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Veröffentlicht am 21.01.2018

Der amerikanische Traum

Ein mögliches Leben
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In dem Roman “Ein mögliches Leben“ von Hannes Köhler geht es um deutsche Soldaten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, ein Thema, über das ich bisher sehr wenig wusste.
Der fast 90jährige Franz Schneider ...

In dem Roman “Ein mögliches Leben“ von Hannes Köhler geht es um deutsche Soldaten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, ein Thema, über das ich bisher sehr wenig wusste.
Der fast 90jährige Franz Schneider erzählt seinem Enkel Martin, dass er die Orte in Texas und Utah, an denen er gefangen gehalten wurde, gern noch einmal sehen würde. Martin ist einverstanden. Sie begeben sich auf eine Reise in die Vergangenheit und entwickeln dabei ein neues Verständnis für einander und eine nie dagewesene Nähe. Martins Leben befindet sich gerade im Umbruch, und ihm tut ein bisschen Abstand und Zeit zum Nachdenken ebenfalls gut. Der Großvater erzählt viel vom Krieg und der Zeit danach. Vom eigenen Vater von klein auf indoktriniert ist er als Anhänger Hitlers in den Krieg gezogen. Die Realität des Krieges hat ihn aber bald bekehrt. Im Lager findet er Freunde, vor allem den Deutschamerikaner Paul, der dem einfachen Bergmann die englische Sprache und Bücher näher bringt, aber er hat es auch mit gefährlichen Unbelehrbaren zu tun, die noch immer an den Endsieg glauben und auch im Lager vor Mord nicht zurückschrecken, um angebliche Verräter zu bestrafen. Das alles wird nicht in einer zusammenfassenden Erzählung dargeboten, sondern in lebendigen Szenen, die die Geschehnisse vor 70 Jahren sehr präsent werden lassen. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, springt ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Martin und seine Mutter Barbara erfahren nun endlich, welchen Einfluss die Erlebnisse des Großvaters auf die Familie hatten und wie sie sogar bis in die Gegenwart fortwirken. Endlich versteht die Mutter, was zu der enormen Distanz und Kälte geführt hat, die das Leben der Familie bestimmt hat. Franz Schneider hatte nach Kriegsende die Wahl zwischen der Auswanderung in die USA und einem Leben in Deutschland. Er hat sich für die endgültige Rückkehr nach Deutschland entschieden, weil er seine Frau Johanna kennengelernt hatte und Tochter Barbara geboren wurde und seine Frau sich weigerte zu emigrieren. So beschreibt der Roman nicht nur die Verhältnisse in den amerikanischen Lagern bis zum Kriegsende, sondern auch, was es für Franz Schneider bedeutete, sich gegen ein Leben in der Weite und Freiheit der USA und möglicherweise sogar gegen die Liebe seines Lebens zu entscheiden, gegen den möglichen, aber nie verwirklichten Traum. Durch die Gespräche mit Tochter und Enkel nach der Rückkehr gibt es endlich eine späte Chance für eine Annäherung.
Mir hat der Roman gut gefallen. Die Geschichte liest sich spannend. Charakterisierung und sprachliche Gestaltung überzeugen. Ein sehr interessantes Buch.

Veröffentlicht am 21.01.2018

Deutsche Geschichte

Herbstvergessene
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In Anja Jonuleits Roman “Herbstvergessene“ geht es um drei Generationen von Frauen der Familie Sternberg. Maja Sternberg arbeitet als Raumausstatterin und lebt mit ihrem Partner Wolf zusammen. ...

