Profilbild von darkola77

darkola77

Lesejury Star
offline

darkola77 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit darkola77 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.08.2025

Amüsant, tiefgründig und einfach genial

Das Geschenk
0

Groß, gewaltig und mit lauten Schritten und Trompeten – so sind sie, die Elefanten, die an Spree und Siegessäule durch die Hauptstadt stapfen. Und so ist auch „Das Geschenk“, ein Roman, der sich mit Originalität, ...

Groß, gewaltig und mit lauten Schritten und Trompeten – so sind sie, die Elefanten, die an Spree und Siegessäule durch die Hauptstadt stapfen. Und so ist auch „Das Geschenk“, ein Roman, der sich mit Originalität, einer starken, präzisen Sprache und klaren Botschaften einen Platz in Kopf und Herz seiner Leser sichert.
Das politische Berlin steht Kopf! Denn da, wo Vögel, Enten und Kaninchen sich mit Tourist*innen und Einheimischen gleichermaßen Wege und Plätze teilen, sind sie aufgetaucht. Unerwartet. Unübersehbar. Und zunehmend in ihrer Zahl. Dickhäuter trampeln durch die Stadt, fressen sich durch Parks und Gärten, erobern Straßen, Autobahnen. Und bringen das öffentliche Leben zum Erliegen.
Und die Regierung ins Schwitzen. Denn lösen muss Bundeskanzler Winkler mit dem Parlament eine Situation, die schier unlösbar scheint. Und die Menschen in der Stadt zunehmend in Aufruhr versetzt. Und ebenso der rechten Partei einen Aufschwung verschafft, der Demokratie und Sicherheit gefährdet. Populistisch verschärfend wird genutzt: Die Elefanten sind Strategie und Rache für ein kürzlich erlassenes Gesetz gegen die Einfuhr von Jagdtrophäen nach Deutschland. Ein direkte Vergeltung des Präsidenten von Botswana. Globalisierung pur. Nur das Rückfahrtticket fehlt den Dickhäutern.
Wir leben alle in einer Welt. Dieser Satz könnte an der inzwischen von tropischen Pflanzen überwucherten Kuppel des Reichstags stehen. Und er zieht sich wie ein Leitgedanke durch die raffiniert komponierte Geschichte. Doch noch weitere Themen und Botschaften finden in dieser Raum: sei es der Aspekt der Nachhaltigkeit und eines klimafreundlichen Lebens, die vermeintliche Überlegenheit des Westens gegenüber den Ländern des Globalen Südens oder die Politik- und Parteienkrise als Folge eines Vertrauensverlustes der Menschen. Und all diese Unsicherheiten und Fragestellungen hat Gaea Schoeters in einen amüsanten und zugleich tiefgründigen Roman überführt – dies nun ohne Zweifel und ganz sicher!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.08.2025

Feministischer Horror, der süchtig macht

Das Beste sind die Augen
0

Atemberaubend, richtig abgefahren, unglaublich gut und scary! Diese Geschichte hat mich eiskalt erwischt. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Gänsehaut auf meinen Armen, ein kalter Schauer, der über ...

Atemberaubend, richtig abgefahren, unglaublich gut und scary! Diese Geschichte hat mich eiskalt erwischt. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Gänsehaut auf meinen Armen, ein kalter Schauer, der über den Rücken läuft und ganz viel Adrenalin. Und richtig viel Spaß! Denn „Das Beste sind die Augen“ ist der Knaller! Ein Gamechanger. Und ein absolutes Highlight der feministischen Literatur. Und für Freundinnen der abgedrehten Horrorgeschichten.
Doch von Anfang an. Als der Vater überraschend die Familie verlässt, bricht für Ji-won, ihre Schwester Ji-hyon und ihre Mutter eine Welt zusammen. Letztere, ein Häufchen Elend, quält sich durch die Tage. Tränenreich und ohne eine Perspektive. Um den treulosen Ehemann zurückzuwünschen, werden selbst koreanische Mythen und der Aberglaube bedient. „Fischaugen bringen Glück.“ Und werden von ihr wortreich vor den Schwestern verspeist.
Und die Augen zeigen Wirkung. Zwar kommt nicht der eigene Ehemann von der Geliebten zurück, dafür tritt George in ihr Leben. Und macht dieses für ihre Töchter zu einem Ort der Schrecken und Demütigung. Denn Respekt kennt George nicht. Weder vor Sitten, Traditionen noch Kultur. So auch nicht vor Privatsphäre oder persönlichen Grenzen. Doch dafür hat George blaue Augen. Faszinierend blaue Augen. Die für Ji-won zur Obsession werden. Und Dinge und Entwicklungen in Gang setzen, die durch Mark und Bein gehen.
Und hier beginnt der creepy Horror und Ji-wons Kampf um ihre Familie. Und gegen patriarchale Unterdrückung und für eine freies, selbstbestimmtes Leben. Ein Leben ohne Angst vor männlichen Übergriffen, Herabsetzung oder Sexualisierung. Und was dann folgt, ist nichts für schwache Mägen. Doch für Leser
innen mit Freude am Außergewöhnlichen, an bewussten Grenzüberschreitungen, schwarzem Humor und einer klaren Botschaft. Und für alle, die nicht 08/15 lesen wollen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein Sog, der Dich mitreißt

