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Veröffentlicht am 22.04.2025

It’s running in the family

Das Erbe der Karolinger
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„Das Erbe der Karolinger“, ein historischer Roman von Claudius Crönert, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, macht mit 813 Seiten eine Ansage – aber hier lohnt sich jede Seite, vor allem, wenn man sich für ...

„Das Erbe der Karolinger“, ein historischer Roman von Claudius Crönert, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, macht mit 813 Seiten eine Ansage – aber hier lohnt sich jede Seite, vor allem, wenn man sich für die Karolingerzeit interessiert, und tatsächlich kann man diesen Roman auch vollkommen ahnungslos genießen. Crönert gelingt der Tanz auf dem Seil zwischen einem gut recherchierten Roman, der nah an der Historie bleibt und sich trotzdem erzählerische Freiheiten nimmt, was der Geschichte und dem Unterhaltungswert sehr guttut.

Claudius Crönert umreißt in seinem, nun, man muss es schon „Werk“ nennen, das Leben des Karolingerkaisers Ludwig, Sohn von Karl dem Großen, von 817-840 n. Chr. Das Buch ist zunächst einmal optisch eine Augenweide, ich mag das schlichte, aber elegante und eindrückliche Cover sehr gern, innen eine Karte, die mir einen tollen Überblick über das Reich gibt, das farblich passende Lesebändchen, die Wiederholung des Umschlagmotivs am Anfang der Teile – das macht was her. Ein Personenverzeichnis wird uns auch spendiert, immer hilfreich bei historisch komplexen Werken. Die Kapitellänge ist ideal getroffen für mich, die Gliederung nach fünf zeitlichen Abschnitten des Regiments von Ludwig sinnvoll. Auf der Formebene also schon einmal alles richtig gemacht! So weit, so trocken? Zum Glück nicht, denn Crönert gelingt das Kunststück, die Karolingerzeit mit vielen Details lebendig und erfahrbar zu machen, ohne dabei jemals die Handlung zu überfrachten oder den Faden zu verlieren zwischen den vielen Geschwistern, Familienanteilen und Bundgenossen. Ludwig ist ein sympathischer Herrscher mit so einigen Schwächen, die ihn sehr menschlich machen. Der Konflikt zu seinen Söhnen und Beratern ist von Anfang an klar im Raum und wird sich im Verlauf der Handlung immer weiter ausweiten. Ludwig ist ein Mann, der neue Wege geht, mit der Ordinatio Imperii schafft er die Basis für ein Großreich, indem er seinen Sohn Lothar als zweiten Kaiser installiert. Nur ist Lothar der richtige Mann dafür? Ziemlich sicher nicht, denn schon nach wenigen Tagen, die er regiert, wird klar, dass er ein machthungriger Willkürherrscher sein wird. Doch auch die anderen Söhne, Pippin, der kleine Ludwig, Karl – sie alle schielen auf ihre Portion von Reich und Erbe und tragen wenig zum Zusammenhalt bei. Letztlich nicht weit entfernt von Erbschaftsstreitereien, die auch heute noch in vielen Familien nach Ableben der Eltern auftreten. Doch hier geht es um mehr als nur bloßen Besitz.

Crönert begleitet Ludwig durch die vielen Ups and Downs seiner Herrscherzeit und hat dabei immer einen großen Blick auf die klugen Frauen hinter der Macht. Sehr deutlich arbeitet er heraus, wie sehr sich die Herrscherfamilie selbst schwächt, weil niemand, auch Ludwig nicht, es schafft, die eigenen Meinungen und Interessen hintenan zu stellen oder gar wirkliches Verständnis für den anderen aufzubringen, die Perspektive zu wechseln. Letztlich haben sich alle in unbewegliche Positionen verrannt – so kann es nicht gut gehen. Wahrscheinlich das Schicksal aller großen Herrschergeschlechter. Immer mehr bricht die Familie auseinander und vergeht sich zunehmend aneinander. Ein hoher Preis für etwas Macht.

