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Veröffentlicht am 23.10.2024

Ökokrimi aus dem Schwarzwald

Black Forest
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Der elfte Fall von Georg Dengler in Wolfgang Schorlaus Schwarzwaldkrimi "Black Forest" wird sehr persönlich für den Privatdetektiv aus dem Südwesten. Zum einen geht es für ihn back to the roots, auf den ...

Der elfte Fall von Georg Dengler in Wolfgang Schorlaus Schwarzwaldkrimi "Black Forest" wird sehr persönlich für den Privatdetektiv aus dem Südwesten. Zum einen geht es für ihn back to the roots, auf den Bauernhof seiner Mutter Margret. Anrufe der örtlichen Polizei und alter Bekannter lassen befürchten, dass die alte Frau wunderlich wird, womöglich eine Demenz entwickelt - wiederholt hat sie die örtliche Polizei angerufen, dass Fremde sich nachts auf dem Hof herumtrieben - angetroffen wurde nie jemand. Dengler ist verständlicherweise besorgt.

Wer Schorlaus Dengler-Serie über die Jahre hinweg verfolgt hat, weiß: Hier geht es nie nur ums Persönliche, aktuelle Bezüge, auch Probleme bei der Polizei, werden immer wieder thematisiert. Schließlich hatte ja auch Dengler seinen Posten beim LKA aufgegeben, weil er sich mit den dortigen Zuständen nicht abfinden wollte. Und die Polizeiskandale der vergangenen Jahre sorgen obendrein dafür, dass dem Autor die Themen nicht ausgehen.

Zugleich ist "Black Forest" ein Öko- bzw Energiekrimi, in dessen Zentrum unvermittelt Denglers Mutter steht, die mit Herzensweisheit und alemannischem Dialekt schnell zu einer Lieblingsfigur mutiert. Eine örtliche Ökogruppe möchte auf einem ihrer Äcker ein Windrad errichten. Doch die alte Dame hat bereits ihrer Heilpraktikerin versprochen, diesem Vorschlag nicht zuzustimmen - aus Angst vor Strahlung und Sorge um Vögel, die in den Sog des Rades geraten könnten.

Denglers Sohn, mitten in einer Beziehungskrise aus Berlin angereist, versucht die Oma vom Gegenteil zu überzeugen. Und während er sich mit seinem Vater noch um die Legitimität von Klimaklebern und das Gendern streitet, erfahren die Leser*innen, dass das Windrad auf dem Acker mächtige Gegner hat, die die ganze Energiewende gerne rückgängig machen wollen.

Damit hat Schorlau eigentlich bereits reichlich Stoff, scheint aber entschlossen, in diesem Band allen Denglerschen Familiengeheimnissen auf den Grund gehen zu wollen. In einem Nebenstrang setzt sich Dengler mit einem persönlichen Trauma auseinander und findet heraus, was es mit dem Unfalltod seines Vaters in seiner Kindheit auf sich hatte.

Viele Themen also, dennoch wirkt "Black Forest" nicht überfrachtet. Die aktuelle Thematik und die Art, wie Schorlau große Probleme und Themen auf die kleine Welt in den schwäbisch-allemannischen Hügeln herunterbricht, hat mir jedenfalls sehr gut gefallen. Obendrein führt er in dem Buch den generationsübergreifenden Dialog über gesellschaftliche Themen, wokeness und politische Korrektheit, der in der Gesellschaft so oft an wechselseitiger Verhärtung der Positionen scheitert. Da erweist sich Boomer Dengler als lernfähig - und Margret Dengler ist für manche Überraschung gut.

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Veröffentlicht am 08.10.2024

Liv Jensens zweiter Fall

Aschezeichen
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Mit ihrem Roman "Aschezeichen" stellt Katrine Engberg ein zweites Mal die Privatermittlerin Liv Jensen in den Mittelpunkt und zeigt einmal mehr ihre Stärke für komplexe Frauenfiguren mit Ecken und Kanten, ...

