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Veröffentlicht am 09.12.2019

Genauso träumerisch wie Band 1.1, mit einer Liebesgeschichte, wie sie schöner nicht beschrieben werden kann

Strange the Dreamer - Ein Traum von Liebe
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Wie rezensiert man ein Buch, das eigentlich die zweite Hälfte eines Buches ist? Wie beschreibt man den Schreibstil? Verwendet man die gleichen Wörter? Ich würde sagen ja, da Laini Taylors Schreibstil auch ...

Wie rezensiert man ein Buch, das eigentlich die zweite Hälfte eines Buches ist? Wie beschreibt man den Schreibstil? Verwendet man die gleichen Wörter? Ich würde sagen ja, da Laini Taylors Schreibstil auch in Strange the dreamer – Ein Traum von Liebeträumerisch, phantasievoll und wie nicht von dieser Welt scheint. Und die Geschichte hat sich so toll weiterentwickelt.

Wir befinden uns im Gegensatz zu Buch 1.1 die ganze Zeit über in Weep, am meisten in Lazlos Träumen. Denn in diesen Träumen besucht ihn Sarai und Laini Taylor beschreibt eine Liebesgeschichte, wie sie schöner nicht erzählt werden kann. Poetisch, gefühlvoll, zart und kein bißchen kitschig entführt uns die Autorin in Lazlos Traumwelt, in der er Herr über die Dinge ist, die gesehen werden und die geschehen. Es ist einfach nur unglaublich, diese Worte zu lesen und die Bilder heraufzubeschwören, die Taylor dem Leser vorgibt. Selten war ich so gefesselt von einzelnen Szenen wie in diesem Buch, selten so glücklich während des Lesens. Es ist alles perfekt, auch wenn man eigentlich weiß, dass es das nicht ist. Auch wenn man weiß, dass die Götterbrut nie von den Bewohnern Weeps akzeptiert werden würde, auch wenn man weiß, dass es ja trotz aller Liebe und Glückseligkeit noch Minya gibt, die einfach nur ihre Rache möchte.

Lazlo selbst hat sich zu einem selbstbewussten Mann entwickelt, der auch nicht davor zurückschreckt, von seinen Traumbegegnungen mit Sarai zu erzählen. Ich hätte damit nicht gerechnet, wird doch in Büchern oft ein großes Geheimnis aus solchen Gaben gemacht. Als es nötig ist, erzählt er von ihren Treffen in seinen Träumen und es wird akzeptiert. Mehr als das, es wird auf seinen bzw. Sarais Rat gehört und entsprechend reagiert. Das fand ich so toll und sehr besonders.

Sarais Zerissenheit wird auch perfekt geschildert. Einerseits ist da Lazlo, den sie beschützen möchte. Andererseits sind da auch noch Ruby, Sparrow und Feral, die sie nicht einfach ihrem Schicksal in den Fängen Minyas überlassen kann. Doch wie entscheidet man sich? Entscheidet man sich für die Götterbrut, die wie Familie ist? Oder für die Menschen, die sie hassen und fürchten, aber denen Lazlo angehört? Und auch ihr Vater..

Eril-Fane und seine Tizerkan möchten die Stadt natürlich weiterhin von diesem riesigen Erzengel mit ausgebreiteten Flügeln befreien, dazu wurden ja die verschiedensten Wissenschaftler nach Weep gebracht. Ich muss zugeben, dass ich mir während des Lesens immer wieder gewünscht habe, dass sie bei den Versuchen scheitern, dass die Zitadelle so bleiben kann wie sie ist. Für Minya findet sich schon eine Lösung. Und dann geschieht das, was ganz zu Beginn des ersten Buches im Prolog beschrieben wurde. Es fällt ein Mädchen vom Himmel. Und alles ist ändert sich..

Ja, diese Geschichte ist etwas besonderes. Und nicht nur diese ist besonders. Auch Lazlo. In meiner Rezension zum ersten Buch habe ich geschrieben, dass zu einem besonderen Junge eine besondere Geschichte gehört. Und nun zeigt sich, wie besonders Lazlo tatsächlich ist. Seine Geschichte gilt es jedoch in den Folgebüchern zu ergründen. Ich kann es kaum erwarten. 5 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Geschichte
  • Fantasie
  • Cover
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Handlung
Veröffentlicht am 02.12.2019

Unglaubliches Retelling von Les Misérables und dem Dschungelbuch, voller Rache, Verrat, Loyalität und Freundschaft. Lesen!

