Profilbild von dielesejule

dielesejule

Lesejury Profi
offline

dielesejule ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dielesejule über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.04.2026

ADHS im Roman

Sie wollen uns erzählen
0

📖 Oz fällt einfach aus dem Raster – Schule, Alltag, Erwartungen, alles fühlt sich für ihn irgendwie nicht passend an. Ziemlich schnell bekommt er ein Label (ADHS, neurodivergent), und plötzlich drehen ...

📖 Oz fällt einfach aus dem Raster – Schule, Alltag, Erwartungen, alles fühlt sich für ihn irgendwie nicht passend an. Ziemlich schnell bekommt er ein Label (ADHS, neurodivergent), und plötzlich drehen sich alle nur noch darum, ihn zu analysieren, zu therapieren und irgendwie „anzupassen“.Aber seine Mutter Ann macht da nicht einfach mit. Sie spürt, dass diese Zuschreibungen ihm nicht gerecht werden – vielleicht sogar im Gegenteil. Und je mehr sie hinschaut, desto klarer wird: Das, was Oz „anders“ macht, kennt sie selbst nur zu gut.
Als dann noch die Großmutter verschwindet, müssen die beiden zurück in Anns Heimat – und plötzlich geht’s nicht mehr nur um Oz, sondern auch um Anns eigene Geschichte. Vieles, was früher „komisch“ oder „falsch“ wirkte, bekommt eine neue Bedeutung.
⭐ Am beeindruckendsten fand ich, wie intensiv die Gedankenwelt von Ann und Oz dargestellt wird. Diese Flut an Gedankenfetzen, das Abschweifen, die Verästelungen – man hat wirklich das Gefühl, direkt in ihren Köpfen zu sein. Dieses „Mitschreiben“ macht alles unglaublich nahbar und authentisch.
⭐ Es ist mein erstes Buch mit ADHS-Protagonist:innen gewesen, und ich habe nochmal ganz anders verstanden, wie herausfordernd Fokus sein kann. Gleichzeitig wird aber auch sichtbar, wie reflektiert Ann ist – sie hinterfragt sich selbst ständig und erkennt sehr klar, wo Spannungen entstehen.
⭐ Besonders berührt hat mich, dass das Anderssein hier nicht nur als Problem gezeigt wird, sondern auch als eigene Art, die Welt wahrzunehmen – sensibel, vielschichtig und irgendwie intensiver.
⭐ Wer entscheidet eigentlich, wie wir sein sollen? Das Buch nähert sich dieser Frage ganz ruhig und unaufgeregt – und genau das macht es so nachhallend.
💭 Greifst du bewusst zu Geschichten über das Anderssein – oder liest du solche Bücher eher zufällig/ gar nicht?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2026

Krasse Twists

Mein Mann
0

Was zur Hölle war DAS?! (Und ich meine es positiv) Danke an @hoffmannndcampe für das Rezensionsexemplar. Ich war den ganzen Sonntag Vormittag nicht ansprechbar.
📖 Die Ich-Erzählerin liebt ihren Mann. Sehr. ...