In Anja Jonuleits Roman “Herbstvergessene“ geht es um drei Generationen von Frauen der Familie Sternberg. Maja Sternberg arbeitet als Raumausstatterin und lebt mit ihrem Partner Wolf zusammen. Zu ihrer Mutter Lilli hat sie seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr, der über die jährliche Geburtstagskarte hinausgeht. Zu sehr hat sie die hohen Erwartungen der Mutter enttäuscht, als sie sich gegen eine Karriere als Dolmetscherin entschied. Im Übrigen war das Verhältnis der Beiden nie innig. Großmutter Charlotte hat das Kind aufgezogen, sie hat sie geliebt. Dann bittet die Mutter sie eines Tages nach Wien zu kommen, weil sie dringend etwas besprechen und ihr zeigen will. Als Maja einige Tag später in Wien eintrifft, ist die Mutter tot. Sie ist vom Balkon ihrer Wohnung gefallen oder gesprungen. Die Polizei glaubt an Selbstmord, weil die Mutter an Krebs litt. Maja zweifelt an dieser Theorie, weil eine Selbsttötung nicht zu der durchsetzungsfähigen, selbstbewussten Person passt, als die sie ihre Mutter kennt. Maja spricht mit den Bekannten der Mutter und geht alle Unterlagen durch. Schon bald stößt sie auf Ungereimtheiten, die alles in Frage stellen, was sie bisher für unumstößliche Gewissheiten gehalten hat. Wieso hat die Mutter auf einem frühen Foto ein dunkelhaariges Baby mit dunklen Augen auf den Schoß, wo doch Majas Mutter Lilli blond und blauäugig ist? Die Spur führt nach Hohehorst bei Bremen in ein ehemaliges Lebensborn-Heim, wo sich die Mutter 1944 aufgehalten hat, um als ledige Mutter ihr Kind zur Welt zu bringen, und zu Roman Sartorius, dem Sohn des Arztes Heinrich Sartorius, der damals für das Haus zuständig war und nach dem Krieg spurlos verschwand. Je intensiver Maja nachforscht, desto mehr deutet alles darauf hin, dass auch die Mutter auf der Suche nach ihrer wahren Identität war. Maja hat zunehmend das Gefühl, beobachtet und verfolgt zu werden und spürt eine fremde Anwesenheit in der Wohnung der Mutter, wo alles sehr aufgeräumt ist und sich nur ihre Papiere in chaotischer Unordnung befinden. Maja findet die Wahrheit heraus, riskiert dabei ihr Leben.
Anja Jonuleit hat eine interessante und sehr lesbare Geschichte geschrieben, die ein unrühmliches, nicht ganz so bekanntes Kapitel deutscher Geschichte zur Nazizeit beleuchtet. Erzählt wird aus Majas Perspektive, wobei die Autorin zu einem erzähltechnischen Trick greift. Nach jedem Kapitel findet sich ein auch drucktechnisch abgesetzter Auszug aus dem Manuskript der Großmutter, das die ganze Geschichte enthält und die Schuldigen verschiedener Verbrechen nennt. Maja stößt erst sehr spät in einem Bankschließfach auf dieses Manuskript, bei dem der aufschlussreiche Epilog fehlt. Durch diese Erzählstruktur hat der Leser einen Informationsvorsprung vor der Protagonistin bis zu dem Augenblick, wo die Vergangenheit die Gegenwart buchstäblich einholt.
Mir hat dieser spannende Roman mit seiner sorgfältigen Charakterzeichnung sehr gut gefallen. Er verdient eine klare Empfehlung.

Veröffentlicht am 21.01.2018

Abgesang auf das verlorene Ideal der Männlichkeit

Die Herzen der Männer
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Mit “Die Herzen der Männer“ (“The Hearts of Men“ ) legt Nickolas Butler seinen zweiten Roman nach dem erfolgreichen Debüt “Shotgun Lovesongs“ vor, das große Erwartungen beim Leser weckt. Auf ...

