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Veröffentlicht am 15.12.2022

Verlorene Seelen

Gespräche auf dem Meeresgrund
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Keine 150 Seiten ist "Gespräche auf dem Meeresgrund" von Root Leeb lang, doch die Erzählung enthält eine Menge Nachdenkenswertes, umso mehr, als wenig geschieht. Irgendwo auf dem Meeresgrund, ich verorte ...

Keine 150 Seiten ist "Gespräche auf dem Meeresgrund" von Root Leeb lang, doch die Erzählung enthält eine Menge Nachdenkenswertes, umso mehr, als wenig geschieht. Irgendwo auf dem Meeresgrund, ich verorte es am ehesten im Mittelmeer,werden drei namenlose, buchstäblich in Auflösung begriffene Existenzen aufeinander zugetrieben. Ist das der letzte Funken Leben verlorener Seelen? Die Hintergründe bleiben vage, Erinnerungssplitter, vielleicht aber auch nur Phantasien. Vage bleiben zunächst auch die Protagonisten: Der Eine, der Andere, die Dritte - eher Typen als Individuen,

So steht der Eine für die vielen Tausenden, denen das Meer zum nassen Grab geworden ist auf der Suche nach einer besseren Zukunft, während der Andere das gute Leben schon hatte, auf einer Ferienyacht über Bord ging. Und die Dritte - war sie ein Opfer politischer und sexueller Gewalt und Verfolgung, oder waren es ihre Ängste und Phantasien, die in ihren Gedanken gespiegelt werden?

Ein wenig erinnern die Gespräche an die fünf Phasen des Sterbens, denn vor allem der Andere hält sich noch ganz an dem Gedanken fest, dass es für ihn noch ein Leben gibt, dass er nicht tot ist, sondern in irgendeinem Zwischenstadion, dass Rettung kommen wird und alles wieder wird wie zuvor. Dagegen ist bei dem Einen die Akzeptanz dessen, was er nun ist, spürbar. Verwirrung und Wut, Ängste und Hoffnungen - in dem Nirgendwo zwischen Existenz und Auflösung werden auch die Gespräche existentiell, kreisen um Persönliches, um die Vergangenheit, um Konflikte und Konfrontationen und erst nach und nach wird aus allgemeinem individuelles Schicksal.

Die Welt, in der Raum und Zeit für die Protagonisten aufgehoben scheinen, spiegelt sich auch in der Sprache wider, die teilweise dahinrollt wie die Gezeiten, mal nachdenklich, mal dahinplätschernd, mal nachhallend. Die Illustrationen der Autorin ergänzen das maritime Ambiente. Manchmal verwirren die "Gespräche", oft regen sie zum Nachdenken an. Kein Buch mal eben für Zwischendurch, sondern eines, für das man sich trotz des knappen Umfangs genügend Zeit nehmen sollte.

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Veröffentlicht am 14.12.2022

Albtraum unter Freunden

Happy New Year – Zwei Familien, ein Albtraum
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Es ist Silvester, und fast alles wie immer bei den befreundeten Ehepaaren Lollo und Max, Frederik und Nina. Wie jedes Jahr verbringen sie die letzte Nacht des Jahres zusammen, auch wenn sie sich im Grunde ...

Es ist Silvester, und fast alles wie immer bei den befreundeten Ehepaaren Lollo und Max, Frederik und Nina. Wie jedes Jahr verbringen sie die letzte Nacht des Jahres zusammen, auch wenn sie sich im Grunde auseinandergelebt haben und nicht mehr viel zu sagen haben. Doch insbesondere die jahrzehntelange Freundschaft der Frauen, Lollo, Nina und Malena scheint der Kitt zu sein, der zumindest zweimal im Jahr das Grüppchen zusammenhält, Silvester eben und Mittsommernacht. Das ist der Ausgangspunkt von Malin Stehns Psychothriller "Happy New Year"

Diesmal allerdings verlässt Nina ihr Zuhause mit gemischten Gefühlen, denn die großem Töchter feiern dort erstmal alleine eine Party, und Nina traut Lollos Tochter Jennifer nicht so recht über den Weg, die schon immer das Risiko liebte und das eigene Kind, wie sie fand, auf falsche Gedanken brachte.

