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Veröffentlicht am 28.04.2026

Im Leben ist alles möglich, in den Geschichten nicht

Die Schuldlosen
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Ena Katharina Haler erzählt in ihrem Roman „Die Schuldlosen“ vom Aufwachsen im kroatisch-bosnischen Grenzgebiet nach den Balkan-Kriegen, Ende der 1990er Jahre. Sie begleitet die Geschwister Iris und Relja, ...

Ena Katharina Haler erzählt in ihrem Roman „Die Schuldlosen“ vom Aufwachsen im kroatisch-bosnischen Grenzgebiet nach den Balkan-Kriegen, Ende der 1990er Jahre. Sie begleitet die Geschwister Iris und Relja, die zusammen mit ihrer Mutter in ihr zerstörtes Haus in einem Geisterdorf zurückkehren. Zusammen mit dem Nachbarsjungen Nino erkunden die Geschwister die Gegend und ihre Körper. Als Nino und Relja weggehen, bricht die Dreierbeziehung auseinander, Iris bleibt zurück. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend sucht sie einen Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Der Prolog zu Beginn war vielversprechend:
„… mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien, das ich noch nicht lesen konnte und für das ich ohnehin zu klein war, aber ich betrachtete die Bilder, und dafür kann man nicht zu klein sein, und dann rief ich überzeugt und ohne zu zögern, so laut, dass man es in der ganzen Wohnung hörte, dass im Leben alles möglich sei, aber in den Geschichten nicht.
Und meine Mutter stand in der Tür und korrigierte mich, fürsorglich, wie sie war. […] … sie kam zu mir, und ich musste ihr nachsprechen, dass es umgekehrt sei, in den Geschichten sei alles möglich, aber in der Wirklichkeit nicht.
Es war ein bläuliches Dämmern und der traurigste Moment meiner Kindheit.
Ich habe es ihr nie verziehen.
Lange starrte ich auf das Buch vor mir und auf dieses eine Bild. Damals wusste ich noch nichts von den Geschichten, die mit Gewalt versuchen, die Wirklichkeit nachzuahmen, und in denen gerade deshalb der Bereich des Möglichen viel kleiner ist als in der Wirklichkeit selbst. Meine Mutter wusste das vermutlich, aber in diesem Moment hatte sie es mit Sicherheit vergessen, und das passiert, das passiert allen, und so auch ihr.“

So interessant ich den Plot fand, so schwer tat ich mir mit dem Buch selbst.
Es gibt viele Personen, junge und alte, auch ein Vater von Iris und Relja taucht mal auf und verschwindet wieder. Die Handlung ist für meinen Geschmack zu überladen, neben traumatischen Kriegserfahrungen geht es um queere Liebe und Begehren. Es ist kein einfach zu lesender Coming-of-age-Roman. Mir war das Buch insgesamt leider zu verworren, sehr schwer greifbar. Auch der Schreibstil ist sehr sperrig und schwer zugänglich. Das Buch hatte ein paar gute Momente, konnte mich aber leider nicht ganz überzeugen.

Vielen Dank an den Folio Verlag & an NetGalley.de für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Alles wird gut. Vielleicht. Aber anders: Die Wechseljahre

Ausflippen.
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In ihrem ersten Buch „Ausflippen. Anleitung für einen Ausnahmezustand“ schreibt die Journalistin Nina Grygoriew über die Wecheljahre und das „Chaos in der Lebensmitte“.
Ich mochte den Schreibstil der Autorin ...

In ihrem ersten Buch „Ausflippen. Anleitung für einen Ausnahmezustand“ schreibt die Journalistin Nina Grygoriew über die Wecheljahre und das „Chaos in der Lebensmitte“.
Ich mochte den Schreibstil der Autorin von Anfang an sehr; dank persönlicher Erfahrungen und Praxisbeispielen ist das Buch sehr lebending und zugänglich.

