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Veröffentlicht am 18.10.2025

Literarische Dystopie

Was wir wissen können
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Literarisches Rätsel, Dystopie einer vom Klimawandel gezeichneten Zukunft und komplizierte Beziehungsgeflechte - mit "Was wir wissen können" hat Ian McEwan einen faszinierenden Roman mit verschiedenen ...

Literarisches Rätsel, Dystopie einer vom Klimawandel gezeichneten Zukunft und komplizierte Beziehungsgeflechte - mit "Was wir wissen können" hat Ian McEwan einen faszinierenden Roman mit verschiedenen Zeit und Erzählperspektiven geschrieben. Damit überzeugt er sowohl inhaltlich als auch erzählerisch und bietet viel Stoff zum Nachdenken.

Das Buch führt in eine gerade mal knapp 90 Jahre entfernte Zukunft, doch völlig andere Welt. Die Regierungen haben die Kipppunkte ignoriert, um die Erderwärmung zu stoppen oder zumindest zu mindern. Schmelzen der Polkappen und Anstieg der Meeresspiegel sind kein Zukunftsszenario mehr, sondern die Realität einer Menschheit, in der Weiße selten geworden sind, die Menschheit besteht überwiegend aus verschiedenen Schattierungen von braun und die neue Supermacht heißt Nigeria. KIs kontrollieren einen großen Teil des Lebens und werden gerade von den jungen Menschen nicht hinterfragt.

Europa hat seine Konflikte und Kriege ebenso schlecht überwunden wie die Klimaveränderungen, die etwa Großbritannien zu einer Insellandschaft machten. Als das Meer die Küstenregionen und die dortigen Städte verschlang, ging auch viel wissen zugrunde. Bibliotheken und Hochschulen sind nunmehr in Höhenlagen angesiedelt. Mit dem Wissen gingen auch Technologien verloren. Die Welt dieser Zukunftsmenschen, ihr Bewegungsradius, sind geschrumpft. Und die Menschen sind mit dem verlorenen Wissen irgendwie dümmer geworden.

Literaturwissenschaftler Tom, der auf der Suche nach einem verschollenen Gedicht des Dichters Francis Blundy ist, muss allerhand Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, um in einer mehrere Tagesreisen mit Fähre, Seilbahn und primitivem Fahrrad entfernte Bibliothek zu erreichen ,die das Archiv von Blundys Ehefrau Vivian enthält. Die Frau, die er nie gesehen hat und die ihre eigene wissenschaftliche Karriere für Blundy aufgegeben hat, fasziniert Tom so sehr, dass seine Freundin eifersüchtig wird. Ein Gedicht, nur einmal vorgetragen und danach verschwunden, zu Vivians Geburtstag geschrieben - geht es noch romantischer?

Oder war alles ganz anders? Denn im zweiten Abschnitt des Buches kommt Vivian zu Wort. Und so manches unterscheidet sich von dem posthum gezeichneten Bild. Zu den Besonderheiten gehört es, die akademischen Klüngel von 2014 und 2119 in ihren gewaltigen Unterscheidungen zu erleben, aber auch die Unterschiede in Diskussionen, Wissenschaft und Lebensstil. Für Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Hochschulbetrieb zu tun haben, dürfte "was wir wissen können" deshalb einen zusätzlichen Reiz haben. Ein vielschichtiger, fulminanter Roman.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

Party, Erpressung, Leichen

Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste
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Rosemary MacLaine, 76 Jahre alt, hat einen eher herben Charme. Gefühle ausdrücken, das ist nicht so ihr Ding, dazu ist sie zu sehr eine alte Yankee-Dame. Dafür kann sie mit einem Schneemobil umgehen - ...

Rosemary MacLaine, 76 Jahre alt, hat einen eher herben Charme. Gefühle ausdrücken, das ist nicht so ihr Ding, dazu ist sie zu sehr eine alte Yankee-Dame. Dafür kann sie mit einem Schneemobil umgehen - praktisch, wenn man auf einer Insel in den Großen Seen lebt, wo eisige Winter garantiert sind. Das eher zurückgezogene Rentnerdasein wird jäh gestört, als eine Nachbarin zur Party ins feudale Herrenhaus einlädt - mit dem Hinweis, dass Rosie besser kommt. Andernfalls werde ihr gut gehütetes Geheimnis ans Licht kommen.

Soweit die Ausgangslage von "Die Einladung. Mord nur für geladene Gäste" von Kelly Mullen. Rosemary weiß - vor dieser Einladung kann sie sich nicht drücken. Sie kommt allerdings mit Rückendeckung in Form ihrer Enkelin Addie, als Spieleerfinderin rätselerprobt. Eine wichtige Eigenschaft, wie sich schon bald zeigen wird. Denn die etwas dahindümpelnde Party geht auf die Mitternachtsdrinks zu, als es dramatisch wird: Eine Leiche wurde gefunden - und dabei handelt es sich um die Gastgeberin. Opfer eines anderen, eher gewaltbereiten Erpressungsopfers? Oder Opfer einer tödlichen Intrige?