Mit ihrem Roman "Aschezeichen" stellt Katrine Engberg ein zweites Mal die Privatermittlerin Liv Jensen in den Mittelpunkt und zeigt einmal mehr ihre Stärke für komplexe Frauenfiguren mit Ecken und Kanten, atmosphärisch dichte Beschreibungen und einen wendungsstarken Plot. Neben Liv Jensen, die weiterhin auf eine Wiedereinstellung im Polizeidienst hofft, gibt es ein Wiedersehen mit weiteren Figuren: Der Psychologin Hannah und ihrem Vater Jan, Livs Vermieter, Nima, der eine Autowerkstatt im Hof des Grundstücks hat, Petter, Livs väterlicher Freund und einstiger Mentor. Das Geflecht dieser Menschen verstärkt sich sogar noch.

Es sind auch diese nachbarschaftlichen Verhältnisse, die Petter dazu bewegen, Liv inoffiziell in eine Mordermittlung einzubeziehen: Bei einem Angelausflug mit seinen Kindern ist Tami Ansari, ein Mann iranischer Herkunft ermordet worden. Die Kinder im Teenageralter sind seitdem verschwunden. Der Tote ist ein Cousin Nimas - Liv soll bei ihm den familiären Hintergrund nach Informationen zu dem Toten abklopfen.

Liv ermittelt allerdings zunehmend auf eigene Faust in der exiliranischen Szene, mit Nimas zunächst eher unwilliger Unterstützung. Immer mehr ist sie sich sicher, dass Vorgänge in einem Auffanglager für Flüchtlinge eine Rolle spielen. Doch Vertreter dänisch-iranischer Vereinigungen blocken ab und erklären, keine Erinnerungen an Ansari zu haben. Während Nima die 14-jährige Shirin in einem Schrebergarten findet, tauchen Informationen über ihren älteren Bruder auf, die Verwicklungen zu Drogenbanden nahelegen - handelt es sich bei dem Mord um einen Racheakt organisierter Kriminalität?

Rückblenden führen in die Vergangenheit des 15-jährigen Tami im Lager, in Verstrickungen in eine Schuld und den langen Arm des Regimes. Doch nicht nur Liv muss sich fragen, wer in diesem Fall die Wahrheit erzählt und wer Wichtiges verschweigt.

Engbergs Plot hat allerlei überraschende Wendungen und hält angesichts der vielen Unwägbarkeiten den Spannungsbogen. Gleichzeitig bringt sie ihre Figuren, allen voran Liv, näher und verleiht ihnen Tiefe und Komplexität. Engberg gehört mittlerweile zu meinen bevorzugten Autorinnen skandinavischer Spannung und "Aschezeichen" ist ein weiteres gelungenes Buch, das schon Vorfreude auf den nächsten Band weckt.

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Veröffentlicht am 08.10.2024

Tee mit Betty

Tee auf Windsor Castle
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Die Queen ist tot, ihre Untertanen müssen sich noch an Langzeit-Thronfolger Charles III. als ihren neuen Monarchen gewöhnen und Schottin Kate wird von ihrer Freundin zu einem Besuch von Windsor Castle ...

Die Queen ist tot, ihre Untertanen müssen sich noch an Langzeit-Thronfolger Charles III. als ihren neuen Monarchen gewöhnen und Schottin Kate wird von ihrer Freundin zu einem Besuch von Windsor Castle nach Südengland verschleppt. Der royale Prunk liegt der jungen Frau so gar nicht, von der Aristokratie hält sie wenig und überhaupt hat sie ganz andere Probleme: Wo ist in all diesen Raumfluchten eigentlich eine Besuchertoilette?