Mit “Die Herzen der Männer“ (“The Hearts of Men“ ) legt Nickolas Butler seinen zweiten Roman nach dem erfolgreichen Debüt “Shotgun Lovesongs“ vor, das große Erwartungen beim Leser weckt. Auf drei Zeitebenen – 1962 – 1996 und - leicht in die Zukunft verlegt - 2019/2022 – stellt der Autor drei Generationen von Jugendlichen vor, die den Sommer im Pfadfinderlager Camp Chippewa im nördlichen Wisconsin verbringen wollen. Im ersten Teil begegnen wir dem 13jährigen Nelson Doughty. Er hat weder zu Hause noch im Lager Freunde und macht sich auch dadurch unbeliebt, dass er wie besessen Verdienstabzeichen für Wohlverhalten und erfolgreich absolvierte Kurse sammelt. Jonathan Quick, ein etwas älterer attraktiver und beliebter Junge, ist der einzige, der gelegentlich Partei für ihn ergreift, aber dann auch in eine besonders ekelhafte Demütigung des Außenseiters verwickelt ist. Sie bleiben einander dennoch ein Leben lang verbunden. Nelson findet einen Beschützer und Förderer in Wilbur Whiteside, einem Veteran des Ersten Weltkriegs und derzeitigem Lagerleiter, der sich um ihn kümmert, nachdem Nelsons gewalttätiger Vater die Familie verlassen hat. Im zweiten Teil bringt Jonathan Quick seinen frisch verliebten 16jährigen Sohn Trevor ins Sommerlager. Am Vorabend der Ankunft treffen sie nicht nur Nelson in einem Restaurant, sondern der Vater stellt dem Sohn auch seine Geliebte vor und kündigt ihm die Scheidung von Trevors Mutter an. Darüber hinaus versucht er, dem Sohn jegliche Illusionen bezüglich der Beständigkeit von Liebe zu nehmen. Im dritten Teil begleitet die verwitwete und zweimal geschiedene Rachel, Ex-Schwiegertochter von Jonathan Quick, ihren unwilligen 16jährigen Sohn Thomas ins Zeltlager, wo inzwischen Vietnamveteran Nelson Lagerführer ist. Die Tatsache, dass Rachel die einzige weibliche Begleitperson ist, schafft Probleme. In einer dramatischen Zuspitzung der Ereignisse erhält das alte Pfadfindermotto „Allzeit bereit“ eine ganz neue Bedeutung.
Das letzte Drittel liest sich nicht nur spannender als der Rest. Es zeigt auch, dass die für uns heutzutage schwer verdauliche Pfadfinderideologie mit dem patriotischen Drumherum inklusive Uniformen, Weckruf und Fahnenappell völlig überholt ist und es nahezu niemand mehr gibt, für den der alte Moralkodex in irgendeiner Weise Richtschnur für das eigene Handeln ist. Die Jugendlichen reisen mit Smartphone und Tablet an und interessieren sich nicht im Geringsten für die Natur, die ihnen eigentlich im Camp nahegebracht werden soll. Wer braucht einen Orientierungslauf, wenn er ein Handy in der Tasche hat? Fast alles am Sommerlager wirkt hoffnungslos antiquiert. Die alten Pfadfindertugenden wie Mut, Tapferkeit und Loyalität, die sich so gut als Vorbereitung auf eine militärische Laufbahn zu eignen schienen, sind weitgehend in Vergessenheit geraten. Dennoch macht Butler an Nelson, seinem sympathischen Protagonisten deutlich, dass wir uns trotz all unserer Fehler und Schwächen auch in schwierigen Situationen richtig entscheiden müssen: für das Gute, nicht für das Böse. Wir sollen Engel sein, nicht Teufel.
Nicht nur in Bezug auf das Pfadfinderleben ist Butlers Roman autobiografisch. Der Autor spricht hier aus Erfahrung, hat es selbst bis zum Rang des Adlers gebracht. Das zweite wichtige Thema ist die Beziehung von Vätern zu ihren Söhnen. Die Szene im Restaurant, wo der Vater dem Sohn das Zerbrechen der Familie ankündigt, hat Butler selbst erlebt. Im Roman macht er deutlich: den entscheidenden Halt finden Kinder bei ihren Müttern.
Butlers neuer Roman ist für mich zwar kein Meisterwerk, aber dennoch durchaus empfehlenswert.

Veröffentlicht am 26.12.2017

Gefangen im Schlamm

Mudbound – Die Tränen von Mississippi
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“Mudbound“ ist Hillary Jordans hoch gelobter Debütroman aus dem Jahr 2008. Er spielt in den 40er Jahren in Mississippi. Laura Chappell ist Anfang 30 und arbeitet als Lehrerin in Memphis, als ...

