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Veröffentlicht am 05.06.2022

Ein Leben für Wörter

Die Sammlerin der verlorenen Wörter
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Nach dem Tod ihrer Mutter wächst Esme quasi unter dem Schreibtisch ihres Vaters auf, der als Lexikograph am Ersten Oxford English Dictionary arbeitet. Fasziniert ist sie von den Belegzetteln, von denen ...

Nach dem Tod ihrer Mutter wächst Esme quasi unter dem Schreibtisch ihres Vaters auf, der als Lexikograph am Ersten Oxford English Dictionary arbeitet. Fasziniert ist sie von den Belegzetteln, von denen so mancher unter den Tisch segelt und alsbald in ihrer eigenen Sammelkiste landet. Ihre Begeisterung für Wörter und Sprache begleitet sie ihr Leben lang, das weder einfach noch den üblichen Wegen einer Frau entsprechend verläuft.

Melodisch und ruhig verfasst Pip Williams diesen Roman über die Entstehung des bekannten Wörterbuches. Der Leser lernt Esme als kleines Mädchen kennen, begleitet sie in ihren Jugendjahren, wobei viele Einzelheiten zwischen den Zeilen zu erahnen sind, jedoch schon wenige Andeutungen ein klares Bild ergeben. Später, als sich Esme den Kämpferinnen für Frauenrechte anschließt und der Erste Weltkrieg ins Land zieht, werden die Schilderungen detaillierter. Immer jedoch steht das Sammeln von Wörtern für die wissbegierige junge Dame an erster Stelle, insbesondere Wörter, die mit Frauen zu tun haben oder aus weniger angesehenen Gesellschaftsschichten stammen. Denn wie soll Sprache und Tradition an spätere Generationen weitergegeben werden, wenn wesentliche Wörter fehlen?

Während sich zu Beginn die Handlung vorwiegend auf das Skriptorium und den dortigen Tagesablauf bezieht, kommt in der zweiten Hälfte des Romans deutlich mehr Schwung ins Geschehen. Die Stimmung wirkt oft melancholisch, fast traurig, ist das Leben Esmes doch keineswegs das, welches üblicherweise einer Frau Anfang des 20. Jahrhunderts zugeschrieben wurde. Aber sie nimmt jede Hürde mit Gelassenheit und stellt sich ihrem Schicksal.

Durch gründliche Recherche der Autorin fließen viele historisch belegte Einzelheiten in das Buch ein und tragen zu einer recht authentischen Schilderung bei. Wenngleich auch leise, so entsteht dennoch ein gewisser Sog beim Lesen und Esmes Leben berührt auf eine ganz besondere Art und Weise.

Fazit: ein ungewöhnliches Buch, dessen Flair mit fortschreitenden Kapiteln und Abschnitten immer mehr hervortritt. Lesenswert, wenn man sich für Wörter im Allgemeinen und Originalzitate im Besonderen – samt ausgezeichneter Übersetzung – interessiert.



Titel Die Sammlerin der verlorenen Wörter

Autor Pip Williams

ISBN 978-3-453-29263-5

Sprache Deutsch

Ausgabe Fester Einband, 528 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 11. April 2022

Verlag Diana

Originaltitel The Dictionary of Lost Words

Übersetzer Christiane Burkhardt

Veröffentlicht am 01.06.2022

Verdächtig

Walpurgisnacht
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Während seine Frau mit Freunden auf Kreuzfahrt geht, soll der emeritierte Münchner Geschichtsprofessor Gregor Cornelius vier Wochen lang das Haus seines Patensohnes in Neukirchen hüten. Wer glaubt, dass ...