Die Silvesterparty im Haus des wohlhabenden Immobilienmaklers Max und seiner statusbewussten Frau Lollo ist für Fredrik nur mit viel Alkohol zu ertragen, das Protzgehabe der beiden geht dem Lehrer jedes Mal auf die Nerven. Der Neujahrstag beginnt nicht nur mit einem Kater, sondern auch mit vielen Fragezeichen: Denn Jennifer hatte die Party, die ziemlich schnell aus dem Ruder gelaufen ist, vor Mitternacht verlassen, um nach Hause zu fahren, ganz untypisch früh. Doch dort ist die 17-jährige nicht angekommen. Eine SMS kurz vor Mitternacht mit Neujahrsgrüßen ist das letzte Lebenszeichen.

Ein vermisstes Kind, das ist der Alptraum für jede Familie. Bei aller Oberflächlichkeit bilden Max und Lollo da keine Ausnahme. Mit jedem Tag der Ungewissheit steigt die Spannung. In ihrem Versuch, mehr über Jennifers Kontakte herauszufinden, muss Lollo feststellen, dass sie ihre Tochter eigentlich gar nicht richtig kennt und Jennifer einige dunkle Geheimnisse hatte. Doch damit ist sie offenbar nicht die einzige.

Malin Stehn schafft es, immer wieder Verdachtsmomente gegen ihre Protagonisten zu legen und Andeutungen zu machen, die gewissen Schlüsse nahelegen und dann doch widerlegt werden. Ihre Finten sorgen für die Leser immer wieder für Überraschungsmomente und einem immer wieder neuen Blick auf das Geschehen während die scheinbar heile Welt ebenso zerfasert wie die alte Freundschaft. Die Lösung des Rätsels ist überraschend, doch bis dahin werden Persönlickeiten seziert und Grenzsituationen ausgekostet. "Happy New Year" ist nichts besinnlich-hyggeliges zur Weihnachtszeit, sondern Spannung in dunkler Jahreszeit. Dabei lässt sich die Autorin manchmal vielleicht etwas viel Zeit, zur Sache zu kommen. Aber letztlich schadet dass der Spannung nicht.

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Veröffentlicht am 12.12.2022

Nichts ist, wie es scheint

Der gute Hirte
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Taifun Coban ist ein Spezialist des LKA Kiel und kennt sich insbesondere mit der Idenitfizierung unbekannter Toter aus. So landet er auch im Dorf Harmsbüttel, wo ein unbekannter Toter in einer Baugrube ...

Taifun Coban ist ein Spezialist des LKA Kiel und kennt sich insbesondere mit der Idenitfizierung unbekannter Toter aus. So landet er auch im Dorf Harmsbüttel, wo ein unbekannter Toter in einer Baugrube gefunden ist. Sein Ansprechpartner vor Ort ist der Dorfpolizist Wernersen - und die Zusammenarbeit zunächst mal gewöhnungsbedürftig: Coban findet den Beamten schlafend auf seiner Terasse statt auf dem Revier, Besprechungen finden gerne im Wohnzimmer der Wernersens statt, sprich: die professionelle Haltung lässt zu wünschen übrig. Doch nicht nur die. Wernersen neigt zu rassistischen Bemerkungen, schert Türken und Araber über einen Kamm und reagiert erst einmal befremdet auf seinen türkeistämmigen Kollegen.

Erfreulicher ist die Zusammenarbeit mit der Kollegin Fanta Braun, wobei die humorvolle Frau Coban fast zu gut gefällt, schließlich ist sie verheiratet. Allmählich wird deutlich, dass der Tote im Zusammenhang mit einem Jahre zurückliegenden Fall zu tun haben könnte. Damals kam bei einem Feuer ein eigenbrötlerischer Mann ums Leben. Was der Leser früher weiß als die Ermittler: Der Streich einer Jungenbande war gründlich schiefgegangen. Erst bei den Räumungsarbeiten wurde damals auch die Leiche eines Mädchens gefunden, das ein Jahr zuvor vermisst gemeldet worden war. Der Tote stellte sich im nachhinein als Entführer und Vergewaltiger heraus.

In einer anderen Erzählebene geht es um die damaligen Jungen, vor allem aber um das Schicksal eines Heim- und Pflegekindes, das sein ganzes Leben lang fast nur Demütigungen und Misshandlungen erfahren hat. Was macht das mit einem Menschen - und wer ist der Junge heute?