Immerhin hat Kate beim bisherigen Verlauf der Schlussführung gut aufgepasst und sich den Standort einer Tapetentür gemerkt. In den für Besucher - und Royals - unsichtbaren Gängen der Dienstboten wird es ja wohl irgendwo eine Toilette geben! Das dringend benötigte Örtchen findet Kate zwar nicht, wohl aber eine Teeküche mit einer freundlichen alten Dame namens Betty, die sie prompt zum Tee einlädt. So das Eingangsszenario von Claire Parkers "Tee auf Windsor Castle", einer Wohlfühl-Novelle für alle Queen-Fans, mit gerade mal 160 Seiten auch recht überschaubar.

Zwischen Kate und Betty liegen nicht nur Generationen, sondern auch Welten. Schon Bettys Vater hat auf Windsor Castle gearbeitet, und offenbar hat sie ein recht behütetes Leben geführt, so war sie etwa noch nie in einem Pub - auch wenn sie sich als ausgesprochen trinkfest erweist. Kate dagegen steckt ewig in Finanznöten und ist auch schon mal mit dem Gesetz zusammengerasselt. Die Liebenswürdigkeit und Lebensweisheit ihrer ungleichen Freundin zieht sie dennoch in den Bann und in langen Gesprächen kommen sich die Frauen näher.

Was Bettys Geheimnis ist, dem Kate erst spät auf die Spur kommt - Leser*innen ahnen es schon früh, es bietet sich ja geradezu an. Insofern ist "Tee auf Windsor Castle" ein bißchen wie Fan-Lit für Bewunderer der Queen. Die Monarchie-Kritik, mit der Kate zunächst nach Windsor gefahren ist, wird im Laufe des Buches jedenfalls sehr viel leiser. Ein bißchen märchenhaft und sehr sehr cozy.

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Veröffentlicht am 06.10.2024

Letzte Stimmen

Israel, 7. Oktober
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Lee Yaron ist Journalistin der liberalen israelischen Zeitung "Haaretz", einer Zeitung, die schon seit jeher immer wieder auch über die israelischen Palästinenser und die Geschehnisse in Gaza und im Westjordanland ...

Lee Yaron ist Journalistin der liberalen israelischen Zeitung "Haaretz", einer Zeitung, die schon seit jeher immer wieder auch über die israelischen Palästinenser und die Geschehnisse in Gaza und im Westjordanland berichtete, die kritisch zum Siedlungsbau und der Regierung Netanjahu steht. In ihrem Buch „Israel, 7. Oktober“ erzählt sie von den letzten Stunden der Menschen, die bei den Anschlägen ums Leben kamen, von denen, die zwar überlebt haben, aber schwer traumatisiert sind von dem Erlebten und dem Tod von Freunden und Angehörigen.

Damit ist sie nicht alleine - in den vergangenen Monaten erschienen mehrere Bücher, in denen der Terrorangriff aufgearbeitet wurde, in denen auch Angehörige der Geiseln ihre Perspektive schilderten, etwa wie Ron Leshems "Feuer". Doch Yaron blickt über die "heimischen" Opfer hinaus, widmet sich auch denen, die in den Geschichten über den 7. Oktober seltener erwähnt werden. So berichtet sie nicht nur von Kibbuzbewohnern, sondern auch von betroffenen Beduinen in der Negev-Wüste, die weder über Schutzräume verfügten noch über Warnanlagen.

Yaron beschreibt auch das Leben nepalesischer Landwirtschaftsstudenten und thailändischer Arbeiter, die von einem besseren Leben träumten und in einem Konflikt starben, den sie ebenso wenig verstanden wie die Sprache der Menschen, für die sie Obst oder Salat ernteten. Damit wird auch ein Blick auf die marginalisierten Menschen in der israelischen Gesellschaft geworfen, die am 7. Oktober ebenso von Terror und Gewalt betroffen waren wie die jüdischen Israelis.

Abschriften von Messenger-Nachrichten, von Telefongesprächen aus Schutzräumen, beschossenen Fahrzeugen und Gebüsch lassen auch diejenigen zu Wort kommen, die wussten, dass sie den Tag wohl nicht überleben würden. Gerade diese letzten Worte und Stimmen lassen die Angst der angegriffenen Menschen ganz besonders intensiv wirken.

