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Veröffentlicht am 01.01.2026

Verflossene Wahrheit

Sophie L.
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Die Psychologin und Expertin für Gedächtnisforschung, Dr. Olivia Finn, lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn in London. Eines Morgens erreicht sie ein Anruf aus Paris, sie möge so rasch wie möglich ins Hotel ...

Die Psychologin und Expertin für Gedächtnisforschung, Dr. Olivia Finn, lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn in London. Eines Morgens erreicht sie ein Anruf aus Paris, sie möge so rasch wie möglich ins Hotel Lutetia kommen, wo ihre betagte Großmutter gerade einen Mord gestanden hätte, welchen sie vor etwa achtzig Jahren begangen haben soll. Leider ist die alte Dame dement und verwechselt mitunter die Wahrheit mit längst verflossenen Traumata aus dem Krieg.

Ruhig und dennoch stets spannend verläuft die Handlung, welche in der Gegenwart und ab und zu auch im Jahre 1945 spielt. Psychotherapeutische Hilfe und die Geschichte von Kollaborateuren und Widerständlern fließen auf gelungene Weise ineinander und verdichten sich zu einem aufregenden Puzzle, welches sich am Ende zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt. Die abwechselnden Zeitebenen und unterschiedlichen Blickwinkel sorgen für das entsprechende Tempo, Wahrheiten und Erinnerungen verschmelzen zu einem dichten Konglomerat, welches enträtselt werden will. Was erzählt das kleine, berühmte Bild im Foyer des Hotels Lutetia? Welche Geheimnisse birgt das Zimmer Nummer 11? Wie wahr sind unsere Erinnerungen, welche von unserer eigenen Wahrnehmung beeinflusst sind? Vielen Fragen geht Liv nach, um herauszufinden, wer ihre Großmutter tatsächlich war und nimmt den Leser dabei auf eine großartige Zeitreise mit.

Ein überaus interessantes Buch mit bemerkenswerten Einblicken in die Welt von Gedächtnisleistung und Manipulation. Wer sich keinen knallharten Thriller erwartet, dafür aber gerne eintaucht in einen Roman der Gegenwart mit Bezug zu Paris im Jahre 1945, der wird hier ein besonderes Lesevergnügen finden.

Veröffentlicht am 30.12.2025

Lo und Carrie II

The Woman in Suite 11
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Laura Blacklock, kurz Lo, verschafft sich nach der Geburt ihrer beiden Söhne und während der Pandemie eine Arbeitspause, versucht nun aber, wieder als Reisejournalistin Fuß zu fassen. Da kommt ihr eine ...

Laura Blacklock, kurz Lo, verschafft sich nach der Geburt ihrer beiden Söhne und während der Pandemie eine Arbeitspause, versucht nun aber, wieder als Reisejournalistin Fuß zu fassen. Da kommt ihr eine Einladung in ein Schweizer Luxushotel gerade recht, hier kann sie bestimmt netzwerken und mit ein bisschen Glück sogar ein Interview mit dem Hotelbesitzer Marcus Leidmann führen, das für die Financial Times interessant ist. Doch dann findet sie eine mysteriöse Nachricht in ihrem Zimmer und begibt sich in Suite 11.

Eher langsam bauen sich bei diesem Thriller die Handlung und die Spannung auf, aber die Figur von Lo, welche in der Ich-Form erzählt, ist von Anfang an interessant und zieht mich sogleich in ihren Bann. Bald bemerke ich, dass schon zehn Jahre zuvor ein außergewöhnliches Ereignis Los Leben erschüttert haben muss, aber auch ohne Kenntnisse von „The Woman in Cabin 10“ gibt die Autorin so viel zum damaligen Geschehen preis, dass ich mich nun gut zurechtfinde und Los Überlegungen gut folgen kann. Eine düstere Atmosphäre, ein verwinkeltes Hotel, Jagd und Pilzsuche und nicht zuletzt undurchschaubare Gestalten sorgen für Kurzweil, die knapp gehaltenen Kapitel und eine gewisse Geheimniskrämerei fachen die Lust auf mehr immer weiter an. Kein grausiges Blutvergießen, sondern Macht und Vertrauen stehen hier im Mittelpunkt. Wer ist mein Gegenüber eigentlich und was erwartet es? Wie soll ich entscheiden, um meine Unschuld zu beweisen, aber anderen nicht zu schaden? Würde der Schaden denn die Richtigen treffen? Los Dilemma wird in vielen Szenen spürbar, wodurch der Reiz dieses Buches durchgehend vorhanden ist.