Wo Männer regieren, wird es immer schwierig... Auch das finde ich ist im Roman wirklich gut herausgearbeitet, es ist deutlich spürbar, dass die Frauen im Hintergrund die klügeren Entscheidungen treffen würden. Und egal, ob das verbrieft ist oder nicht – das ist bis heute eindeutig die Situation. Einfach traurig, wie es hier alle nicht hinbekommen, wirklich an ein Reich, ein Land zu denken und die Menschen, die darin wohnen, sondern immer den eigenen Stolz voranstellen.

Ich habe einen sehr gut recherchierten Roman lesen dürfen, der nah an der Historie bleibt und sich trotzdem erzählerische Freiheiten nimmt, was der Geschichte einen hohen Unterhaltungswert gibt. Ich war auch dankbar, dass einmal nicht übertriebene Romance und Spice eingebaut wird, sondern es eher darum ging zu zeigen, dass auch Zweckarrangements zu Nähe und Verbundenheit führen können. Das Einzige, was mich am Ende dann doch gestört hat, waren die energetischen und hellseherischen Fähigkeiten einer Figur – das war mir dann doch eins drüber und das hätte ich wirklich nicht gebraucht, für mich wirkte das auch sehr unmotiviert in der Handlung, zumal es als Motiv auch nicht wirklich durchgeführt wird. Darauf hätte ich also gut verzichten können, irgendwie passt es für mich nicht zu diesem ansonsten hervorragenden Roman, der mir viel Wissen über die Karolingerzeit nahegebracht und mich dabei sehr gut unterhalten hat. Ein Leseprojekt, an das man sich unbedingt herantrauen sollte und das auf jeden Fall belohnt wird.

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Veröffentlicht am 20.04.2025

Die andere Seite des Mondes

Frau im Mond
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„Frau im Mond“ von Pierre Jarawan, erschienen 2025 im Berlin Verlag, ist ein beeindruckender und vor allem bewegender Roman, der ein ganzes Jahrhundert umspannt und dabei aus einer ungewöhnlichen Perspektive ...

„Frau im Mond“ von Pierre Jarawan, erschienen 2025 im Berlin Verlag, ist ein beeindruckender und vor allem bewegender Roman, der ein ganzes Jahrhundert umspannt und dabei aus einer ungewöhnlichen Perspektive auf diese Zeit schaut.

Die Zwillingsschwestern Lilit (die erzählende Person) und Lina el Shami, Nachkommen libanesischer Auswanderer in der dritten Generation und in Montréal in Kanada lebend, stoßen eines Tages auf eine alte Postkarte von ihrer Großmutter, die sie nie kennengelernt haben. Dadurch animiert, macht sich Lilit auf in den Libanon, um dort die Geschichte ihrer Großmutter und ihrer Herkunft zu ergründen. Dabei stößt sie auf die Lebanese Rocket Society (oder genauer Haigazian College Rocket Society) und die große Liebe ihres Großvaters Maroun zur Weltraum- und Raketenwissenschaft, von der sie bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts ahnte. Und über allem, was sie entdeckt, wacht die Frau im Mond.