Der Hof der Wunder
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Manchmal frage ich mich, wie mir solche Schätze wie Der Hof der Wunder so lange entgehen konnten. Ja, es ist erst am Anfang Dezember erschienen, aber ich bin auf dieses Buch erst Ende November gestoßen, ...

Manchmal frage ich mich, wie mir solche Schätze wie Der Hof der Wunder so lange entgehen konnten. Ja, es ist erst am Anfang Dezember erschienen, aber ich bin auf dieses Buch erst Ende November gestoßen, als ich nach Neuerscheinung des Folgemonats gestöbert habe.
Erst hat mich das Cover gecatcht (obwohl das Originalcover hundertmal schöner ist), dann der Klappentext: Ein alternatives Paris in dem die Französische Revolution gescheitert ist, skrupellose Adlige teilen sich die Stadt mit Verbrechern, die in Gilden organisiert sind. Nina Thénardier ist Teil der Diebesgilde und untersteht somit dem Schutz des Herrn der Diebe. Thénardier? Da war doch was.. Und ja, auf der Homepage der Autorin wird das Buch als Retelling von Les Misérables und Das Dschungelbuch beworben. Wie das funktionieren soll? Ich wurde auf der Homepage der Autorin fündig und war noch mehr davon überzeugt, dass ich dieses Buch schnellstmöglich lesen möchte: die komplette Besetzung von Les Misérables ist Teil der Geschichte, Das Dschungelbuch hingegen ist nicht mit Tieren vertreten, Kester Grant hat die Charaktere für ihren Debütroman vermenschlicht.
Im englischen Original erscheint The Court of Mircales erst im Frühjahr 2020. Doch wir dürfen schon jetzt in den Genuß dieses Trilogieauftakts kommen. Und ja, es ist ein Genuß. Und was für einer!

Kester Grants Schreibstil ist bildhaft, blumig und detailliert und passt zu der Zeit, in der die Geschichte spielt. Manchmal wirken die Sätze geradezu vornehm, im krassen Gegensatz zu dem Elend, das sie beschreiben. Kurze Abschnitte zu Beginn mancher Kapitel, die die Geschichte der Stadt erzählen, schaffen einen tollen Überblick darüber, was nach dem Scheitern der Revolution geschehen ist.
Das Setting ist so, wie man sich Paris zu Zeiten großer Not vorstellt. Dreck, Krankheit, Verbrechen auf der Seite der Armen und der Elenden, den Kindern des Hofs der Wunder, regiert durch die Zusammenkunft der Gildenherren an der Hohen Tafel. Auf der anderen Seite der Adel, Kuchen essend und mit dem Leben der Armen spielend.
Die Französische Revolution ist in diesem alternativen Paris gescheitert, der Epochenumbruch in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht ist ausgeblieben. Der Absolutismus und die Ständegesellschaft werden hingenommen und nicht in Frage gestellt, ein König regiert von Gottes Gnaden, ohne Verfassung, ohne Gesetze, ohne Grundrechte des Einzelnen. Eine unglaublich spannenden Ausgangssituation, die vielleicht auf den ersten Blick nicht wirklich ersichtlich ist. Man denke nur an die Restauration und die Wiederherstellung der Monarchie und den Juliaufstand 1830. Aber ein Umbruch kann nie von heute auf morgen passieren, er braucht Zeit. Vor allem auch, um die Denkweisen der Menschen zu verändern, ihnen bestimmte Werte zu vermitteln, um eine Nation aufzubauen und sie zu stärken. Und dieser Umbruch, die Verfassung von 1791, die Grundrechte, alles das ist in Ninas Paris nie passiert.

