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Veröffentlicht am 14.04.2025

Detaillierte Geschichte der Hisbollah

Die Hisbollah
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Wer auf der Suche nach Hintergründen und Vernetzungen der bewaffneten Gruppen im Nahen Osten ist, scheint an Joseph Croitoru nicht vorbei zu kommen. Im vergangenen Jahr las ich mit großem Interesse sein ...

Wer auf der Suche nach Hintergründen und Vernetzungen der bewaffneten Gruppen im Nahen Osten ist, scheint an Joseph Croitoru nicht vorbei zu kommen. Im vergangenen Jahr las ich mit großem Interesse sein Buch über die Hamas, nun sein neues Sachbuch über die Hisbollah.

Einmal mehr zeigt sich Croitoru als gründlicher und faktenreicher Rechercheur, der nicht nur auf die jüngsten Entwicklungen eingeht, sondern Zusammenhänge erklärt und einordnet. Sein Buch beschreibt nicht nur den Werdegang und Aufstieg führender Persönlichkeiten wie des im vergangenen Jahr bei einem israelischen Angriff getöteten Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah. Es ist auch ein Abriss der Geschichte des Libanon in den vergangenen Jahrzehnten und der Rivalitäten der verschiedenen religiösen und politischen Gruppen.

Wer kein Religions- oder Islamwissenschaftler ist, bekommt einen Einblick in die historische Spaltung in Schiiten und Sunniten. Natürlich geht es auch um die Rolle des Iran und der islamischen Revolution dort, aber auch das Engagement Syriens in der Region, sowie selbstverständlich um die Politik Israels im Umgang mit dem Libanon und anderen Staaten der Region. Rivalitäten sowohl mit der PLO im Libanon wie auch mit anderen schiitischen Gruppen wie der Amal werden in ihrer Entwicklung und ihren wichtigsten Vertretern aufgezeichnet.

Croitoru schildert Geschichte und Ideologie, Taktiken und Bündnisse, Rivalitäten und Grabenkämpfe in der schiitischen Minderheit im Libanon und zeigt, wie die "Partei Gottes" von einer kleinen Gruppe zur wichtigsten proiranischen Miliz in der Region aufstieg.

Sowohl als Nachschlage- wie auch als Erklärwerk über die Hisbollah und ihre Rolle im Nahostkonflikt ist sein Buch unverzichtbar für alle, die sich mit der aktuellen Lage zwischen Israel und Libanon, der andauernden Gewalt und den Konflikten in der Region sowie den Positionen der verschiedenen Gruppen befassen wollen.

Veröffentlicht am 14.04.2025

Ein Jungfunktionär mit berauschender Idee

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste
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Vielleicht sollte man in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen sein oder den real existierenden Sozialismus a la DDR selbst erlebt haben, um Jakob Heins Roman "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee ...

Vielleicht sollte man in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen sein oder den real existierenden Sozialismus a la DDR selbst erlebt haben, um Jakob Heins Roman "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" richtig würdigen und genießen zu können. Aber auch nachgeborene Generationen dürften an der witzigen und unterhaltsamen alternativen Geschichtsschreibung deutsch-deutscher Verhältnisse in den 80-er Jahren Spaß haben.

Hein führt die Leser*innen zurück in die frühen 80-er Jahre. Helmut Kohl ist Bundeskanzler und setzt auf die geistig-moralische Wende, die Handlung spielt allerdings ganz überwiegend in der DDR. Grischa, linientreuer Kadersprössling, SED-Mitglied und für den Sozialismus brennend, ist aus der thüringischen Provinz nach Berlin gezogen, um seine erste Stelle anzutreten. Bei der Plako, der staatlichen Planungskommission! Der ehrgeizige junge Mann kann es gar nicht erwarten, so richtig loszulegen. Und erleidet erst einmal einen Realitätsschock: Der Jungaktivist der Abteilung für Afghanistan - wo zu diesem Zeitpunkt die sowjetische Invasion andauert - hat außer seinem Chef keine weiteren Kollegen, und die Arbeitsleistung der Abteilung ist sehr übersichtlich. Viel Zeit wird in der Kantine verbracht.

