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Veröffentlicht am 04.12.2022

Die Wahrheit findet einen Weg

Feldpost
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Anwältin Cara sitzt gemütlich in einem Cafe und schreibt Weihnachtskarten, als sich eine Fremde zu ihr setzt, von einer verschwundenen Adele spricht und kurz darauf selbst wieder verschwindet. Allein ihre ...

Anwältin Cara sitzt gemütlich in einem Cafe und schreibt Weihnachtskarten, als sich eine Fremde zu ihr setzt, von einer verschwundenen Adele spricht und kurz darauf selbst wieder verschwindet. Allein ihre schwarze Tasche ist zurückgeblieben, in der Cara alte Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt und einen Kaufvertrag über eine Kasseler Villa mit symbolischem Wert. Einer Intuition folgend, stellt Cara Nachforschungen an und enthüllt längst vergessen geglaubte Geheimnisse.

Überaus interessant und ansprechend gestaltet ist Borrmanns Rahmenhandlung rund um Cara, hinter der sich bewegende und zutiefst berührende Schicksale verbergen. In unbestimmter Abfolge wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, teils um den Jahreswechsel 2000/2001, teils aus den (Vor)Kriegsjahren ab 1935. Die stehen gelassene Tasche ist Ausgangspunkt für eine ergreifende Erzählung rund um die Familien Kuhn und Martens, welche damals, vor dem Krieg, gut befreundet waren. Wohin die innigen Liebesbriefe und die Notarurkunde führen, was mehr als fünfzig Jahre später als Wahrheit zutage tritt, das beschreibt Mechtild Borrmann mit ruhigen, aber immer wieder unter die Haut gehenden Worten. Recherchen im Tagebucharchiv Emmendingens und schreckliche wahre Begebenheiten bilden eine solide Grundlage für diesen Roman, ein Nachwort dazu, wieviel tatsächlich stimmt, wäre noch schön gewesen. Aber auch so ist die Verknüpfung von Realität und Dichtung überaus glaubwürdig, man mag sich nicht annähernd ausmalen, wie es tatsächlich zugegangen ist.

Die Figuren, die Handlung, alles ist lebensnah und überzeugend geschildert, nur all zu leicht kann man eine Nähe zu den dargestellten Personen verspüren. Schnell ist klar, wie sehr die Politik in den 1930er-Jahren die Menschen beeinflusst und verändert hat, wie rasch Freunde zu Feinden werden und Vertrauen ein äußerst hohes Gut wird. Beklemmend, aber nicht in grausamsten Details wird der Aufstieg der Nationalsozialisten geschildert und die Schrecken in der Heimat und an der Front berühren den Leser auch ohne Einzelheiten mit jeder Zeile. Geschickt gibt die Autorin erst nach und nach preis, wie es den einzelnen Familienmitgliedern ab 1935 wirklich ergangen ist, so manches hätte man zu Beginn des Buches so nicht vermutet.

Mittels eingängigem Schreibstil und Szenen, die weit unter die Oberfläche dringen, vermag Borrmann jeden Außenstehenden zu fesseln und für die wundervolle, wenn auch tieftraurige Geschichte zu begeistern. Frei von Urteilen und Schuldzuweisungen schreibt die Autorin Unfassbares und Bewegendes nieder, die Beteiligten spüren dies ohnehin selbst am schnellsten. Bis zur letzten Seite bleibt diese auf Feldpost beruhende Suche nach der Wahrheit spannend und birgt immer wieder ungeahnte Überraschungen, sodass man nur gebannt und stellenweise mit angehaltenem Atem dem Weg Adeles und der Ihren folgen kann.

Eine außergewöhnliche, tragische Erzählung in perfektem Rahmen – berührend als Mahnmal und Erinnerung festgehalten. Dafür kann es nur fünf Sterne und eine klare Leseempfehlung geben.



Titel Feldpost

Autor Mechtild Borrmann

ISBN 978-3-426-28180-2

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 304 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 2. November 2022

Verlag Droemer

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.12.2022

Lange vor den Puppen

Käthe Kruse und die Träume der Kinder
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Eine entbehrungsreiche Kindheit als uneheliches Mädchen prägt Katharina Simon und auch später gibt es immer wieder schwierige Zeiten, in denen sie bis an ihre Grenzen gefordert wird. Der sehr viel ältere ...

