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Veröffentlicht am 18.02.2026

Buch leider abgebrochen: Unzugänglich und verwirrend

Iris
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Inhaltlich hatte mich der Klappentext des Romans "Iris" von Laura Freudenthaler eigentlich direkt angesprochen. Im Nachhinein wäre es jedoch hilfreicher gewesen, ich hätte vorher eine Leseprobe dazu anschauen ...

Inhaltlich hatte mich der Klappentext des Romans "Iris" von Laura Freudenthaler eigentlich direkt angesprochen. Im Nachhinein wäre es jedoch hilfreicher gewesen, ich hätte vorher eine Leseprobe dazu anschauen können – denn unerwartet ist dies eines der wenigen Bücher, die ich leider abbrechen musste.

Nach etwa einem Drittel des Buches hatte ich immer noch keine Ahnung, was die Autorin mir damit sagen möchte.

Der Schreibstil ist für mich leider absolut unzugänglich, verwirrende und endlos lange Sätze.
Ich konnte inhaltlich überhaupt nichts damit anfangen. Das passiert selten, bei diesem Buch ist es leider der Fall.

Dennoch vielen Dank an den Jung und Jung Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Eine schmerzhafte Kindheit in Marokko

Die Bastion der Tränen
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"Die Bastion der Tränen" von Abdellah Taïa erzählt von einem Leben, das von Schmerz geprägt ist.
Youssef, ein schwuler Lehrer, der seit Jahren in Frankreich lebt, kehrt nach dem Tod seiner Mutter auf Wunsch ...

"Die Bastion der Tränen" von Abdellah Taïa erzählt von einem Leben, das von Schmerz geprägt ist.
Youssef, ein schwuler Lehrer, der seit Jahren in Frankreich lebt, kehrt nach dem Tod seiner Mutter auf Wunsch seiner sechs Schwestern nach Marokko zurück, um das Erbe zu regeln. Zurück im Land seiner Kindheit wird Youssef mit schmerzhaften Erinnerungen konfrontiert; zum einen an das Leben mit seiner Familie und seinen sechs Schwestern, vor allem aber an seinen Jugendfreund und Liebhaber Najib, dessen Leben tragisch endete. Unterwegs auf den Straßen seiner Heimat blitzen alte Bilder von Schmerz, Leid, Armut und Gewalt auf.

„Meine Schwestern wussten über mich Bescheid. Sie wussten von den schrecklichen Dingen und den Vergewaltigungen, die ich erleiden musste, sobald ich einen Fuß aus dem Haus setzte. Sie taten nichts, um mich zu beschützen, nein, gar nichts. Aber zumindest urteilten sie nicht über mich. Sie waren bei mir in dieser Sache: der Homosexualität. Ich war ihr Homosexueller, der meiner Schwestern. Fremd. Seltsam. Komisch. Feminin. Nicht wie die anderen. Es war manchmal beglückend, nur für meine Schwestern diese Sache zu sein. Wir waren alle in der Homosexualität. Wir lachten. Wir tanzten. Ganz aufgeregt warteten wir gemeinsam auf die ägyptischen Filme im Fernsehen. Und danach ahmten wir die ägyptischen Schauspielerinnen und Schauspieler nach. Wir sprachen ihre Sprache. Die harte, höllische Welt da draußen machte uns keine Angst. Inzwischen weiß ich, dass auch meine Schwestern über mich urteilen. Mich verurteilen. Mich ablehnen. Was wir zusammen erlebt haben, war anscheinend nur eine Illusion. Sie tun, als würden sie sich für mich und für mein Leben interessieren. Ich glaube ihnen nicht mehr. Sie sagen leere Worte: Weißt du, Youssef, wir haben Angst um dich. Du bist ein Mann. Ein Erwachsener. Wir müssen eine Lösung für dich finden … Wenn wir Mädchen unter uns zusammenkommen, sprechen wir über dich und weinen.
Die Vorstellung, dass meine Schwestern meinetwegen weinen, alle gleichzeitig meinetwegen Tränen vergießen, erschüttert mich.“

Am Ende muss Youssef für sich selbst entscheiden, ob er die schmerzhafte Vergangenheit hinter sich lassen kann oder daran zugrunde geht wie Najib.

Obwohl mich das Schicksal von Youssef und auch von Najib sehr berührt hat; die unfassbare Gewalt, die sie in jungen Jahren in Marokko erleiden mussten, konnte mich das Buch nicht ganz begeistern. Etwa ab der Mitte empfand ich den Schreibstil sehr anstrengend, wie ein endloser Monolog. Trotz des emotionalen Themas hat mich das Buch leider nur bedingt abgeholt.