Doch Grischa will Völkerfreundschaft und Handelsaustausch dienen und hat nach ausgiebiger Recherche eine zündende Idee, von der er seine Vorgesetzten erst einmal überzeugen muss: Technik aus der DDR im Austausch gegen Medizinalhanf, das zusammen mit Schlafmohn zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen Afghanistans gehört. Und anders als in der BRD sei Cannabis in der DDR nicht gesetzlich verboten, schon allein, weil es dort keinen vorhandenen Markt gebe. Doch Grischa will ohnehin nicht die DDR-Jugend zum Kiffen verführen, sondern den Kapitalismus unterwandern: Mit Verkauf an die Westberliner Jugend gleich hinter dem Grenzkontrollpunkt, in einem deutsch-afghanischen Freundschaftsladen, lässt sich dem Klassenfeind eine Nase drehen und obendrein kriminelle Strukturen von Dealern unterwandern.

Nach einer Exkursion zum afghanischen Brudervolk - unter Aufsicht einer strengen Offizierin des MfS, versteht sich - und Produktprobe werden Grischas Pläne tatsächlich Realität - und spülen nach anfänglichen Anlaufproblemen schon bald reichlich Devisen in die Kassen der DDR. Es dauert ein bißchen, bis die Westberliner und bundesdeutschen Behörden auf das Phänomen aufmerksam werden, das nicht nur rechtlichen, sondern auch politischen Sprengstoff verspricht. Denn bundesdeutsche Kontrollmaßnahmen liefen womöglich auf eine de facto-Anerkennung der Grenze hinaus, die es nicht geben darf.

Derweil hat eine junge, ehrgeizige und in einem Bonner Ministerium gelangweilte Rechtsreferendarin eine Idee, wie mit dem Rauschgifthandel am Grenzkontrollpunkt umgegangen werden sollte. Ein fast schon konspiratives deutsch-deutsches Treffen in Bayern wird zur Verhandlung über das Afghanistan-Projekt, bei der sich beide Seiten gegenseitig belauern und natürlich bespitzeln. Dennoch kommt es zu einer unerwarteten deutsch-deutschen Annäherung und einem Ausgang, der Grischa Lob von höchster Stelle und die Auszeichnung als "Held der Arbeit" einbringt. Auch wenn er sich sein völkerverbindendes Agrarprojekt so nun wirklich nicht vorgestellt hat. Doch mit einem geradezu märchenhaften Ausgang schafft es Hein, für die Protagonisten des Plako-Teams ein buchstäbliches happy end zu finden.

Ähnlich wie in "Good bye Lenin" sorgt dieses Buch für viele heitere Momente, gerade weil die aberwitzige Handlung mit DDR-Sprech und Beamten-Slang begleitet wird. Schon allein das konspirative Bayern-Treffen mit Geheimdienstlern beider Seiten ist ein kleines Juwel. Ich habe mich beim Lesen großartig unterhalten.

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Veröffentlicht am 13.04.2025

Ermittlungen im Olivenhain

Grünes Gold
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Es gibt schlechtere Arbeitsplätze als den von Enrico Rizzi: Rizzi ist Inselpolizist auf Capri und muss in "Grünes Gold" von Luca Ventura zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo zwischen Olivenhainen ...

Es gibt schlechtere Arbeitsplätze als den von Enrico Rizzi: Rizzi ist Inselpolizist auf Capri und muss in "Grünes Gold" von Luca Ventura zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo zwischen Olivenhainen und der Seilbahnstation auf dem Monte Solaro ermitteln. Dienstlich mit der Vespa auf der Insel herumdüsen - es könnte wirklich schlimmer sein.