Eine entbehrungsreiche Kindheit als uneheliches Mädchen prägt Katharina Simon und auch später gibt es immer wieder schwierige Zeiten, in denen sie bis an ihre Grenzen gefordert wird. Der sehr viel ältere Max schickt seine Käthe mitsamt einem Kind wegen der strikten moralischen Gepflogenheiten in Berlin in die Schweiz auf den Monte Verita und endlich findet die junge Frau ihre Bestimmung im Nähen und Modellieren von Puppen, mit denen Kinder tatsächlich spielen können, ohne Angst zu haben, dass ein wertvoller Porzellankopf bricht.

Sehr viel früher als der Klappentext erahnen lässt, beginnt Julie Peters mit dieser Romanbiografie über die „Puppenmutter“ Käthe Kruse, nämlich bereits vor deren Geburt. Viele karge und arbeitsintensive Jahre vergehen, Katharina träumt von einer Schauspielkarriere. Alle Träume platzen aber wie eine Seifenblase, das Leben hält anderes bereit für die junge Frau. Inwieweit diese Geschichte der Realität folgt und wieviel Dichtung dazugekommen ist, geht leider aus diesem Buch nicht hervor. Klar ist aber, dass die Handlung sehr viel weiter ausholt als man erwartet, wobei sich insbesondere der Mittelteil eher zäh und mühsam lesen lässt, bevor endlich im vierten Abschnitt auf die angekündigte Thematik der Puppenherstellung eingegangen wird. Natürlich ist Käthes Leben davor bestimmend und richtungsweisend, dennoch nehmen die ersten drei Teile fast zu viel Raum ein.

Hervorheben muss man, dass Julie Peters die ersten knapp dreißig Lebensjahre von Käthe Kruse bildreich und eindrucksvoll darstellt, die besorgte Mutter sehr realistisch darstellt und später den Einfluss des Bildhauers Max Kruse sehr deutlich hervorhebt. Manchmal hat man das Gefühl, Käthe verschwindet hinter all den Aufgaben, die ihr aufgebürdet werden und dennoch ist sie eine fürsorgliche Mutter und sucht immer wieder nach einem Ziel, das ihren Talenten und Wünschen gerecht wird. Der angenehme Schreibstil hilft über so manche Länge hinweg und am Ende darf man hoffen, dass Teil Zwei sich dann tatsächlich mit Puppen und Geschäften befasst.

Aufgrund der Kurzbeschreibung habe ich eine andere Geschichte erwartet, nichtsdestotrotz ist der Weg der jungen Katharina gut und nachvollziehbar gezeichnet, der Folgeband – der vermutlich eher die Vorstellungen zum Buch trifft – liegt bereits im Regal.



Titel Käthe Kruse und die Träume der Kinder

Autor Julie Peters

ISBN 978-3-7466-3630-6

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 412 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 17. Mai 2022

Verlag AufbauTaschenbuch

Reihe Die Puppen-Saga, Teil 1

Veröffentlicht am 01.12.2022

Eisig

Schneegrab
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Auf den Spuren einer früheren Expedition versuchen fünf Engländer im Jahre 1935 von Darjeeling aus über die Südwestflanke den Gipfel des Kangchenjunga im Himalayagebirge zu erklimmen. Damals sind einige ...

Auf den Spuren einer früheren Expedition versuchen fünf Engländer im Jahre 1935 von Darjeeling aus über die Südwestflanke den Gipfel des Kangchenjunga im Himalayagebirge zu erklimmen. Damals sind einige Bergsteiger verunglückt und so manch Einheimischer glaubt an einen Fluch, der über diesem Berg liegt. Aber nicht nur das, auch unter den Teilnehmern, insbesondere einem sehr ungleichen Brüderpaar, spitzt sich die Stimmung zu.