Vielen Dank an den Orlanda Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Rassistisch geprägte Kindheit im Nachkriegsdeutschland

Weltenwechsel
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„Weltenwechsel“ von Marion Kraft erzählt die Geschichte von Julia, die im Nachkriegsdeutschland als Tochter der Deutschen Margarete und eines amerikanischen Soldaten aufwächst. Die meiste Zeit verbringt ...

„Weltenwechsel“ von Marion Kraft erzählt die Geschichte von Julia, die im Nachkriegsdeutschland als Tochter der Deutschen Margarete und eines amerikanischen Soldaten aufwächst. Die meiste Zeit verbringt sie mit ihrer Oma Berta, während die Mutter arbeitet. Ihre Kindheit ist geprägt von Einsamkeit, Ausgrenzung und Rassismus. Dennoch wächst Julia zu einer starken, selbstbewussten jungen Frau heran, die von einigen Schicksalsschlägen getroffen wird. Doch Julia möchte ihren eigenen Weg gehen …

„Julia schob ihre Gedanken zur Seite, wie ein Kind ein Bilderbuch wegschiebt, an dem es sich sattgesehen hat und das ihm nicht mehr gefällt. Sie war jetzt fast vierundzwanzig und hatte noch nichts von der Welt gesehen.
Aber sie hatte schon viel erlebt. Zu viel. Zu viele Zurückweisungen, zu viele Verluste, zu viele Abschiede und zu viele Tode. Es war an der Zeit für das Leben.“

Die Handlung des Romans weist einige offensichtliche Parallelen zum Leben der Autorin auf.
Obwohl mich dieses Leben, das geprägt war von Ausgrenzung und Rassismus, sehr berührt hat, konnte mich die Geschichte als Roman nur bedingt überzeugen. Der berichtsartige Schreibstil war mir etwas zu nüchtern und emotionslos. Schicksalsschläge wie der Tod der Mutter und Oma werden recht abrupt abgehakt, so kam es mir vor.

Nur selten einmal konnte ich wirklich tief nachspüren, was in Julias Innerem vorging und mich in sie hineinversetzen.

„Jetzt las sie zum wiederholten Mal den letzten Satz in diesem Buch: ‚Diese Welt ist nicht mehr weiß und wird nie wieder weiß sein‘ Doch sie lebte in einer weißen Welt. Und sie las von Menschen in Amerika, die sich wehrten, wehren konnten, weil sie eine gemeinsame Geschichte und Kultur, eine Gemeinschaft hatten. Sie sehnte sich nach einer solchen Gemeinschaft, die sie nur in Büchern finden konnte, in Büchern, die es hier kaum gab.“

„Immer öfter war sie am liebsten allein. Sie las wieder viel. Irgend-wo war sie auf den Satz gestoßen: Das Leben ist ein Fluss.
Nein, hatte sie gedacht. Das Leben ist ein schmutziger, reißender Strom, dessen Strudel dich vom Ufer wegziehen, wenn du nicht aufpasst. Wenn du überleben willst, musst du lernen, gegen den Strom zu schwimmen.“

Ganz besonders die Situation bei der Flughafenkontrolle, bei der Julia so unmenschlich behandelt wurde, hat mich sehr mitgenommen:
„Das Erlebnis am Flughafen verfolgte sie noch eine Weile − auch am Tag. Erst als Ralf ihr riet, einen Bericht da rüber zu schreiben, gelang es ihr, ihr Leben davon nicht mehr bestimmen zu lassen. Es wurde ein Artikel über Zugehörigkeit und Diskriminierung, über alten und neuen Rassismus, ein wütender und dennoch sachlicher Text, den eine überregionale Zeitung zu Julias Überraschung sogar druckte. Von da an wusste sie, dass Schweigen alles nur noch schlimmer machte und das Schreiben eine Möglichkeit sein konnte, sich zu wehren.“

Trotz einiger starker Momente wurden meine Erwartungen an das Buch nur bedingt erfüllt.
Ansonsten ist „Weltenwechsel“ ein interessanter Roman über ein bewegtes Mädchen-/Frauenleben im Nachkriegsdeutschland sowie über Ausgrenzung und Rassismus.