Während seine Frau mit Freunden auf Kreuzfahrt geht, soll der emeritierte Münchner Geschichtsprofessor Gregor Cornelius vier Wochen lang das Haus seines Patensohnes in Neukirchen hüten. Wer glaubt, dass es im Dorf mordslangweilig wird, ist sich jedoch des geflügelten Wortes nicht bewusst. Just nach Cornelius‘ Eintreffen wird in der Walpurgisnacht der junge Frauenheld Sascha Eichinger umgebracht. Ohne konkrete Absicht erfährt der Professor Details über den Toten und gerät schnell in den Sog der Ermittlungen. Bald scheint jeder im Dorf ein Motiv zu haben.

Detailreich und mit liebevollen Einzelheiten durchsetzt stellt Karoline Eisenschenk Professor Cornelius vor und schickt ihn alsbald in das idyllisch anmutende Bauerndorf. Rasch lernt der gesellige Pensionist seine Nachbarn kennen, muss aber schon bald feststellen, dass es mit dem scheinbaren Dorffrieden nicht allzu weit her ist. Je mehr er hört und sieht, umso mehr spinnt er sich seine eigenen Ideen zusammen und kommt der Polizei nicht nur einmal in die Quere. Meist liegt er aber gar nicht so verkehrt.

Rasch wechselnde Szenen, kurzweilige Kapitel und eine Menge verdächtiger Dorfbewohner bringen Tempo und Spannung ins Geschehen. Viele Kleinigkeiten werden geschickt angedeutet, Hinweise eingestreut, sodass die Handlung durchgehend stimmig und logisch abläuft. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, muss sich der Herr Professor doch mit modernen Küchengeräten und etlichen Handwerkern auseinandersetzen. Neben Cornelius sind auch die anderen Figuren fein herausgearbeitet und bestens vorstellbar. Fast radelt man selber von einem Dorfende zum anderen und hält da und dort einen Plausch.

Erfrischend im Schreibstil und mit passenden Überraschungen und Wendungen besticht dieser Regionalkrimi, sodass ich gerne eine Leseempfehlung für Walpurgisnacht abgebe.



Titel Walpurgisnacht

Autor Karoline Eisenschenk

ISBN 978-3-86906-298-3

Sprache Deutsch

Ausgabe Flexibler Einband, 216 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 25. März 2012

Verlag Allitera / Buch & Media

Veröffentlicht am 29.05.2022

Ein Theater

Die Ladys von Somerset – Die Liebe, der widerspenstige Ambrose und ich
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London, 1807: Als Waise Emma nun auch noch ihren Vormund verliert, muss sich die theaterbegeisterte junge Dame als Gesellschafterin bei Lady Darlington verdingen. Bei ihrer Aufgabe, Tochter Anthea irgendwie ...

London, 1807: Als Waise Emma nun auch noch ihren Vormund verliert, muss sich die theaterbegeisterte junge Dame als Gesellschafterin bei Lady Darlington verdingen. Bei ihrer Aufgabe, Tochter Anthea irgendwie mit dem reichen Nachbarn Mr. Livingston zu verkuppeln, läuft jedoch einiges aus dem Ruder. Verstrickungen und Verwicklungen mit unerwarteten Wendungen dominieren fortan diesen Roman, der selbst wie ein Theaterstück anmutet.

Nach einer kurzen Einführung ins Geschehen in London geht es auch schon hinaus aufs Land. Im beschaulichen Somerset passiert kaum etwas außer Livingstons legendären Jagden und seinem alljährlichen Sommerball. Während Emmas Auftrag bei Lady Darlington anfangs noch Spannung, Humor und witzige Episoden verspricht, so geht dieses Konzept leider nicht so recht auf. Die Dialoge im Roman sind aufgesetzt, langweilig reihen sich die Szenen aneinander, farblos und ohne spürbare Emotionen. Immer wieder fehlt es an Authentizität und Glaubwürdigkeit. Viele Themen werden von der Autorin aufgegriffen, Standesunterschiede, Ehre, Sklaverei, aber nichts davon wird dann eingehender betrachtet, alles plätschert oberflächlich dahin. Nur nicht anstreifen, scheint die Devise zu sein, von der ersten bis zur letzten Seite.