Neben einer ehrlichen Bestandsaufnahme und einem Überblick über die körperlichen und seelischen Veränderungen während der Wechseljahre gibt es viele hilfreiche Tipps und Übungen. Es geht um Selbstwirksamkeit und Verantwortung. Und darum, dass es „perfekt“ nicht gibt. Die Autorin plädiert dafür, Kontrollverluste auszuhalten, anstatt krampfhaft einen "perfekten Neustart" zu erzwingen.

„Alles wird gut. Vielleicht. Aber anders.“

Ich habe mich von dem Buch sehr gut abgeholt gefühlt und fand mich in vielem wieder.
Vorab wusste ich nicht genau, was ich von diesem Buch erwarte, war damit aber auch sehr offen. Ich konnte dann auch sehr viel von dem Buch mitnehmen und hoffe, ich bin nun gut gewappnet für alles, was da noch auf mich zukommt. 😉
Besonders hilfreich fand ich die Tabelle mit der „Soforthilfe bei Mental Overload“ und die verschiedenen Tests, um vieles für sich selbst besser einordnen zu können.
Auch Hacks wie die „Mikropausen“ und „Der andere Blick“ finde ich super!

Die letzten Kapitel „Lösungsorientierung“ und „Zukunftsorientierung“ bieten nochmal viele wertvolle Aspekte, mit denen ich sicher noch arbeiten werde.

Insgesamt ist „Ausflippen“ ein ehrliches, wertvolles, hilfreiches Sachbuch, das Mut und Hoffnung macht. Ich kann das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen!

Vielen Dank an den Kneipp Verlag in Verlagsgruppe Styria & an Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Mara lernt das Alleinsein

Homesick
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Die 25jährige Bibliothekarin Mara bekommt aus dem Erbe ihres Vaters überraschend so viel Geld, dass sie sich eine Wohnung in London kaufen kann. Damit hat sie nicht gerechnet, doch eigentlich wäre es schön, ...

Die 25jährige Bibliothekarin Mara bekommt aus dem Erbe ihres Vaters überraschend so viel Geld, dass sie sich eine Wohnung in London kaufen kann. Damit hat sie nicht gerechnet, doch eigentlich wäre es schön, dort mit ihrem Freund Tom einzuziehen. Dass der stattdessen zurück zu seiner Familie nach Birmingham geht, hat sie nicht erwartet. Obwohl ihre Beziehung nicht mehr gut lief und Tom mit Depressionen zu kämpfen hat, hält Mara an ihrer großen Liebe fest. Aber sie respektiert seinen wunsch nach Abstand. Sie selbst möchte in London bleiben, also versuchen sie es mit einer Fernbeziehung.
So beginnt Maras neuer Lebensabschnitt, doch so erwachsen sich das alles anfühlt, ist es in der Realität doch schwer. Da sind die neuen Nachbarn, die Tücken des Alleinlebens und auf der Arbeit nervt ihr grenzüberschreitender Chef Derek ... Wie kann das alles funktionieren?

Der Schreibstil von Silvia Saunders hat mir sehr gut gefallen. Die eher ruhige Geschichte liest sich flüssig und angehem, trotz des ernsten Hintergrundes rund um das Thema Depressionen und mentale Gesundheit.
Mara hat mir als Charakter sehr gut gefallen, sie ist sehr sympathisch und nahbar. Vor allem ihre Entwicklung, ihr Weg zu sich selbst, ist wirklich gelungen.

„Noch so eine von unseren Feiertagstraditionen ist es, den Neujahrsvorsatz auszutauschen. Wir schreiben den Vorsatz fürs kommende Jahr auf eine Karte, stecken ihn in einen Umschlag, den wir zukleben, und übergeben ihn der jeweils anderen, damit sie ihn aufbewahrt. Wir haben damit angefangen, als ich noch ein Teenager war und Silvester meist mit anderen verbracht habe.
[...]
Sie greift nach ihrer Handtasche unter dem Couchtisch und zieht aus einer Innentasche ein kleines blaues Kuvert hervor. Der geheime Vorsatz vom letzten Jahr. ‘Bereit?’, fragt sie und reicht ihn mir.
‘Warum macht mich das nervös?’, frage ich und nehme ihn ihr ab.
Meine Mum zuckt mit den Schultern. ‘Das brauchst du nicht zu sein. Es ist was Schönes.’
Ich öffne den Umschlag, hole die Karte heraus und halte dabei die Luft an.
Zwei hingekritzelte Worte in meiner Handschrift: Alleinsein lernen.“

