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Veröffentlicht am 10.02.2024

Psychothriller an der Küste von Cornwell

You Let Me In
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Cornwall, das kann der Hintergrund zu romantischer Unterhaltung a la Rosemary Pilcher sein. Wenn die Autorin Lucy Clarke heißt, dann lässt sich allerdings erwarten, dass sich leises Grauen in die wildzerklüftete ...

Cornwall, das kann der Hintergrund zu romantischer Unterhaltung a la Rosemary Pilcher sein. Wenn die Autorin Lucy Clarke heißt, dann lässt sich allerdings erwarten, dass sich leises Grauen in die wildzerklüftete Landschaft ausbreitet - und im Fall von "You let me in" werden diese Erwartungen nicht enttäuscht. Schriftstellerin Elle hat sich ihr Traumhaus an der Küste von Cornwall geschaffen - einsam gelegen, hoch auf den Felsen mit Blick über das Meer.

Die scheinbar perfekte Welt hat allerdings auch ein paar Schattenseiten: Elles Ehe ist zerbrochen, das Haus ist nicht abbezahlt, die Mahnungen häufen sich. Und obendrein leidet sie unter einer Schreibblockade, obwohl sie bald ihren zweiten Roman abliefern muss. Nur dann kann sie hoffen, ihrer finanziellen Misere zu entkommen.

Doch seit Elle von einem Autorenworkshop in Frankreich zurück ist, ist die Arbeit am Roman noch schwieriger geworden. Sie hat ihr Haus in dieser Zeit als Airbnb vermietet - doch plötzlich hat sie das Gefühl, dass eine fremde Präsenz in ihr Haus eingedrungen ist. Merkwürdige Vorkommnisse häufen sich, für die es scheinbar harmlose Erklärungen gibt, doch Elle ist sicher - jemand ist in ihr Haus eingedrungen, jemand beobachtet sie, ist immer noch da. Oder bildet sie sich das alles nur ein, wie ihr Umfeld zu glauben scheint?

Clarke baut geschickt Suspense-Momente auf, lässt die Leser*innen mit Elle zweifeln und hinterfragen. Dass Elle zudem ganz in einer Social Media-Welt lebt, in der sie wie unter Zwang ihren Alltag und ihr Leben mit ihren Followern teilt, hinterfragt sie viel zu lange nicht. Wie viele Informationen hat sie geteilt, die für einen Stalker Gold wert sind?

Neben der Haupthandlung gibt es Rückblenden in Elles Vergangenheit als Studentin, in der es ein traumatisches Vorkommnis gab. Hat die Vergangenheit sie eingeholt? Und wer ist der oder die Unbekannte, deren Perspektive in weiteren eingeschobenen Kapiteln zu lesen ist, jemand, der nun mit Elles Ängsten spielt wie eine Katze mit einer gefangenen Maus?

Dieser Psychothriller kommt ohne Gewalt aus, es ist vielmehr das leise Grauen einer Frau, die sich fragen muss, ob sie sich etwas einbildet oder tatsächlich jemanden in ihrem Haus hat. Die Atmosphäre von Angst und Paranoia verdichtet sich und sorgt für reichlich Spannung. Dabei hält die Autorin die eine oder andere Überraschung parat.

Für spannende Unterhaltung ist Lucy Clarke mal wieder eine Garantie. Das Konzept ist auch in diesem Psychothriller wieder aufgegangen.

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Veröffentlicht am 09.02.2024

Ein Geist auf Mördersuche

Die sieben Monde des Maali Almeida
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Es gibt Bücher - leider nicht so oft, wie ich es gerne hätte - die sind von Anfang an eine Entdeckungsreise voller Überraschungen, Offenbarungen und neuer Einsichten. "Die sieben Monde des Maali Almeida" ...

Es gibt Bücher - leider nicht so oft, wie ich es gerne hätte - die sind von Anfang an eine Entdeckungsreise voller Überraschungen, Offenbarungen und neuer Einsichten. "Die sieben Monde des Maali Almeida" von Shehan Karunatilaka ist so ein Buch. Ich kannte bisher überhaupt keine Literatur aus Sri Lanka, die Jahre des Bürgerkriegs, der Kampf der Tamil Tigers und die grottenschlechte Menschenrechtsbilanz des Inselstaates sind mir schon eher ein Begriff. Und jetzt dieser kraftvolle, farbige Roman voller Mythen, Poesie und zugleich sarkastisch-realistischer Beschreibungen der Zu- und Missstände!