Fazit: Die Ladys von Somerset bleiben leider deutlich hinter den Erwartungen zurück, insbesondere, da Jane Austen erwähnt wird, lediglich das Grundgerüst und die Ideen für das gesamte Schauspiel können als gelungen betrachtet werden.



Titel Die Ladys von Somerset

Autor Julie Marsh

ISBN 978-3-7466-3942-0

Sprache Deutsch

Ausgabe Flexibler Einband, 402 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 11. April 2022

Verlag Aufbau

Veröffentlicht am 27.05.2022

Drei junge Damen in der DDR

Die Freundinnen vom Strandbad (Die Müggelsee-Saga 1)
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Das Strandbad am Müggelsee, Juli 1956. Martha schreibt an einem vom Vater aufgegebenen Text, Clara übt den perfekten Sprung in den See und Betty führt ihren neuen Bikini aus. Als ein älterer Herr weiter ...

Das Strandbad am Müggelsee, Juli 1956. Martha schreibt an einem vom Vater aufgegebenen Text, Clara übt den perfekten Sprung in den See und Betty führt ihren neuen Bikini aus. Als ein älterer Herr weiter draußen im See zu ertrinken droht, eilen ihm die drei Mädchen zu Hilfe und wachsen zu einem unzertrennlichen Trio zusammen.
Nach diesem Einstieg vergeht einige Zeit und wir begleiten dann drei junge Damen, die ihre letzten Jahre vor dem Abitur verleben. Martha stammt aus einer regimetreuen Familie und engagiert sich bei der FDJ, Betty träumt vom Film und Clara schwebt eine Karriere als Weltraumforscherin vor, ohne Anpassung und Beziehungen allerdings undenkbar im Osten. Und dann – wird über Nacht Stacheldraht aufgezogen – wie werden sich die Unzertrennlichen entscheiden? Wer bleibt? Wer flieht?
Ab der ersten Zeile nimmt Julie Heiland den Leser mit in das Leben von Martha, Betty und Clara. Marthas Notizen sind ein gelungener Einstieg, gepunktete Kleider und gelegte Haare lassen sofort Bilder der Zeit erwachen, der Duft von Prasselkuchen verführt noch dazu das Näschen und der Klang von Amiga-Schallplatten spiegelt die Stimmung im Strandbad absolut spürbar wider. Dazu noch einzelne Wortgruppen wie „ein richtijes Frollein“ und man ist selbst mit allen Sinnen zurückversetzt in die 1950er Jahre in Ostberlin. Die vielen liebevoll geschilderten Details lassen die Geschichte der drei so unterschiedlichen Mädchen zu einem wahren Lesevergnügen werden, im Grunde fühlt es sich fast so an, als wäre man als Leser die unsichtbare Nummer Vier im Bunde.
Einzelne Alltagsszenen füllen die Kapitel, welche sich abwechselnd den drei Mädels und deren Sicht widmen und wie aus dem echten Leben gegriffen sind. Genau das ist es auch, warum die Erzählung so real wirkt, nicht aufgesetzt, sind gekünstelt, nicht erfunden. Die erste Liebe, Schule, FDJ-Gruppen und vieles mehr wird thematisiert, Träume, welche sich an die Realität anpassen müssen, Gedanken, die man besser für sich behält. Wer ist Freund, wer ist Feind? Wände haben Ohren. Die Jugendzeit der DDR-Kinder ist nicht unbeschwert. Dennoch suchen Martha, Betty und Clara ihr Glück, auch wenn ihre Vorstellungen von Freiheit und erfülltem Leben recht gegensätzlich ausfallen.
Kurzweilig und flüssig, spannend, interessant und unterhaltsam präsentiert sich Heilands Schreibstil, sodass man am liebsten ohne Pause das ganze Buch durchlesen möchte. Man freut und ängstigt sich gemeinsam mit dem sympathischen Trio, fiebert mit an aufregenden Stellen und überlegt, ob so manche Entscheidung klug ist. Schon ist die letzte Seite verschlungen und es bleibt nur noch das gebannte Warten auf die Fortsetzung mit den Freundinnen vom Strandbad – Wogen der Freiheit, die am 28. Juli 2022 erscheinen wird.
Ein absolut gelungener und empfehlenswerter Einstieg in die Müggelsee-Saga!