Der neue Fall der Inselpolizisten führt sie gleich auf den Berggipfel: Ein Sessellift-Kunde ist tot auf der Bergstation angekommen - und beim näheren Hinsehen stellt sich heraus, dass der Mann erschossen wurde. Bei einem Gewaltdelikt schaltet sich zwar die Kriminalpolizei in Neapel ein und Rizzi und Cirillo dürfen nur im Auftrag ermitteln, doch die beiden machen sich so ihre eigenen Gedanken und kommen dank ihres Insel-Know-Hows einigen Geheimnissen auf die Spur.

Ich kannte die vorherigen Bücher des Autors nicht, was vielleicht ein Nachteil ist - weniger für den Plot, es handelt sich schließlich um eine abgeschlossene Handlung, als mit Blick auf die Protagonisten, die irgendwie oberflächlich blieben. Vielleicht schon "auserzählt" für Stammlerser*innen? Die Inselatmosphäre ist schön angefangen, seien es mediterrane Gerüche und sonnenbeschienene Buchten auf Capri, seien es die weniger schön riechenden und auch nicht so ansehnlichen Gassen von Neapel.

"Grünes Gold" ist eher als Ferienkrimi einzuordnen, der Lust auf bella Italia und insbesondere Capri macht, schöne Bilder im Kopfkino wachruft, aber weniger für durchgehende Spannung sorgt. Nett und unterhaltsam, aber als Spannungsroman mit einigen Durchhängern.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Brandaktueller Politthriller

Echokammer
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Mit "Echokammer" hat der norwegische Autor Ingar Johnsrud einen Polizei- und Politikthriller von beklemmender Aktualität geschrieben. Der Auftakt einer Reihe um die Ermittler Liselott Benjamin und Martin ...

Mit "Echokammer" hat der norwegische Autor Ingar Johnsrud einen Polizei- und Politikthriller von beklemmender Aktualität geschrieben. Der Auftakt einer Reihe um die Ermittler Liselott Benjamin und Martin Tong ist vielverprechend und macht neugierig auf mehr. Dabei liegt Johnsrud in der Tradition von Scandinavia noir mit gesellschaftskritischen Zügen. Und die Themen des spannenden Thrillers klingen auch hierzulande nur zu vertraut.

Es ist Wahlkampf in Norwegen und die traditionsreiche Arbeiterpartei will sich die Regierungsmehrheit zurückholen. Die ehrgeizige Vizechefin der Partei und designierte Justizministerin im Fall eines Wahlsiegs forciert das Thema Migration, versucht Stimmen vom rechten Rand zurückzugewinnen, indem sie dessen Parolen übernimmt: etwa Abschiebungen und Aberkennung der Staatsbürgerschaft bei kriminellen Norwegern, deren familiäre Wurzeln im Ausland liegen.

Ihr juristischer Berater Jens Meidell, bislang Polizeijurist und Spross einer einflussreichen Politikerdynastie innerhalb der Arbeiterpartei, gerät immer mehr in politische Intrigen, die er eigentlich vermeiden wollte, mit missverständlichen Law and Order-Zitaten aber auch unter Medienbeschuss. Im Wahlkampf, dem er sich zunächst voller Überzeugung anschloss, stößt er bald auf Ungereimtheiten: Geht der smarter Politikberater, den seine Chefin angeheuert hat, zu weit und versucht, Wähler zu manipulieren?

Während sich die politische Debatte zunehmend vergiftet, droht aber noch eine ganz andere Gefahr: Ermittlungen nach einem Unfall liefern der Polizei Hinweise auf Rizin, das sich in den Händen von Terroristen befinden könnte. Droht ein Anschlag während der Wahl?

Die Ermittlungen der Terrorabwehr laufen auf Hochtouren und die ehemalige Verhandlungsführerin Benjamin soll im Auftrag ihres Chefs Tong dazu bringen, sich mit seinem Know-How in die Ermittlungen einzubringen. Denn Tong war einer der führenden Terror-Ermittler und Analysten. Seit er den Dienst quittierte, trinkt er viel und hat sich auf einen abgewrackten Wohnwagenplatz zurückgezogen - ein Team also, das menschlich wie beruflich erst noch zusammenfinden muss.

