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Veröffentlicht am 03.10.2023

Kalifornische Jugend in den 80-ern

California Girl
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Der Klappentext von Tamar Halperns Roman "California Girl" schien wie eine Einladung zurück in die 80-er Jahre zu sein, um die 14-Jährige Protagonistin Timey zwischen Teenager-Trotz, Selbstentdeckung und ...

Der Klappentext von Tamar Halperns Roman "California Girl" schien wie eine Einladung zurück in die 80-er Jahre zu sein, um die 14-Jährige Protagonistin Timey zwischen Teenager-Trotz, Selbstentdeckung und Erwachsenwerden zu begleiten. Also auch eine Rückkehr zur eigenen Jugend, das hat mich gereizt. Schließlich hatten die 1980-er noch einiges mehr zu bieten als Fönfrisuren und modische Verirrungen wie Blusen mit massiven Schulterpolstern und Karottenjeans!

Das Leben eines Scheidungskindes in Kalifornien, zwischen der künstlerischen Hippie-Mutter inLos Angeles und dem Professoren-Dad in Berkely schien eine interessante Kulisse. Allerdings, auch wenn mir der rotzig-schnodderige Stil der Ich-Erzählerin gefällt, ihre Befremdung, wenn sie sich mit der Tatsache abfinden muss, dass ihre Grufti-Eltern noch sexuelle Gefühle haben, die Suche nach Freundschaften und Identität - irgendwie ist mir Timey fremd geblieben beim Lesen.

Rassismus, Sexismus, Kritik an Oberflächlichkeit und mehr Schein als Sein in der Glitzerstadt L.A., das wurde immer wieder mal angedeutet und doch zu wenig thematisiert. Rebellion fällt eher schwach aus, nämlich vor allem durch reichlich Kiffen. Klar, eine Jugend in Südkalifornien, das war wohl etwas anderes als in der Bundesrepublik zwischen Nato-Doppelbeschluss, Friedensbewegung und Anti-Atomkraft-demos, einer politischen Zeit in der letzten Phase des Kalten Krieges. Es waren die Reagan-Jahre - da muss Timey in ihrem durchaus politisierten Elternhaus doch irgendwas mitgekriegt haben! Ganz zu schweigen von AIDS, der Angst vor dem Virus, die auch das sexuelle Erwachen einer ganzen Teenagergeneration überschattete.

All das habe ich in "California Girl" nicht gefunden, all das fehlt mir. Möglicherweise bin ich mit falschen Erwartungen an dieses Buch herangegangen und deshalb ein wenig enttäuscht. Eine Zeit, die ich als geschärft und intensiv in Erinnerung habe, verwabert hier in Haschischwolken. Im Vergleich zu einigen anderen Coming of Age-Romanen, die ich in jüngster Zeit gelesen habe, hinkt California Girl hinterher. Zwischendurch allerdings blitzen Möglichkeiten auf, die mehr versprechen. Dieser Roman ist Halperns Debüt. Ich hätte mir mehr gewünscht, aber ich glaube, bei der Autorin ist durchaus noch mehr drin.

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Veröffentlicht am 01.10.2023

Nigerianische Coming of Age Story

Andy Africa
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Es ist gar nicht so leicht, 16 Jahre alt zu sein und mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens zu kämpfen, der ersten Verliebtheit und der eigenen Selbstwahrnehmung. Umso mehr, wenn man gerne wüsste, ...

Es ist gar nicht so leicht, 16 Jahre alt zu sein und mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens zu kämpfen, der ersten Verliebtheit und der eigenen Selbstwahrnehmung. Umso mehr, wenn man gerne wüsste, wer sein Vater ist, wenn man zwar begabt ist, aber in eher recht bescheidenen Verhältnissen lebt wie Andy Aziza, Ich-Erzähler und Hauptfigur in Stephen Buoros Roman "Andy Africa". Der Debütroman ist eine Coming of Age Story aus Nigeria, und wer das bevölkerungsreichste Land Afrikas nicht kennt, bekommt quasi nebenher einen Einblick in die Probleme des Landes.

Denn Andy und seine alleinerziehende Mutter leben im muslimisch geprägten Norden des Landes. Die Mutter gehört der mehrheitlich christlichen südnigerianischen Volksgruppe der Ososo an. Das Nebeneinander der Ethnien und Religionen kann gut gehen - zu Andys Freunden gehört die Muslima Fatima, die ebenso wie er von einer engagierten und panafrikanischen Ideen zugeneigten Lehrerin gefördert wird. Doch dann gibt es wieder Zeiten, in denen sich ein Mob zusammenrottet, um mit Macheten und Fackeln Jagd auf die andere Gruppe zu machen.