Wer weiß, dass The Woman in Suite 11 auf einem Vorgängerband aufbaut, sollte nach Möglichkeit die beiden Bücher in richtiger Reihenfolge lesen, wer – wie ich – erst beim Lesen draufkommt, wird aber auch sein Vergnügen finden. Ich empfehle dieses riskante Katz-und-Maus-Spiel [Klappentext] jedenfalls sehr gerne weiter.

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.12.2025

Tödliche online-Kunst

Der Blutmacher
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Ein perfider Mörder treibt sein Werk, sein Tun wird live gesendet, aus dem Blut der Opfer werden Kunstwerke. Ein neuer Signalrot-Fall ist zu lösen, wobei es diesmal für Tara Kronberg sehr persönlich wird.

Aufregend ...

Ein perfider Mörder treibt sein Werk, sein Tun wird live gesendet, aus dem Blut der Opfer werden Kunstwerke. Ein neuer Signalrot-Fall ist zu lösen, wobei es diesmal für Tara Kronberg sehr persönlich wird.

Aufregend geht es in diesem bereits dritten Tara-Kronberg-Thriller dahin, unterschiedliche Blickwinkel und die direkte Betroffenheit Taras lassen das Tempo stetig steigen und bringen die Ermittler auf Hochtouren. Verstörende Bilder im Netz wecken das Interesse des Dezernats 47, alsbald werden Tara Kronberg und Gabriel Schneider in die kriminalistischen Nachforschungen eingebunden. Kurze Auftritte der anderen, durchaus speziellen Figuren aus der Abteilung sorgen für Kurzweil, ebenso die privaten Details rund um Gabriels Familiensituation. Das Hauptaugenmerk liegt aber doch beim Serienmörder, welcher alle an der Nase herumführt und auf den falschen Fährten, welche ausgelegt werden. Stets ist man dem Mörder einen Schritt hinterher und Tara darf aufgrund ihrer Befangenheit blad gar nicht mehr mitarbeiten. Es wäre aber nicht Tara, würde sie nicht Mittel und Wege finden …

Spannend in der Handlung, fesselnd und mitreißend im Schreibstil, kantige und dennoch glaubwürdige Charaktere – ein „Haller“, wie gewohnt – immer eine Empfehlung wert!

Veröffentlicht am 26.12.2025

Das Beste daraus

Write Me for You
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Schon früh schreibt June ihre erste Geschichte und möchte Autorin werden, am liebsten die Autorin der weltbesten und herzzerreißendsten Liebesgeschichte, die es gibt. Aber da kommt ihr eine schwere Krankheit ...

Schon früh schreibt June ihre erste Geschichte und möchte Autorin werden, am liebsten die Autorin der weltbesten und herzzerreißendsten Liebesgeschichte, die es gibt. Aber da kommt ihr eine schwere Krankheit in die Quere – wie soll eine Siebzehnjährige nun schreiben, wenn sie noch nie wirklich in einen Burschen verliebt war?