Auch Maras Mutter fand ich klasse dargestellt, eine starke Frau, die klare und kluge Worte findet:
"‘Und bei dir, Mara?’
Mein Herz sinkt im Sturzflug.
‘Du bist bestimmt auch bald dran.’
‘Noch nicht.’ Ich schwenke meine ringlose Linke durch die Luft.
‘Dauert bestimmt nicht mehr lange.’ Sie zwinkert mir wieder zu.
‘Es ist nicht das Einzige, was im Leben zählt, oder?’, sagt meine Mum [...].
‘Nein, du meine Güte, aber es hilft doch, zu wissen, dass sie ein geregeltes Leben führen.’
‘Sie können auch alleine ein geregeltes Leben führen.’‘

Die Männer in Maras Umfeld (ihr ehemaliger Mitbewohner Lewis, ihr Chef Derek, Nachbar Jerry) kommen bei mir nicht so gut weg - sie ist quasi umgeben von sexistischen, eogoistischen Typen!

Einen Kritikpunkt habe ich allerdings: Der Roman reiht sich leider in eine Reihe aktueller Bücher ein, die einen problematisch hohen Alkoholkonsum der Figuren als 'normal' darstellen. Entspannung scheint offenbar nur noch durch Rauschmittel möglich zu sein - eine sehr bedenkliche Entwicklung, die ich stark kritisiere!

Ansonsten ist „Homesick“ mal wieder eine sehr interessante Neuveröffentlichung vom großartigen pola-Verlag.

Vielen Dank an den pola Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 25.04.2026

Wenn alles anders kommt als gedacht ...

Einatmen und ausrasten
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Ich bin ehrlich: Mich hatte vor allem das Cover zu „Einatmen und ausrasten“ von Tina Wolf spontan angesprochen. Doch auch der Klappentext klang unterhaltsam:

Damit hatte die Protagnonistin Maxi nicht ...

Ich bin ehrlich: Mich hatte vor allem das Cover zu „Einatmen und ausrasten“ von Tina Wolf spontan angesprochen. Doch auch der Klappentext klang unterhaltsam:

Damit hatte die Protagnonistin Maxi nicht gerechnet: Ihr Freund Jan verlässt sie, um sich nur eine Wohnung weiter mit der jüngeren Nachbarin zu vergnügen. Sie hatte damals auf ihre Karriere verzichtet, um sich um die gemeinsame Tochter Smilla zu kümmern. Die ist inzwischen voll in der Pubertät und hängt permanent am Handy, die Stimmung zwischen den beiden ist angespannt.
Um ihre finanzelle Notlage zu beseitigen, springt Maxi also sehr gerne ein, als eine Freundin eine Urlaubsvertretung für Ihren Pflanzenpflege-Service sucht. Bei einem dieser Einsätze trifft Maxi unverhofft auf einen Einbrecher ... doch der junge Mann hat ein Geheimnis, das im Laufe der Geschichte noch eine Rolle spielt (daher spoilere ich hier nicht).
Und bei einem anderen Arbeitseinsatz steht auf einmal ein äußerst attraktiver Mann vor Maxi ... Ab hier passieren so einige unvorhergesehene Dinge im Leben von Maxi und Smilla.

„Einatmen und ausrasten“ ist ein sehr unterhaltsamer, witziger Roman über die Irrungen und Wirrungen in den mittleren Lebensjahren. Mir persönlich war die Story etwas zu vorhersehbar und klischeebelanden; aber als leichte Unterhaltung zwischendurch gut zu lesen.