Zugleich unterscheidet Yaron, die auch auf die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts eingeht, zwischen Hamas-Kämpfern und Zivilisten in Gaza, stellt Überlegungen an, ob und wann eine Versöhnung doch noch möglich ist und wirft einen kritischen Blick auf den Preis des andauernden Krieges. In der Tradition von oral history/reporting geschrieben, ist ihr Buch nachdenklich und voll nachklingender Trauer der Hinterbliebenen und Überlebenden.

Veröffentlicht am 21.09.2024

Götter, Sterne, Lügen

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
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Sie haben die Namen von Göttern, aber die Realität von Juno und Jupiter ist eher irdisches Elend: Er leidet an fortgeschrittener Multipler Sklerose, die Welt des Schriftstellers ist im wesentlichen auf ...

Sie haben die Namen von Göttern, aber die Realität von Juno und Jupiter ist eher irdisches Elend: Er leidet an fortgeschrittener Multipler Sklerose, die Welt des Schriftstellers ist im wesentlichen auf das Schlafzimmer mit Pflegebett zusammengeschrumpft. Sie ist Performancekünstlerin in der freien Theaterszen, sprich, ein regelmäßiges Einkommen ist eher nicht vorhanden, mal läuft es finanziell besser, mal schlechter. Neben Balletttraining und Aufführungen sowie einer wachsenden Leidenschaft für Tätowierungen werden nächtliche Chats mit Love Scammern zu Junos kleiner Flucht aus dem Alltag, ebenso wie das Nachdenken über Sterne und planetare Katastrophen.

"Guten Morgen, wie geht es Dir?" von Martina Hefter ist für den Deutschen Buchpreis nominiert und hat sich ziemlich viel aufgeladen: Liebesversprechen und Lügen, Reflektionen übers Älterwerden und die etwas kühne Argumentation von afrikanischen Scammern als späte Rächer kolonialer Ausbeutung. Eine ordentliche Portion Ironie sorgt dafür, dass es nicht zu depressiv wird.

Juno ist kein Opfer von Liebesbetrug, ihr ist nur zu bewusst, dass sich hinter den sonnengebräunten Männern mittleren Alters mit Segelyacht oder Swimming-Pool im Hintergrund junge afrikanische Männer verbergen, die das Vertrauen und die Liebe einsamer Europäerinnen gewinnen wollen, um sie dann umso mehr zu schröpfen. Juni dreht den Spieß um, erzählt den Männern allerlei Lügen, bis diese irgendwann einmal feststellen, dass sie gewaltig verschaukelt werden und sie ihrerseits blockieren.

Und dennoch: Als sie den jungen Nigerianer Benu kennenlernt und sein Fake-Profil schon bald enttarnt, ist nicht etwa Schluss, sondern die Gespräche dauern an, ja werden persönlicher. Einerseits merkt Juno, dass sie Benu mehr Wahrheiten über sich erzählen möchte, andererseits wartet sie nur, dass er sich ebenso als Scammer erweist wie alle anderen und mit einer Geschichte über eine kranke Mutter, einen plötzlichen Unfall oder sonstige Geldnot beginnt.

Letztendlich bleibt offen, was Juno eigentlich zu den Scammern zieht. Nur die einsamen Nachtstunden voller Schlaflosigkeit können es eigentlich nicht sein. Das Internet als Fluchtort in einer Realität zunehmend beschränkter Möglichkeiten? So originell ist das nun nicht. Und auch Benu bleibt ( no pun intended) blass, sowohl als Person als auch mit seinen Motiven, die für ihn finanziell uninteressanten Chats fortzusetzen. Immerhin mal ein anderer Ansatz zum Thema love scamming mit der Einsicht: Jeder lügt.

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