Nach einer niederschmetternden Diagnose und vielen Behandlungen gibt es nur noch eine allerletzte Chance auf Genesung: die Teilnahme an einer Studie für ein neuartiges Medikament auf einer zur Spezialklinik umgebauten Ranch in Texas. Mutig und zuversichtlich fährt June mit ihren Eltern dorthin und begegnet Jesse, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt. Auch ihm ergeht es ähnlich, er hat nur noch Augen für die Neue, seine Seelenverwandte. Gemeinsam beginnen sie die erschöpfende Therapie und blicken voller Zuversicht in die Zukunft.

Unglaublich, wie einfühlsam und bezaubernd Tillie Cole so schwermütige Themen wie Krebserkrankung oder unerwünschte Arzneimittelwirkungen in einen so berührenden Roman packt, wie sie Hoffnung spendet oder den eisernen Willen, die möglicherweise verbleibende kurze Zeit zu ganz besonderen Momenten werden zu lassen. Da finden einander fremde Mädchen zu best friends, werden Pläne geschmiedet und Talente gefördert, wächst die Liebe zwischen zwei jungen Menschen und spendet Kraft für eine unvorstellbar schwierige Lebensphase. Spätestens in dem Moment, als Junes selbst niedergeschriebene Liebesgeschichte mit ihrer eigenen zu verschmelzen beginnt, kann man als Leser seine Tränen nicht mehr zurückhalten, die Gedanken und Gefühle werden einfach so nahegehend dargestellt, dass man nicht mehr von Ferne aufs Geschehen blicken kann, sondern voller Herzklopfen mitfiebern muss mit Jesse und June.

Ein ganz besonderes Buch über ganz besondere Menschen, welche das Beste daraus machen, was ihnen das Schicksal vor die Füße knallt. Wunderbare Charaktere und überaus realistische Bilder über den Kampf um jeden einzelnen Tag zum Leben – wer emotionale Hochs und Tiefs wie auf einer Achterbahn sucht, der sollte zu diesem bittersüßen Roman greifen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.12.2025

Unheilschwangere Lagunenstadt

Schatten der Gondeln
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Mit der Aussicht auf ein beträchtliches Erbe heiratet der Schriftsteller Evelyn Dolman Laura Rensselaer. Allerdings kommt es zum Streit zwischen der Ölmagnatentochter und deren Vater. Unglücklich geht ...

Mit der Aussicht auf ein beträchtliches Erbe heiratet der Schriftsteller Evelyn Dolman Laura Rensselaer. Allerdings kommt es zum Streit zwischen der Ölmagnatentochter und deren Vater. Unglücklich geht die Reise zum Jahreswechsel 1899/1900 nach Venedig, wobei die unheilschwangere Lagunenstadt Evelyn fast um den Verstand bringt.

Als großer Monolog angelegt, erfährt der Leser ausschließlich Evelyn Dolmans Sichtweise auf das Geschehen, wodurch die nebulösen und undurchschaubaren Machenschaften so mancher einflussreichen Person auch für uns Außenstehende geheimnisvoll bleiben. Viele Gedanken und Erinnerungen Dolmans beherrschen die Handlung, nur wenige Szenen mit Dialogen bringen Lebendigkeit in die Tage am Meer. Dadurch wirkt das Ganze bisweilen ein wenig erschöpfend, andererseits wächst doch immer wieder die Neugierde, was hinter dem geheimnisvollen Verschwinden der Ehefrau steckt und was es mit den Fremden im Lokal auf sich hat, die Evelyn zu kennen vorgibt. Wer hütet das größte Geheimnis, wer leidet an Fieberträumen und was von allen Schilderungen entspricht tatsächlich der Wahrheit? Auf beeindruckende Weise spielt John Banville mit der Atmosphäre der Lagunenstadt, bedient sich bei seiner Erzählung einer geschliffenen und verführerischen Sprachmelodie. Werden sich die Nebel lichten?

Ein spannender Ausflug ins historische Venedig ist garantiert, auch wenn bei mir nicht alle Puzzelstücke an den rechten Platz gefallen sind, so haben sich doch interessante Lesestunden ergeben, welche die Phantasie beflügeln.