So auch an einem Abend, als der katholische Pfarrer Andy und andere Messdiener zu einer Gartenparty für seine englische Nichte Eileen einlädt. Auch Andys Mutter ist dort und macht als Fotografin Bilder von der Feier. Bei einem Pogrom gegen Christen wird sie schwer verletzt - ausgerechnet kurz nach einem Streit mit Andy.

Andy leidet unter Schuldgefühlen, aber auch unter beträchtlichem Herzrasen. Denn er hat eine Schwäche für weiße Mädchen. Nicht, dass er in Person viele kennengelernt hätte. Doch Eileen, platinblond und sehr weiß, ist gewissermaßen seine personifizierte Traumfrau.

Buoro legt bei dieser Liebesgeschichte (oder ist es ein Fetisch, fragt sich Andy) einen ziemlichen Spagat hin. Denn auf der einen Seite wird mit der Person der Lehrerin stolze afrikanische Identität und Schwarzes Bewusstsein hervorgehoben - auf der anderen Seite schwärmt Andy von einer jungen Frau, die mit weißem Privileg daherkommt und obendrein zum Volk der ehemaligen Kolonialherren gehört. Ich könnte mir denken, dass Andys Minderwertigkeitsgefühle beim Zusammensein mit Eileen bei schwarzen Lesern durchaus kritisch gesehen werden. Oder findet hier eine ähnliche Exotisierung statt wie beim Blick mancher weißer Menschen auf Afrikaner oder Asiaten?

Nollywood, Korruption, Religionskonflikte, die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft in Europa. das sich durch den Alltag lavieren und die Träume Andys und seiner beiden besten Freunde, seiner "Droogs", die Begegnung mit einem Onkel, dessen Existenz ihm die Mutter stets verschwiegen hatte und der als Monsignore in einem Luxus lebt, von dem Andy nur träumen kann: Buoros Nigeria ist laut, heiß, gewalttätig, aber auch voller Hoffnung. Selbst wenn die dann immer wieder enttäuscht wird. Christiliche, Muslimische und animistische Spiritualität kommt ebenso vor wie krasser Materialismus und Überlebenskampf in einem Land mit kaputtem Gesundheitssystem und brutalen Sicherheitskräften.

"Andy Africa" it lyrisch, dramatisch, tragisch, bunt und lebenshungrig, feiert Familie und Freundschaften und erinnert daran, wie schwer sich das Erwachsenwerden anfühlen kann. Besonders in einem Land, das schon für sich genommen kompliziert genug ist. Klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 01.10.2023

Bitterböser LA Roman

Alles schweigt
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Wahrheit ist immer etwas, was man in der Wahrnehmung gestalten kann. Das jede nfalls ist die Erfahrung von PR-Spezialistin Mae Pruett, zuständig für die Krisenkommunikation der Schönen, Reichen und Berühmten. ...

Wahrheit ist immer etwas, was man in der Wahrnehmung gestalten kann. Das jede nfalls ist die Erfahrung von PR-Spezialistin Mae Pruett, zuständig für die Krisenkommunikation der Schönen, Reichen und Berühmten. Als sie aus dem Mittleren Westen nach Los Angeles gekommen ist, führte ihr Weg sie nach Hollywood, wenn auch etwas anders als bei den vielen, die nach Leinwandruhm streben. In Jordan Harpers Roman "Alles schweigt" ist Mae diejenige, die Probleme zurecht biegt - mit der Exklusivnews für gefügige Journalisten, mit viralen Social-Media-clips, die Alkohol- oder Drogenausfälle ihrer Klienten in Vergessenheit geraten lassen.

Illusionen über ihre Arbeit hat sie längst nicht mehr, aber das Geld, das sie bei dem "Ungeheuer" verdient, ist gut. Und das Ungeheuer ist nicht nur die Firma, für die Mae arbeitet, es ist das ganze System, in dem jede Schweinerei zum Verschwinden gebracht werden kann, wenn man nur die richtigen Leute kennt.