Vielen Dank an den Orlanda Verlag und an Netgalley für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Hoffnung im Gepäck: Starker Debütroman über Herkunft, Schönheit und Mutterschaft

Das schönste aller Leben
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„Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ist ein wirklich starker Debütroman!

In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.

Vio flieht ...

„Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ist ein wirklich starker Debütroman!

In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.

Vio flieht mit ihren Eltern aus dem aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Fleißig sein, sich anpassen, nur nicht auffallen, das ist das Wichtigste. Und Schönheit.

„Vio spürte den drängenden Wunsch dazuzugehören. Bei ihren Eltern und bei sich selbst. Immer deutlicher verstand sie, warum sie nach Deutschland ausgewandert waren: damit sie eine Zukunft hatten, eine Zukunft als Deutsche. Die Verantwortung für diesen Traum lag in Vios Händen. Es war kein hochtrabender Traum, der auf Wolken schwebte. Es war vielmehr ein Traum, der von dort herabgefallen war auf die Erde, bodenständig und geradlinig. Er war so lange beständig, bis sich das Krumme in ihn einschlich, das Hässliche, das keiner haben wollte, das nicht sein durfte. Es saß in Vios Wirbelsäule.“

Allen Widrigkeiten zum Trotz finde Vio ihren Platz im Leben und in Deutschland. Als sich ihre kleine Tochter durch einen Unfall schwere Narben zuzieht, droht Vio an den Selbstvorwürfen zu zerbrechen.

„... aber ich kann nicht aufhören zu sprechen, zu sehr lechze ich nach Absolution, einem ‘Es ist nicht deine Schuld’, auch wenn ich es nicht annehmen könnte. Denn ich war dafür zuständig, mein Kind zu schützen. Ich war die Mutter. Es ist meine Schuld.
‘Ich verstehe das nicht, ihr wisst doch sonst alles’, sagt meine Mutter. ‘Du weißt doch, wie gefährlich heißes Wasser in der Nähe von Kindern ist.’ Sie sagt es fassungslos und wie ein gebrochener Mensch, dem dieser Satz noch mehr von seiner Substanz nimmt.
Ihre Worte brennen sich in mein Herz, und ich weiß, dass dieser Vergleich meine Tochter verhöhnt. Denn meine Narben bleiben unsichtbar.“

Als die Lage sich zuspitzt, stimmt sie zu, doch eine Therapie zu beginnen.

„Ich kann den Blick von Frau Fischer nicht richtig deuten. Vielleicht ist es Enttäuschung, weil sie mich für klüger, emanzipierter, fortschrittlicher gehalten hat.
Aber jetzt bin ich nicht zu stoppen. ‘Wenn ein Kind übergewichtig ist, gibt man meistens den Eltern die Schuld. In Wahrheit aber der Mutter. Warum kocht sie nicht gesünder, beschäftigt sich nicht mehr mit dem Kind, warum meldet sie es nicht im Sportverein an? Natürlich ändert sich da etwas, natürlich werden Väter heute mehr in die Verantwortung genommen. Aber werden sie das wirklich? Wie viel Schuld trifft sie und wie viel die Mutter, wenn auf das Kind nicht gut genug aufgepasst wurde. Wo war die Mutter?, heißt es da. Oder: Ein Kind braucht seine Mutter. Viele tun so feministisch, Frauen sollen gleichberechtigt sein, klar, aber wenn es hart auf hart kommt, fallen wir doch alle in unser Schubladendenken zurück, weil wir so sozialisiert sind und es uns Sicherheit gibt. Es ist so tief in uns eingeschrieben. Eine Mutter, die nicht alles tut, um ihr Kind zu schützen, ist unvorstellbar. Eine Mutter, die es nicht geschafft hat, hat versagt.’
Ich merke, wie ich mich in Rage geredet habe, dass ich zum ersten Mal seit Langem laut geworden bin. Ich weiß nicht mehr, wie ich zu diesem Punkt gekommen bin, ob er überhaupt noch zum Thema passt. Die Worte haben sich wie von selbst eins nach dem anderen ergeben.
‘Ich weiß, dass das alles oberflächlich klingt, dass es anderen viel schlechter geht, dass Aussehen nicht alles ist, aber ich will für mein Kind das schönste aller Leben. Ich will nicht schon etwas kaputtgemacht haben, bevor es richtig losgeht.’
Dr. Fischer sagt nichts. Ich kann die Stille nicht gut aushalten, habe das Gefühl, dass ich mich weiter rechtfertigen muss für das, was ich denke.
Nach einer langen Pause fragt sie schließlich: ‘Wie wichtig war es in Ihrer Familie, was andere von Ihnen dachten?’
Darüber muss ich nicht lange nachdenken. ‘Es war das Allerwichtigste.’“

Als zweite Protagonistin lernen wir Theresia kennen. Im 18. Jahrhundert wurde sie für ihre Schönheit und ihr Verlangen bestraft. Die Wiener Keuschheitskommission (eine Art Sittenpolizei) verschleppt sie in den Banat, wo sie unter menschenundwürdigen Bedingungen harte Arbeit leisten muss. Und sie ist schwanger, was sie in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte ...