Doch nun weg von der Geschichte Frankreichs, hin zur Geschichte Nina Thénardiers. Deren Leben in Sicherheit endet, als ihr Vater ihre Schwester Azelma an Kaplan verkauft. Kaplan, der Tiger, herrscht über die Gilde des Fleisches, deren Geschäft Prostitution und Menschenhandel ist. Nina wird von einem Freund Azelmas am selben Tag zur Gilde der Diebe gebracht, um sie vor ihrem Vater zu schützen. Dort wird sie zur Schwarzen Katze, der besten Diebin der Gilde. Doch immer noch sind ihre Gedanken bei ihrer Schwester, die sie aus den Fängen Kaplans retten möchte. Der Plan: Kaplan etwas vorzuführen, ihm jemanden schmackhaft zu machen, um sie dann seiner Reichweite zu entziehen. Sie hat ein kleines Mädchen dafür gefunden. Ettie, wunderschön, mitfühlend, kindlich naiv, Mündel ihres Vaters. Und Kaplan will sie. Kurz bevor sich er und Thénardier über Etties Preis einig sind, trifft Nina die richtige Entscheidung dazu, dass sie Ettie nicht Kaplan überlassen kann, selbst dann nicht, um ihre Schwester zu retten. Nun richtet sich Ninas Fokus auf Ettie und sie wird alles tun, um sie vor Kaplan zu beschützen.

Nina ist ein toller Charakter. Sie ist mutig, ja, wagemutig, sie macht alles für diejenigen, die sie liebt. Tomasis, ihren neuen Vater, Herr der Diebesgilde, ist ihr mehr Vater als Thénardier es jemals war. Das vergilt sie mit Treue und außergewöhnlichen Geschenken. Und Ettie.. Ettie wird für sie wie eine Schwester. Doch da Kaplans Begehrlichkeit nun geweckt ist, muss sie sich eine List überlegen, um sie seinem Griff zu entziehen. Dabei findet sie Verbündete, keine Freunde, denn diese gibt es nicht am Hof der Wunder. Und sie findet Feinde, Feinde, die alles versuchen, ihre Pläne zum Scheitern zu bringen. Somit stellt es eine große Herausforderung dar, Ettie zu beschützen, die sie mit ihrer Schläue und Cleverness zu bewältigen versucht. Und als ob das nicht schon reichen würde steht Paris erneut vor dem Kollaps. Eine neue Hungersnot, eine neue Seuche wütet und macht das Leben in den Straßen und der Unterwelt der Stadt noch schwieriger, als es eh schon ist.

Auch die anderen Personen sind unglaublich gut gezeichnet. Ettie schließt man mit ihrer kindlich-freudigen Art sofort ins Herz, die anderen Charaktere wie Orso, Loup oder auch Montparnasse sind ebenfalls auf ihre Art besonders entwickelt. Unheimlich, geheimnisvoll, aber treue Verbündete Ninas und nicht nur dadurch sympathisch.

Die Parallelen zu Les Misérables sind unübersehbar, die zum Dschungelbuch eher weniger. Ich glaube nicht, dass mir alle Personen bewusst als die Charaktere aufgefallen sind, wie Rudyard Kiepling sie erdacht hat. Schon allein deswegen, weil ich sein Buch nie gelesen habe und ich nur die romantische Disneyversion kenne. Aber das macht nichts, denn auch ohne dieses Wissen hat mich die Geschichte vollkommen eingenommen und in ihren Bann gezogen. Denn sie ist spannend, voller Freundschaft, Verrat und Loyalität. Voller Rache, Schmerz und Listen, voller Leid, Mitgefühl und Trauer. Magie jedoch ist nicht Teil der Welt, doch dieses historische Fantasybuch kommt auch ganz ohne aus. Denn die Magie liegt in der Geschichte, im Kampf Arm gegen Reich, im Kampf Ungerechtigkeit gegen Recht, im Kampf der Elenden gegen den Adel. 5 Sterne.

Veröffentlicht am 08.11.2019

Einerseits fesselnd, episch, detailliert und tiefgehend, anderseits so unglaublich verwirrend.

Der Untergang der Könige
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Ich hatte sehr hohe Erwartungen und den ersten Teil der ‚Drachengesänge‘. Denn der ‚Untergang der Könige‘ hat so viel versprochen. High Fantasy in einer ausgefeilten Welt, in der Drachen und Dämonen leben, ...

Ich hatte sehr hohe Erwartungen und den ersten Teil der ‚Drachengesänge‘. Denn der ‚Untergang der Könige‘ hat so viel versprochen. High Fantasy in einer ausgefeilten Welt, in der Drachen und Dämonen leben, und ein junger Held, der sein Schicksal erfüllt. All das habe ich bekommen. Und doch konnte mich das Buch nicht überzeugen.
Jenn Lyons Schreibstil ist zumindest nicht schuld daran. Auch wenn ich Schwierigkeiten hatte, am Ball zu bleiben, habe ich die Seiten, die ich am Stück gelesen habe, sehr schnell gelesen. Lyons erzählt sehr einnehmend und detailliert, ich war richtig gefesselt. Sie hat hier eine epische Welt geschaffen, die ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Spezies, ihre eigene Sprache hat. Ich habe nicht mal im Ansatz alles überblickt und für sowas kann ich nur Respekt empfinden. Und Demut ob der gewaltigen Vorstellungskraft der Autorin.