“Mudbound“ ist Hillary Jordans hoch gelobter Debütroman aus dem Jahr 2008. Er spielt in den 40er Jahren in Mississippi. Laura Chappell ist Anfang 30 und arbeitet als Lehrerin in Memphis, als sie den zehn Jahre älteren Henry McAllen kennenlernt. Das Paar heiratet und bekommt zwei Töchter. Eines Tages erfüllt sich Henry seinen Lebenstraum, ohne Laura nach ihrer Meinung zu fragen. Er kauft sich eine abgelegene Baumwollfarm im Mississippi Delta. Fortan lebt die Familie in einem heruntergekommenen Farmhaus ohne jeden Komfort. Zu allem Überfluss müssen sie auch noch mit Henrys unsympathischem Vater zusammenleben, der keine Gelegenheit auslässt, Laura zu schikanieren. Das Leben ist hart, der Ertrag gering. Extreme Witterungsverhältnisse wie Starkregen und Stürme verwandeln die Gegend in eine trostlose Schlammwüste und schneiden die Menschen von der Außenwelt ab. Noch schlechter als den McAllens geht es den Pächterfamilien auf der Farm, die einen beträchtlichen Teil des von ihnen Erwirtschafteten abgeben müssen. Ein Lichtblick für die unglückliche Laura ist die Rückkehr von Henrys jüngerem Bruder Jamie von seinem Einsatz als Bomberpilot. Auch Ronsel Jackson, der älteste Sohn einer farbigen Pächterfamilie, kehrt aus dem Krieg zurück. Er war ein vielfach dekorierter Panzersoldat. Die beiden jungen Männer sind schwer gezeichnet von dem, was sie getan und gesehen haben und haben Schwierigkeiten, ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Es ist die Zeit der Jim Crow-Gesetze. Rassentrennung und allgewärtiger Hass, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Benachteiligung bestimmen den Alltag der Farbigen. Der Ku-Klux-Klan begeht ungestraft seine Verbrechen, Lynchmorde sind an der Tagesordnung. In einem solchen Klima führt die Freundschaft der beiden Ex-Soldaten unausweichlich in die Katastrophe.
Erzählt wird die düstere Geschichte aus der kapitelweise wechselnden Perspektive der wichtigsten Figuren. Sie beginnt mit der Ermordung und Beerdigung des rassistischen Schwiegervaters und lässt den Leser den Weg zu diesem Endpunkt nachvollziehen. Man hat nicht den Eindruck, einen historischen Roman zu lesen – in dem Sinne, dass die geschilderten Probleme der Vergangenheit angehören. „Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen“, wie es in dem berühmten Faulkner-Zitat heißt. Dies zeigt nicht nur die beträchtliche Zahl von Romanen über Sklaverei und Rassismus, die in den letzten Jahren in den USA erschienen sind, sondern nicht zuletzt auch die überproportional hohe Zahl von farbigen Insassen in amerikanischen Gefängnissen und von Opfern exzessiver Polizeigewalt. Die achtjährige Präsidentschaft Barack Obamas hat den Rassismus nicht beendet, und es ist leider nicht zu erwarten, dass dies unter Donald Trump der Fall sein wird. “Mudbound“ ist ein sehr aktueller und überaus lesenswerter Roman, den ich im Original gelesen habe.

Veröffentlicht am 09.12.2017

Liebe über den Tod hinaus

Der japanische Liebhaber
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Die junge Irina Bazili nimmt 2010 einen Job in der Seniorenresidenz Lark House in San Francisco an und wird dort innerhalb kurzer Zeit unentbehrlich und sehr beliebt bei den Bewohnern. Sie freundet sich ...

Die junge Irina Bazili nimmt 2010 einen Job in der Seniorenresidenz Lark House in San Francisco an und wird dort innerhalb kurzer Zeit unentbehrlich und sehr beliebt bei den Bewohnern. Sie freundet sich mit der etwa 80jährigen Alma Belasco an und wird ihre persönliche Assistentin. Sie merkt bald, dass Alma ein Geheimnis bewahrt. Sie bekommt regelmäßig Briefe, Blumen und verschwindet immer wieder für einige Tage. Für Almas Geheimnis interessiert sich auch ihr Neffe Seth, der sich in Irina verliebt. Der Leser erfährt Almas Lebensgeschichte, die als Alma Mendel geboren und 1939 gerade noch rechtzeitig aus Polen herausgeschafft und zu Onkel und Tante in die USA geschickt wurde. Als junge Frau heiratet sie ihren Vetter Nathaniel, hat aber immer schon auch eine enge Bindung zu Ichimei, dem Sohn des japanischen Gärtners. Der Leser erfährt die Geschichte der Mendels, der Belascos und der Fukadas, aber auch die der Irina Bazili aus Moldawien, die ebenfalls im Alter von sieben Jahren in die USA kommt. Im Gegensatz zu Alma wird sie jedoch nicht von einer begüterten Familie liebevoll aufgenommen, sondern erlebt schlimme Dinge bei der Mutter und dem Stiefvater. Noch immer ist sie schwer traumatisiert und flieht von einem Ort und Job zum anderen. Die privaten Schicksale sind eingebettet in das Weltgeschehen in der Mitte des 20. Jahrhundert. Da spielt der Holocaust ebenso eine Rolle wie die Internierung von Amerikanern japanischer Herkunft nach Pearl Harbour.
Der Roman liest sich nicht schlecht und ist teilweise sehr bewegend in der Darstellung von Liebe und Freundschaft, vor allem Almas Geschichte einer gesellschaftlich nicht akzeptierten Liebe, aber er beeindruckt nicht im gleichem Maße wie der Roman Das Geisterhaus aus dem Jahre 1982, der sie weltberühmt machte.