Rosie und Addie machen es sich zur Aufgabe, den Täter oder die Täterin zu finden. Nicht jeder ist davon begeistert, denn im Rahmen ihrer Ermittlungen stoßen sie bei den teils illustren, teils exzentrischen, immer aber potentiell verdächtigen Gästen auf manche bisher erfolgreich verborgene Peinlichkeit und potenzielle Motive. Die Zahl der Verdächtigen schrumpft, denn es bleibt nicht bei einem Mord. Dann fällt auch noch der Strom aus, die Partygäste sind im Haus eingeschlossen, einem Haus, das selbst so manches Geheimnis besitzt.

Mullens Cozy-Krimi mit ihren mitunter naiv-unbedarften Ermittlerinnen im winterlichen Locked Room-Setting ist ein unterhaltsamer Rätselspaß. Das erinnert ein bißchen an Miss Marple und Agatha Cristie, auch in der manchmal etwas betulichen Erzählweise. Sicher kein Buch für Leser*innen, die knallharte Spannung oder einen Plot im Noir-Stil bevorzugen. Wer einen klassischen Whudunit ohne viel Blutvergießen mag, wird zufrieden sein.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Seniorenquartett als Codeknacker

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code (Die Mordclub-Serie 5)
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Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub ...

Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code." Von Ruhestand kann bei den mittlerweile immerhin über 80-Jährigen trotz scheinbar beschaulicher Seniorenresidenz wirklich keine Rede sein. Dabei hatte ich schon befürchtet, der vierte Band könnte so eine Art Schwanengesang sein.

Doch weit gefehlt - auch wenn das Alter und seine Einschränkungen durchaus zu Einschränkungen führen und der Gedanke an die eigene Endlichkeit nie ganz weg - Joyce, Elisabeth, Ibrahim und Ron stellen sich auch weiter den Herausforderungen.

Im Fall von Joyce: Die Hochzeit ihrer Tochter. Endlich! Und sogar mit einem ausnehmend sympathischen Schwiegersohn! Im Fall von Ron: Seinen Schwiegersohn hat er ja noch nie sonderlich gemocht. Aber dass die Ehe seiner Tochter mit einem koksenden Kriminellen von Gewalt geprägt ist, das hat er nicht geahnt. Auch steife Gelenke und schmerzende Knie werden ihn nicht davon abhalten, für Gerechtigkeit zu sorgen!

Was Ibrahim angeht, der führt mit Drogenhändlerin Connie sein ganz persönliches Resozialisierungsprojekt durch, während Elisabeth nach wie vor um ihren toten Ehemann trauert. Kein Mord also? Weit gefehlt, als der Trauzeuge von Joyce´s Schwiegersohn spurlos verschwindet, ein Auto explodiert und ziemlich viele Menschen hinter einem Zettel für Kryptowährung her sind. Der befindet sich in einem Schließfach, das durch einen Code geschützt ist - und schnell ahnen die vier Hobby-Ermittler, dass der Code womöglich auch mit dem verschwundenen Trauzeugen zusammenhängt.

Doch wo in diesem Fall die Guten und wo die Bösen sind, ist den Clubmitgliedern diesmal lange nicht ganz klar. Hilfe gibt es von zwei gewitzten Teenagern. Damit funktioniert der Cozy Crime mit bewährtem britischen Humor auch generationsübergreifend.In der Hörbuchversion sorgen einmal mehr Johannes Steck und Beate Himmelstoß als Sprecher und Sprecherin dafür, dass jedes Mitglied des Quartetts eine ganz andere Sprachnote hat, die dem Charakter entspricht und einen hohen Wiedererkennungswert hat.

Und wichtiger als alles andere ist, dass das Seniorenquartett sich gegenseitig (unter-)stützt und hilft - bei den Ermittlungen ebenso wie in Alltagskrisen. Obwohl oder vielleicht auch gerade wegen ihrer so unterschiedlichen Temperamente und Persönlichkeiten. Mögen sie einander - und den Lesern Osmans - noch lange erhalten bleiben!

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Veröffentlicht am 12.10.2025

Innenansichte auf den Krieg

Israel
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Der 7. Oktober 2023 war eine Zäsur. Was hat der Terrorangriff der Hamas mit den Israelis gemacht, auch denen, die nicht unmittelbar getroffen? Wie haben sich Werteachsen und Einstellungen verschoben? ...

Der 7. Oktober 2023 war eine Zäsur. Was hat der Terrorangriff der Hamas mit den Israelis gemacht, auch denen, die nicht unmittelbar getroffen? Wie haben sich Werteachsen und Einstellungen verschoben? In ihrem Buch "Israel" geht Sabine Adler diesen Fragen anhand einer Familie nach. Die älteren tragen die Erfahrung des Holocausts beziehungsweise der Belastungen der zweiten Generation mit sich, die jüngeren sind mit dem Nahostkonflikt aufgewachsen, haben ihren Armeedienst teilweise im Westjordanland oder im Libanon geleistet.

