Im Leben ist alles möglich, in den Geschichten nicht
Die SchuldlosenEna Katharina Haler erzählt in ihrem Roman „Die Schuldlosen“ vom Aufwachsen im kroatisch-bosnischen Grenzgebiet nach den Balkan-Kriegen, Ende der 1990er Jahre. Sie begleitet die Geschwister Iris und Relja, ...
Ena Katharina Haler erzählt in ihrem Roman „Die Schuldlosen“ vom Aufwachsen im kroatisch-bosnischen Grenzgebiet nach den Balkan-Kriegen, Ende der 1990er Jahre. Sie begleitet die Geschwister Iris und Relja, die zusammen mit ihrer Mutter in ihr zerstörtes Haus in einem Geisterdorf zurückkehren. Zusammen mit dem Nachbarsjungen Nino erkunden die Geschwister die Gegend und ihre Körper. Als Nino und Relja weggehen, bricht die Dreierbeziehung auseinander, Iris bleibt zurück. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend sucht sie einen Weg in ein selbstbestimmtes Leben.
Der Prolog zu Beginn war vielversprechend:
„… mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien, das ich noch nicht lesen konnte und für das ich ohnehin zu klein war, aber ich betrachtete die Bilder, und dafür kann man nicht zu klein sein, und dann rief ich überzeugt und ohne zu zögern, so laut, dass man es in der ganzen Wohnung hörte, dass im Leben alles möglich sei, aber in den Geschichten nicht.
Und meine Mutter stand in der Tür und korrigierte mich, fürsorglich, wie sie war. […] … sie kam zu mir, und ich musste ihr nachsprechen, dass es umgekehrt sei, in den Geschichten sei alles möglich, aber in der Wirklichkeit nicht.
Es war ein bläuliches Dämmern und der traurigste Moment meiner Kindheit.
Ich habe es ihr nie verziehen.
Lange starrte ich auf das Buch vor mir und auf dieses eine Bild. Damals wusste ich noch nichts von den Geschichten, die mit Gewalt versuchen, die Wirklichkeit nachzuahmen, und in denen gerade deshalb der Bereich des Möglichen viel kleiner ist als in der Wirklichkeit selbst. Meine Mutter wusste das vermutlich, aber in diesem Moment hatte sie es mit Sicherheit vergessen, und das passiert, das passiert allen, und so auch ihr.“
So interessant ich den Plot fand, so schwer tat ich mir mit dem Buch selbst.
Es gibt viele Personen, junge und alte, auch ein Vater von Iris und Relja taucht mal auf und verschwindet wieder. Die Handlung ist für meinen Geschmack zu überladen, neben traumatischen Kriegserfahrungen geht es um queere Liebe und Begehren. Es ist kein einfach zu lesender Coming-of-age-Roman. Mir war das Buch insgesamt leider zu verworren, sehr schwer greifbar. Auch der Schreibstil ist sehr sperrig und schwer zugänglich. Das Buch hatte ein paar gute Momente, konnte mich aber leider nicht ganz überzeugen.
Vielen Dank an den Folio Verlag & an NetGalley.de für das Rezensionsexemplar!