In seinem Buch "Der gute Hirte" legt Cornelius Hartz viele Verdachtspuren. Als Leser weiß man zwar einiges, muss aber immer wieder die eigenen Vorstellungen revidieren. Das Rätselraten hält bis kurz vor Ende des Buches an, Persönliche Tragödien und Konflikte sind entscheidend, die Spannung ist eher psychologisch angelegt. Auch die Kulturunterschiede zwischen Großstadtmensch Coban und der eingeschworenen Dorfgemeinschaft tragen zum Reiz des Buches bei. Offenbar wird es nicht das letzte Mal sein, dass der Autor Taifun Coban ermitteln lässt.

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Veröffentlicht am 10.12.2022

Dichter, Trinker und Destillen

Ein Schuss Whiskey
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Der Titel "Ein Schuss Whiskey" macht klar - Carsten Sebastian Henns dritter kulinarischer Kriminalroman spielt auf der grünen Insel, Irland. Dazu hätte es nocht nicht einmal das Kleeblatt auf der Coverseite ...

Der Titel "Ein Schuss Whiskey" macht klar - Carsten Sebastian Henns dritter kulinarischer Kriminalroman spielt auf der grünen Insel, Irland. Dazu hätte es nocht nicht einmal das Kleeblatt auf der Coverseite gebraucht. Schließlich wird in Irland bekanntlich Whiskey gebrannt - mit einem e-Unterschied etwa zum schottischen Whisky. Um die Konkurrenz zwischen Iren und Schotten in Sachen Hochprozentiges, um die immer bösen Engländer und die Rolle des Whiskeys für die irische Seele geht es hier denn auch - unter anderem. Denn daneben steht eine andere irische Spezialität im Mittelpunkt, nämlich Dichtung und Schriftstellerei. Und natürlich der eine oder andere Mord.

Janus Rosner sucht in Dublin Inspiration. Er will einen Kriminalroman schreiben, doch er leidet unter einer Schreibblockade. Dagegen sollte Whiskey helfen, viel Whiskey. In vino veritas, und im Rausch vielleicht die zündende Idee für den Roman? Zwischen trunkenen Dialogen glaubt Janus zu halluzinieren, als er eine wunderschöne Frau sieht, die auf der anderen Seitedes Flusses erst Gedichte rezitiert und dann von einem maskierten Mann erschossen wird. Die Polizei will Janus keinen Glauben schenken, was teils an seinem offensichtlich alles andere als nüchternem Zustand liegt, aber auch an der Tatsache, dass es keine Leiche gibt, Die gibt es dafür einen Tag später - allerdinga handelt es sich um eine andere Frau.

Der Rheinländer Janus kann seine westfälische Mitbewohnerin überreden, mit ihm gemeinsam Detektiv zu spielen. Und das heißt angesichts der rheinisch-westfälischen Kulturunterschiede eine ganze Menge! Selbst die irisch-englischen Animositäten werden da beinahe in den Schatten gestellt.

Ein paar Leichen, ziemlich viele skurrile Charaktere, ein bißchen Liebe und reichlich Whiskey füllen diesen Roman, der mit viel Humor geschrieben ist und das Genre durchaus auf die Schippe nimmt. Auf den Plot kommt es da gar nicht so sehr an, denn im Vordergrund steht außer dem exzentrischen Detektivspiel die Suche nach dem perfekten Whiskey. Dabei macht die Beschreibung verschiedener Whiskeysorten, die Janus bei seiner Suche nach der Wahrheit verkostet, sehr deutlich, dass Henn auch Restaurantkritiker ist. Geradezu poetisch werden die Empfindungen von Gaumen und Kehle niedergeschrieben.

"Ein Schuss Whiskey" macht vor allem Spaß und vielleicht auch ein bißchen durstig. Mit der Lösung des Falls ist auch noch nichts Schluss, denn es gibt einen whiskeyhaltigen Rezeptteil und auch zwischendurch allerlei historische Schlenker zur Geschichte von Whiskey und Whisky. Slainte!

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Veröffentlicht am 04.12.2022

Totgesagte leben länger

Transatlantik
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Es mag Menschen geben, denen ist der Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath nur als Hauptfigur der Fernsehserie "Babylon Berlin" ein Begriff ist. Bei der Lektüre von Volker Kutschers neuem Rath-Roman ...