Vielen Dank an den Hoffmann und Campe Verlag & NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 24.04.2026

Bewegender Roman über Schwangerschaft, Geburt & Mutterschaft

Walwerdung
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Wie verändert sich eine Frau, sobald sie zur Mutter wird?
Ist eine wirklich gleichberechtige Aufteilung von Care Arbeit und Verantwortung möglich?
Und warum überhaupt ein Kind in eine vom Verfall bedrohte ...

Wie verändert sich eine Frau, sobald sie zur Mutter wird?
Ist eine wirklich gleichberechtige Aufteilung von Care Arbeit und Verantwortung möglich?
Und warum überhaupt ein Kind in eine vom Verfall bedrohte Welt setzen?

In ihrem autofiktionalen Debütroman „Walwerdung“ stellt die Autorin Iris Keller anhand ihrer Figuren diese Fragen.
Der Plan der freischaffenden Eltern (sie Journalistin, er Architekt), nach drei Monaten zurück an die Arbeit und in ein 50:50-aufgeteiltes Betreuungsmodell zurückzukehren, scheitert an der Realität: Eine traumatische Geburt, körperliche und seelische Erschöpfung und das fehlen einer beruflichen Perspektive.

„Wo bleibt der Vater? Und ich denke an das Versprechen von fifty-fifty. Ich denke an die neun Monate, in denen mein Körper wuchs. Ich denke an die Wochen im Krankenhaus. An das Warten. Ich denke an die Monate hier. Und ich zähle die vergangenen Nächte und teile sie auf, aber so viel ich auch rechne, es gibt irgendwo einen
Fehler, die Prozentzahl stimmt nicht. Alles, was mal war, die Selbstverständlichkeit, die Gerechtigkeit, ist in Vergessenheit geraten. Wir haben zugelassen, dass sich unsere Körper in den Weg schieben, obwohl wir uns anders aufteilen wollten. Solange ich mit Bleistift Zahlen auf Papier kritzle, das Ergebnis bleibt dasselbe: Wir sind Karikaturen, bloße Hüllen, die Rollen erfüllen. Die Rollen,
die festlegen, wer das Recht zu schlafen hat. Resignation vor der Muttermilch. Ich warte. Wo bleibt er? Ich will eine Verschiebung. Ich will, dass die Welt ein neues Zentrum bekommt, um das sie sich zu drehen traut, ein Zen-
trum abseits von meinen geschwollenen Brüsten. Ich will nicht fragen, ich will nicht bitten, ich will keine Tabellen aufstellen, ich will keine Formeln und Rechenwege präsentieren. Ich bin müde. Zu müde, um zu kämpfen.“

Die schonungslosen Darstellungen der Autorin, wie sich der weibliche Körper der werdenden Mutter, die Beziehung der Eltern, der Alltag und die berufliche Situation verändert; auch die Erfahrungen während und nach der Geburt - all das hat mich sehr berührt und mir wurde oft aus der Seele gesprochen. Wer selbst Mutter ist, wird sich in vielem wiederfinden.

„Sie erzählen von Geburtszangen, hineingeschoben, den Kopf des Babys umklammernd, den vielen Menschen, die um einen herumstehen, vom Ausgestellt-Sein und Angefasst-Werden. Sie erzählen von Ärzten, die sich während der Geburt mit ihrem Körpergewicht auf den Bauch schmeißen.“

Auch die gesellschaftlichen Erwartungen an die vermeintlich „perfekte“ Mutter/Eltern/Geburt finde ich sehr authentisch dargestellt:
„Wir sind perfekte Eltern und lernen, wie wir perfekt gebären. Wir bekommen Beispiele von den schnellen, guten Geburten und den glücklichen Eltern. Wir lernen: Die perfekte Geburt ist eine Einstellungsfrage.“

„Walwerdung“ ist ein wirklich kluger, nachdenklich stimmender Roman über Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft, Gleichberechtigung und Überforderung, dem ich eine eindeutige Leseempfehlung gebe!

Vielen Dank an den Geparden Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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