Was zur Hölle war DAS?! (Und ich meine es positiv) Danke an @hoffmannndcampe für das Rezensionsexemplar. Ich war den ganzen Sonntag Vormittag nicht ansprechbar.
📖 Die Ich-Erzählerin liebt ihren Mann. Sehr. Sie ist sich aber nicht sicher, ob er ihre Liebe in selbem Maße erwidert und findet viele kleine Anzeichen dafür, dass er ihre Ehe nicht gleichermaßen schätzt wie sie. Was dann passiert, kann ich beim besten Willen nicht verraten. Das Buch lebt davon, dass man es nach der Lektüre vollkommen überrumpelt aus der Hand legt und nicht glauben kann, dass man nicht nur einmal die Lage falsch eingeschätzt hat.
⭐@maudventura gelingt es grandios, die Ehefrau in immer wechselndem Licht darzustellen. Ich hab so ziemlich alles gefühlt: am Anfang Sympathie und Zustimmung, gemischt mit Mitgefühl für ihr fehlendes Selbstwertgefühl und Ärger über ihre lakonische Akzeptanz und Oberflächlichkeit. Gleichzeitig war ich aber auch genervt von ihrer ständigen Art, Dinge zu interpretieren und zu katastrophaleren.
Ab ca. Seite 50 dann Irritation, Unglaube, komplette Ablehnung und Antipathie, fast schon Verachtung für ihr Handeln. Und am Schluss: Ratlosigkeit.
Dazwischen immer wieder kurze Empathieblitze für den Ehemann oder immense Wut auf ihn. Und als dauerhafte Lesebegleitung die schwelende Frage, wohin das hier alles führen wird.
⭐ Die Autorin ist eine feine Beobachterin. Viele Gedanken, viele Ideen und Fragestellungen habe ich mir markiert und notiert. Zudem ist es großartig übersetzt. Danke dafür an die wunderbare Michaela Meßner!
⭐Die Idee, Personen in drei existentiellen(!) Wörtern zu beschreiben, finde ich eine echte Herausforderung, Das versuch ich auch gleich mal.
⭐ Ich weiss nicht, wann ein Buch mich das letzte Mal so kurz vor Ende nochmal aus der Bahn geworfen hat. Puh!

Für alle, die beim Lesen in ein Wechselbad der Gefühle eintauchen möchten – und bereit sind, sprachlos zurückzubleiben.
💬 „Freitag ist kein günstiger Tag für die Konzentration.“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.03.2026

ein Plädoyer für social skills

Einatmen. Ausatmen.
0

📖 Eine Karrierefrau (Marlene Buchholz) befindet sich auf dem besten Weg zur Pole Position im Unternehmen, für das sie alles gibt. Sie definiert sich über und durch ihren Job und ist umso verwunderter, ...

📖 Eine Karrierefrau (Marlene Buchholz) befindet sich auf dem besten Weg zur Pole Position im Unternehmen, für das sie alles gibt. Sie definiert sich über und durch ihren Job und ist umso verwunderter, fast schon empört, als ihr Chef ihre fehlenden Social Skills nicht einfach als gegeben hinnimmt, sondern sie zum Ausbau ihrer Empathiefähigkeit zu Alex Glow, dem Coach der Stunde, schickt.
Ob Marlene in den zwei Wochen geballter Achtsamkeit inmitten der Natur Brandenburgs einen Wandel vollzieht und mit welchen Themen der Messias der Coachingszene selbst zu kämpfen hat, will ich hier gar nicht verraten.
Lies es lieber selbst!

⭐Ein Buch, das erstmal leicht und flapsig daherkommt, temporeich und witzig im Stil dann aber doch ein wenig tiefer gräbt, ohne dabei den Leseschwerpunkt „Unterhaltung“ aus den Augen zu verlieren.
⭐Weltklasse Absatz: S. 38, in dem Marlene in einen Rant über das „exhibitionistische Herzeigen der Lebenswunden“ und die „permanente Selbstdiagnose“ verfällt. Obwohl sie mir erstmal nicht wirklich sympathisch war, liebe ich ihre Analyse.
⭐ Alex Glow (der in seiner Vita gravierende Ähnlichkeit zu Christian Bischoff aufweist) struggelt in seinem Leben nicht weniger als seine zahlende Kundschaft. Ich mochte, dass auch er hier realistisch und nahbar dargestellt wird.
⭐Ich hätte mir auch eine andere Auflösung vorstellen können, aber sie ist für mich recht nachvollziehbar und im unterhaltenden Sinne ein schönes Happy End.
Ein Buch über das, was im Leben zählt, über Veränderung, über Tiefen, die es sich zu überwinden lohnt und ein Plädoyer für Menschlichkeit und Miteinander, das in der jetzigen Zeit genau richtig kommt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.03.2026

Richtungsänderung!

Gelb, auch ein schöner Gedanke
0

📖 Mutter (Ruth) und Tochter (Lea) begleiten über eine lange Zeit den Ehemann/Vater (Georg) beim Sterben. Während Ruth ihren Mann nicht gehen lassen möchte und sich in seiner Pflege verausgabt, wünscht ...