Es mag Menschen geben, denen ist der Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath nur als Hauptfigur der Fernsehserie "Babylon Berlin" ein Begriff ist. Bei der Lektüre von Volker Kutschers neuem Rath-Roman "Transatlantik" wären die vermutlich verwirrt. Nicht nur, weil im nunmehr neunten Band der Reihe bereits das Jahr 1937 angebrochen ist. Statt der späten Weimarer Republik werden in Nazi-Deutschland immer mehr Freiräume eingegrenzt. Für Charlotte Rath, die Frau des Kommissars, ein zunehmend unerträglicher Zustand - sie verabscheut die Nationalsozialisten. Und anders als in der Fernsehserie ist sie nicht Proletarierkind und Gelegenheitsprostituierte, sondern eine preußische Beamtentochter, die im nationalsozialistischen Deutschland ihren Beruf als Juristin nicht länger ausüben kann. Hier tritt sie aus dem Schatten der Vorgängerromane und ist erstmals die eigentliche Hauptfigur.

Doch auch Leser haben Vorteile, wenn sie die vorangegangenen Bücher, vor allem den unmittelbaren Vorgängerband "Olympia" kennen. Andernfalls wird es in dem komplexen Plot zunehmend schwierig, die Figuren und ihre Entwicklung zu überblicken - zumal die so manche Veränderung durchmachen, wie etwa jener Polizist, dessen Begeisterung für den Nationalsozialismus spürbar abgekühlt ist.

Charlotte Rath, genannt Charlie, würde das Deutschland, das so gar nicht mehr ihres ist, am liebsten in Richtung Prag verlassen. Doch ihr früherer Pflegesohn Fritz wurde als vermeintlich genetisch minderwertig in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Charlotte schafft es zwar, seine Entlassung vor Gericht zu erstreiten, auch dank ihrer hartnäckigem Suche nach Fritz´s biologischem Vater - doch der Junge wird ausgerechnet in die Pflegschaft des HJ-Führers zurückgegeben, aus der er ausgerissen war.

Der letzte Rath-Roman endete mit dem Absturz des Luftschiffs "Hindenburg" an dessen Bord Gereon Rath war. Damals fragten sich viele Leser vermutlich: War´s das? In "Transatlantik" liefert Kutscher Antworten zum Schicksal des Totgeglaubten. Auch manche aus früheren Bänden vertraute Figur taucht wieder auf, etwa Marion Goldstein, ehemalige Berliner Nackttänzerin und Witwe des amerikanischen Gangsters Abe Goldstein. Gangsterboss Johann Marlow hat sich in den USA eine neue kriminelle Existenz aufgebaut und noch eine Rechnung mit Rath offen.

Die Handlung wechselt in "Transatlantik" zwischen der Ostküste der USA und Berlin hin und her. Bemerkenswert ist, wie sehr diesmal die Frauen das Geschehen bestimmen, allen voran Charlotte Rath, die nun als Privatdetektivin arbeitet und angesichts ihres totgeglaubten Mannes nur langsam ein neues Leben beginnt, zu dem auch andere Männer gehören. Doch auch mit den Ex-Kollegen in der "Burg" am Alexanderplatz hat sie wieder zu tun, als in einer Garage die Leiche eines SS-Mannes gefunden wird, mit dem ihre Freundin und Mitbewohnerin Greta eine On-Off-Beziehung hatte. Doch Greta ist verschwunden - Täterin oder weiteres Opfer? Charlie kann und will die Ermittlungen nicht der POlizei alleine überlassen.

"Transatlantik" ist komplex und vielschichtig, eher Zeitporträt als Krimi. Ein guter Anlass, mal wieder in den Vörgänerromanen zu lesen und damalige Handlungsstränge und Figuren in Erinnerung zu rufen. Die Abenteuer der Familie Rath, so scheint es, sind noch lange nicht zu Ende. Doch ob es jemals ein happy end geben wird, steht nicht nur angesichts der politischen Entwicklung in Deutschland unter einem Fragezeichen. Langweilig wird es jedenfalls auch im neunten Band nicht. Respekt, wie Kutscher die vielen Erzählfäden souverän in der Hand hält und verknüpft.

In der Hörbuchversion ist es einmal mehr David Nathan, der dem Buch seine Stimme gibt, wobei er mehr noch als in den früheren Bänden mit Akzenten und Dialekten arbeiten kann. Obwohl es sich um eine gekürzte Version handelt, ist das Hörbuch immer noch knapp 17 Stunden lang - da sollte man schon konsequent dranbleiben und konzentriert zuhören, denn man kann ja nicht wie beim Buch "mal eben zurückblättern". Die angenehme und alles andere als langweilige Interpretation Nathans macht das Zuhören leicht, auch wenn es nur einen Sprecher gibt, schafft er es mit seiner Interpretation, immer wieder hörspielähnliche Erzählweisen einzubringen, die das Kopfkino in Gang setzen.