Der Autor verbindet Mystik, Spannung und Phantasie, während die Leser*innen die Reise von Maali Almeida auf der Suche nach einem Mörder verfolgen. Das Problem dabei: Almeida ist tot, gewaltsam umgekommen, vermutlich ein Opfer der Todesschwadronen in den späten 1980-er Jahren. An die letzten Momente vor dem Ableben kann er sich nicht mehr erinnern, statt dessen steht er vor einer Reihe von Entscheidungen: Sieben Monde hat der Geist des Toten Zeit im "Dazwischen", wo die Geister der Toten noch im Diesseits unterwegs sind, dann muss er entweder in die Ewigkeit einchecken oder ist frei Beute für die Dämonen, die unter den Seelen der Toten ihren Nachwuchs rekrutieren.

Schon allein die Erzählperspektive ist interessant, denn der Geist als Ich-Erzähler ist schon abgespalten von seinem alten, körperlichen Selbst, das als "du" betitelt wird, während es Maali Almeidas Leben erzählt: Als Kriegsfotograf ein Zeuge des Grauens, der Verbindungen zu allen Seiten hatte, als versteckt lebender, aber nicht ganz so diskreter Homosexueller hin und her gerissen zwischen DD, seiner großen Liebe und den vielen hübschen Männern, denen er einfach nicht widerstehen kann, als bester Freund der Rundfunkjournalistin Jaki, Cousine von DD, Mitbewohnerin und Pseudo-Freundin, die ihm den Anschein von Heterosexualität verleihen kann.

DD, Jaki und Almeidas Mutter sind auf der Suche nach dem Vermissten, fürchten das Schlimmste. Ein ermordeter Kommunist will Almeida für einen Rachefeldzug an den Verantwortlichen der Todesschwadronen gewinnen, eine ermordete Universitätsdozentin will ihn bewegen, die Chance zum Eingang in die Ewigkeit nicht verstreichen zu lassen. Im Diesseits sind unterdessen viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Motiven auf der Suche nach Almeidas ungedruckten Bildern, die durchaus Sprengkraft haben, verbinden sie doch einen hohen Politiker mit Massakern und zeigen Allianzen, die es eigentlich nicht geben dürfte. Währenddessen reist Almeidas Geist mit dem Wind überall dorthin, wo er seinen Namen hört und versucht verzweifelt, mit denen zu kommunizieren, denen er noch letzte Botschaften zukommen lassen will. Doch der Preis, den er dafür zahlen muss, könnte hoch sein.

Wie diese Reise verläuft, das soll hier nicht verraten werden, nur so viel: Hinduistische und buddhistische Mythen spielen ebenso eine Rolle wie existenzielle Fragen zu Leben, Tod und Wiedergeburt. Karunatilaka schreibt farbenprächtig und bildstark, lässt Bilder, Geräusche und Gerüche beim Lesen aufsteigen. Ein buchstäblich phantastischer Roman, an dessen Ende nicht nur Almeida eine große Überraschung erlebt, trotz der schweren Themen nicht ohne Humor. Ob "Die sieben Monde des Maali Almeida" auch ein queerer Roman ist, darüber lässt sich vermutlich streiten. Der Autor selbst sagte in einem Interview, es sei ihm nicht darum gegangen, einen LGBTQ-Roman zu schreiben, doch das verkappte Leben in einer repressiven Gesellschaft, die heimliche Subkultur und die Suche nach Asudrucksmöglichkeiten sind ein ganz wesentlicher und wichtiger Teil dieses Buches, für das ich eine unbedingte Leseempfehlung gebe.

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Veröffentlicht am 08.02.2024

Zwischen Wokeness und bürgerlichem Idyll

Weiße Wolken
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Die beiden Schwestern Dieo und Zazie sind altersmäßig sieben Jahre auseinander, doch trotz schwesterlicher Liebe trennen sie Welten: Psychologin Dieo ist verheiratet mit drei Kindern, Zazie hat gerade ...

Die beiden Schwestern Dieo und Zazie sind altersmäßig sieben Jahre auseinander, doch trotz schwesterlicher Liebe trennen sie Welten: Psychologin Dieo ist verheiratet mit drei Kindern, Zazie hat gerade ihren Master gemacht und jobbt in einem Jugendzentrum. Dieo lebt mit ihrer Familie im bürgerlichen Frankfurter Nordend, Zazie ist aus dem Bahnhofsviertel nach Offenbach gezogen und ein Inbegriff von Wokeness. Muss sie sich als Schwarze Frau schuldig fühlen, weil sie einen weißen Freund hat (der von ihren Freundinnen und Freunden denn auch nur als "white boy" belächelt wird)? Sie hat sogat gegoogelt, welche Schwarzen Frauen weiße Männer daten, sozusagen um sicher zu gehen, dass sie das machen kann.

