufstrebenden Industrie, welche hier vorherrscht. Während da die reichen Schneebergs wohnen, lebt dort Magdalena in armen Verhältnissen mit einem gewalttätigen Säufer als Mann. Nicht bereit, solch ein Dasein zu fristen, trachtet Magdalena nach gesellschaftlichem Aufstieg.

Erst einmal muss man sich orientieren im Buch, das zu Beginn eher informativ als erzählend wirkt und die grundlegenden Rahmenbedingungen der damaligen Zeit mitten in Österreich schildert. In kurzen Kapiteln geht es dann aber bald flott dahin mit einer raffinierten, berechnenden Protagonistin, welche nicht nur den Leser immer wieder überrascht und verblüfft. Die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, die dörfliche Struktur in Windischgarsten sind exzellent getroffen, die Atmosphäre bedrückend und ironisch wiedergegeben. Durch Perspektivenwechsel und unterschiedliche Blickwinkel (Magdalena erzählt in der Ich-Form, andere Kapitel sind aus neutraler Sicht verfasst) wird die Geschichte lebendig und authentisch, auf raffinierte Weise wird Magdalenas berechnendes Vorgehen immer deutlicher offenbar. Aber nicht nur sie, auch der Pfarrer, der Jäger, der Maler oder Oscar als Erbe einer Hammerherrendynastie sind ausgezeichnet charakterisiert. Wer spielt die Hauptrolle für die eigenwillige Frau? Das ist wohl sie selbst, die auf ihre ganz besondere Art sogar den Teufel hinters Licht führt.

Ein besonderes Buch, welches durch Raffinesse der im Mittelpunkt stehenden Figur ebenso besticht wie durch die kunstvolle Erzählweise, welche den Leser durch die Handlung führt.

Veröffentlicht am 31.01.2025

Trauminsel Ever After

One Perfect Couple
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Obwohl Lyla als Wissenschaftlerin ganz andere Interessen hat, will sie ihrem Freund die Chance nicht verwehren, die sich ihm bei seiner Schauspielkarriere bietet und willigt ein, an einem Interview für ...

Obwohl Lyla als Wissenschaftlerin ganz andere Interessen hat, will sie ihrem Freund die Chance nicht verwehren, die sich ihm bei seiner Schauspielkarriere bietet und willigt ein, an einem Interview für eine Realityshow teilzunehmen. Tatsächlich reisen die beiden mit vier anderen Paaren und dem Filmteam auf eine entlegene Insel mitten im Indischen Ozean, aus dem Traum wird aber nach einem verheerenden Sturm bald ein Alptraum, ein Kampf ums Überleben.

Detailreiche Beschreibungen bringen dem Leser Lyla von Anfang an nahe, ihre Liebe zu ihrem Beruf als Virologin wird immer wieder betont, wobei auch gleich die gravierenden Unterschiede zu ihrem Freund Nico herausgearbeitet werden. Es dauert geraume Zeit, bis wir endlich die Trauminsel betreten, das Luxusresort ist allerdings noch nicht fertiggestellt und verlangt einiges an Improvisation von den Teilnehmern der TV-Show und den Mitgliedern der Crew. Die Spannung steigt nur allmählich, was ich ein wenig schade finde, denn mehr Tempo, mehr Dynamik während der unglaublichen Vorfälle auf dem kleinen Eiland hätte die angespannte Atmosphäre noch deutlicher unterstrichen. Ebenso bleiben die Charaktere und ihre Motivation für ihr Tun hinter meinen Erwartungen zurück, ich kann mich kaum in eine Figur außer Lyla hineinversetzen und deren Gedanken nachvollziehen. Die Insel Ever After hingegen ist wunderbar beschrieben, mit vielen Einzelheiten zu den Unterkünften, der Vegetation und den Geckos im Dachgebälk hat man sofort farbenfrohe Bilder vor Augen, die aber aufgrund der drastischen Umstände bald in stürmisches Grau wechseln und Tage widerspiegeln die abwechselnd von Hoffnung, Resignation und Misstrauen geprägt werden. Das Ende kommt im Vergleich zur bisherigen Handlung recht schnell daher, ist auch logisch dargestellt, scheint aber trotzdem eher „am Reißbrett entworfen“ zu sein als flüssig aus dem Geschehen hervorzugehen. Nichtsdestotrotz bietet die Geschichte interessante Einblicke in die Gruppendynamik, weitere Themen wie Überlebensstrategien bei Krankheit oder Verletzung, knappen Wasser- und Lebensmittelvorräten, Vertrauen oder Neid finden Platz mitten im Ozean.

Auch wenn dieses Buch für mich nicht an „Zero Days“ heranreicht, hat es mir doch unterhaltsame Stunden beschert.

Veröffentlicht am 30.01.2025

Worauf warten?

Sonnenhang
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„Das mit dem Glück ist wie mit dem Unglück, es schleicht sich hinterrücks an und ist einfach plötzlich da.“ [kindle, Pos. 2283]

Mit Ende dreißig bekommt Katharina eine erschütternde Diagnose, sie muss ...

„Das mit dem Glück ist wie mit dem Unglück, es schleicht sich hinterrücks an und ist einfach plötzlich da.“ [kindle, Pos. 2283]

Mit Ende dreißig bekommt Katharina eine erschütternde Diagnose, sie muss sich einer Operation unterziehen und kann künftig keine Kinder bekommen. Bislang hat sie sich damit getröstet, dass der Richtige noch nicht aufgetaucht ist, nun nützt das auch nichts mehr. Eine Traurigkeit legt sich über sie und lässt sie schwer los, da hat jemand die Idee, dass sie doch der Späßekenulla vom Seniorenheim Sonnenhang nachfolgen und dort jeden Samstag einen Spielenachmittag mit den Bewohnern abhalten könnte.

Nachdenkliche Worte prägen diesen Roman, ruhig, manchmal fast schwermütig begegnet uns die Hauptfigur Katharina, weiß sie doch momentan gar nicht, wie sie ihr Leid aushalten soll, während ihre Freundinnen mit ihren Babys spazieren gehen. Arbeit und Kneipennächte haben ausgedient, aber wo soll sie Sinn in ihrem Leben finden? Da kommt die ehrenamtliche Stelle im Sonnenhang gerade recht, vielleicht findet sie dort, wonach sie sucht? Und tatsächlich kommt Katharina auf andere Gedanken, sieht neue Wege, auch wenn es hier ebenso wenig ein Wunschkonzert gibt wie im Leben außerhalb der Seniorenresidenz. Gespräche und Späße mit den „Alten“ fachen langsam wieder eine Lebendigkeit in Katharina an, die sie schon verloren geglaubt hat, ein mutiger Blick in die Zukunft mit Vertrauen in sich selbst ist wieder möglich.

Überaus einfühlsam erzählt Kathrin Weßling eine Geschichte, die vom Leben geschrieben wird, schildert flüssig und schnörkellos eine Achterbahn von Enttäuschung und Aufraffen, zeigt anhand einer sehr authentischen Protagonistin, dass nicht jeder Rückschlag gleich das Ende ist. „Im Leben wartet man nicht auf den Tod, man wartet darauf, erwachsen zu werden, … dann wartet man auf die Liebe, … den Urlaub, …den Lohn, … dass die Kinder ausziehen und dann, dass die Kinder zurückkommen.“ [kindle, Pos. 1588] Ja, so ist es wohl.

Ein Buch, das keine rosarote Brille vor sich her trägt, ein Buch, das nichts verklärt, aber ein Buch, das das wahre Leben abbildet und Hoffnung sät.