Wohin du auch gehst
0

Diese Geschichte verschlingt Dich mit Haut und Haaren. Sie fesselt Dich, nimmt Dich gefangen. Und nach unerwarteten Wendungen, überraschenden Enthüllungen und einem intensiven Leseerlebnis gibt sie Dich ...

Diese Geschichte verschlingt Dich mit Haut und Haaren. Sie fesselt Dich, nimmt Dich gefangen. Und nach unerwarteten Wendungen, überraschenden Enthüllungen und einem intensiven Leseerlebnis gibt sie Dich wieder frei. Atemlos, durchgerüttelt und sehr zufrieden.
Das vermögen die differenzierten und lebendigen Figuren, die von Kapitel zu Kapitel Entwicklung, Wachstum und Veränderung erleben. Das verdanken wir einem Schreibstil, der reich an Worten, detailreich im Erzählen und zugleich so fließend und wunderbar leicht zu lesen ist. Und es sind die Themen und Orte, die betrachtet und zusammengeführt werden. Afrika, Europa. Kinshasa, Brüssel, Paris und London. Tradition und Moderne. Religion, Sexualität und Selbstbestimmung.
Hört sich viel an? Christina Fonthes macht hieraus ein großes Ganzes. Figuren und Sujets werfen sich die Bälle nur so zu, steigern miteinander die Spannung, dramatischen Entwicklungen, lassen uns mitfiebern: mit Mira, die in einem jungen Musiker ihre große Liebe findet. Deren Leben wie in einem farbenreichen, glücklichen Traum verläuft. Bis dieser in Trümmern und Scherben liegt. Und uns wächst Bijoux ans Herz, die in jungen Jahren ihre Familie, ihre Heimat Kinshasa verlassen und von jetzt auf gleich bei ihrer Tante Mira in London leben muss. Und dort mit Verboten, Werten und Normen konfrontiert wird, die Freiheit, Glück und Liebe unmöglich erscheinen lassen.
Dieser Debütroman ist mit mir nach Irland gereist, und ich hätte mit keinen besseren Reisebegleiter vorstellen können. Von meinem Mann selbstverständlich abgesehen. Denn die Lektüre hat mich einfach glücklich gemacht. Und sie hat mich bereichert, mir neue Sichtweisen, Einsichten und Wissen ermöglicht. Und im schönen Nordwesten Europas, auf der grünen Insel, den Eurozentrismus in Frage gestellt. Und mir Lesestunden ermöglicht, welche die schönste Zeit des Jahres gleich noch viel schöner gemacht haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.07.2025

Eine Geschichte der Jugend – voll Poesie und tiefen Emotionen

Himmel ohne Ende
0

Eine Geschichte, die fasziniert und ans Herz geht. Gedanken, Gefühle und Zweifel, die in der Zeit zurücktragen. Und Worte voll Poesie – so schön und klug. Treffend und ausdrucksstark komponiert.
„Himmel ...