Als ihr Mentor und direkter Vorgesetzter Dan sie zu einem Treffen bestellt, dass gefährlich nach Rendez-vous aussieht, ist Mae irritiert und enttäuscht. So was wollte sie eigentlich immer vermeiden. Doch in einem Geschäft, in dem Täuschung alles ist, ist auch das lauschige Treffen Verschleierung für einen ganz anderen Plan. Dan hat etwas vor, etwas, das beiden so viel Geld einbringen kann, dass sie die Arbeit für das Ungeheuer hinter sich lassen können, ein anderes Leben führen wollen. Was Mae dafür tun muss, soll sie am nächsten Tag erfahren. Doch auf dem Weg zum Treffpunkt wird Dan erschossen - angeblich bei einem missglückten Raubüberfall. Der Täter wird kurz danach von der Polizei erschossen.

Fall gelöst? Mae weiß, wie man die Wirklichkeit zurechtbiegt. Sie ist überzeugt: Es war Mord. Sie fängt an, heimlich zu ermitteln. Der einzige, dem sie traut, ist Chris Tamburro, ihr Ex, ein Ex-Polizist, einer, der ebenfalls für eine Variante des Ungeheuers arbeitet, im Bereich der raueren Jobs.

Es wird eine ganze Weile dauern, bis Mae und Chris das volle Ausmaß des Hornissennests erkennen, in das sie mit ihren Nachforschungen stechen. Es geht um Geld, um Macht, um berühmte Namen und die Vertuschung einer schon lange andauernden Missbrauchsserie. Alle tuscheln, niemand sagt etwas - doch Mae und Chris wollen nicht länger schweigen. Erpressung, Politik, Gefälligkeiten, ein schwangerer Teenager - und Menschen, die über Leichen gehen, um die Wahrheit verborgen zu halten: Es wird brandgefährlich für das Ermittlerduo in diesem bitterbösen, spannenden und oft auch zynischen Roman über ein Hollywood jenseits der strahlenden Lichter.

Harper sorgt immer wieder für neue Wendungen und Entwicklungen, so dass die ganze Komplexität des Falles, aber auch die Motive unterschiedlicher Player, erst nach und nach enthüllt werden. Genremäßig ist "Alles schweigt" schwer zuzuordnen - Gesellschaftsroman, Kriminalroman? Auf jeden Fall aber ein Buch, das fesselt und die dunkle Seite von LA zeigt.

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Veröffentlicht am 23.09.2023

Die Tote im Lavafeld

Verlogen
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Seit einem halben Jahr ist eine junge Frau in einer isländischen Kleinstadt verschwunden, doch vermisst wird sie offenbar nicht einmal von ihrer 16-jährigen Tochter. Alkoholabhängig, nicht besonders ...

Seit einem halben Jahr ist eine junge Frau in einer isländischen Kleinstadt verschwunden, doch vermisst wird sie offenbar nicht einmal von ihrer 16-jährigen Tochter. Alkoholabhängig, nicht besonders zuverlässig, hat die alleinerziehende Mutter einen Abschiedsbrief hinterlassen. Wollte sie mit einem Suizid aus all ihren Problemen flüchten? Doch als in einem Lavafeld eine weibliche Leiche gefunden wird, scheidet für die ermittelnde Polizistin Elma und ihr Team ein Selbstmord oder Unfall schnell aus. Zu sehr wirkt die Tote wie abgelegt und versteckt. Doch wer könnte Interesse daran haben, eine Frau zu töten, die eh schon länger auf der Verliererseite des Lebens steckte?

In "Verlogen", dem zweiten Band von Eva Björg Aegisdottir Reihe um die isländische Polizistin Elma, ist der Titel bereits Programm. Denn zahlreiche Lügen müssen auf der Suche nach der Wahrheit aufgedeckt werden. Dabei versteht es die Autorin gut, ihre Leser*innen ebenfalls mit manchem Täuschungsmanöver zu überraschen, zu dem auch verschiedene Erzähperspektiven beitragen.

Denn da geht es einerseits um eine junge Mutter mit vielen Problemen, die ihr Kind nicht lieben kann und deren Tochter selbst verhaltensauffällig und aggressiv ist. Angesichts des Vermisstenfalls ist die Idee naheliegend, dass hier eine Vorgeschichte geschildert wird. Oder ist es doch alles ganz anders?

Motive, die problematische Mutter aus dem Weg zu schaffen, hätte selbst die eigene Tochter: Schließlich kann sie nun endlich ganz bei den Pflegeeltern leben, bei denen sie zuvor jedes zweite Wochenende verbracht hatte und die sie nur zu gerne adoptiert hätten. Pflegeeltern, die ihr zudem alle möglichen Statusartikel bieten können, die sich die Mutter nicht leisten konnte. Pflegeeltern, die auch alles tun würden, um "ihr" Kind ganz für sich zu haben?