📖 Mutter (Ruth) und Tochter (Lea) begleiten über eine lange Zeit den Ehemann/Vater (Georg) beim Sterben. Während Ruth ihren Mann nicht gehen lassen möchte und sich in seiner Pflege verausgabt, wünscht sich Lea ein ganz normales Teenagerleben- ohne einen todkranken, sterbenden Vater, sondern mit erster Liebe, Ausgehen, Feiern, Zeit mit Freunden. Sie entfremdet sich immer mehr von ihrem Vater, bis dann eine Tages etwas passiert, das ihr eine Annäherung wieder ermöglicht (-und ihrer Mutter erschwert).
⭐Der Titel ist sensationell. Chapeau! Neugieriger kann ein Buch fast nicht machen.
⭐Ich war begeistert vom ersten Teil, fand es unfassbar gut, wie die Autorin die Gefühle von Mutter und Tochter unverblümt in Worte fasst und in ihrer ganzen realistischen Härte festhält. Die Auseinandersetzung mit dem Sterben, der Umgang mit einem sterbenden Menschen, dem man nahesteht, ist ein Thema, das trotz der Schwere im ersten Teil unfassbar gut lesbar und sprachlich authentisch dargestellt wird.
⭐Ich bin ehrlich- der Twist in der Mitte kam absolut unerwartet und ich war null darauf vorbereitet. Tiere in Romanen gehören nicht zu meinen favourite characters, deshalb bin ich mit dem zweiten Teil nur schwer warm geworden. Ich glaube, meine Begeisterung für die realistische Darstellung im ersten Teil war einfach so groß, dass ich mich gefreut hätte, die Geschichte in diesem wunderbaren Stil zu Ende zu lesen.
⭐ Gleichzeitig verstehe ich- je länger ich darüber nachdenke- warum hier ein massiver Bruch stattfindet. Die Facetten der Trauer, des Abschiednehmens, des Umgangs mit dem Tod, finden hier einen anderen Ausdruck und werden auf eine bildhafte Ebene gehoben. Ich bin mir sicher, dass das funktionieren kann und viele Leser:innen erreicht.

Auf jeden Fall das Buch mit dem größten Überraschungsmoment seit langem und einem sehr starken Einstieg in das Thema Sterben und Sterbebegleitung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.03.2026

Tauben und Freiheit

Der letzte Sommer der Tauben
0

📖 Der 14-jährige Noah lebt für seine Tauben – sie sind sein Rückzugsort, seine Freiheit. Doch als ein radikales Regime die Kontrolle über seine Stadt übernimmt, kippt der Alltag: Verbote, Angst und Überwachung ...

📖 Der 14-jährige Noah lebt für seine Tauben – sie sind sein Rückzugsort, seine Freiheit. Doch als ein radikales Regime die Kontrolle über seine Stadt übernimmt, kippt der Alltag: Verbote, Angst und Überwachung dringen in jede Familie ein. Frauen verlieren ihre Rechte, Freunde verschwinden, und selbst Noahs Tauben geraten ins Visier der neuen Ordnung.
Während Noah versucht, an kleinen Momenten von Normalität festzuhalten, wird er viel zu schnell erwachsen. Die Tauben werden dabei zum Symbol für Freiheit – und für das, was verloren geht.

⭐Ich mochte den ruhigen, fast durchgehend emotional intensiven Erzählstil.
⭐ Besonders berührt hat mich, wie kindliche Perspektive und harte Realität aufeinandertreffen, wie die Einschränkungen das Leben immer mehr reduzieren und Verstöße hart sanktionieren.
⭐Die engen Familienbande, die hier beschrieben werden, ermöglichen ein intensives Eintauchen in eine gänzlich andere Kultur. Besonders spannend fand ich die Einblicke in eine mir eher fremde Alltagswelt, die so selbstverständlich und nah erzählt wird, dass ich schnell darin eintauchen konnte.
Ein leiser, poetischer Coming-of-Age-Roman über Freiheit, Verlust und Widerstand im Alltag eines totalitären Systems. Berührend, bedrückend – und trotzdem voller Hoffnung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere