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Veröffentlicht am 01.09.2024

Eine obsessive Liebe

Mein Mann
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In Maud Venturas Debütroman “Mein Mann“ beschreibt eine namenlose 40jährige eine Woche aus ihrem Leben. Sie liebt ihren Mann seit 15 Jahren und immer noch wie am ersten Tag. Das Paar hatte keinen einfachen ...

In Maud Venturas Debütroman “Mein Mann“ beschreibt eine namenlose 40jährige eine Woche aus ihrem Leben. Sie liebt ihren Mann seit 15 Jahren und immer noch wie am ersten Tag. Das Paar hatte keinen einfachen Start, denn während der Ehemann aus einer gutsituierten bürgerlichen Familie kommt, stammt seine Frau aus sehr einfachen Verhältnissen. Sie musste vieles anhand von Büchern lernen, zum Beispiel gutes Benehmen und das richtige Auftreten bei gesellschaftlichen Anlässen. Das Paar hat zwei Kinder, einen Sohn, 9 und eine Tochter, 8. Die Ich-Erzählerin behauptet, ihre Kinder zu lieben, ist aber keine gute Mutter. Zu sehr stört es sie, dass die Kinder so viel Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen und – je älter sie werden – die abends allein mit ihrem Mann verbrachte Zeit immer weniger wird. Die Ehefrau will Beweise dafür, dass ihr Mann sie genauso liebt wie sie ihn und fordert, dass er seine Liebe immer wieder mit Liebeserklärungen und Zärtlichkeiten demonstriert. Tut er das nicht, wird er nach einem speziell von ihr ausgearbeitetem Katalog bestraft. Zum Beispiel geht sie erst beim dritten Mal ans Telefon, wenn er sie anruft. Im schlimmsten Fall betrügt sie ihn mit irgendeiner Zufallsbekanntschaft. Mit ihrer obsessiven Liebe und ihrem exzessiven Kontrollverhalten gefährdet sie ihre Beziehung und denkt auch im Erzählzeitraum ständig daran, dass ihr Mann sie verlassen wird, obwohl es dafür bisher keine Anzeichen gibt. Die ungewöhnliche Geschichte einer Ehe liest sich sehr gut und hat einen überraschenden Schluss, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Es gibt unendlich viele Romane über das Thema Liebe, aber “Mein Mann“ ist anders als alles, was ich kenne, weil es hier um einen psychisch gestörten Kontrollfreak geht, eine Frau, die nicht begreift, dass ihr gesamtes Verhalten nichts mit Liebe zu tun hat. Sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 01.09.2024

Was macht eine Familie aus?

Juli, August, September
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Olga Grjasnowas neuer Roman “Juli, August, September“ ist den Monaten im Titel entsprechend in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten berichtet Ich-Erzählerin Ludmilla genannt Lou über ihr Leben in Berlin. ...

Olga Grjasnowas neuer Roman “Juli, August, September“ ist den Monaten im Titel entsprechend in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten berichtet Ich-Erzählerin Ludmilla genannt Lou über ihr Leben in Berlin. Sie ist in zweiter Ehe mit dem Pianisten Sergej verheiratet, der wegen der zahlreichen Konzerte nur wenig Zeit zu Hause mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Rosa verbringt. Das Ehepaar hat jüdische Wurzeln, aber die Religion spielt in ihrem Leben keine große Rolle. In erster Ehe war sie für kurze Zeit mit David verheiratet, der sie dann plötzlich verließ, weil er die Religion für sich entdeckt und nach Israel ausgewandert war. Lous weitverzweigte Familie stammte aus der ehemaligen Sowjetunion und wanderte zum großen Teil nach Israel aus. Man kennt und versteht sich nicht sehr gut. Deshalb zögert Lou zunächst, als ihre Mutter vorschlägt, an einem großen Familientreffen auf Gran Canaria teilzunehmen. Maya, die jüngere Schwester von Lous verstorbener Großmutter Rosa, will dort ihren 90. Geburtstag feiern. Über dieses Treffen berichtet Lou im zweiten Abschnitt. Die Begegnung der Familienmitglieder verläuft alles andere als harmonisch. Maya erfindet ihre eigene Version der Vergangenheit, in der sie sich besonders vorteilhaft präsentiert. Lou ist schnell klar, dass hier viele Lügen erzählt werden. Sie will die Wahrheit wissen und stellt viele Fragen, bekommt aber längst nicht immer eine Antwort. Was genau hat Großmutter Rosa erlebt, und warum musste Urgroßvater Boris sterben? Weil ihr all das keine Ruhe lässt, fliegt Lou im dritten Teil nach Israel, fragt erneut die widerstrebende Maya aus und besucht eine Gedenkstätte. Bei ihrer Rückkehr muss sie sich um eine Annäherung an ihren Mann bemühen, der offensichtlich gerade eine Krise durchlebt.
Grjasnowas Roman liest sich gut und gefällt mir aus verschiedenen Gründen. Er gewährt einen Einblick in jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart, vor allem beschäftigt er sich mit der Frage, was Familie ausmacht und wie sich die eigene Identität definiert. Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt. Deshalb spreche ich eine unbedingte Empfehlung aus.