Der Roman ist gegliedert in drei Stufen, wie die Weltraumrakete, die ebenfalls in drei Stufen ins All aufsteigt und dabei immer mehr Ballast abwirft. Dabei folgen die Kapitel einen Countdown von 50 auf Null – und wir reisen durch die Geschichte bis ins Beirut der Gegenwart. Das Cover des Romans ist ein Kunstwerk, das ich stundenlang betrachten könnte, und Jarawan schreibt ebenso kunstvoll, stark atmosphärisch, jede Figur so packend und lebendig, dass man sie umarmen möchte (gut, bis auf ein paar Antagonisten, die das wahrlich nicht verdient haben), er hat obendrein viel sehr feinen Humor und immer wieder glücken äußerst poetische Passagen und Bilder. Vor allem aber gelingt ihm das Kunststück, 100 Jahre Weltgeschichte und insbesondere die Geschichte des Libanons, von der ich zuvor viel zu wenig wusste, in eine Familiengeschichte einzubetten – jederzeit nahbar und plausibel. Er scheut sich dabei nicht, auch die Perspektive des Romanschreibenden einzubringen und den Prozess des Schreibens immer wieder offenzulegen – und das ist gar nicht prätentiös, sondern einfach nur clever gemacht, da die Erzählerin Lilit als Dokumentarfilmerin auch den Weg der Geschichtenschreibenden geht. Lilits Reise ist auch eine Emanzipation von ihrer Zwillingsschwester Lina, die schon längst ihr eigenes Leben gefunden hat, während Lilit noch ziellos hinter der Angst, ihre Begabung zu nutzen, verschwindet. Im Libanon wird ihr auch klar, wie viel Reichtum in ihrem Leben ist – und wie wenig dieser selbstverständlich ist. Es ist das Vermächtnis der Generationen, das nach ihr greift, auf die gute Art und Jarawan macht diese positive Last jederzeit spürbar.

Was wissen wir wirklich über den Libanon, über den Genozid an den Armeniern, über die große Armut, die über dieses Land gekommen ist, über die Situation der Menschen und insbesondere der Frauen dort, über gut und böse Raketen, über Flucht und über Bleiben? Nicht viel, habe ich gemerkt und Pierre Jarawan ist genau der richtige Mensch, um das zu ändern. Wie lassen sich ein Jahrhundert, drei Generationen, zwei Städte auf zwei Kontinenten, ein Raketenprojekt und eine Revolution in einer Geschichte unterbringen? Indem man aus dem Herzen und über die Menschen schreibt, die darin leben und das meisterhaft, durchweg begeisternd, voller Liebe und Wärme, voller trickreicher Wendungen und Verbindungen, mit ungeheuer genauer Recherche, vielen Details und dennoch einer ganz klaren thematischen Führung, einem starken, bildhaften Mondmotiv, das nie überstrapaziert wird und einem Fluss im Schreiben, der uns durchs All schweben lässt.

„Wenn wir uns nicht erinnern, machen wir uns zu Komplizen der Täter.“, lässt Jarawan Maral im Roman sagen. Seine Erinnerung ist mehr als geglückt. Er hat ein Epos zwischen zwei Kontinenten geschrieben, das sich in jedem Moment schwerelos und zugleich unendlich tief anfühlt. Die andere Seite des Mondes, die wir nie sehen können, macht er sichtbar. Was für ein Meisterstück. Lesen.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Einer weniger von Denen

Der Einfluss der Fasane
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„Der Einfluss der Fasane“ von Antje Rávik Strubel, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, konnte mich leider gar nicht für sich einnehmen, was schade ist, da das Thema des Buches, Machtmissbrauch, ein sehr ...

„Der Einfluss der Fasane“ von Antje Rávik Strubel, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, konnte mich leider gar nicht für sich einnehmen, was schade ist, da das Thema des Buches, Machtmissbrauch, ein sehr wichtiges ist und deshalb Aufmerksamkeit verdient hätte.

Protagonistin des Romans ist Hella Renata Karl, die als Journalistin einst den Theaterintendanten Kai Hochwerth zur Persona non grata machte, indem sie seinen Machtmissbrauch einer Schauspielerin gegenüber öffentlich machte. Dieser beging nun Suizid und Hella, die ihm den Tod gewünscht hatte, fühlt sich schuldig und fragt sich – sehr oberflächlich – ob sie damals zu weit gegangen ist. Dabei verbeißt sie sich immer mehr in ein Rechtfertigungskarussell, so sehr, dass auch ihre Beziehung zu ihrem Lebenpartner T mit in den Strudel ihres Kampfes mit sich selbst und der Außenwelt, die Hella für den Selbstmord verantwortlich macht, gerät. Hochwerth, strukturell klar ein Narzisst, ist dabei wie ein Spiegel für Hella, die deutlich auch narzisstische Züge trägt.