Die Geschichte selbst wird aus zwei Blickwinkeln erzählt. Der eine ist Kihrins aus der Ich-Perspektive, der andere Klaues als personaler Erzähler. Beide schildern Kihrins Geschichte, nur Klaue fängt viel früher im Zeitablauf an. Niedergeschrieben wird das Ganze von einer dritten Person, die Klaues Erzählungen noch mit Fußnoten versieht. Ja, ich kann verstehen, warum viele MitleserInnen der Leserunde verwirrt waren. Das hat mich noch nicht aus dem Konzept gebracht, ich konnte beide Zeitebenen anfangs noch gut auseinander halten. Erst später, als sich die Handlungen zu ähneln beginnen, wusste ich manchmal kurzzeitig nicht mehr, wo in der Geschichte wir uns befinden.
Neben einigen Kleinigkeiten, die mich gestört haben, war mein Hauptproblem des Buches nämlich die Fülle an Personen. Ich empfehle jedem, der das Buch lesen möchte, eine eigene Personenliste zu führen. Zwar sind am Ende des Buches ein Glossar mit vielen Personen und ein Stammbaum abgedruckt, doch letzterer spoilert ungemein. Wenn ich diese Liste geführt hätte, wäre meine Verwirrung eventuell nicht so groß gewesen.
Denn es gibt in dem Buch einen Gegenstand, der Seelen vertauscht. Wird eine Person im Besitz des Gegenstandes ermordet, fährt die Seele des Toten in den Körper des Mörders. Und das ist unzählige Male im Laufe der Jahrhunderte passiert. Ich konnte irgendwann nicht mehr folgen, wer nun wessen Vater, Mutter, Tochter, Sohn ist. Oder vielleicht sogar gleichzeitig. Das hat mir völlig die Freude am Lesen genommen, da ich einfach nicht mehr durchgestiegen bin. Ich hatte Komplexität erhofft und wurde schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Es war mir ZU komplex, ich lese gerne um einfach nur abzuschalten. Ich möchte nicht dauernd derart hochkonzentriert an den Seiten kleben. Doch sobald die Gedanken abschweiften, war der Faden wieder weg.
Deshalb war ‚Der Untergang der Könige‘ einfach nicht mein Buch. Auch wenn die Geschichte gut war, der Schreibstil sehr einnehmend und die Welt so episch, wie ich mir das gewünscht hatte. Ich denke zwar nicht, dass ich die Reihe weiterverfolgen werde, versuche ich mich aber zumindest an einer Leseprobe zu Band 2 und überlege dann nochmal. Ich bedanke mich bei Lovelybooks, dass ich mitlesen durfte. 3 Sterne.

Veröffentlicht am 04.11.2019

Vive Laterre!

Die Rebellion von Laterre
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Selten habe ich einer Neuerscheinung so entgegengefiebert wie Jessica Brodys und Joanne Rendells ‚Die Rebellion von Laterre‘, dem Auftakt einer mehrbändigen Reihe. Obwohl ich mir nichts unter einer Neuinterpretation ...

Selten habe ich einer Neuerscheinung so entgegengefiebert wie Jessica Brodys und Joanne Rendells ‚Die Rebellion von Laterre‘, dem Auftakt einer mehrbändigen Reihe. Obwohl ich mir nichts unter einer Neuinterpretation von Victor Hugos ‚Les Misérables‘ vorstellen konnte, da ich dieses Werk bisher weder gelesen noch gesehen habe, hat der Klappentext so viel versprochen, dass ich es unbedingt lesen wollte. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Der Erste État amüsierte sich. Der Zweite État regierte. Der Dritte État arbeitete. So funktionierte der Planet. So war es schon immer gewesen.

Ich beginne gleich mit dem, das mir fast am allerbesten gefallen hat: Der Weltenaufbau. Er ist einfach.. phänomenal. Der Gestaltung des Arbeiterviertels, der Aufbau der Kuppel, unter der die Privilegierten wohnen und wo die künstlichen Sols die Dunkelste Nacht erhellen. Die Jahreszeiten, die Zeitrechnung, die Mobilität. Es gibt unzählige Details, die man als Leser nach und nach offenbart bekommt und es gefiel mir so gut, die Welt und deren Abläufe zu erkunden, Parallelen zu unserer Welt zu entdecken, Unterschieden auszumachen.