Trotz einiger Längen, um die Personen der Reihe den Leser*innen vorzustellen und vertraut zu machen, ist "Echokammer" ein spannender Pageturner. Wie sich die verschiedenen Erzählstränge schließlich miteinander verbinden zu einer dramatischen Entwicklung fesselt beim Lesen und es fiel mir schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Daneben geht es um Themen wie Alltagsrassismus, Datensicherheit und Radikalisierung, Themen also, die nicht nur in Norwegen die aktuelle Gesellschaft und ihre Debatten prägen. Ein höchst gelungener Auftakt.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Ukrainisches Kriegstagebuch

Im täglichen Krieg
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Die Waffe von Schriftstellern sind Worte. Auch der ukrainische russischsprachige Schriftsteller Andrej Kurkow versucht mit seinem Kriegstagebuch "Im täglichen Krieg" auf diese Weise aufzurütteln, Aufmerksamkeit ...

Die Waffe von Schriftstellern sind Worte. Auch der ukrainische russischsprachige Schriftsteller Andrej Kurkow versucht mit seinem Kriegstagebuch "Im täglichen Krieg" auf diese Weise aufzurütteln, Aufmerksamkeit für die Lage in seinem Land zu wecken, damit die Weltöffentlichkeit sich nicht irgendwann an den Status quo gewöhnt und zur Tagesordnung übergeht. Schreiben heißt erinnern - an den russischen Angriffskrieg, an die Massaker und Kriegsverbrechen, an die Leugnung und Unterdrückung ukrainischer Identität, die Zwangsrussifizierung in den besetzten Gebieten.

Vor Jahren las ich Kurkows wunderbares Buch "Graue Bienen" über einen alten Imker im Donbas - der Krieg hatte aus der Sicht der Ukrainer bereits zu jener Zeit, im Jahr 2014, begonnen. In seinem Kriegstagebuch führt Kurkow seine Leser*innen durch Bombennächte und Luftschutzkeller, durch den Alltag und die Versuche, das Leben weiter zu führen, die Militarisierung und Mobilisierung auf beiden Seiten. Dabei gibt es kein "Right or wrong, my country" - Kurkow geht kritisch mit Zwangsmobilisierungen ins Gericht, die eher an Razzien erinnern, mit Korruption und Kriegsgewinnlern.

Kurkow fühlt sich als Ukrainer, aber seine Sprache ist Russisch. Immer wieder thematisiert er Identität, die nicht immer einfache Lage für diejenigen, die aufgrund ihrer Sprache plötzlich unter Generalverdacht geraten können, nicht ukrainisch genug sein zu können, womöglich illoyale fünfte Kolonne. Er weiß sich als privilegiert - einerseits wegen seiner Rolle als bekannter Schriftsteller, andererseits wegen seines Alters, da ihm keine Einberufung droht. Er kann sich teilweise ins Ausland zurückziehen, dort schreiben. Andere haben diese Möglichkeit nicht.

"Im täglichen Krieg" geht immer wieder auf die ukrainische Kulturszene ein, auf den Versuch, kulturelles Leben auch unter Kriegsbedingungen aufrecht zu erhalten, auf das Schicksal von Kolleginnen und Kollegen, die bei Luftangriffen und Massakern ums Leben kamen und ihren Versuch, Manuskripte zu retten für eine Zeit nach der russischen Besatzung. Kurkows Buch ist keine Kriegsreportage, sondern eine subjektive Beobachtung des Kriegsalltags weitab von der Front. Auf Pathos und allzu große Emotionen verzichtet er, doch gerade mit dieser sachlich-zurückhaltenden und doch persönlichen Darstellung überzeugt sein Buch.