Eine Geschichte, die fasziniert und ans Herz geht. Gedanken, Gefühle und Zweifel, die in der Zeit zurücktragen. Und Worte voll Poesie – so schön und klug. Treffend und ausdrucksstark komponiert.
„Himmel ohne Ende“ ist so sehr Julia Engelmann. In jedem Bild. In jedem Dialog. Zeile für Zeile. Und zugleich ist es größer und ein Mehr als ihre bisherigen Texte, da zu einer komplexen Handlung geführt und mit Figuren, die nah an einem selbst sind. Und der eigenen Jugend. Und damit der Zeit, in der sich alles wandelt, in Frage steht und Antworten so weit entfernt sind. In der Zukunft liegen.
Endlich fünfzehn! Für Charlie ist dies kein Grund zur Freude. Denn die Welt ist kompliziert. Und ihre eigene klein. Einsam. Und traurig. Von ihrer besten Freundin verraten und im Stich gelassen, ist sie nun die Außenseiterin. In ihrer Klasse. Und ihrer Familie, scheint ihre Mutter nach Jahren der Trauer und des Alleinseins doch eine neue Liebe und Mittelpunkt gefunden zu haben.
Als Pommes in ihre Schule und damit in ihr Leben tritt, scheint sich alles zu ändern. Und die Welt wieder Farbe zu bekommen, zu leuchten und nah am eigenen Leben zu sein. Denn Pommes ist anders. Und bald Charlies bester Freund. Und ihr Eingangstor zu den Menschen, zu all der Freude und dem Glück, das bisher ihr verschlossen war. Und ihr den Weg aus der Einsamkeit zeigt.
Doch bei all dem Strahlen hat auch Pommes seine Geschichte, seine Trauer und sein Leid, seinen Rucksack zu tragen. Und seine Abgründe sind tief und einsam. Und es ist Charlie, die ihn aus diesen herauszieht. Und nun diejenige ist, die ebenfalls geben kann – Stärke, Halt und Verlässlichkeit.
Und so bringen sich zwei an das rettende Ufer, um dort Schritte gehen und neue Pfade erkunden zu können. In dieser emotionalen Tiefe und Authentizität sie zu begleiten, ist ein besondere Leistung dieses Romandebüts. Und so auch die Trauer und Wehmut, sie mit der letzten Zeile wieder verlassen zu müssen. Und doch werden Charlie und Pommes bleiben und einen festen Platz finden – tief in den Köpfen und Herzen ihrer Leser*innen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.06.2025

Ein Nebel, der alles verbrennt

Nebel und Feuer
0

Wenn alles ohne Licht und Ausweg scheint und die Verzweiflung Überhand nimmt. So geht es Johaenne nach einer langen, unglücklichen Partnerschaft – die sie schließlich auf den Fenstersims ihres Wohnzimmers ...

Wenn alles ohne Licht und Ausweg scheint und die Verzweiflung Überhand nimmt. So geht es Johaenne nach einer langen, unglücklichen Partnerschaft – die sie schließlich auf den Fenstersims ihres Wohnzimmers katapultiert. Von außen wohlgemerkt. Und die Tiefe verlockend erscheinen lässt, die Furcht vor dieser dann doch siegt. Und damit das Leben vor dem Tod.
Was dann folgt, ist zunächst ein zielloses Irren und Ringen um ein Über-Leben und Wiederfinden desselben. Und schließlich ein Kampf um eben dieses. Denn es geschieht etwas. Ein Naturereignis, so unerklärlich wie geheimnisvoll. So furchteinflößend wie faszinierend zugleich. Ein Nebel zieht auf. Legt sich über die Stadt, das Land, die Welt. Lässt Grenzen aufweichen, Regeln und Normen verblassen und Bekanntes aus den Fugen geraten. Und verschluckt. Und zwar Menschen, die in einem Moment noch bei uns sind. Und von denen im anderen jede Spur fehlt.
Doch vermag der Nebel noch mehr. Zumindest für Johaenne und ihre Freundinnen. Er bringt die vier Frauen vor den Toren Berlins zusammen. Und schafft eine Nähe und Vertrautheit, ein Offenbaren und Teilen von Gefühlen, Erlebnissen und Traumata, welche zu tiefer Zuneigung und Verbundenheit führen. Und die Restriktionen, Schmerz und Unterdrückung durch die patriarchalische Gesellschaft und den Mann als Partner, Vater und soziales Wesen zum Ausdruck bringen.
Der Prozess der Sichtbarmachung und Verarbeitung führt schließlich sowohl im Inneren als auch im Außen zu einem Wandel, Loslösung und letztlich Befreiung. Und für Riemann zu einem Roman, der durch seine Vielschichtigkeit der Erzähl- und Deutungsebenen beeindruckt. Und eine Dystopie vor dem Hintergrund der feministischen Denk- und Handlungstheorien entstehen lässt, die fesselt und zugleich nachdenklich macht. Und Bekanntes und Übertragenes in Frage stellt. Und lichterloh verbrennt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere