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Veröffentlicht am 22.11.2017

Wenn der Terrordienstleister Suizidität evaluiert

Leere Herzen
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Mit “Leere Herzen“ , ihrem neuesten Roman, führt Juli Zeh den Leser in eine nicht allzu ferne Zukunft. Angela Merkel ist abgesetzt. Es regiert in der zweiten Legislaturperiode die rechtsnationale islamfeindliche ...

Mit “Leere Herzen“ , ihrem neuesten Roman, führt Juli Zeh den Leser in eine nicht allzu ferne Zukunft. Angela Merkel ist abgesetzt. Es regiert in der zweiten Legislaturperiode die rechtsnationale islamfeindliche BBB unter Regula Freyer. Die früheren Anhänger der Traditionsparteien gehen nicht einmal mehr zur Wahl. Die Menschen haben keine Prinzipien und Überzeugungen mehr. Sie haben sich vollständig ins Private zurückgezogen und glauben nicht mehr an die Möglichkeit, die Welt zu verändern oder gar zu retten.
In diesem gesellschaftlichen Klima hat Britta Söldner zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak Hamwi eine Firma gegründet, die sich die Brücke nennt und sich nach außen hin als psychotherapeutische Praxis tarnt. Nicht einmal Brittas Mann Richard weiß, womit Britta und Babak so viel Geld verdienen. Besonders glücklich ist Britta bei all dem aber nicht. Sie hat erhebliche gesundheitliche Probleme und ist völlig überarbeitet. Die Lage spitzt sich zu, als ein stümperhaft durchgeführtes Attentat in Leipzig zeigt, dass die Brücke Konkurrenz bekommen hat und man sie aus der Reserve locken will. Britta und Babak versuchen herauszufinden, wer dahintersteckt und geraten in Gefahr.
Zehs düstere Zukunftsvision bietet viel Stoff zum Nachdenken, zumal sie Tendenzen der Gegenwart aufgreift und fortschreibt. Der Brexit ist vollzogen, weitere Staaten sind aus der EU ausgetreten und haben das Konzept vom vereinten Europa zum Scheitern gebracht. Können wir die Entwicklung noch aufhalten, verhindern, dass wir und unsere Kinder perspektivlos mit leeren Herzen leben? Überlassen wir die Welt gefährlichen Autokraten? Der spannende, auch sprachlich überzeugende Roman fordert uns auf, wieder Ziele – und zwar nicht nur materieller Art - im Leben zu haben und dafür zu kämpfen. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 22.11.2017

Die langen Schatten der Vergangenheit

Der Fall Kallmann
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Hakan Nessers neuer Roman “Der Fall Kallmann“ spielt in der schwedischen Kleinstadt K. Der beliebte, aber ausgesprochen exzentrische Schwedischlehrer Eugen Kallmann starb unter nie ganz geklärten Umständen ...

Hakan Nessers neuer Roman “Der Fall Kallmann“ spielt in der schwedischen Kleinstadt K. Der beliebte, aber ausgesprochen exzentrische Schwedischlehrer Eugen Kallmann starb unter nie ganz geklärten Umständen in einem leer stehenden Haus, wo er sich nachts mit jemand treffen wollte und von dem Schüler Charlie gefunden wurde. Sein Nachfolger an der Bergtunaschule wird Leon Berger, der nach einem schweren Schicksalsschlag hier einen neuen Anfang machen will. In seinem Pult findet er unter zahlreichen Papieren auch vier Tagebücher seines Vorgängers mit erstaunlichem Inhalt, eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Kallmann behauptet, einen Mörder an seinen Augen erkennen zu können, bezichtigt sich selbst des Mordes an seiner Mutter im Alter von 11 Jahren und war offensichtlich einem nie entdeckten Verbrechen auf der Spur. Da die Polizei die Akte geschlossen hat, beginnt Berger mit privaten Ermittlungen, zunächst allein, später im Team mit der Beratungslehrerin Ludmilla und dem älteren Kollegen Igor. In ihren Gesprächen stellen die Kollegen fest, dass niemand Eugen Kallmann wirklich gekannt hat und niemand etwas Genaues über ihn weiß. Er ist erst spät nach K. zurückgekommen, hatte keine Freunde und hat sich niemandem geöffnet. Auch unter den Schülern gibt es eine Dreiergruppe bestehend aus der 15jährigen Andrea Wester, ihrer Freundin Emma und dem hochbegabten Sonderling Charlie, die sich wie so viele an der Schule immer wieder die Frage stellt, wer Kallmann wirklich war und welche Umstände zu seinem Tod geführt haben.
Erzählt wird in der ich-Form aus ständig wechselnder Perspektive. Die Beteiligten tragen Mosaiksteinchen zusammen, die allmählich ein Bild ergeben. Jedoch kennt nur der Leser am Ende die ganze Wahrheit, nicht aber alle Beteiligten. Sie können die Zusammenhänge teilweise nur ahnen. Nessers Buch ist kein Krimi, sondern ein Roman mit Krimielementen. Er hat eine epische Breite, die dem Aufbau von Spannung zumindest in den ersten beiden Dritteln nicht förderlich ist. Die Auflösung eines unbekannten Mordfalls ist keineswegs das einzige Thema. Genauso wichtig ist die Beschreibung des sich ständig verschlechternden Klimas an der Schule, denn Neonazis treiben ihr Unwesen, und es kommt zu rassistischen und antisemitischen Übergriffen, sogar zu einem Mord an einem jungen Neonazi. Der Leser braucht Geduld und Durchhaltevermögen, wird aber durch sorgfältige Charakterisierung der Hauptfiguren und ein genaues Porträt des schwedischen Schulsystems und des Kleinstadtmilieus entschädigt. Ein atmosphärisch dichter Roman, der sich nicht einfach konsumieren lässt.