Ähnlich einem Tagebuch hat Michelle Paver ihren mystischen Roman über den Kangchenjunga und die Gruppe an Bergsteigern konzipiert: einerseits erzählt der Arzt Stephen Pearce die gesamte Situation aus seinem Blickwinkel, andererseits streut er natürlich seine Gedanken und Ängste direkt ein, sodass man schnell seine Bedenken gegenüber der Route und dem Streben seines Bruders Kits erkennt. Nicht nur medizinische Themen wie Erfrierungen und verschiedene Symptome der Höhenkrankheit, nein, auch Lawinen, Geröll und Geister von Verstorbenen spuken in seinem Kopf umher. Was hat sich damals, 29 Jahre zuvor, hier zugetragen und warum schweigt einer der Überlebenden, während ein anderer sich mit einem Buch ein Denkmal gesetzt hat?

Mit ruhigen Worten, jedoch nicht minder eindrucksvoll, begibt sich Michelle Paver mit der Stimme des Doktor Pearce auf die Spuren der Alpinisten, spürt deren Motivation nach, den Gipfel des dritthöchsten Berges der Welt zu bezwingen. Die Überheblichkeit mancher Sahib (Europäer) über die Sherpas (Lastenträger) wird ebenso geschildert wie die Strapazen des langsamen Aufstiegs, die Notwendigkeit der Akklimatisierung und der Aufnahme von Getränken und Nahrung, selbst wenn man keinerlei Appetit verspürt. Dazu kommt die Unstimmigkeit in der Gruppe, ob die Route über die Südwestflanke tatsächlich die beste ist und Stephens Bauchgefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Unterschwellige Bedrohungen, Bilder, bei denen man nicht weiß, ob sie real sind oder Einbildung – geschuldet dem Sauerstoffmangel – geschickt spielt die Autorin mit den Gefahren in solchen Höhen und lässt den Leser rätseln, welche Geheimnisse diese Geschichte umwehen.

Aufgrund der interessanten Sichtweise des Arztes liest sich dieser einzigartige Bergroman ziemlich rasch – und birgt auch am Schluss noch genug Raum für eigene Phantasien. Gerne empfehle ich dieses Buch weiter.



Titel Schneegrab

Autor Michelle Paver

ISBN 978-3-492-06345-6

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 304 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 1. Dezember 2022

Verlag Piper

Originaltitel Thin Air

Übersetzer Karin Dufner

Veröffentlicht am 01.12.2022

Lust am Lesen

Literatour
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Nach vielen Jahren Leseleidenschaft hat Hermann Schmidt mit Literatour ein vielfältiges Potpourri zusammengestellt aus Autoren, welche er gerne gelesen hat, welche sein Leben geprägt haben. So stellt er ...

Nach vielen Jahren Leseleidenschaft hat Hermann Schmidt mit Literatour ein vielfältiges Potpourri zusammengestellt aus Autoren, welche er gerne gelesen hat, welche sein Leben geprägt haben. So stellt er hier etliche Klassiker vor und beschreibt, warum gerade diese ihn ansprechen.

Sehr übersichtlich in acht große Abschnitte gegliedert, erzählt der Autor, welche Orte er bereist hat, wo er den berühmten Dichtern nachgespürt hat, welche Geburts- und Wirkstätten heute noch zu besichtigen sind. Man spürt bei jedem Schriftsteller, den Hermann Schmidt hier kurz vorstellt, mit welcher Hingabe und Leidenschaft er sich dem Thema widmet. Er stellt zu Beginn eines Kapitels jeweils die Lebensgeschichte des Dichters dar, welche aufgrund der Anzahl an Persönlichkeiten wirklich sehr knapp gehalten ist, erklärt seinen ganz persönlichen Bezug zu den Künstlern und ihren Werken, zitiert da und dort aus einem Lieblingsstück und schließt mit weiterführender Literatur. So manche Episode kennt man bereits, andere Dichter wiederum liest man in diesem Zusammenschnitt zum ersten Mal und bekommt Lust auf mehr. Persönliche Empfehlungen von Hermann Schmidt und Hinweise auf detailliert verfasste, eher langatmige Beschreibungen von Natur und Mensch oder pointierte, ironische Seitenhiebe in den einzelnen Werken erleichtern durchaus die Wahl.

Kurzum: Literatour liefert einen interessanten und unterhaltsamen Streifzug durch Lausbubengeschichten, Erzählungen, (Familien)Dramen und Gedichten mit persönlichem Hintergrund von Hermann Schmidt und eignet sich am besten als vereinzelte Lektüre zwischendurch, sonst könnte vielleicht doch zu monoton werden.