Der Schreibstil hilft dabei, die ganze Welt umfassend zu begreifen. Er ist einnehmend und flüssig, aufgrund des französischen Erbes sind viele Begriffe dieser Sprache entnommen. Aus einem Kuchen wird der Gateau, aus der Fabrik die Fabrique. Mir hat das keine Probleme bereitet, zumal die Begriffe einfach im Text eingearbeitet waren, ohne kursiv hervorgehoben zu sein. Wer kein Französisch gelernt hat, wird sich anfangs womöglich etwas schwer tun. Doch wie es oft vor allem im Fantasybereich Fantasiewörter gibt, die Dinge beschreiben, muss man sich hier davon lösen, dass es eigentlich französische Ausdrücke sind und einfach akzeptieren, dass diese Begriffe in der von Brody und Rendell geschaffenen Welt für bestimme Dinge stehen.

Ehrliche Arbeit für eine ehrliche Chance.

Die Geschichte selbst spielt auf Laterre, einem Planeten im Système Divin. Während der Letzten Tage, als ein Feuer die Hälfte der Ersten Welt zerstört hat, versprach der Planet für eine reiche französische Familie Hoffnung. 500 Jahre nach der Flucht ist die Gesellschaft hochtechnologisiert, Androiden sorgen für Ordnung, die Kommunikation erfolgt über Téle-Häute, auf die direkt Nachrichten projeziert werden. Die Schrift, hier als das Vergessene Wort bezeichnet, kann niemand mehr lesen, das Feuer, das die Erste Welt zerstört hat, ist verbannt worden. Und doch sind die Strukturen so, wie sie immer waren und immer sein werden: Wenige Reiche leben auf Kosten vieler Armer, unterdrücken sie, beuten sie aus. Doch was wäre, wenn die Unterdrückten sich zusammen täten, was wäre, wenn sie merkten, was für eine Macht sie hätten, würden sie gemeinsam rebellieren und aufbegehren?

Vive Laterre

In diesen Zeiten sind drei junge Menschen aufgewachsen, die das Schicksal von Laterre in ihren Händen halten. Chatine, Bewohnerin der Frets im Dritten État, jenen alten Frachtschiffen, auf denen die letzten Menschen die Erste Welt verlassen haben und die wenig besser sind als Slums, wie wir sie kennen. Ihre Eltern sind Kriminelle, der Vater Oberhaupt einer Bande. Chatine selbst hält sich als Junge verkleidet stehlend über Wasser, denn das Schicksal von Mädchen, die keiner geregelten Arbeit nachgehen ist noch viel schlimmer. Ihr großer Traum ist es, Laterre zu verlassen, die Sols wieder zu sehen.

Marcellus ist Offizier des Ministères, wohnhaft im Zweiten État und Enkel von General Bonnefaçon, der sein Leben völlig dem Régime verschrieben hat und Berater des Patriarche Lyon Paresse ist. Marcellus kämpft gegen sein Erbe als Sohn eines Verräters und möchte es eigentlich jedem Recht machen, ist nicht sonderlich mutig und redet seinem Großvater nach dem Mund.

Alouette lebt im Verborgenen, aufgezogen von ihrem Vater und den Schwester des Refuges, beherrscht das Vergessene Wort und möchte in der ihr unbekannten Außenwelt herausfinden, woher sie kommt und was ihr Vater vor ihr verheimlicht.

Diese drei Protagonisten sind ungemein interessant gezeichnet und unterschiedlicher, wie sie nur sein könnten. Und doch haben sie die Gemeinsamkeit, dass ihre Welt während des Fortlaufs der Geschichte auf den Kopf gestellt wird. Sie müssen erkennen, dass Menschen, denen sie vertraut haben, sie belogen und betrogen haben, dass viele Dinge nicht so sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen und dass es sich lohnt zu kämpfen. Für ihre Freiheit und die von Laterre. 5 Sterne.

Veröffentlicht am 14.10.2019

#schoeneneuemenschen

Das Ting
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Manchmal lohnt es sich, die gewohnten (Lese-)pfade zu verlassen und Bücher zu lesen, die vielleicht nicht automatisch auf der Wunschliste landen. ‚Das Ting‘ von Artur Dziuk ist so ein Buch. Durch viele ...