Auf etwas unter 250 Seiten und in guter Sprache mit ungewöhnlichen, aber treffend genauen Beschreibungen von Emotionen, reiht die Autorin leider Klischee an Klischee – nicht übertrieben genug, um als Farce wirklich bösartig zu werden, ohne Überraschungen, einseitig, eindimensional, ohne in die Tiefe zu gehen und Mechanismen der Branche wirklich zu entblößen. Sie bleibt bei bekannten Allgemeinplätzen stecken, die es zwar gibt, natürlich, die aber ehrlich gesagt zu den ungefährlichen Anteilen der Branche, in der ich selbst auch tätig bin, zählen, da sie offenkundig und leicht zu enttarnen sind. Interessanter wäre hier der viel besser getarnte, tägliche Machtmissbrauch, der eben nicht nur durch die offenkundigen Machtdespoten stattfindet.

Die Kraft der Medien wird thematisiert, die Hetzjagd des Volkes auf der anderen Seite, leise Anklänge an „Cancel-Culture“, die interessanterweise fast nur Männer betrifft, warum nur... Häufig etwas weitschweifig erzählt, oft kreisen die Gedanken und wiederholen sich. Die Schuldfrage wird gestellt und zur Sicherheit nicht beantwortet, die Charaktere sind durchweg so neurotisch, dass sie immer fremd bleiben. Hellas Denken ist sehr negativ geprägt, sie schaut immer auf das Krisenpotenzial im Leben, mag eine Folge ihres Berufes sein, fällt aber sehr auf. Natürlich muss Hella auch ein paar erotische Phantasien ausleben und sich von mächtigen Männern erregt fühlen – an dem Punkt fing ich an, verärgert zu sein, keine Frage, dass es diesen Typus Frau geben mag, aber das ist eine so verschwindende Minorität und es sind Co-Abhängige. Viel größer ist die Zahl missbrauchter Menschen. Wir müssen diesem Missbrauch als Frauen nicht auch noch Raum geben und Verständnis.

Das ist jetzt natürlich nur Nerv auf eine fiktive Figur, die es so in der Realität durchaus gibt, also könnte ich meinen, der Autorin wäre ihr Buch geglückt. Das trifft aber leider nicht zu, denn ich finde das wichtige Thema absolut nebensächlich und auch wirr erzählt. Welchen Punkt will die Autorin machen, was will sie bei den Lesenden erreichen außer „ja, gibt schon echt unnötig schräge Menschen, die ihr Leben nicht im Griff haben“? Zudem raunt durch das Buch immer wieder eine aufgeblasene Fasanensymbolik ohne wirklichen Effekt für Ästhetik und Handlung, für mich ging dadurch zu keinem Zeitpunkt eine weitere Ebene auf. Natürlich auch einmal mehr ein offenes Ende, das ist ja eh der große Trend der Zeit, eine Büchse der Pandora öffnen, aber dann bloß keine Stellung beziehen, halt auslaufen lassen, ist einfacher.
Hella bleibt unverbesserlich und will direkt den gleichen Fehler wieder begehen, ihr Partner T zieht sich von der Welt zurück, kleiner hatten wir es nicht, das sind so die zwei Optionen des Lebens offenbar, totale Hybris oder totaler Rückzug.

Als Person, die seit Jahren in der Branche arbeitet, finde ich es sehr wichtig, den Machtmissbrauch zu thematisieren, der leider nach wie vor allgegenwärtig ist, aber dann doch bitte so, dass die Menschen ihn auch realistisch erleben und ernst nehmen müssen und nicht so neurotisch. Das ist nicht unsere Realität. Definitiv nicht mein Buch. Eine weiteres Bündel von Personen, die durch ihre psychische Störung eine gewisse Tragik entwickeln, dem eigentlichen Thema dadurch aber die Brisanz nehmen. Sprachlich gut gearbeitet, aber ansonsten klischiert und bei mir keinerlei Wirkung erzeugend.