Veröffentlicht am 01.09.2024

Ein Wassertropfen reist durch die Zeit und um die Welt

Am Himmel die Flüsse
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In Elif Shafaks neuem Buch “Am Himmel die Flüsse“ geht es um drei wichtige Personen auf verschiedenen Zeitebenen und das zentrale Element Wasser. Das 9jährige ezidische Mädchen Narin soll 2014 am Tigris ...

In Elif Shafaks neuem Buch “Am Himmel die Flüsse“ geht es um drei wichtige Personen auf verschiedenen Zeitebenen und das zentrale Element Wasser. Das 9jährige ezidische Mädchen Narin soll 2014 am Tigris in der Türkei nach traditionellen Riten im Fluss getauft werden. Die Wasserforscherin Zaleekha betreibt ihre Forschungen 2018, und ein armer Engländer namens Arthur, "König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere", lebt Mitte des 19. Jahrhunderts in äußerster Armut am Ufer der Themse. Sein Grab findet Narin in der Nähe der Grabstätte ihrer Ururgroßmutter Leila. Auch Assurbanipal, ein mächtiger, grausamer König von Mesopotamien in der Urzeit spielt eine Rolle ebenso wie das Gilgamesch-Epos, verfasst vor rund 5000 Jahren und eine der ältesten Dichtungen der Welt. Das Element, das sie alle verbinden soll, ist Wasser, genauer gesagt ein Wassertropfen, der immer wieder neue Erscheinungsformen annimmt, in dieser Geschichte fast personifiziert wirkt. Es geht um Vergangenheit und Gegenwart, um die Folgen uralter Konflikte und Geheimnisse, die noch nicht aufgedeckt wurden.
Shafaks Geschichte ist nicht leicht zu lesen. Der Roman ist sehr umfangreich, sehr detailliert, und mich stören sprachliche Manierismen. Die Wortwahl wirkt auf mich teilweise merkwürdig versponnen, die Ausdrucksweise ein wenig gestelzt. Dennoch ist das Werk schon beeindruckend und empfehlenswert, vor allem weil es Massaker zur Sprache bringt, die nicht nur in vergangenen Jahrhunderten begangen wurden, sondern zum Beispiel noch 2014 unbeachtet vor den Augen der Welt stattfanden. Die Autorin thematisiert außerdem immer wieder die Frage, welches Recht europäische Länder hatten und haben, bei Ausgrabungen entdeckte Kunstschätze außer Landes zu schaffen, in Museen auszustellen oder für große Summen an reiche Sammler zu verkaufen. Insgesamt ist "Am Himmel die Flüsse" eine lohnende Lektüre, aber man braucht ein wenig Ausdauer.

Veröffentlicht am 03.08.2024

Die Illusion der großen Freiheit

Ex-Wife
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In Ursula Parrotts vor 100 Jahren erschienenem Roman “Ex-Wife“ geht es um die junge, sehr attraktive Patricia, die mit 19 Jahren ihre große Liebe Peter kennenlernt und mit ihm nach New York zieht. Das ...