Die Schwestern haben eine weiße deutsche Mutter und einen senegalesischen Vater, der in der Kindheit der Schwestern keine große Rolle gespielt haben zu scheint. Was Zazie nicht daran hindert, ihre afrikanische Identität stets heraushängen zu lassen und völlig zu verdrängen, dass sie biodeutsch-weiß sozialisiert ist. Einige ihrer Freunde, offenbar "echte" Afrikaner, nennen sie denn auch Bounty - außen braun, innen weiß.

Wie die beiden Schwestern mit Identität, Zugehörigkeit und Lebensidealen umgehen, das steht im Mittelpunkt von Yandé Secks Roman "Weiße Wolken", der im Frankfurt der Gegenwart spielt. Für alle aus Rhein-Main gibt es ordentlich Lokalkolorit, was beim Lesen einen zusätzlichen Reiz ausmacht. Allerdings habe ich mich mit den Charakteren schwer getan, weder mit Dieos Ablehnung, einmal ihre senegalesische Großmutter zu besuchen noch mit Zazies Dauerempörung und ständigen Inszenierung von Seelenschmerz konnte ich mich identifizieren.

Für mich ist Zazie eine nicht unprivilegierte Akademikertochter, die sich gerne als Ghettokind sehen möchte und mit ihrer Clique Menschen grundsätzlich nach dem Melaningehalt ihrer Haut und ihrer ethnischen Zugehörigkeit einordnet, beurteilt, verurteilt. Da frage ich mich: wer ist hier rassistisch? Als eine, die sieben Jahre im Frankfurter Gallus gewohnt hat, wo ethnische Vielfalt selbstverständlich ist und Zugehörigkeitsdebatten ziemlich weit von der Lebenswirklichkeit entfernt sind, finde ich Zazie ziemlich nervig.

So richtig entscheiden konnte ich mich nicht - hat Seck eine Persiflage geschrieben, oder geht es ihr um eine Auseinandersetzung mit afrodeutschen Identitäten? Sollte letzteres der Fall sein, hat mich das Buch nicht überzeugt. Im Sinne eines ironischen Auseinanderpflückens von über-wokeness ähnlich wie bei Identitty ist es schon eher gelungen. Die Reise der beiden Schwestern in die Heimat ihres Vaters blieb letztlich blass und zeigte lediglich: Auch Braids machen aus Afrodeutschen noch keine Afrikanerinnen, Senegal und seine Menschen bleiben ähnlich wie das Nordend-Biotop Klischee. Schade.

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Veröffentlicht am 02.02.2024

Weiterleben nach dem Anschlag

43 Kugeln und 9 Rosen
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Es gibt Daten, die brennen sich ins Gedächtnis ein - der 11. September, der Tag des Mauerfalls. Aber eben auch der 19. Februar, der Tag des Terroranschlags von Hanau. Vielleicht nicht so global, aber für ...

Es gibt Daten, die brennen sich ins Gedächtnis ein - der 11. September, der Tag des Mauerfalls. Aber eben auch der 19. Februar, der Tag des Terroranschlags von Hanau. Vielleicht nicht so global, aber für die Menschen im Rhein-Main-Gebiet war es ein Tag, der das Gefühl von Sicherheit in der multikulturellen Gesellschaft der Region nachhaltig erschüttert hat. Das gilt um so mehr für Menschen wie Said Etris Haschemi: Er überlebte den Anschlag in der Arena-Bar schwerverletzt, sein jüngerer Bruder Nesar wurde getötet, ebenso wie acht andere junge Menschen an den beiden Tatorten. Sein Buch "Der Tag, an dem ich sterben sollte", ist eine Auseinandersetzung mit dem Anschlag und seinen Folgen, mit den Fragen der Angehörigen und Freunde, die im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags nicht zu ihrer Zufriedenheit beantwortet wurden.

Hashemi hat mit der Initiative 19. Februar zusammengearbeitet, und das merkt man dem Buch teilweise an - immer dann, wenn Aktivist*innensprech und -dialektik die Erzählung überlagert. Viel eindringlicher sind die Teile des Buches, in denen er seine Erinnerungen an den Anschlag, die Zeit im Krankenhaus, die Trauer und das Trauma im Hanauer Stadtteil Kesselstadt schildert, in dem die Opfer lebten, in dem der Täter lebt und wo der Vater des Täters noch immer mit seinem aggressiven und feindseligem Verhalten Angehörige der Familien bedrängt. Das macht klar - Überleben heißt nicht einfach weiterleben, das ist unmöglich.