Titel Die Freundinnen vom Strandbad, Wellen des Schicksals
Autor Julie Heiland
ISBN 978-3-548-06559-5
Sprache Deutsch
Ausgabe Flexibler Einband, 624 Seiten
ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch
Erscheinungsdatum 27. Mai 2022
Verlag Ullstein
Reihe Die Müggelsee-Saga, Band 1

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Veröffentlicht am 27.05.2022

Paris im Krieg

Morgen werden wir glücklich sein
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Von klein auf sind Marie, Amiel und Geneviève Nachbarinnen, bald wachsen sie zu einem unzertrennlichen Trio zusammen. Als 1940 jedoch die Deutschen Paris einnehmen, geht jede der Mittzwanzigerinnen anders ...

Von klein auf sind Marie, Amiel und Geneviève Nachbarinnen, bald wachsen sie zu einem unzertrennlichen Trio zusammen. Als 1940 jedoch die Deutschen Paris einnehmen, geht jede der Mittzwanzigerinnen anders mit der Situation um: Lehrerin Marie entscheidet sich für die Résistance, Jüdin Amiel hilft ihr, indem sie ärztliche Hilfe anbietet und Geneviève geht den Weg des vermeintlich geringsten Widerstandes, um weiterhin als Pianistin auftreten zu dürfen, sie spielt fortan für die deutschen Besatzer. Eine Trennung aufgrund ihrer ganz grundsätzlich unterschiedlichen Haltung scheint unausweichlich und tatsächlich kommt alles noch viel schlimmer als anfangs befürchtet.

Aufgrund eingehender Recherchen trifft die fiktive Handlung dieses Romans auf sehr viele historisch belegte Details (Razzia des Wintervelodroms, Internierungslager in Vénissieux, „horizontale Kollaboration“ u.v.m). Dazu kommen die drei hervorragend charakterisierten jungen Frauen, deren Schicksal in den Jahren 1940 – 1945 beleuchtet wird. Ängste, Sorgen, kurzzeitige Glücksgefühle lassen die Zeit im von den Boches besetzten Paris lebendig werden und den Leser hautnah all das miterleben, was die Freundinnen und ihre Weggefährten durchmachen mussten. Korte zeigt mittels der drei Figuren unterschiedliche Reaktionen auf den Krieg auf und lässt Verständnis für alle zu, vermeidet pauschale Urteile über Richtig und Falsch, Schuld oder Unschuld.

Von Beginn weg fesselt die Autorin mit einem einnehmenden und spannenden Schreibstil, die kurzen Kapitel zweier Enkelinnen lassen einen interessanten Blick auf die längerfristigen Folgen des Kriegsgeschehens zu. Gefährliche Szenen, die einen den Atem stocken lassen, werden elegant und ohne grausame Einzelheiten verfasst, die Brutalität und die psychischen und physischen Auswirkungen sind trotzdem spürbar und beklemmend. Somit schafft es Korte, den Roman mit extrem authentischen und realistischen Bildern zu zeichnen, ohne jedoch abstoßend oder zu bestialisch zu werden.

Kortes Ziel, Ungerechtigkeiten bis in die heutige Zeit hinein aufzuzeigen und der Aufruf, mutig für eine bessere Welt zu kämpfen, ist vollends aufgegangen. Diesen Roman sollte man unbedingt gelesen haben – sowohl inhaltlich als auch stilistisch ganz klar fünf Sterne wert!



Titel Morgen werden wir glücklich sein

Autor Lea Korte

ISBN 978-3-492-50455-3

Sprache Deutsch

Ausgabe Flexibler Einband, 432 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 26. Mai 2022

Verlag Piper

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