Sehr bewegend fand ich auch die Kapitel aus der Perspektiver der Banater Erde:

„Die Letzten von euch sind 1990 gegangen, nur ein spärlicher Rest ist übrig geblieben. Wie Ratten habt ihr das sinkende Schiff verlassen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Der Diktator war tot, und ihr wähntet eure Zeit gekommen. Wie sehr ihr euch getäuscht habt! Ja, das Leben in der Diktatur war kein Zuckerschlecken, aber ist die Regierung eines Landes das Einzige, was zählt? Sind es nicht auch seine Menschen, seine Traditionen, die Erde, aus der man gewachsen ist? Hier wart ihr jemand, ihr wart Deutsche. Man hat zu euch aufgeschaut, ihr galtet als zuverlässig, fleißig, ihr wart wer. Wofür habt ihr das aufgegeben? Ihr sagt ‘für die Freiheit’. Dass ich nicht lache. Ihr wart nie unfreier, nie weniger wert, nie missachteter als in eurer neuen Welt. Für mich wart ihr das Zentrum, dort steht ihr am Rand. Ihr seid Putzfrauen, Hausmeister, Bandarbeiter. Ihr gebt euer Bestes, aber nie ist es genug. Nicht für euch und nicht für eure Kinder. Merkt ihr denn nicht, dass sie sich für euch schämen, sich euch entfremden? Denn eins habt ihr nicht bedacht, egal, wo ihr hingeht: Ihr könnt mich nie ganz zurücklassen. Zu viele Jahre habe ich mich in euch eingeschrieben. In eure Gesichter, euren Gang, eure Aussprache. Ihr lacht zu wenig, wisst zu wenig, seid zu wenig. Hier wart ihr die Deutschen, dort seid ihr nicht deutsch genug. Ihr Lachen zeigt schönere Zähne, ihre Bewegungen sind geschmeidiger, die Wörter vertrauter. Ihr versucht euch anzupassen, aber ihr erkennt euch immer noch. Im Supermarkt, in den Arztpraxen, auf den Straßen. Es sind die beladenen Fahrräder, die ihr schiebt, der Blick auf den Boden, die aus der Zeit gefallene Sprache, Kleidung, Mimik. Ihr schart euch umeinander, gebt euch Sicherheit, Vertrautheit, Heimat. Wem nützt das Gegangensein? Euch sicher nicht. Ihr pflanzt alle Hoffnung in die, die nach euch kommen. Nicht alle werden stark genug sein, diese Bürde zu tragen.“

Insgesamt ein sehr intensiver und vielschichtiger Roman, der eine ganz klare Leseempfehlung von mir bekommt!

Vielen Dank an den hanserblau / Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Wozu Nichtgesehenwerden führen kann: Starker Debütroman über Gewalt und Klasse 4,5 ⭐️

Kleine Schwächen
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„Kleine Schwächen“ von Megan Nolan spielt Anfang der 90er Jahre. Die 10jährige Lucy lebt mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und Großvater in einer Sozialsiedlung in Südlondon, seit die Familie aus Irland ...

„Kleine Schwächen“ von Megan Nolan spielt Anfang der 90er Jahre. Die 10jährige Lucy lebt mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und Großvater in einer Sozialsiedlung in Südlondon, seit die Familie aus Irland hierhergezogen war. Als in der Nachbarschaft ein 3jähriges Mädchen tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht schnell auf Lucy, die schon früher durch ihr Verhalten auffiel. Und auch die schöne, aber unnahbare Carmel hat den Stempel als Rabenmutter weg – wohl nicht ganz grundlos, immerhin kümmerte sich hauptsächlich ihre Mutter Rose um die Enkelin. Seit Roses Tod ging es mit der Familie weiter bergab.
Nach dem Tod der kleinen Mia bahnt sich eine mediale Hetzjagd an. Der Journalist Tom wittert seine Chance auf eine große Story.