Veröffentlicht am 01.10.2017

Wenn Sekunden über ein ganzes Leben entscheiden

Drei Tage und ein Leben
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Die Handlung von Pierre Lemaitres neuem Roman “Drei Tage und ein Leben“ spielt 1999 kurz vor Weihnachten in Beauval, einem kleinen Ort in der Provinz. Der 12jährige Antoine lebt bei seiner Mutter. Der ...

Die Handlung von Pierre Lemaitres neuem Roman “Drei Tage und ein Leben“ spielt 1999 kurz vor Weihnachten in Beauval, einem kleinen Ort in der Provinz. Der 12jährige Antoine lebt bei seiner Mutter. Der Vater hat die Familie verlassen. Odysseus, der Hund des Nachbarn Desmedt, ist ihm das Liebste auf der Welt. Mit ihm und dem 6jährigen Rémi Desmedt, verbringt er seine Tage im Wald, wo er ein Baumhaus baut. Eines Tages erschießt der Nachbar den von einem flüchtigen Autofahrer verletzten Hund, statt ihn zum Tierarzt zu bringen. In unkontrollierbarer Wut zerstört Antoine das geliebte Baumhaus und erschlägt den kleinen Rémi mit einem Ast. Anschließend versteckt er die Leiche im Wald und spricht mit niemand über das, was passiert ist. Zwei Tage lang rechnet er jeden Augenblick mit der Entdeckung der Leiche und seiner Verhaftung, aber schwere Stürme verwüsten die Region, und die Suche nach dem verschwundenen Kind hat nicht mehr oberste Priorität. Für Antoine ist von einem Augenblick zum andern nichts mehr, wie es war. Er wird seine Ängste und Schuldgefühle nie mehr los, versucht aber dennoch, ein halbwegs normales Leben zu führen. Er weiß so gut wie der Leser, dass er seiner Strafe nicht entgehen wird, aber bis zur überraschenden Auflösung es ein weiter Weg.
Der Roman ist sehr packend. Es ist kein Whodunit – der Täter und die Umstände der Tat sind von vornherein bekannt. Es ist auch kein Krimi, denn es geht nicht um die Erforschung der Vorgeschichte eines Verbrechens. Lemaitre hat einen düsteren Roman, einen “roman noir“ geschrieben, in dem er fragt, was nach einer solchen Tat geschieht. Wie lebt man mit dieser Schuld? Kann es danach noch Normalität geben? Goncourt-Preisträger Lemaitre erzählt eine Geschichte, die berührt und beeindruckt. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 12.09.2017

Leben im Prekariat

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
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Sophie, eine junge Frau in den 30ern, hat ihren Job bei einer Zeitung verloren und kämpft seitdem ums Überleben. Nach Auslaufen des Arbeitslosengelds ist sie auf die Sozialhilfe angewiesen, für die sie ...