Titel Literatour

Autor Hermann Schmidt

ISBN 978-3-455-01496-9

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 400 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 4. Oktober 2022

Verlag Hoffmann & Campe

Veröffentlicht am 27.11.2022

Der das Böse bekämpft

Der Mondmann - Blutiges Eis
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Jens Lerby, Profiler in Kopenhagen, behält selten seine Meinung für sich, selbst, wenn es sich um Kollegen oder Vorgesetzte handelt. Nun soll er einen Fall in Grönland übernehmen, was für ihn, der Eis ...

Jens Lerby, Profiler in Kopenhagen, behält selten seine Meinung für sich, selbst, wenn es sich um Kollegen oder Vorgesetzte handelt. Nun soll er einen Fall in Grönland übernehmen, was für ihn, der Eis und Kälte hasst, einer Strafversetzung gleich kommt. Aber wenn Walrosszähne für einen Mord verantwortlich sind, muss ein erfahrener Mann entsendet werden. Dort sieht sich Lerby einer eingeschworenen Gemeinde von Inuit gegenüber, die traditionellerweise fest an Dämonen glaubt.

Schnell ist Jens Lerby charakterisiert, mit seinen Ecken und Kanten ist er ganz gewiss keiner, mit dem man sich anfreunden möchte. Und gerade diese Persönlichkeit verleiht unter anderem den Reiz dieser einnehmenden Geschichte rund um die Frage, ob ein Amarok – ein Mischwesen aus Walross und Wolf – rund um Illokarfiq sein Unwesen treibt. Der störrische Fünfzigjährige jedenfalls stößt mit seinen herkömmlichen Methoden rasch auf Widerstand und kann von Glück reden, dass eine junge Einheimische, Pallaya Shaa, zwischen Lerby und dem alten Schamanen im Dorf vermittelt.

Beeindruckend beschreibt Fynn Haskin die Landschaft des ewigen Eises, das nur für kurze Zeit im Sommer schmilzt und die alten Traditionen der Inuit, die seit viertausend Jahren gepflegt werden. Erst die letzte Generation ist von der westlichen Welt gezwungen worden, die Robbenjagd aufzugeben und neue Wege zu gehen. Während spannender Ermittlungen lässt der Autor den Leser eintauchen in die Welt der Sagen und Mythen, in die Angst der Inuit vor dem tupilaq, dem Dämonen, der Böses über die Menschen bringt. Mit jeder Zeile spürt man, welche Begeisterung Haskin hier für dieses Thema mitbringt und erlebt durch detaillierte Recherche und Erklärungen die Kultur der Ureinwohner Grönlands hautnah. Schon zu Beginn begleitet der Leser Natuk in seinem qajaq, spürt die hervorragend vermittelte Stimmung der Natur durch die bildhafte Beschreibung: „Flach wie ein Blatt lag das Kajak auf dem Wasser, dessen dunkelblaue Farbe zwischen den Schollen von eisiger Tiefe kündete, während es heller und türkisfarben wurde, je näher man dem Eis kam.“ (kindle Pos. 83) Geschickt vermag es Fynn Haskin, Natur und Mensch in ihren von jeher vorgegebenen Einklang zu bringen und die Konflikte mit Jens Lerby herauszuarbeiten, welche klarerweise nicht lange auf sich warten lassen.

Der Spannungsbogen steigt stetig an, rotes Blut färbt Eis und Schnee, aber trotz scheußlicher Verbrechen verzichtet der Autor auf ausführlichen Beschreibungen der Gräueltaten. So ist man als Leser rasch gefangen zwischen Kälte und Eis, alter Kultur und neuen Ermittlungsmethoden, Angst vor Ungeheuern und überheblichem Hinwegsetzen über ebendiese. Ein klassischer Schreibstil in flottem Präteritum lässt die Seiten nur so dahinfliegen, eine logisch aufgebaute Handlung besticht durch geschickt eingeflochtene Informationen, welche die Geschichte authentisch und glaubwürdig werden lassen. Auch die Auflösung führt alle Fragen und losen Enden überzeugend zusammen, sodass man das Buch nur zufrieden aus der Hand legen kann.



Titel Der Mondmann

Autor Fynn Haskin

ISBN 978-3-404-18865-9

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 400 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 25. November 2022

Verlag Lübbe