„Er ging zu Edward ins Büro und schilderte ihm die Situation. Erstens: Was als brauchbares, aber letztlich unbedeutendes Rührstück begonnen hatte – niedliches Kind vermisst –, schien sich gerade zu einer Mordsache zu entwickeln. Zweitens bestand offenbar begründeter Verdacht gegen ein anderes Kind – ein Mädchen auch noch! Drittens stammte dieses Mädchen anscheinend aus einer skrupellosen Sippe irischer Sozialschmarotzer, die der großen britischen Nation auf der Tasche lagen und sich mit abscheulichen Verbrechen revanchierten.“

Tom versucht, das Vertrauen von Carmel und ihrer Familie zu gewinnen. Währenddessen muss Carmel sich ungewollt mit ihren Gefühlen für Lucy auseinandersetzen; der Tochter, die sie gar nicht wollte.

„Carmel witterte unter den Beamten einen aggressiven Eifer, sie schienen sich ihrer Sache allzu sicher, hungrig nach einer schnellen Auflösung. Oder sie waren nicht so überzeugt, aber standen unter Druck, möglichst rasch Anklage zu erheben. Ihre Gedanken zersplitterten. Einerseits wollte sie dringend zurück ins Hotel, um zu verhindern, dass ihr Bruder oder Vater eine Dummheit begingen, andererseits musste sie ihre Tochter sehen. Wieder einmal flößte diese Aussicht ihr Angst ein. Die Angst hatte wenig mit der Polizei oder der Situation zu tun. Nicht einmal mit der Sorge, Lucy könnte wirklich getan haben, was man ihr vorwarf, denn noch glaubte sie nicht daran.
In Wahrheit war es die gleiche Angst, die sie schon immer hatte, die sie seit Lucys Geburt verspürte, wann immer sie sich ihrer Tochter mit voller Aufmerksamkeit widmen sollte: Lucy als Person, als echter Mensch, anstatt als logistisches Problem oder abstraktes Konzept.“

„Der Anblick von Lucy auf der Polizeiwache, gelassen und eigenständig und im Zentrum des Interesses so vieler Fremder, hatte etwas in ihr freigesetzt. Was man Lucy vorwarf, war grausam und ungeheuer. Wenn es stimmte, hatte Lucy vielen Menschen Leid zugefügt. Carmel war längst nicht überzeugt, dass es stimmte – doch schon der Verdacht, schon die entfernte Möglichkeit, hatte ihr zwangsweise vor Augen geführt, dass Lucy eine reale, eigene, von ihr abgekoppelte Person war.
Sie selbst hatte immer fest an diese Abkoppelung geglaubt, hatte darauf gesetzt, dass dieser Fremdling kein Teil von ihr, sie nicht an ihn gebunden war, aber das ging nur so lange gut, wie sie Lucy nicht als real existierende Person betrachtete. In ihrem Kopf war Lucy immer noch wie schon als Fötus eine organisch lebendige, aber sinnleere Präsenz gewesen. Und sie ahnte, wenn auch verschwommen, dass Lucys Unwirklichkeit vielleicht nur die Spitze des Eisbergs war, dass darunter ein ganzes Universum an Menschen und Dingen lauerte, die sie verleugnet, als unwirklich abgetan hatte, und denen sie sich früher oder später würde stellen müssen. Dieser Gedanke war so unerträglich, dass sie sich erlaubte, ihn zu verdrängen, um sich ganz der aktuellen Katastrophe zu widmen.“

Mir hat der Schreibstil der Autorin sehr gut gefallen; atmosphärisch dicht und packend geschrieben.
Die Charaktere sind allesamt authentisch dargestellt.
Interessant fand ich auch, dass der Roman den Fokus nicht auf das Opfer und dessen Familie sondern auf die Täterin und deren Familie richtet. Wobei diese junge Täterin selbst auch in gewisse Weise ein Opfer ist: Ein Opfer fehlender Liebe, fehlender Beachtung. Das Buch zeigt auf sehr eindrückliche Weise, wie sich Nichtgesehenwerden auf ein Kind auswirken kann.

Insgesamt ein psychologisch interessanter Debütroman über Herkunft und Klasse, Gewalt und Trauma. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung mit 4,5⭐️ und die Hoffnung, von Megan Nolan bald noch mehr lesen zu können.

Vielen Dank an den Kjona Verlag und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar!

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