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Veröffentlicht am 13.04.2025

Alles im Fluss

Flusslinien
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„Flusslinien“ von Katharina Hagena, erschienen 2025 bei Kiepenheuer und Witsch, hat mich mit seiner mäandernden Schreibweise und der Zärtlichkeit, mit der hier Figuren durch einen kurzen, aber zentralen ...

„Flusslinien“ von Katharina Hagena, erschienen 2025 bei Kiepenheuer und Witsch, hat mich mit seiner mäandernden Schreibweise und der Zärtlichkeit, mit der hier Figuren durch einen kurzen, aber zentralen Abschnitt ihres Lebens begleitet werden, begeistert.

Protagonistin des Romans ist die gerade volljährige Luzie, die nach einem traumatischen Ereignis während eines Auslandjahres in Australien zurück in Hamburg zunächst nicht wieder ins Leben findet – was nicht nur an Luzie liegt, die noch an der Bewältigung ihres Traumas zu knabbern hat, sondern vor allem auch an ihrem Umfeld, das vollkommen hilflos, teils auch grausam, mit ihr umgeht. Der einzige Mensch, dem Luzie kleine Einblicke in ihr Inneres erlaubt, ist ihre Großmutter Margrit, die in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe lebt, über 100 Jahre alt ist – und dafür noch wundervoll fit im Kopf. Luzie hat die Schule abgebrochen, verkriecht sich in einem Schuppen am Elbstrand und geht ihrem Hobby, vielleicht auch ihrer Berufsperspektive, dem Tätowieren, nach. Doch wer Tätowieren lernen will, braucht Menschen, an denen geübt werden kann – und so schlägt Margrit vor, dass Luzie sie tätowieren solle, schließlich ist die Ewigkeit, die einem Tattoo innewohnt, für Margrit ein sehr überschaubarer Zeitraum. Zwischen den beiden steht Arthur, Fahrer der Seniorenresidenz, ein junger Mann, der auch ein Trauma zu bewältigen hat, und der viel Zeit mit einem Metalldetektor am Ufer der Elbe verbringt, auf der Suche nach etwas, das er selbst nicht wirklich beziffern kann, das er aber im Wasser verloren hat. Wir tauchen immer wieder auch ab in die Vergangenheit der ganzen zugehörigen Familien, in Freundes- und Feindesbeziehungen, in die Erfahrung des Alterns, des Jungseins – und des Aushaltens von so viel Leben.

Strukturell ist das Buch nach Tagen aufgeteilt und nach den Menschen, aus deren Perspektive wir auf die Tage schauen. Die Elbe, der Fluss, zeigt sich hier vor allem von ihrer morbiden Seite, atmosphärisch sehr stark gegriffen, und auch hier ist, wie in anderen aktuellen Publikationen, die Vertiefung der Fahrrinne Thema. Der immer weiterführende Eingriff des Menschen in die Natur, er hat immer einen Backlash, dafür ist die Elbe ein wirklich gutes Beispiel. Von Anfang an wehen die Themen Tod und Verlust durch das Buch, das Altern und Erinnern, die Spuren, die das Leben in den Menschen schreibt und der Mensch in die Welt, Verlust, Traumatisierung, Einsamkeit, die Unfähigkeit zu Kommunikation über das Eigentliche, aber auch Abenteuergeist, Lebenshunger, Leidenschaft. Und eher beiläufig aber nicht minder sichtbar: historische Ereignisse, Familienstrukturen, Naturschutz im Elbe-Gebiet, der Römische Garten Hamburgs und seine Entstehungsgeschichte, die Emanzipation der Frau im Laufe der Zeit, der spirituelle Gehalt von Tattoos, die Frage nach etwas, das die Zeit überdauert. Und über allem schwebt die Stille in ihren vielen Gesichtern, mir gefällt das richtig gut.