Komplizierte Mutter-Tochter-Beziehungen, die Unfähigkeit zu Lieben, die Sehnsucht nach Freundschaften, Einsamkeit und Isolation - die Autorin entwickelt komplexe Beziehungsgeflechte und sorgt immer wieder für überraschende Wendungen. Dieses Buch hat mir sogar noch besser als der erste Band der Serie gefallen, es ist spannend und mit interessanten, vielschichtigen Figuren. Auch das Privatleben der Polizisten ist nicht ohne Höhen und Tiefen. Diese Island-Kriminalromane schüren Ungeduld auf einen weiteren Band der Reihe

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Veröffentlicht am 23.09.2023

Das Fräulein vom Amt zwischen Liebe und Detektivarbeit

Fräulein vom Amt – Spiel auf Leben und Tod
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Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - das ist für viele Frauen auch heute noch ein Spagat. Vor hundert Jahren war es noch eine Ecke schwieriger, weiß Alma Täuber, die Protagonistin der historischen ...

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - das ist für viele Frauen auch heute noch ein Spagat. Vor hundert Jahren war es noch eine Ecke schwieriger, weiß Alma Täuber, die Protagonistin der historischen Krimireihe von Charlotte Blum um das "Fräulein vom Amt" im Baden-Baden der 1920-er Jahre. Denn die jungen Frauen mussten unverheiratet sein, wenn sie berufstätig bleiben wollten - Fräulein eben. Alma befindet sich in einem Dauerkonflikt: Der fesche Kriminalkommissar Ludwig Schiller würde ihr nur zu gerne einen Verlobungsring an den Finger stecken. Alma liebt den Polizisten - aber ihren Beruf und damit ihre auch finanzielle Unabhängigkeit will sie nicht aufgeben.

In "Spiel auf Leben und Tod", dem dritten Band der Autorinnen Regine Bott und Dorothea Böhme, die gemeinsam als "Charlotte Blum" schreiben, haben Alma und Ludwig allerdings ein Arrangement gefunden: Da Alma mit ihrer lebenslustigen Freundin Emmi eine kleine Mansardenwohnung bewohnt, hat das Paar immerhin Gelegenheit für ungestörtes Beisammensein.

Hatte Alma sich in den Vorgängerbänden eher zufällig als Hobbydetektivin betätigt, bekommt sie diesmal einen Auftrag: Denn eine ihrer Kolleginnen weigert sich zu glauben, dass ihre tot in einer Wäscherei gefundene Cousine Selbstmord begangen haben soll oder Opfer eines Arbeitsunfalls wurde. Alma soll das Geheimnis lüften - schließlich hat sie ja bereits Erfahrung im Ermitteln gesammelt.

Tatsächlich glaubt auch Alma schon bald, dass der Tod der jungen Frau kein Unfall gewesen sein kann. Ist das Rilke-Gedicht eines gewissen Paul, das in der Handtasche der Toten gefunden wurde, ein Hinweis? Und was trieb die junge Frau in eine auch bei Kommunisten beliebten Kneipe? Erst nach und nach begreift Alma, dass manche der scheinbar eindeutigen Hinweise anders gedeutet werden könnten.

Ermitteln muss auch Ludwig, allerdings in einer Diebstahlserie in Hotels in Baden-Baden. Ein hochkarätiges Schachturnier scheint auch Langfinger anzulocken, die gebannte Zuschauer um Schmuck, Uhren und Geld erleichtern.

Der Kriminalfall ist das eine Leitmotiv dieses historischen Romans, ein anderes ist Frauen-Power und Selbstermächtigung. Denn seit Freundin und Mitbewohnerin Emmi neuerdings Filialleiterin eines Blumengeschäfts ist, wagt auch Alma höhere Träume: Könnte eine Selbständigkeit als Detektivin ihr privates und berufliches Dilemma lösen? Tough ud selbstbewusst ist auch die "Queen", Anführerin einer kriminellen Frauen-Gang, die Alma erst bedroht und dann eine Art Allianz schmiedet. Ja selbst Almas Großmaman, die der Zeit des Kaiserreichs noch immer nachtrauert, entwickelt ein paar unerwartet moderne Ein- und Ansichten.

Insofern ist das Buch um die Abenteuer des Fräulein vom Amt nicht nur ein Kriminal- und Liebesroman, sondern auf unterhaltsame Weise auch ein Plädoyer für Frauenemanzipation.

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