Manchmal lohnt es sich, die gewohnten (Lese-)pfade zu verlassen und Bücher zu lesen, die vielleicht nicht automatisch auf der Wunschliste landen. ‚Das Ting‘ von Artur Dziuk ist so ein Buch. Durch viele positive Meinungen und einem ungemein interessanten Klappentext hat es meine Aufmerksamkeit geweckt und ich durfte es im Rahmen einer Leserunde auf lovelybooks.de lesen. Vielen Dank dafür!

Der Einstieg in das Buch gelang mir nur holprig. Das lag keineswegs am Schreibstil, der ist nämlich flüssig und einnehmend. Nein, ich hatte einen anderen Beginn erwartet. Die Entwicklung des Tools. Doch der Autor hat einen anderen Weg gewählt, der im Nachhinein perfekt ist.
Das Buch ist in drei Teile aufgegliedert und jeder Teil enthält dabei jeweils ein Kapitel geschrieben aus der Sicht der vier Gründer. Der Autor hat den personalen Erzählstil gewählt, das passt hier gut und schafft eine gewisse Distanz. Nun wird aber nicht immer wieder dieselbe Geschichte aus der jeweiligen Sicht der vier Personen geschrieben sondern schreitet linear voran. Das fand ich super gelöst und der Autor schafft es so, dass die Szenen aus der Sicht der Person geschrieben werden, die genau hier die wichtigste und interessanteste ist. Über die vier Personen möchte ich gar nichts verraten, denn auch der Klappentext verschweigt, um wen es sich handelt. Das soll der Leser selbst herausfinden.

Worauf ich allerdings näher eingehen möchte ist das namensgebende Tool, das Ting. Ich hatte kurzzeitig die Angst, dass sich das Buch in weit ausschweifenden Technik-Blabla verliert, doch der Autor hat hier bewusst Lücken gelassen. Ein technikaffiner Leser, der alles genau hinterfragt, wird allerdings enttäuscht sein. Es funktioniert in der Geschichte, das ‚Wie‘ ist irrelevant. Die grobe Funktionsweise ist jedenfalls, dass das Ting mittels Sensoren deine Körperdaten analysiert und aufgrund dessen Handlungsempfehlungen für dich ableitet. Eine gruselige Vorstellung, die mich des Öfteren fragen ließ, ob ich das Ting verwenden wollen würde. Ich habe bisher noch keine Antwort gefunden, auch wenn ich im ersten Augenblick: Nein, nie! gedacht habe. Die Vorteile lägen auf der Hand: bessere Ernährung, bewussterer Umgang mit sich selbst, weitreichende Entscheidungen mit fundierterer Kenntnis der Sachlage treffen. Doch ist es das wert? Macht man sich möglicherweise abhängig von einem Tool, das keinerlei Gefühle kennt? Das nur rational entscheidet, weil es Daten analysiert hat? Aber wenn es dich zu einem besseren Menschen machen könnte, zu einem glücklicheren Menschen? Und was ist, wenn das Ting einen anderen Weg für dich einschlägt, als du nehmen möchtest? Stundenlange Diskussionen in moralischer, ethischer und religiöser Hinsicht sind garantiert!

Die Besonderheit bei den vier Protagonisten im Buch war, dass sie sich verpflichtet haben, jeder Empfehlung des Ting zu folgen. Das gibt natürlich eine spannenden Ausgangssituation und Potential für Konflikte. Denn vielleicht hat ja alles einen höheren Sinn, vielleicht sollten dich alle Empfehlungen auf diese eine Situation vorbereiten, die, die dein Leben verändern wird?
Nein, dieses Buch ist kein Buch über Technik, es ist ein Buch über vier Menschen, die den Weg in ihrem Leben suchen. Die sich fragen, ob sie „fertig“ sind, ob ihr Leben nun endlich beginnen kann. Die vor Entscheidungen gestellt werden, die sie lieber nicht treffen wollen. Die zwischen Familie und Karriere wählen müssen, Menschen enttäuschen, verletzen und verraten müssen. Die sind wie du und ich, mit dem Unterschied, dass sie eine Entscheidungshilfe haben. Ob das nun gut ist oder schlecht? Das muss jeder selbst herausfinden.