Sophie, eine junge Frau in den 30ern, hat ihren Job bei einer Zeitung verloren und kämpft seitdem ums Überleben. Nach Auslaufen des Arbeitslosengelds ist sie auf die Sozialhilfe angewiesen, für die sie unzählige bürokratische Hürden überwinden muss. Sie lebt in einem 12 qm großen, spartanisch eingerichteten Zimmer und hat nahezu alles im Internet verkauft, was sich zu Geld machen lässt. Oft bleiben ihr nur wenige Euro für das letzte Monatsdrittel. Selbst Billignahrungsmittel aus dem Supermarkt können nicht verhindern, dass sie Hunger leidet. Ihre Familie hilft ihr nicht. Zumindest ihre sechs Brüder, die sich alle “eine Existenz aufgebaut haben“, wissen nichts von ihrem Elend. Sie hat in Hector ihren einzigen Freund, der ähnlich knapp bei Kasse ist, aber als eingefleischter Schürzenjäger hat er zumindest noch etwas mehr Ablenkung als Sophie. Sophie möchte finanziell unabhängig werden, indem sie einem Roman schreibt. Dabei erlebt sie kuriose Schwierigkeiten. Ihre Figuren melden Ansprüche an. Sie wollen auf bestimmte vorteilhafte Weise dargestellt werden – als Charaktere und sogar drucktechnisch. Auch ihr persönlicher Dämon Lorchus mischt sich immer wieder ein, Gegenstände wie der Toaster sprechen mit ihr.
Divrys Roman ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich, innovativ, extravagant. Es gibt lange katalogartige Listen von Aufzählungen und ausgefallene Metaphern und immer wieder typografische Besonderheiten. Die Autorin geht sehr kreativ mit der Sprache um. Da gibt es Neologismen wie speziöses Spezimen, Sozialhilfeempfangsberechtigungsbescheinigung, postschmausastisches Syndrom usw. Die Mutter horchhakt nach, widernörgelt, kraquäkt, seufzetert, pflichtpampt, unkzürnt usw. Der deutsche Leser ahnt, was für eine gewaltige Herausforderung dieses Buch für die Übersetzerin war, denn die sprachlichen Spielereien gibt es auch im Original. Das Buch ist interessant und durchweg auch deshalb lesbar, weil es viel Humor - zum Teil der derbsten Art - enthält, obwohl es die Situation einer hungernden Langzeitarbeitslosen realistisch und kritisch und ohne jede Larmoyanz darstellt. Deutliche Sozialkritik findet sich auch an anderer Stelle, zum Beispiel in ihren Ausführungen zum Verschleierungsverbot oder zu unzumutbaren Verhältnissen am Arbeitsplatz inklusive sexueller Belästigung. Für mich ist Sophie Divrys Roman ein gut lesbares Experiment, bei dem man sich nicht langweilt.

Veröffentlicht am 06.09.2017

Der Schein trügt, meistens jedenfalls

Der Preis, den man zahlt
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Arturo Pérez-Revertes Roman “Der Preis, den man zahlt“ (“Falcó“) spielt im Herbst 1936 nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. Die Roten –unter ihnen Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und Separatisten ...

Arturo Pérez-Revertes Roman “Der Preis, den man zahlt“ (“Falcó“) spielt im Herbst 1936 nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. Die Roten –unter ihnen Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und Separatisten – versuchen, die Republik vor den Nationalen zu retten, deren Führer Franco mit Unterstützung Hitlers und Mussolinis die Alleinherrschaft anstrebt. Beide wollen die Stärkung faschistischer Regime. In Spanien gibt es eine unübersehbare Vielzahl von Gruppierungen, jede mit ihrer eigenen Miliz und einem eigenen Geheimdienst.
Falcó, der Protagonist dieses Romans, hat ein bewegtes Leben hinter sich, wurde u.a. unehrenhaft aus der Marineakademie entlassen und hat überall in der Welt Waffengeschäfte getätigt. Bei einem Deal in Istanbul flog er auf, und nur der Admiral, sein derzeitiger Vorgesetzter, konnte seine Haut retten. Für ihn arbeitet er seitdem als Spion, als Mitglied des für die Falangisten arbeitenden Geheimdienstes SNIO, spezialisiert auf Infiltration, Sabotage und Mord. Aktuell soll Falcó José Antonio Primo de Rivera, den Gründer der Falange, aus der Festung von Alicante befreien, sein bisher gefährlichster Job, denn dazu muss er in den Süden, der noch von den Roten beherrscht wird. Vor Ort operiert ein kleines Team, bestehend aus den Geschwistern Montero und der geheimnisvollen Eva Rengel, zu der er sich sofort hingezogen fühlt.
Falcó ist ein attraktiver Mann, dem sich wenige Frauen entziehen können. Er ist ein Einzelkämpfe, weder Anhänger der Republikaner noch der Faschisten und vertraut niemandem. Für ihn ist die Welt ein großartiges Abenteuer, das er sich nicht entgehen lassen will, sein Leben ein kurzer Moment zwischen zwei Nächten. Er weiß, dass er eines Tages den Preis zahlen muss für alles, was er getan hat. (S. 22). Für den äußersten Notfall trägt er immer eine Zyankalikapsel bei sich. Er ist kein Protagonist, mit dem man sich ohne weiteres identifiziert, zumal er mehrfach in Aktion gezeigt wird. Er foltert und tötet ohne zu zögern und ohne Skrupel.
Pérez-Revertes Roman liefert ein realistisches Bild der Bürgerkriegszeit, zeigt das Chaos und die Grausamkeit dieses Krieges. Er basiert auf realen Ereignissen, ist aber insgesamt fiktiv. Dem Autor ist ein spannender Spionageroman gelungen, der Vorbilder in der Literatur und im Film hat und den ich gern empfehle.