Die weitverzweigte Familie, die die Autorin seit Jahren kennt, ist überwiegend religiös-zionistisch, es gibt einen streng orthodoxen Bruder, aber auch einen säkularen. Die meisten leben in Jerusalem, mehrere in Siedlungen im Westjordanland, einige haben Kindheitserinnerungen an die aufgegebenen Siedlungen in Gaza. Es sind eher nicht die Israelis, die sich jede Woche auf dem Geiselplatz im Stadtzentrum von Tel Aviv versammeln, auch wenn längst nicht alle Benjamin Netanjahu und seine umstrittene Justizreform unterstützen.

Adler zeigt das Politische im Persönlichen, in der Erfahrung etwa der kinderreichen Mutter, die den Haushalt alleine stemmen muss, weil ihr Mann als Reservist in Gaza ist. Der Terrorangriff hat Traumata ausgelöst und wieder wachgerufen - die Gespräche mit einer Psychoanalytikerin von Amcha, einer Organisation, die sich eigentlich vor allem um Holocaus-Überlebende kümmert und nun vor neuen Herausforderungen steht, gehören für mich zu den besonders spannenden Eindrücken des Buches.

Die Autorin spricht mit ihren Gesprächspartnern in Cafés in Tel Aviv und Jerusalem, aber auch in den Siedlungen in den besetzten Gebieten. Die Kontraste zwischen dem Leben der Siedler und den in der Region ansässigen palästinensischen Menschen werden aufgezeigt, die Gewalt radikaler Siedler und der berüchtigten Hügeljugend gestreift, aber in den Gesprächen nicht so kritisch hinterfragt, wie es meiner Meinung nach wünschenswert gewesen wäre. Aber vielleicht führt gerade das dazu, dass sich Menschen der Autorin öffnen, die sonst eher feindselig auf Journalisten reagieren, zumal Adler ja als Freundin der Familie kommt.

Es ist eine private Innensicht auf den Konflikt, die auch deutlich macht, wie schwierig die Diskussion allein innerhalb Israels ist und wie sehr der Krieg die Gesellschaft gespalten hat. Adler hört zu, beobachtet, analysiert, lässt aber ihren Gesprächspartnern Freiraum, ihre jeweilige Position und ihren Blick auf das Land zu erläutern. Und der ist so vielschichtig wie das ganze Land.

Veröffentlicht am 12.10.2025

Miss Merkel und der tote Weihnachtsmann

Miss Merkel: Mord unterm Weihnachtsbaum
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Noch verfärben sich die Blätter, doch bei Altkanzlerin Miss Merkel in der Uckermark weihnachtet es sehr. Und natürlich gibt es, wenn David Safier die Ex-Kanzlerin samt Entourage ermitteln lässt, schon ...

Noch verfärben sich die Blätter, doch bei Altkanzlerin Miss Merkel in der Uckermark weihnachtet es sehr. Und natürlich gibt es, wenn David Safier die Ex-Kanzlerin samt Entourage ermitteln lässt, schon bald die erste Leiche: Ein toter Weihnachtsmann steckt im Kamin der Merkels fest. Was diese erst im neuen Jahr bemerkt hätten, wenn sie ihren Weihnachtsurlaub bei den Obamas auf Hawaii nicht vorzeitig abgebrochen hätten. Dass die beiden weder im Whirlpool noch in der Strandvilla so gar nicht die Hände voneinander lassen können, hat die Gäste ebenso genervt wie makrobiotische Gemüseshakes. Bodyguard Mike wiederum litt unter der Häme der Secret Service Beamten, die über seinen Bauchansatz lästerten. Nein, dann doch lieber die Gemütlichkeit der Uckermark mit Weihnachtsplätzchen ohne Schuldgefühlen!

Auch in besinnlicher Weihnachtsatmosphäre lässt sich Hobby-Ermittlerin Merkel nicht vom wesentlichen Ablenken, nämlich der Frage: Wer hat einen mörderischen Hass auf Weihnachtsmänner entwickelt? Oder ist es Konkurrenzdenken? Denn es gibt, wie sich schnell zeigt, vier konkurrierenden Weihnachtsmänner und -frauen, deren Zahl aber noch weiter hinuntergeht.

In der Hörbuchversion ist es einmal mehr Nana Spier, die ironisch-leicht den Romanfiguren ihre Stimme leiht. Allerdings: Kommt es nur mir so vor, oder "merkelt" sie diesmal deutlich weniger als in den vorangegangenen Hörbüchern der Serie? Liegt es daran, dass Angela Merkel heutzutage nicht mehr so präsent in der Öffentlichkeit ist, dass Spier ihr Merkel-Timbre verliert?

Safier hat seinen ersten Weihnachtskrimi "Mord unterm Weihnachtsbaum" in einer Länge von knapp 200 Seiten beziehungsweise knapp viereinhalb Stunden Hördauer geschrieben - mit gewohnt lockerer Hand, auch wenn manche Scherze allmählich etwas alt werden. Dabei fallen auch ein paar Seitenhiebe auf die Welt der großen Politik eher harmlos denn bissig aus. Und natürlich herrscht trotz aller Leichen am Ende die erhoffte weihnachtliche Harmonie, das ist den Leser*innen der Serie klar. Fans von Miss Merkel werden sich dennoch über die Bescherung freuen.

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