Die Figuren sind mir alle sehr sympathisch, es sind versehrte Einzelgänger:innen, die sich da zusammenfinden zu einer Zweckgemeinschaft, die unterfüttert ist von vorsichtiger Nähe und Vertrauen. Die Autorin schreibt flüssig und klar, viele Beschreibungen machen die Szenerie und die Menschen lebendig, manchmal gibt es aber einen Hang zu etwas sehr großer Ausführlichkeit, die bei dem sowieso eher langsamen Erzähltempo zur Herausforderung werden kann. Aber das wird aufgewogen von sehr vielen sprachlich großartigen Betrachtungen, die immer wieder aufzeigen, wie sehr unsere Sprache auch patriarchal geprägt ist. Denn ganz klar ist dieses Buch auch aus einer feministischen Perspektive geschrieben. Und nimmt viele aktuelle Themen unserer Zeit beiläufig auf, ohne sie zu vertiefen, so wie Alltag stattfindet, er ist einfach da.

Mir gefällt die Symbolik des Tätowierens in diesem Buch ausnehmend. Das Leben, das noch einmal in den Körper eingeschrieben und dadurch irgendwie festgehalten wird, das Leben, dessen Linien die Enkelin dadurch nachfährt und erfährt, der Körper, der dieses Leben noch einmal spürt, bevor er geht, die Befreiung, die beide dadurch erfahren, die Inspiration, die Luzie für ihr eigenes Leben übernimmt, die gemeinsame Handlung, die Reden und Schweigen ermöglicht, das alles ist enorm gut gegriffen.
Ein großer Kritikpunkt bleibt, der dieses so schöne Buch dann, neben vielleicht doch etwas viel Phantastik und Ausführlichkeit in Seitensträngen der Story, doch einen Stern kostet: Hier schreibt wieder eine Autorin so konsequent gegen das Patriarchat anschreibt – um dann doch die Protagonistin am Ende durch einen Mann „zu retten“. Und ich finde das falsch, unnötig und ärgerlich. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Luzie nur aus sich heraus und eventuell aus der Beziehung zu den vielen starken Frauen, die ihre Wege kreuzen, die nötige Kraft gefunden hätte, ihren Weg zu gehen.

Insgesamt habe ich aber ein sehr schönes, fließendes Leseerlebnis gehabt, ein Buch, gemacht für leichte Sommerabende, mit nahbaren Figuren, toller Atmosphäre und viel Nachdenklichkeit darüber, wie wir mit unseren Alten als Gesellschaft umgehen. Lesen und dann mal dem Römischen Garten in Hamburg einen Besuch abstatten!

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Veröffentlicht am 07.04.2025

Krank oder gesund?

Geht so
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„Geht so“ von Beatriz Serrano, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, fängt extrem stark an und verliert sich nach hinten raus leider im Nirgendwo – und macht somit seine Entwicklung genau gegenläufig zur Protagonistin ...

„Geht so“ von Beatriz Serrano, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, fängt extrem stark an und verliert sich nach hinten raus leider im Nirgendwo – und macht somit seine Entwicklung genau gegenläufig zur Protagonistin durch.