In Ursula Parrotts vor 100 Jahren erschienenem Roman “Ex-Wife“ geht es um die junge, sehr attraktive Patricia, die mit 19 Jahren ihre große Liebe Peter kennenlernt und mit ihm nach New York zieht. Das Paar vereinbart eine offene Beziehung, weil sie Treue und Eifersucht für überholt halten. Von dieser Vereinbarung macht ihr Mann reichlich Gebrauch, Patricia nur ein einziges Mal, woraufhin ihr Mann ihr wütend vorwirft, herumgehurt zu haben. Damit ist ihre Ehe nach vier Jahren am Ende, und Peter verlangt die Scheidung. Patricia wehrt sich jahrelang. Sie liebt ihren Mann nach wie vor und hofft lange Zeit, dass er zu ihr zurückkehrt. Bis sie schließlich die Endgültigkeit der Trennung akzeptiert und in die Scheidung einwilligt, vergeht viel Zeit. Patricia findet Unterstützung bei ihrer Freundin Lucia und versucht die Idee der unbegrenzten Freiheit auszuleben. Nach ihrem Arbeitstag als Werbetexterin geht sie in Restaurants, Bars und Flüsterkneipen und lernt immer wieder neue Männer kennen, mit denen sie bedeutungslosen Sex hat. Einen Partner, mit dem sie tiefe Liebe verbindet, findet sie nicht mehr. Bei all dem weiß sie immer, dass ihr freizügiges Leben nichts an den misogynen Machtstrukturen ändert und ihre Zeit als begehrtes Sexobjekt ohnehin begrenzt ist.
Der Skandalroman von 1929 vor dem großen Börsencrash schockiert heute niemand mehr. Ich habe dieses Porträt einer anderen Epoche, in der enorm viel gefeiert und getrunken wurde, gern gelesen. Die Frauen, die wie Patricia beachtet werden wollten, gaben sehr viel Geld für Kleidung aus. Manches hat sich geändert, vor allem natürlich die Mode mit den vielen Pelzen und den auffälligen Hüten, vieles aber auch nicht. Ein wichtiges Buch, das die Neuauflage im Original und die Übersetzung ins Deutsche verdient hat.

Veröffentlicht am 03.08.2024

Unter jedem Dach ein Ach

Mein drittes Leben
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Linda verliert ihre 17jährige Tochter Sonja durch einen Verkehrsunfall. Danach ist nichts mehr, wie es war. Schon bald kommt es zu einer Entfremdung zwischen Linda und ihrem Mann Richard. Auch Richard ...

Linda verliert ihre 17jährige Tochter Sonja durch einen Verkehrsunfall. Danach ist nichts mehr, wie es war. Schon bald kommt es zu einer Entfremdung zwischen Linda und ihrem Mann Richard. Auch Richard trauert, nur anders. Er ist irgendwann bereit, sein Leben weiterzuleben und beginnt eine Beziehung mit der attraktiven Brida, hat jedoch nicht aufgehört, seine Frau zu lieben. Linda zieht aus der Stadt aufs Land, wo sie ein Haus mietet, das sie mit Garten, Hühnern und der Hündin Kaja übernimmt, die ihr eine treue Gefährtin wird. Sie konnte weder Mitgefühl noch Mitleid der Menschen aus ihrem Bekannten- und Freundeskreislänger länger ertragen und meidet soziale Kontakte weitgehend. Fortan lenkt sie sich mit Gartenarbeit und der Versorgung der Tiere ab. Irgendwann freundet sie sich mit Natascha an, die eine autistische Tochter hat. Nine spricht nicht und benötigt intensive Betreuung. Linda sieht keine Perspektive mehr für ihr Leben. Es ist nur noch Zeit, die verstreicht – ohne jeden Sinn. Doch irgendwann findet Linda doch allmählich ins Leben zurück, trifft Freundinnen von früher wieder und lernt eine alte Frau kennen, die ihr mit ihrer Lebensklugheit hilft. Linda begreift, dass sie nicht die einzige ist, die unter Verlust und Trauer leidet, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat: “Unter jedem Dach ein Ach“ (S. 252). Durch den Verkauf der Stadtwohnung, in der sie mit Richard und ihrer gemeinsamen Tochter gelebt hatte, hat sie mehr Geld als sie benötigt und benutzt einen Teil davon, um anderen zu helfen.
Auch der neue Roman von Daniela Krien hat mir wie die drei Vorgänger sprachlich und inhaltlich sehr gut gefallen. Es ist eine traurige, sehr bewegende Geschichte, die den Leser jedoch nicht ohne Hoffnung zurücklässt. Deshalb empfehle ich ihn ohne Einschränkung.