Hashemi zeigt die Verletzungen der Familien, die nicht nur Kinder, Geschwister, Freunde verloren haben, sondern sich auch von der Polizei und den Behörden im Stich gelassen fühlten. Ob das nun an rassistischen Grundhaltungen lag, wie die Initiative gerne unterstreicht, oder an schlichter Überforderung in einer Situation, wie sie auch die Polizisten und Rettungsdienste vor Ort noch nicht erlebt haben, macht für die Betroffenen vermutlich keinen Unterschied. Im Umgang mit den Familien ließen es die Behörden in der Tatnacht und den Tagen danach wohl an Sensibilität fehlen. Und manche Clashs waren vermutlich unüberwindbar - hier die Staatsanwaltschaft, die die Leichen für Obduktionen beschlagnahmte, da religiöse Vorschriften des Islam, dass Tote eigentlich innerhalb von 24 Stunden beigesetzt werden müssen.

Und immer wieder geht es auch um den Untersuchungsausschuss, im dem Hashemi und viele Angehörige Dauerbesucher waren, wo sie sich dem Narrativ von einem psychisch kranken Einzeltäter entgegenstellten, wo sie Versäumnisse wie den nicht besetzten Notruf und den verschlossenen Notausgang in der Arena-Bar anprangerten. Dass zumindest ein Teil der Toten unter anderen Umständen Flucht- und Überlebenschancen gehabt hätte, muss gerade für die betroffenen Familien extrem bitter sein.

Mit seinem Buch gibt Hashemi einen Eindruck vom davor und danach in seinem Leben, aber auch dem vieler migrantischer Menschen in Hanau und Region. Ein wenig geht es auch um migrantische Biografien, Ausgrenzungserfahrungen und Selbstbehauptung. Das Buch erscheint nur wenige Wochen vor dem vierten Jahrestag des Anschlags, an dem es nicht nur in Hanau heißen wird: Say their names.

Veröffentlicht am 29.01.2024

Liebe, Magie, Besessenheit

Love Will Tear Us Apart
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Es geistert wieder dämonisch in Manchester: Mit "Love will tear us apart" hat C.K. McDonnell den dritten Teil seiner Urban Fantasy Saga über die exzentrischen Macher der Zeitung "The Stranger Times" geschrieben ...

Es geistert wieder dämonisch in Manchester: Mit "Love will tear us apart" hat C.K. McDonnell den dritten Teil seiner Urban Fantasy Saga über die exzentrischen Macher der Zeitung "The Stranger Times" geschrieben - und er wird den Erwartungen seiner Fans erneut gerecht. Es hilft sehr, die Vorgängerbände gelesen zu haben und sowohl den Mitarbeiterstab wie auch die Abenteuer der "Stranger Times"-Belegschaft mit übernatürlichen Wesen zu kennen. Ist das nicht der Fall, könnte manches etwas verwirrend sein. Wobei: Verwirrung gehört für die Protagonisten doch eigentlich zum Alltag, haben sie es doch regelmäßig teils mit Spinnern, teils mit Wesen zu tun, die nicht ganz von dieser Welt sind. Mal ganz abgesehen von Mitarbeitern, die nur noch als Geister in der Redaktion herumspuken!

Diesmal ist die Redaktion, wenn schon nicht kopf- , dann vor allem führungslos. Hanna, die stellvertretende Chefredakteurin und bislang Garantin für eine gewisse Stabilität, hat kurzfristig gekündigt. Vincent, der reizbare, cholerische Chefredakteur, ist noch launischer als sonst, wobei ständiger Schlafmangel noch dazu beiträgt. Vor allem aber ist er regelrecht besessen von der Vorstellung, dass seine tote Frau gar nicht tot ist und er sie aus einer schlimmen Lage befreien muss. Wie weit würde er dafür gehen? Und was geht in einem Selbstoptimierungs-Retreat vor sich, in dem Hanna zu Gast ist, um vielleicht ihrem Ex-Mann doch noch eine Chance zu geben?

Ein verschwundener Verschwörungstheoretiker, ein Wellness-Tempel mit Gehirnwäsche und Sehnsüchte nach Unsterblichkeit sind nur einige Herausforderungen, denen sich das Team der "Stranger Times" diesmal stellen muss. Stella, jüngstes Mitglied der Redaktion, steht dabei vor ganz besonderen Herausforderungen wie auch Einsichten über sich selbst. Werden alle Geheimnisse gelüftet? Da ein vierter Band in Aussicht steht, hat McDonnell wohl noch einige Ideen in petto. So viel darf verraten werden: Langweilig wird es mit dem schrägen Personal und britischem Humor der Romanreihe auch diesmal nicht.

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