Aber von vorn, ich liebe das Cover. Ein so symbolisches Bild mit Strahlkraft, eigentlich muss gar nichts mehr gesagt werden, die Emotionen, um die sich das Buch dreht sind damit einfach perfekt gegriffen.
Die Protagonistin Marisa, Inhaberin eines Bullshit-Jobs in einer Madrider Werbeagentur ist irgendwann sehr schleichend falsch abgebogen in ihrem Leben. Nicht untypisch, eine Sache studieren, die einen immerhin noch so halbwegs interessiert, hinterher erstaunt feststellen, dass ein Studium noch kein Beruf ist (auch ein immer häufigeres Phänomen) und dann in der Generation Dauerpraktikum ankommen. Immerhin hat sie es aus den Praktika heraus geschafft, doch nun quält sie sich jeden Tag damit, dass ihre Arbeit komplett ums Leere kreist, die Sinnfrage steht fett im Raum. Von außen betrachtet wäre die Lösung ihres Problems ganz einfach: Weniger Austern, weniger Ansprüche an die monetäre Ausstattung ihres Lebens und stattdessen einen Job, der ihrem Dasein Sinn gibt. Doch Marisa hängt fest. Während die Männer um sie herum zwar stehengebliebene weiße Patriarchen (aber mit sich zufrieden) oder driftende Lebemänner ohne Fokus (aber mit sich zufrieden) sind.
Hier schreibt und beschreibt Serrano (ist das ein Künstlername? Wie kann die Handlung in Madrid spielen und die Autorin heißt wie der berühmte Schinken, haha, ich liebe es) einfach richtig gut. Dieses langsame Sterben von innen, jeder Tag eine Qual noch bevor er beginnt, nicht weil die Arbeit so schrecklich ist, sondern weil Arbeit überhaupt so schrecklich ist. Ich kann es sogar als Mensch mit sinnstiftender Arbeit sehr fühlen. Irgendwann fühlt sich die Mühle endlos an und die Fragen an dieses System nehmen. Wenn Arbeit immer abstrakter ist, so abstrakt, wie die absurde Jobbezeichnung, dann bleibt am Ende des Tages nie ein sichtbarer Erfolg. Wenn mensch dann noch herausfindet, dass diese Arbeit eigentlich auch in einer Stunde statt in acht getan werden kann, dann ist es kein Wunder, wenn der Verfall beginnt. Serrano beschreibt treffend den immer weiter gehenden Absturz, den zunehmenden Griff zu Psychopharmaka und Alkohol, Ersatzhandlungen, immer weiteres Tricksen, durch das Tricksen immer mehr Imposter-Syndrom, noch weniger Selbstwert und Fokus, es gibt kaum noch ein Entkommen. Ich mag, wie die Autorin viele feministische Themen einstreut, wie sie aber auch zeigt, dass selbst ein weibliches Arbeitsumfeld nicht zu Solidarität führt. Auch das Thema Mutterschaft in der Leistungsgesellschaft wird angerissen, das ich persönlich auch wirklich wichtig finde. Der Mensch, der immer mehr zur Ware wird. Und dann ist da noch die Sache mit Rita...
Bis ungefähr zur Mitte des Buches schreibt Serrano so fluffig und herzlich ironisch, dass ich schon sehr oft vor mich hin grinsen musste – und ich mag es, wenn ernste Themen einem etwas lockerer verkauft werden, und hier wurde ich bestens unterhalten. Zeitgleich denke ich aber, dass die Problematik auch sehr elitär ist, da sie vor allem auf Akademiker:innen, die keine wirklichen Produkte mehr herstellen, und deren Arbeit vollkommen abstrakt ist, zutreffen dürfte. Einmal mehr also eigentlich ein Wohlstandsproblem, das unsere kapitalistisch-patriarchale Leistungsgesellschaft künstlich erzeugt und das ja eigentlich leicht zu lösen wäre – wer braucht schon die Weihnachtskampagne für Lippenstift und Wimpernzange 3005. Kein Wunder also, dass Marisa an Bore-Out leidet. Da dieses Phänomen tatsächlich zunehmend verbreitet ist, es aber dennoch noch nicht viele Menschen kennen, ist das Buch vielleicht doch wichtig und richtig an seinem Platz.
Der zweite Buchteil zeigt sich leider deutlich schwächer als der erste, irgendwie fehlte mir zunehmend der Fokus und ich hatte mir von der Entwicklung und der Auflösung auch mehr erwartet. Die Autorin bedient sich an Klischees und verliert die Feinsinnigkeit, mit der sie im ersten Teil so wunderbar beobachtet und analysiert. Vieles wird nicht zuende gedacht und das Finale des Romans lässt mich relativ ratlos zurück, der Clou enthält für mich keine Lebensrealität – und gerade das war die Stärke der ersten Hälfte. Das Buch hat mich leider eher verloren. Ich habe das Gefühl, hier wusste die Autorin selbst nicht ganz, wo sie hin möchte.
Also sehr gemischte Gefühle, ich würde empfehlen, einfach selbst hineinzuschnuppern, denn das Grundthema ist wirklich wichtig: Wenn man an einem kranken System leidet, ist man dann krank oder gesund?

Ein großes Dankeschön an lesejury.de und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

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